Rechtsterror

Hanau: „Namen sollen nicht in Vergessenheit geraten“

Rund zwei Wochen ist der rassistische Anschlag von Hanau her. Eine zentrale Gedenkfeier steht kurz bevor. Mahnungen werden laut, dass auch danach die Erinnerung wachgehalten werden muss.

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2020
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AfD Hanau Terrorangriff (c)Facebook, bearbeitet by iQ
Hanau Terrorangriff (c)Facebook, bearbeitet by iQ

An den Anschlagsorten von Hanau liegen noch immer Blumen für die Opfer. Kerzen brennen und ein Schild mahnt: „Tot sind wir erst, wenn man uns vergisst.“ Fast zwei Wochen nach dem rassistischen Attentat, bei dem neun Menschen mit Migrationshintergrund starben, ist das Gedenken in der hessischen Stadt noch sehr präsent. Auch in der City erinnern Plakate mit Schriftzügen wie „Wir sind alle gleich“ und „Hanau steht zusammen“ an die tödlichen Schüsse. An einer Hauswand sind die Namen der Opfer aufgesprüht. Doch einige Angehörige fürchten, dass die Erinnerung an den 19. Februar nach den offiziellen Trauerfeiern viel zu schnell verblassen könnte.

„Die Namen sollen nicht in Vergessenheit geraten“

„Die Namen sollen nicht in Vergessenheit geraten. Das, was in dieser Stadt passiert ist, soll nicht in Vergessenheit geraten“, sagt Newroz Duman vom Hanauer Bündnis „Solidarität statt Spaltung“. Die Liste von rechtsextremen Morden in Deutschland sei lang. „Wir dürfen es nicht zulassen, dass so ein Attentat in Vergessenheit gerät. Das muss uns im Alltag begleiten.“ Seit dem Anschlag steht die 30-Jährige im Kontakt zu Familien und Freunden der Opfer. Vielen hätten derzeit keine Kraft mehr, über ihre Situation zu reden.

Am späten Abend des 19. Februar hatte ein 43-jähriger Deutscher unter anderem an einer Bar und in einem Kioskcafé neun Menschen erschossen. Mehrere wurden verletzt. Der Sportschütze soll auch seine Mutter getötet haben, bevor er sich selbst das Leben nahm. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Täter eine rassistische Gesinnung hatte.

Am 4. März ist in Hanau eine zentrale Gedenkfeier für die Opfer, ihre Angehörigen und für mittrauernde Bürger geplant. Dazu werden unter anderem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) erwartet.

„Hanau befindet sich in Schockstarre“

„Die gesamte Stadtgesellschaft befindet sich nach wie vor in einer Art Schockstarre“, erzählt Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD). Noch viel mehr und schlimmer gelte das natürlich für die Familien der Opfer. Deswegen sei es ein Anliegen, die Angehörigen bei der zentralen Gedenkfeier in den Mittelpunkt zu rücken. Es solle nicht nur Ansprachen von Politikern, sondern auch von Hinterbliebenen und Freunden geben.

Nicht nur Erinnern und Gedenken seien wichtig, sagt Newroz Duman. Handeln sei es auch. „Viele der Angehörigen sagen: Wir brauchen sofort eine lückenlose Aufklärung. Wir wollen nicht, dass irgendetwas unter den Tisch gekehrt wird. Wir wollen alles wissen.“ Es sei wichtig, dass die Menschen keine Angst haben müssten, dass etwas vertuscht werden könnte. „Was viele Angehörige auch wollen, ist, dass gehandelt wird. Sie sagen: Wir wollen nicht, dass noch mehr Menschen Opfer von Rassismus werden.“

Die Angst davor ist bei einigen jetzt größer als vor dem Anschlag: Eine 53-jährige Hanauerin etwa, die in der Nähe des Kiosk-Tatorts wohnt, sorgt sich um ihre Kinder. Seit mehr als 40 Jahren lebt sie in der Stadt, ihre Familie stammt aus der Türkei. Vor dem Attentat hatte die Frau keine Angst, doch jetzt sei sie da. Die 53-Jährige kannte einige der Anschlagsopfer und ist mit einer Begleiterin gekommen, um sich die Blumen und anderen Zeichen des Gedenkens anzuschauen. „So etwas kann man nie vergessen“, sagt sie.

Angehörige und Betroffene nicht alleine lassen

Betroffen von dem Attentat ist auch die Familie des 24-jährigen Can-Luca. Seinem Vater gehört der beschossene Kiosk, wie er berichtet. Wie es nun weitergehen soll, das wisse man noch nicht. „Mein Vater ist im Zwiespalt.“ Wenn das Geschäft wieder öffne und Jugendlichen wieder einen Treffpunkt biete, sei das ein Zeichen dafür, dass man gemeinsam stärker sei. Andererseits seien da die Bilder vom Anschlag, die im Kopf blieben.

Wichtig sei, dass Angehörige und Betroffene nicht allein gelassen würden und ihre Forderungen im Mittelpunkt stünden, sagt Newroz Duman vom Bündnis „Solidarität statt Spaltung“. Deswegen sei die Idee für einen Begegnungsort und ein Dokumentationszentrum geboren worden. Man wolle einen Raum schaffen zum Austausch, für Hilfe und Unterstützung – und auch dadurch die Erinnerung an den Anschlag von Hanau wach halten. (dpa/iQ)

In Gedenken an die Opfer von Hanau:

  • Hamza Kurtović (20)
  • Mercedes Kierpacz (35)
  • Said Nesar Hashemi (22)
  • Ferhat Ünver (22)
  • Vili Viorel Păun (23)
  • Sedat Gürbüz (30)
  • Kalojan Velkov (33)
  • Fatih Saraçoğlu (34)
  • Gökhan Gültekin (37)