Interview mit Dr. Farid Hafez

Der Begriff „Integration“ ist unbrauchbar

Der Islam unter der „schwarz-blauen“ Regierung in Österreich wird mit Integration und der Bedrohung der inneren Sicherheit assoziiert. Dr. Farid Hafez hat mit uns über die neue österreichische Regierung, die Bedeutung von Integration und über die Zukunft der Muslime in Österreich gesprochen.

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2018
Dr. Farid Hafez über Integration, Islam und die österreichische Regierung. © perspektif.eu
Dr. Farid Hafez über Integration, Islam und die österreichische Regierung. © perspektif.eu

IslamiQ: „Integration“ ist ein umstrittener Begriff. Was halten Sie von der andauernden Integrationsdebatte über die Muslime in Europa?

Dr. Farid Hafez: Aus einer rassismuskritischen Perspektive halte ich die Integrationsdebatte für eine Projektionsfläche der dominanten Gesellschaft, mithilfe derer einer marginalisierten Minderheit regelmäßig ihre Unzulänglichkeiten vor Augen geführt werden sollen.

IslamiQ: Würden Sie den Begriff „Integration“ neudefinieren? Wenn ja, wie?

Hafez: Nein. Ich halte ihn schlicht für unbrauchbar.

IslamiQ: Welchen neuen Begriff würden Sie anstelle von „Integration“ vorschlagen?

Hafez: Aufgrund der semantischen Belastung des Begriffs sprechen andere von Inklusion, womit sie eine Teilhabe signalisieren wollen und die assimilatorische Nuance von Integration zu übergehen trachten. Andere sprechen als Alternative von Partizipation, um die Teilhabe an Machtpositionen mit hineinzunehmen. Die Frage von sozio-ökonomischer Beteiligung und Chancengleichheit sollte hier weitaus mehr in den Vordergrund gerückt werden.

IslamiQ: Selbst in Österreich/Frankreich/Deutschland geborene, dort aufgewachsene Muslime werden immer noch im Zusammenhang mit der „Integrationsdebatte“ genannt. Welche Art von „Integrationsleistung“ wird denn von dieser Gruppe genau erwartet?

Hafez: Eine nie einzuholende Integrationsleistung. Bei diesem Begriff stellt sich erstmals die Frage, wer wen integrieren soll und wer dieses ‚wir‘ ist. All diese Konstruktionen erlauben es, die Elastizität der Grenze ständig fließend zu halten und damit die Machtposition der Dominanzgesellschaft unangetastet zu lassen, indem die Integrationsdebatte auf kulturell-symbolischer Ebene gehalten wird, ohne die sozio-ökonomischen Machtkonstellationen in Frage zu stellen.

IslamiQ: Die antimuslimische Straftaten, Kopftuchverbote und Diskriminierungserfahrungen im Schul- und Arbeitswesen nehmen zu, gleichzeitig aber auch die Forderungen nach mehr „Integration“. Ist das nicht widersprüchlich?

Hafez: Wenn wir das Schlagwort ‚Integration‘ als ein Mittel des Machterhalts sehen, nein. Wenn wir Integration als einen Versuch der tatsächlichen Teilhabe sehen, dann ja.

IslamiQ: Häufig wird betont, dass Integration eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei. Inwiefern wird diese Aufgabe in Österreich gemeistert?

Hafez: Das Sozialsystem ist in Österreich gut ausgebildet und hier kann durchaus von einer Integration in die Gesellschaft gesprochen werden. Hingegen ist das Bildungssystem weniger durchlässig. Wenn es im Sinne von positive Diskriminierung darum geht, dass marginalisierte Gruppen der Gesellschaft strukturell gefördert werden, dann sind wir von dort sehr weit entfernt.

IslamiQ: Wie ist „Integration“ in einem Kontext zu verstehen, in dem soziale Phänomene „religionisiert“ werden?

Hafez: Es bringt für die Dominanzgesellschaft mit, dass diese die Religion nicht nur für die Markierung der vermeintlich ‚Anderen‘ verwendet, sondern auch für die Markierung von sich selbst und dem Rest, dem sogenannten ‚Wir‘.

IslamiQ: Im letzten Jahr wurde die Schließung der islamischen Kitas in Österreich zum Thema, mit der Begründung, sie führen zu Integrationsproblemen. Was halten Sie davon?

Hafez: Ein rassistischer Diskurs, der, wie der nunmehrige Bundeskanzler damals deklarierte, auf der Begründung fußt, dass islamische Kitas eine Parallel- und Gegengesellschaft symbolisieren würden. Darin zeigt sich, welches Integrationsverständnis hier vorliegt. Nämlich jenes, das Autonomie und Selbstständigkeit von Minderheiten nicht duldet und diese unter Kontrolle des Staates stellen will, während sie gleichzeitig den gleichen Strukturen auf Seiten der starken Kirchen durchaus positiv bewertet.

IslamiQ: Zum dritten Mal wird eine Koalition von Konservativen und Rechtspopulisten in Österreich regieren, wobei die Konservativen stark nach rechts gerückt sind. Was bedeutet dies für die Zukunft der Muslime in Österreich?

Hafez: Nichts Gutes, glaubt man etwa dem Regierungsprogramm, wo ja kein unbeachtlicher Teil dem sogenannten ‚politischen Islam‘ gewidmet wurde, wobei darunter Maßnahmen alle Muslime betreffend angeführt wurden. Es wäre naiv, davon auszugehen, dass eine rechts-rechte Regierung den Zustand der Muslime verbessern bzw. nicht antasten würde.

IslamiQ: Künftig wird die rechte FPÖ das Innen- und Verteidigungsministerium leiten. D.h., dass eine rechtspopulistische Partei für die gesamte Sicherheitspolitik samt Verfassungsschutz zuständig sein wird. Was heißt das konkret für die Muslime, die in Österreich sowieso aus einer Sicherheitsperspektive betrachtet werden?

Hafez: Muslime wurden in der Vergangenheit in Österreich eigentlich nicht – im Unterschied zu Deutschland – aus der Perspektive der Inneren Sicherheit behandelt. Blickt man auf die Sicherheitsapparate, sieht man, dass im Unterschied zu Deutschland etwa Einrichtungen wie die IGMG, ATIB und andere als Vertraute in den Repräsentationsgremien der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich beheimatet sind und mit dem Staat relativ gute Kontakte gepflegt hatten. Dieses Bild ist mit dem neuen Islamgesetz von 2015 etwas getrübt, aber nicht verändert worden. Es wird sich nun zeigen, was es mit sich bringt, wenn zwei Minister jenen Sicherheitseinrichtungen überstehen, die eigentlich den Rechtsextremismus – zu dem sich im Regierungsprogramm wenig verwunderlich kein einziges Wort findet – beobachten sollen, hier am Werk sind. 

Leserkommentare

Ute Fabel sagt:
Ich stehe mit mehreren syrischen Flüchtlingen aus sunnitischen Familien in Kontakt, die heilfroh sind, dass sie hier nicht mehr denselben religiösen Zwängen ausgesetzt sind wie in ihrem Herkunftsland. Ein derzeit 22-Jähriger war in Damaskus sogar Morddrohungen von einem streng religiösen Cousin ausgesetzt, weil er untertags während des Ramadans in der Öffentlichkeit gegessen und getrunken hat. Er genießt es in Wien sehr, dass er sich hier über das islamische Fastengebot hinwegsetzen kann, ohne irgendjemanden Rechenschaft ablegen zu müssen. Es ist völlig vermessen, wenn sich Religionsvertreter immer als Fürsprecher für alle aufspielen, die halt einfach das Pech gehabt haben, in ein islamisch geprägtes Land ohne konsequente Trennung von Religion und Staat hineingeboren worden zu sein. Diese Religionsvertreter versuchen Politiker zu manipulieren und verfolgen in Wahrheit ausschließlich eigene Lobby-Interessen
14.01.18
19:34
Johannes Disch sagt:
Meine Güte, man wirklich alles übertreiben und Haarspalterei betreiben. Und genau das tut Dr. Hafez in diesem Artikel. Man kann eine Menge an der Politik der neuen österreichischen Regierung kritisieren, grade bei den Themen Integration/Migration/Islam/Muslime. Aber deshalb den Begriff Integration für unbrauchbar zu erklären, ist absurd. Integration meint ganz einfach "Eingliederung in ein Gemeinwesen."
14.01.18
21:26
Frederic Voss sagt:
Bei all den Aspekten, die hier angeführt werden, muß aber unbedingt folgendes grundlegend mit thematisiert werden: Einfach ehrlich über den Zustand der Welt und der Gesellschaft zu sprechen - beispielsweise zu sagen, daß sowohl Bibel als auch Koran bergeweise tödlichen Unsinn enthalten. Wir können uns nicht mehr den Luxus erlauben, aus falsch verstandener Toleranz heraus, nicht Klartext über Glaubens-Unsinn zu reden.
14.01.18
23:52
Ute Fabel sagt:
@ Frederic Voss: Richtig! Voltaires Lebensmotto war schon „Ecrasez l‘ infame“, was „Zerschmettert das Niederträchtige“ bedeutet. Nicht passive Toleranz und unverdienter Respekt, sondern intellektuelle Konfrontationsbereitschaft bringt die Menschheit weiter. Bibel und Koran sind getragen von einem absoluten Wahrheitsanspruch und vollgestopft mit Hasstiraden gegen so genannte Ungläubige. Ich finde, dass gerade die gemäßigt Religiösen eine unerfreuliche Rolle spielen, indem sie alles schönreden.
15.01.18
16:12
Manuel sagt:
Integration heißt, dass man sich in den Land in dem lebt anzupassen hat und nicht, dass sich das Land ihn anzupassen hat, Hr .Dr. Farid Hafez. Wir brauchen in Europa keine Zustände wie in den islamischen Ländern.
15.01.18
19:05
Mohammad Al-Faruqi sagt:
Bevor wieder einmal das selbstverliebte Hohelied auf die vermeintlich konsequente Trennung von Religion und Staat in Österreich - und die vermeintlich kulturelle Überlegenheit des Abendlandes - über die ach so rückständige Kultur der Muslimischen Welt auf den Kommentarseiten gesungen wird, hier ein paar Fakten über Religion im öffentlichen Raum Österreichs (die Frau Fabel ihrem nicht-fastenden, syrischen Freund vielleicht bislang verheimlicht hat.): Fast alle Bundesländer haben in ihren Veranstaltungsgesetzen einen Passus, wonach am Karfreitag keine Veranstaltungen abgehalten werden dürfen, die "den Charakter dieses Tages stören oder die religiösen Gefühle der Bevölkerung stören", wie es etwa im Salzburger Landesgesetz heißt. (Nur in Vorarlberg und in Oberösterreich ist der Karfreitag nicht mehr gesondert erwähnt.) In einigen Regionen galt bis 2008 sogar noch ein Gesetz über die Vorführung von Laufbildern mit einem verpflichtenden Schließtag für Kinos am Karfreitag. Die strengste Karfreitagsregelung hat Kärnten, wo unerwünschte Veranstaltungen bis zum KARSAMSTAG um 14 Uhr verboten sind. Einen traditionellen Schließtag am Karfreitag haben auch die meisten Bühnen des Landes. So bleiben unter anderem die Opernhäuser in Wien und in Graz, das Burgtheater und die Wiener Volksoper geschlossen. Ein Recht auf einen arbeitsfreien Karfreitag haben in Österreich auch evangelische Christen, Altkatholiken und Methodisten. Theater müssen darauf achten, dass Veranstaltungen "der Bedeutung des Karfreitags nicht abträglich sind", wie es das Wiener Gesetz vorschreibt. Seit den 1970er Jahren gibt es aus Anlass des Karfreitags sogar eine Schweigeminute im ORF. Analog dazu gibt es einige Schweigesekunden am Karfreitag in den ORF-Radios. Auch die Werbemöglichkeiten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist teilweise an den christlichen Glauben gekoppelt: An drei hohen katholischen Festtagen dürfen laut Paragraf 14 des ORF-Gesetzes (Stand: 2010) keine entsprechenden Sendezeiten vergeben werden. Das Werbeverbot gilt für Karfreitag, Allerheiligen und den 24. Dezember. Übrigens, in Deutschland, wo der Karfreitag ein gesetzlicher Feiertag ist, und zu den so genannten „stillen Tagen“ gehört, gilt in allen Bundesländern ein generelles Tanzverbot. Wer gegen den ernsten Charakter des Karfreitags verstößt, kann mit einem Bußgeld bis zu 10.000 Euro bestraft werden.
16.01.18
11:15
Dilaver Çelik sagt:
Dass von Integration die Rede ist, aber Assimilation gemeint ist, ist schon hinlänglich bekannt. Von einer Integrationsdebatte kann gar nicht erst die Rede sein. Es ist Ausdruck von Islamophobie. Armes Österreich. Armes Deutschland. Mehr sage ich dazu nicht.
16.01.18
19:38
Robert Bigler sagt:
Herr Al-Faruqi, Österreich ist grundsätzlich ein Land, in dem Staat und Kirche in vielen Bereichen getrennt sind. Gleichzeitig gibt es ein Konkordat, also einen völkerrechtlichen Vertrag, zwischen dem Vatikan und der Republik Österreich. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Konkordat in der Fassung aus dem Jahr 1934 wieder in Kraft gesetzt. Es ist auch nicht verwunderlich, dass in einem Land, in dem bis in die 1970er Jahre 90 % der Bevölkerung der katholischen Glaubensgruppe angehörten, katholische Bräuche den Alltag eher prägen als religiöse Bräuche anderer Gruppen. Sie werden aber, und da geht es wohl um die eigentliche Trennung zwischen Staat und Kirche, keinen Mechanismus finden, der es religiösen Führern in ihrer religiösen Eigenschaft ermöglicht bzw. gestattet, auf den Gesetzwerdungsprozess Einfluss zu nehmen. Jeder Gläubige, Priester, Bischof, Kardinal kann zu Gesetzesentwürfen und gesellschaftlichen Entwicklungen als Bürger Stellung nehmen oder als Mitglied einer politischen Partei, aber ein Mitspracherecht bzw. einen direkten Einfluss auf die Gesetzgebung in seiner Eigenschaft als religiöser Repräsentant hat er nicht. Das meinen die Leute, wenn sie von Trennung zwischen Staat und Kirche sprechen. Nehmen Sie hingegen Beispiele aus vielen muslimischen Ländern her, sieht die Sache anders aus. Es gibt zahlreiche Länder, in denen religiöse Führer die Gesetze mit direktem Verweis auf den Koran bestimmen. So etwas werden Sie in Österreich nicht finden oder kennen Sie einen Bischof oder Kardinal, der mit Verweis auf die Bibel irgendein Gesetz in Österreich verabschiedet hat? Ein rezentes Beispiel ist Ägypten, wo mit Verweis auf den "unislamischen" Charakter Atheismus unter Strafe gestellt werden soll. Ich habe in diesem Forum übrigens noch keinen Beitrag gelesen, in dem von einer vermeintlichen Überlegenheit des Abendlandes die Rede ist. Was Fakt ist, ist hingegen, dass viele Menschen aus muslimischen Ländern in den Westen kommen, weil sie offensichtlich lieber hier lieben. Meistens kommt dann das Argument, dass der "Westen" angeblich zuerst die Heimatländer dieser Menschen zerstört hätte. Letztlich ist es aber wohl so, dass bei uns Glaubenskriege großteils der Vergangenheit angehören, während sie in vielen muslimischen Ländern leider noch immer andauern. Dazu kommen noch regionale und geopolitische Machtkämpfe, die auf dem Rücken der lokalen Bevölkerung ausgetragen werden. Daran beteiligen sich islamische Staaten wie Saudi-Arabien, das gerade den Jemen in die Steinzeit zurückbombt, in einer Allianz mit anderen muslimischen Staaten, genauso wie jene westlichen Staaten, die Saudi-Arabien großzügig mit Waffen beliefern. Die christlichen Feiertage in unserem Land gelten übrigens auch für Muslime, das heißt, auch ein Muslim bekommt das so genannte Weihnachtsgeld und wenn ein Betrieb auf Weihnachtsurlaub geht, gilt das natürlich auch für muslimische Mitarbeiter. Auch wenn es bei uns sicher keine hunderprozentige Trennung zwischen Staat und Kirche gibt, sonst gäbe es keinen Religionsunterricht in staatlichen Schulen, der vom Staat finanziert wird, kann doch niemand allen Ernstes behaupten, dass religiöse Gruppen oder religiöse Führer bei uns auch nur annähernd den politischen Einfluss haben, den sie in muslimischen Ländern ausüben. Diese Zeiten sind bei uns - zum Glück - vorbei. Religionsfreiheit ist ein wichtiges Gut in der Demokratie und sie muss alle Religioinen einschließen, aber Europa hat nicht Jahrhunderte von Glaubenskriegen mit unfassbaren Verwüstungen hinter sich gebracht, um jetzt wieder so zu tun, als ob es kein Problem wäre, wenn religiöse Vorstellungen die Politik eines Landes bestimmen sollten. Religion ist Privatsache und das Grundübel liegt darin, dass viele religiöse Menschen meinen, sie müssten sich zum "Vollstrecker" ihres Gottes ernennen. Wer an Gott glaubt, sollte auch an dessen Fähigkeit glauben, selbst über Menschen zu urteilen und für sich selbst zu handeln. Gott braucht niemanden, der in seinem Namen anderen Menschen etwas aufzwingt, sie quält oder gar tötet. Das ist über viele Jahrhunderte hinweg in Europa im Namen unterschiedlicher christlicher Konfessionen geschehen und auch heute gibt es Leute, die sich als Christen bezeichnen und im Namen "Gottes" Verbrechen begehen. Dasselbe geschieht in muslimischen Ländern, mit dem Unterschied, dass in muslimischen Ländern der Einfluss von Religion auf alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens ein wesentlich größerer und in der Regel ein äußerst restriktiver ist. Die Mehrheit der Menschen, die in Europa leben, wollen das nicht, egal, um welche Religion es geht. Wie viele Menschen kennen Sie übrigens oder von wie vielen Menschen haben Sie gehört oder gelesen, die in Österreich auf Grund eines Verstoßes gegen religiöse Regeln strafrechtlich belangt wurden und wie oft geschieht das Ihrer Meinung in muslimischen Ländern und mit welchen Folgen für die betroffenen Menschen? Mir ist egal, woran Menschen glauben, solange sie ihren Glauben nicht anderen Menschen aufzwingen und auch sonst nicht zu Gewalt gegen Andersdenkende aufrufen. Ob jemand glaubt, dass ich in die Hölle komme, weil ich seine Meinung nicht teile, ist mir völlig egal. Jeder soll glauben, was er will, aber ich bin froh, in einem Land zu leben, in dem religiöse Dogmen nicht den Alltag der Menschen bestimmen und offenbar teilen viele der hier lebenden Menschen meine Meinung. Österreich hat im Übrigen einen der höchsten prozentuellen Anteile von Muslimen in Europa (weit höher als in Deutschland, Frankreich oder GB zum Beispiel) und es gibt im Großen und Ganzen keine Probleme im Zusammenleben der Leute. Ich lebe in einer Kleinststadt und habe viele muslimische Nachbarn. Die Frage der "Integration" stellt sich nicht, solange gegenseitiger Respekt herrscht. Das schließt auch den Respekt vor lokalen Gepflogenheiten ein, genauso wie man das von mir erwarten würde, würde ich mich dazu entschließen, in ein muslimisches Land zu ziehen, um dort zu leben. Der Islam ist seit 1913 eine staatlich anerkannte Religion. Es gibt vom Staat finanzierten muslimischen Unterricht in unseren Schulen. Das finde ich auch in Ordnung, weil auch andere Religionen ihren Religionsunterricht haben. Grundsätzlich wäre es mir lieber, es gäbe keinen Religionsunterricht, sondern einen Ethikunterricht in staatlichen Schulen. Wer religiöse Privatschulen führen will, soll das tun, solange auch dort - egal, von wem - nicht zu Hass gegen Andersdenkende und Anderslebende aufgerufen wird.
19.01.18
14:06
Robert Bigler sagt:
Übrigens wird oft so getan, als ob es eine homogene "muslimische Welt" gäbe. Die existiert nicht, genauso wenig wie es eine homogene Einheit "christlicher Staaten" gibt. Während man in Saudi Arabien sogar bestraft werden kann, wenn man mit einer Bibel einreist und man als Nicht-Muslim Städte wie Mekka und Medina nicht einmal betreten darf (man stelle sich ein Betretungsverbot für Nicht-Christen im Vatikan vor), gibt es in Ländern wie Jordanien, dem Libanon, dem Irak und auch in Ägypten christliche Kirchen und christliche Gemeinschaften, auch wenn diese zum Teil unter Beschuss radikaler Gruppen geraten sind. Und auch in Europa ist die "Gemeinschaft der Muslime" alles andere als homogen. Letztendlich kommt es immer auf jeden Einzelnen an, wie er sich seinen Mitmenschen gegenüber verhält und da gibt es aus allen religiösen und nicht-religiösen Gruppen respektvolle und respektlose, zu Gewalt und Hass aufrufende Menschen.
19.01.18
14:22
Ute Fabel sagt:
@ Mohammed Al-Faruqi: Gegen die Karfreitags-Feiertagsregelung in Österreich, wonach nur Evangelische an diesem gesetzlichen Feiertag zusätzlich frei haben sollen, wurde innerstaatlich schon erfolgreich geklagt. Das Oberlandesgericht Wien hat 2015 erkannt, dass diese Regelung aus den miefigen 50er-Jahren unter anderem Katholiken, Konfessionsfreie und Muslime diskriminiert, die damit im Vergleich zu den Protestanten alljährlich Anspruch auf einen arbeitsfreien Tag weniger haben. Mit dieser Angelegenheit befasst sich gerade der EuGH. Der türkische Abgeordnete und NSU-Prozess-Beobachter Mahmoud Tanal war 2013 beim Anblick des Kruzifix im deutschen Gerichtssaal zu Recht empört und protestierte verständlicherweise lauthals dagegen. Es geht hier nicht um eine Auseinandersetzung zwischen Abendland und Morgenland, sondern um die Weiterentwicklung einer laizistischen Demokratie als bester Garant für das gleichberechtigte Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religion oder nicht religiöser Weltanschauung.
19.01.18
18:15
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