Beschneidungsdebatte

Streit über das Beschneidungsgesetz hält an

In der religiösen Beschneidung von Jungen sehen Gegner „eine Botschaft der Gewalt“. Juden und Muslime verteidigen dagegen die rituelle Praxis, die seit fünf Jahren per Gesetz erlaubt ist.

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2017
Symbolbild: Beschneidung, Zeremonie
Symbolbild: Beschneidung, Zeremonie © by Küçükçekmece auf Flickr (CC BY-SA 2.0), bearbeitet islamiQ

Seit fünf Jahren herrscht für Juden und Muslime Rechtssicherheit: Das am 28. Dezember 2012 in Kraft getretene Beschneidungsgesetz erlaubt ihnen die Jungenbeschneidung aus religiösen Gründen. Doch trotz dieser rechtlichen Klarstellung geht der Streit darüber weiter. Kindermediziner und -schutzorganisationen sehen in der nicht-therapeutischen Vorhautentfernung eine irreversible Schädigung des Körpers und eine Menschenrechtsverletzung.

Ähnlich hatte es das Kölner Landgericht gesehen, das die Debatte über die Beschneidung ausgelöst hatte. In einem Urteil vom 7. Mai 2012 hielt es fest, dass die religiöse Jungenbeschneidung die körperliche Unversehrtheit verletze und damit strafbar sei.

Dieses Votum gegen eine jahrtausendealte Tradition stieß bei Juden und Muslimen auf völliges Unverständnis. Nach einer hitzigen Debatte über religiöse Freiheit kippte der Bundestag wenige Monate später den Richterspruch und beschloss mit breiter Mehrheit ein Gesetz, wonach die rituelle Beschneidung in Deutschland weiter zulässig ist – wenn sie den Regeln der ärztlichen Kunst entspricht. In den ersten sechs Monaten können allerdings wie in Israel eigens ausgebildete Beschneider den Eingriff vornehmen.

Religiöse Vertreter kritisierten Urteil

Bei der Beschneidungspraxis geht es Juden und Muslime nicht nur um Tradition, sondern um ihr Selbstverständnis. Deshalb sahen sie nach dem Kölner Urteil sogar ihre Beheimatung in Deutschland infrage gestellt. Der damalige Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan Kramer, sprach gar von einer antisemitisch geprägten Debatte. Liberale wie orthodoxe Vertreter des Judentums verteidigten mit Vehemenz die Beschneidung, in der sie ein Bundeszeichen zwischen Gott und Menschen sehen.

Auch die beiden großen christlichen Kirchen verurteilten das Urteil als „äußerst befremdlich“, weil es den Grundrechten der Religionsfreiheit und dem Erziehungsrecht der Eltern nicht gerecht werde. Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki erklärte auch mit Blick auf Speisevorschriften oder die Lebensform von Priestern: „Es fehlt die Einsicht, dass Menschen aus religiösen Gründen Dinge tun, die nichtreligiöse Menschen nicht tun würden.“

In der Bundestagsdebatte über das Thema warnte der damalige SPD-Fraktionschef und heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier davor, dass ausgerechnet Deutschland als erstes Land der Welt die Beschneidung nach jüdischer Tradition verbieten könnte. Dem Beschneidungsgesetz stimmten schließlich 434 von 580 Abgeordneten zu. Ein alternativer Entwurf, der Beschneidungen erst ab 14 Jahren mit Einwilligung des Betroffenen vorsah, erhielt nur 91 Stimmen.

Angriff auf Selbstbestimmung

Die Gegner der rituellen Beschneidung finden sich mit der Regelung nicht ab. Der Düsseldorfer Psychotherapeut Matthias Franz sieht einen Angriff auf die sexuelle Selbstbestimmung. „Erwachsene haben an den Genitalien von Kindern nichts zu suchen“, so der Experte der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin (DGPM). Jedes Jahr würden rund 400 Jungen nach einer Beschneidung schwer verletzt in Kliniken aufgenommen. Der Eingriff enthalte „eine Botschaft der Gewalt“ und bewirke bei vielen Jungen bleibende Ängste um ihre Männlichkeit.

Ähnlich äußert sich die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ). Gerade wenn Nicht-Ärzte Beschneidungen vornehmen, erlitten Kinder oft wegen unzureichender Betäubung Schmerzen. Notwendig sei ein „breiter nationaler Dialog“.

„Traumata-Theorie ist unrealistisch“

Diesen Einwänden können Vertreter des Judentums nicht folgen. Die frühere Programmdirektorin des Jüdischen Museums in Berlin, Cilly Kugelmann, initiierte vor drei Jahren eigens eine Ausstellung zum Thema Beschneidung und konfrontierte die Besucher mit Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO: Danach sind weltweit 30 Prozent der Männer beschnitten, 10 Prozent aus religiösen Gründen. Die Theorie, wonach beschnittene Männer traumatisiert seien, sei angesichts dieser hohen Zahl sehr unrealistisch, meint Kugelmann.

Leserkommentare

Kritika sagt:
L.S. « Der Düsseldorfer Psychotherapeut Matthias Franz sieht einen Angriff auf die sexuelle Selbstbestimmung. „Erwachsene haben an den Genitalien von Kindern nichts zu suchen“ » Kritika schiesst sich der Meinung dieses Fachmanns ohne Wenn und Aber an. Bei Körperverstümmelung hört das Verfügungsrecht ErziehungsBerechtigter auf. Wenn jemand im erwachsenen Alter gerne beschnitten sein will, dann kann er das mit sich machen lassen. Wenn ein Beschnittener im erwachsenen Alter nicht beschnitten sein will, gibt es kein Zurück mehr. Gruss, Kritika
22.12.17
20:19
Frederic Voss sagt:
Im Internet kann man Stellungnahmen und Schilderungen der traumatischen Erfahrungen von beschnittenen Männern finden. Uralte, blutige, archaische Messer-Aktivitäten im Genitalbereich haben Steinzeit-Charakter. Es gibt so viele Argumente, die gegen Beschneidungen sprechen. Das Internet ist voll davon. Religiöse Rituale können aktualisiert werden und durch Symbolhandlungen ersetzt werden. Hoffentlich setzen Gerichte dem blutigen Treiben endlich ein Ende. Im Namen von Religionsfreiheit darf nicht alles geschehen. Körperverletzungen gehören verboten. Oder mit 18 Jahren kann jeder ggfs, frei erklären: Ja, ich will diese Tortur im Namen meines Gottes.
22.12.17
20:51
Johannes Disch sagt:
Bedenklich, dass das Urteil des Kölner Landgerichts gekippt wurde. Und erstaunlicherweise ziehen hier Juden und Muslime an einem Strang, wo sich doch Juden in Deutschland inzwischen massiv über Antisemitismus von islamischer Seite beschweren. Leider hat hier der Deutsche Bundestag ähnlich entschieden wie beim schächten. Da geht eine obskure und fragwürdige Tradition im Namen der Religionsfreiheit über den Tierschutz. Und auch bei der Beschneidung wird das Kindeswohl ebenfalls einem obskuren religiösem Brauch geopfert, auch wieder im Namen der Religionsfreiheit. Dieser archaische Brauch ist ein massiver Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht des Kindes und hat nix mit Religionsfreiheit zu tun und kann auch nicht mit dem "Selbstbestimmungsrecht" der Religionsgemeinschaften begründet werden.
23.12.17
17:49
Dilaver Çelik sagt:
Wie eine jüdische Vertreterin einmal treffend formuliert hat: Die heutige Sprache der Religionsfeindlichkeit ist die Sprache der Menschenrechte. Ich glaube nicht, dass fromme Juden und Muslime sich von Atheisten und Agnostikern vorschreiben lassen, was sie tun dürfen und was nicht. Von daher sehe ich die ganze Scheindebatte über Beschneidung easy.
26.12.17
17:35
Ute Fabel sagt:
Die Beschneidung ist in Wahrheit nichts typisch Jüdisches oder Islamisches, sondern sie ist eine Tradition, die von den altägyptischen Religionen übernommen wurde. Die älteste bekannte Darstellung einer durch Priesterdurchgeführten Beschneidung ist ein ägyptisches Relief in der Mastaba des Anchmahor, Wesir des Pharao Teti II., in Sakkara (um 2300 v. Chr.). Im 21. Jahrhundert kann Religionsfreiheit nie eine Rechtfertigung für irreversible Körperverletzung sein. Die Beschneidung als gottgefällig zu betrachten halte ich überdies für völlig absurd. Dasselbe könnte man auch für die Entfernung der Mandeln und des Blinddarm-Wurmfortsatz bei Säuglingen und Kindern behaupten.
27.12.17
14:30
Kritika sagt:
L.S. Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki beklagte: „Es fehlt die Einsicht, dass Menschen aus religiösen Gründen Dinge tun, die nichtreligiöse Menschen nicht tun würden.“ In Klartext: « Es fehlt die Einsicht, dass Menschen aus religiösen Gründen an Kindern KörperVerstümmelung vornehmen, was nichtreligiöse Menschen nicht tun würden.» Der Kardinal sollte sich sehr zurück halten angesichts der zahllosen sexuellen Misshandlungen von Jungen in Deutschland aber auch in den USA Australiën Österreich - - . NB (Nota Bene) solche Jungen, deren Eltern diese als InternatsSchüler oder Chorknabe vertrauensvoll in der Obhut der Katolischen Kirche gegeben hatten. Nach der Aufdeckung reagierte diese Kirche erst einmal mit Leugnen und Vertuschen. Deshalb hat Kardinal Rainer Maria Woelki jedes Recht verspielt, sich nun verständnissvoll zur religiös verbrämten genitalen Verstümmelung von Jungen - durch Juden und Muslims - zu äussern. Gruss, Kritika
29.12.17
23:07
Kritika sagt:
L.S.Dilaver Çelik schreibt: «Die heutige Sprache der Religionsfeindlichkeit ist die Sprache der Menschenrechte.» --------- Welche Menschenrechte, Hr. Dialiver, die Universellen Menschenrechte der UNO oder die billigen Islamische Menschenrechte LIGHT von Kairo? Kritika
31.12.17
1:58
Manuel sagt:
@Dilaver Çelik; Eine tolle Erklärung für eine Verstümmelung!!!
04.01.18
12:56