Interview

„Liberaler Islam“ – Eine Worthülse ohne Inhalt

Liberale und konservative Muslime stehen sich kritisch gegenüber. Kann man eine Diskussionsbasis finden und weshalb und wie entstand der Liberalismus im Islam? Auf diese Fragen geht der Islamwissenschaftler und Philosoph Muhammad Sameer Murtaza im IslamiQ-Interview ein.

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2017
Der Islam- und Politikwissenschaftler Muhammad Sameer Murtaza im IslamiQ-Interview. © privat

IslamiQ: Wie bewerten Sie die Debatte um den sog. „liberalen Islam“? Gibt es überhaupt einen „konservativen“ oder „liberalen“ Islam?

Dr. Muhammad Sameer Murtaza: Vor fünf Jahren hat der Verein „Liberal-Islamischer Bund e. V.“ zum einen versucht, diese ursprünglich politischen Kampfbegriffe der muslimische Community Deutschlands überzustülpen und zum anderen, den in der nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft positiv konnotierten Begriff „liberal“ für sich zu vereinnahmen. Fünf Jahre später wissen wir eigentlich immer noch nicht, was „liberaler Kalam“, was „liberaler Fikh“, was „liberaler Tasawwuf“ oder was „liberale Falsafa“ ist. Auch stellt sich die Frage: War der Prophet Muhammad ein „liberaler“ oder ein „konservativer“ Muslim? Waren die Prophetengefährten allesamt „liberale“ oder „konservative“ Muslime oder ein Mischmasch aus beidem? Was ist also überhaupt mit dem Wort „liberal“ gemeint?

Muhammad Sameer Murtaza, 1981 in Oberwesel geboren, ist ein pakistanisch-deutscher Islam- und Politikwissenschaftler, islamischer Philosoph und Buchautor.

Ebenso wenig hat in dieser Zeit irgendein Teil der muslimischen Community den Begriff „konservativ“ angenommen und erklärt, was ein „konservativer Islam“ ist. Folglich sind beide Begriffe Worthülsen ohne Inhalt. Daher muss zum gegenwärtigen Zeitpunkt gesagt werden, dass es keinen „konservativen“ und auch keinen „liberalen Islam“ gibt.

IslamiQ: Wie sind die liberalen Ansätze innerhalb der muslimischen Community entstanden? Was war die historische Grundlage dafür?

Murtaza: Historisch knüpfen sogenannte „liberale“ Muslime an ein Bündel abendländischer Entwicklungen an: 

1. Der platonische Dualismus: In den Kreisen „liberaler“ Muslime gibt es eine starke Tendenz zur Relativierung der Werkseite des Islams. „Liberale“ Muslime weisen oftmals den ganzheitlichen Anspruch Gottes an den Menschen zurück und sprechen sich für eine Zweiteilung des Islams aus. Ein Islam des Glaubens und ein Islam der Werke, wobei erst genannter eine höhere Stufe des Islams sei. Wir haben es hier mit einem philosophischen Dualismus zu tun, wie er der platonischen Philosophie zu Eigen ist.

2. Paulinismus: Dieser Dualismus wurde durch den Apostel Paulus christianisiert. Der ursprünglich hellenisierte Jude Paulus litt nämlich unter einem inneren Konflikt. Im Judentum soll der Gläubige durch das Handeln, also durch die Ausübung des jüdischen Religionsgesetzes, der Halacha, Gott erkennen. Doch bei Paulus stellte sich dieses Erkennen nicht ein. Seine Werke erfüllten ihn nicht spirituell, sodass er sich wiederholt die Frage gestellt haben muss, was mit ihm als Gläubiger nicht stimmt. Diesen Konflikt trug er auch nach seiner Bekehrung zu Christus in das Christentum hinein. In Christus erblickte Paulus seinen Befreier und Erlöser von der Halacha und schuf damit theologisch einen Dualismus zwischen Glauben und Handeln. Jesus Lehre vom Handeln wird nun bei ihm umgewandelt in eine reine Theologie. Im Grunde hatte der Apostel seine eigene Schwäche, die Halacha zu befolgen, ganz zu schweigen von der anspruchsvollen Lebensweise Jesu, hierdurch kaschiert.

Diese „liberale“ Muslime erkennen zwar rational die Wahrheit des Islams an, aber sie sind nicht bereit, sich mit ihrem ganzen Menschsein, ihrer Personenmitte, auf den Glauben einzulassen.

Ähnliches lese ich aus den Diskussionen mancher – nicht aller – sogenannter „liberaler“ Muslime in den sozialen Netzwerken heraus. Auch sie quält die Frage: Was haben die Gebote und Verbote des Islams mit der Gott-Mensch-Beziehung auf sich? Diese „liberale“ Muslime erkennen zwar rational die Wahrheit des Islams an, aber sie sind nicht bereit, sich mit ihrem ganzen Menschsein, ihrer Personenmitte, auf den Glauben einzulassen. Es ist der Dienst an Gott, mit dem sie hadern. Es kommt ihnen quer, wenn Gott konkret und fordernd wird. Wenn Er verlangt, dass man heute sein Leben verändern soll. Deshalb wird der Islam auf einen Glauben ohne Werk reduziert.

Es ist die Vorstellung, “Abd“ (Diener) Gottes zu sein, an der sie sich stoßen. Sie wollen stattdessen freie und emanzipierte Menschen sein. Ihre Selbstbestätigung, mündige Menschen zu sein, die auch vor Gott nicht halt macht, finden sie darin, nicht nach Geboten und Verboten leben zu müssen. Dies erklärt auch, weshalb der Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi so sehr darauf drängt, den zweiten Satz des Glaubensbekenntnisses zu streichen, weil er den Muslim mit der ganz konkreten Lebensweise des Gesandten Gottes Muhammad verbindet.

3. Protestantismus: Der Reformator Martin Luther knüpfte an die Gedanken Paulus an und betonte, dass im Protestantismus der Glaube über den Werken stehe. Allein durch den Glauben (sola fide) erlange der Christ das ewige Leben. Eine ähnliche Abwertung der Werkseite des Islams findet sich auch oft bei den „liberalen“ Muslimen mit der gleichen Folge wie für den Protestantismus: eine Zweiteilung der Religion durch die Atomisierung von Glaube und Werk, durch die Auflösung des “und“, das sie im Islam verbindet. Hierdurch wird der Islam aber zur Theorie, ganz im buchstäblichen Sinne von “theoria“, also „“Schauen“, da die praktische Handlungsseite des Islams wegfällt. Kein Wunder, dass ein Herr Ourghi sich so aggressiv als neuer Martin Luther des Islam inszeniert.

IslamiQ: Gibt es Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den „Liberalen“ aus verschiedenen Religionen, z. B. zwischen „liberalen“ Muslimen und „liberalen“ Juden?

Murtaza: Der Unterschied ist, dass es sich beim liberalen Judentum um eine religiöse Auslegung handelt, die von Rabbinern betrieben wird, während die „liberalen“ Muslime in der Regel Laien sind, gleichwohl sich manche in Deutschland den eigentlich geschützten Titel „Theologe“ oder den ungeschützten Titel „Imam“ angeeignet haben, weil man sich dadurch besser selbstvermarkten kann.

Leserkommentare

Charley sagt:
Muhammad Sameer arbeitet mit Worthülsen: "mit ihrem ganzen Menschsein, ihrer Personenmitte"... was soll das denn sein bei einer Religion, die die Individualität nicht kennt. "Der sogenannte „liberale Islam“, wie er vom „Muslimischen Forum Deutschland“ und den „säkularen Muslimen“ propagiert wird, gleicht einem Assimilations-, keinem Integrationsvorhaben." Eine reine Behauptung, begrifflich völlig leer (s.o. "Worthülsen" des Herrn Sameer). Die Betonung der allgemeinen Menschenrechte ist tatsächlich wichtig. Dass ihre Religion dazu nicht passt, merken die Moslems nur nicht, weil sie es nicht scharf anschauen... und die Hirten der Herde, Sameers "Gelehrte", hüten sich, das Problem auf den Tisch zu bringen! Denn dann würden die Moslems Mitteleuropas sich entscheiden..... für die Menschenrechte. Auch die islamischen Gemeinschaften haben immer wieder ihre Verfassungstreue bekundet oder sich für das Grundgesetz stark gemacht. Leider lassen sie dann immer die Positionierung zu folgenden Punkten aus. (Dank an Johannes Disch, der aaO. das deutlich macht): denn es geht um folgende Punkte, in denen der Islam im Gegensatz zur modernen, aufgeklärten, z.B. deutschen Verfassungs- und Menschenrechtsgesellschaft steht: -- Individuelle (nicht kollektive) Menschenrechte. -- Trennung von Religion und Politik. -- Das Subjektivitätsprinzip, der Mensch als selbstbestimmtes Individuum, und nicht als Teil eines (religiösen) Kollektivs. -- Bejahung der säkularen Demokratie -- Gleichheit der Geschlechter. Schon religiös kennt der Islam kein allgemeines Menschsein jenseits seiner sexuellen Identität. Bis in das Nachtodliche hinein bleibt Mann Mann und Frau Frau. Abgesehen von der spirituellen Niveaulosigkeit des Islam (Mohammeds) in diesem Punkt (vergl. andere Religionen), gibt es darum kein allgemeines Menschsein. Es gibt bis in alle Ewigkeiten zwei Arten von Menschen, Männer und Frauen. "Reformation war also Streit-, Konflikt- und Gewaltzeit." Die Kausalität die Hr.Muhammad Sameer hier aufbaut ist hahnebüchen! Der Protestantismus war in seinen schlechten Seiten durchaus ein z.T. fanatisches Kind seiner Zeit, im Ganzen aber ein wunderbarer Fortschritt im Hinblick auf Individualilsierung, Selbstverantwortlichkeit und Gewissenfreiheit. Und genau das ist etwas, was der UMMA, die genau das nicht kennt, zu wünschen wäre. Herr Muhammad Sameer erzählt dann: "Islam bedeutet aktive Ergebung in Gott/aktive Hingabe an Gott, um Frieden zu finden und Frieden zu machen. Ein Muslim ist einer, der sich Gott hingibt, um Frieden zu finden und Frieden zu machen." Klingt doch nett, nur sind die "Ausführungsbestimmungen" des Islam leider sehr unfriedlich: Tötung von vom Glauben Abgefallener, Körperstrafen, Züchtigungsrecht gegenüber Frauen usw.usf. Herr Muhammad Sameer fantasiert: "Es kann doch nicht um einen modernen oder einen zeitgenössischen Islam gehen. Religion passt sich keinen Moden und keinen Trends an. Mit dem Islam kann nicht entlang des Zeitgeistes experimentiert werden." Leider fehlt dem Herrn Muhammad Sameer das moderne (!) Geschichtsbewusstsein, nämlich dass die Menschheitsentwicklung (die der Islam gleichfalls nicht kennt) eben den Menschen selbst immer wieder anders sein lässt. DAs hat überhaupt nichts mit "Moden" oder "Trends" zu tun. Der tatsächlich aus seinem inneren Wesen heraus anders seiende Mensch braucht darum ein anderes Verhältnis zum "Göttlichen" (was das auch immer dann sein mag). Seine Lösung des realen Problems zwischen einer hinterwäldlerischen Religion aus dem 7.Jahrhundert und der gelebten Mitteleuropäischen Gegenwart beschreibt er blumig: "Aber Gelehrte müssen die Lebensrealität der Muslime von heute zur Kenntnis nehmen und einen Mittelweg zwischen zwei extremen Positionen finden: dem säkular neutralen muslimischen Leben, das den Islam auf den Glauben reduziert und privatisiert, und die soziale Handlungsseite der Religion gänzlich ignoriert und der religiösen Ghettoisierung, die bemüht ist, sich nicht mit der Gegenwart auseinanderzusetzen, sondern die in einer künstlichen religiösen Vergangenheit verbleiben will. Die Gelehrten sollten eine positive Kraft in der Umma sein, die das Muslimsein mit der heutigen Lebensrealität versöhnen." Nun, zum einen besteht er völlig reaktionär auf einer normativen Ethik, die eben leider der Grundpfeiler des Islam ist, die der Freiheit des modernen Menschen diametral entgegen steht, zum anderen spricht er die moralische Orientierung nicht dem einzelnen, sondern "päpstlich" führenden "Gelehrten" zu. Da hat er doch glatt den Protestantismus nicht begriffen! Für die soziale Ordnung reklamiert er nun aber den Kern des Christentums "Das sind das Gebot der Gottesliebe und das Gebot der Nächstenliebe." (vergleiche Matthäus 22,37-40) Allerdings fehlt das Gebot der Selbstliebe, in der beides zusammenfällt. Weil der Islam die Individualität nicht kennt und nicht achtet, wird der Moslem in seiner Religion zum Allah-Automaten. Erkenne in deinem Nächsten dasselbe Göttliche, dass du in dir erkannt hast und erkenne, dass beides gleichen Ursprungs ist. Ohne Individualität keine Selbsterkenntnis, keine Selbstverantwortlichkeit, keine individuelle Liebe! Ohne diese kein moderner Mensch. Der Islam blockiert sich hier selbst aus seinem eigenen Wesen heraus. Schließlich summiert er: "Daher glaube ich, dass die islamische Ethik in der Zukunft eine weitaus größere Rolle in der Umma einnehmen wird als die Rechtswissenschaft." und bestätigt damit tatsächlich diejenige Position der liberalen Muslime, gegen die er eingangs gewettert hat. Seine Lösung: konservativen Muslimen nicht "die Schuld für alle Missstände in der Umma zuschreibt". Ja, klar, Allahmarionetten sind nicht individuell verantwortlich. Sie vollziehen doch nur Muhammeds Handlungsanweisungen, wenn sie ihre Frau züchtigen! "....indem man in muslimischen Medien das Gespräch und die Diskussion mit der eigenen Community sucht." [Ironiemodus on] Und deshalb ist Herr Muhammad Sameer auch dafür bekannt, jeden Muslim als Verräter am Islam zu brandmarken, der liberale Muslime zwingt, sich unter Polizeischutz (der mal nicht grade grundlos gegeben wird) zu stellen, damit diese nicht angegriffen werden von fanatischen Moslems, die von Hrn. Sameers Gelehrten aufgehetzt wurden. [Ironiemodus aus!] Und wenn Hrn. Sameer manche Liberale Muslime nicht passen, dann setze er sich doch bitte mal mit Bassam Tibi auseinander. Der hat nämlich etwas mehr nachgedacht als Hr. Sameer.
26.11.17
19:10
Charley sagt:
Da Islamiq Kenntnis von den Leserkommentaren hat, die aaO. geschrieben wurden, hätte Islamiq Hrn. Sameer konfrontieren sollen z.B. mit diesem: (Johannes Disch am 01.11.17 um 17:18): Kommen wir nun zu den eingangs erwähnten Prinzipien, die in einer pluralistischen Gesellschaft nicht mehr tragbar sind. Dazu ist es nötig, auch einige Fachbegriffe einzuführen. -- "Hidjra" ("Migration") in Verbindung mit "Dawa" ("Missionierung zum Islam"). Migration wird auch als ein Mittel verstanden, den Islam zu verbreiten. Das ist abzulehnen. Religion ist in einem säkularen/laizistischen Gemeinwesen Privatsache. -- "Islamisierung." Das ist keineswegs nur ein Schlagwort rechtsextremer Völkisch-Nationaler. Es ist eine islamische Doktrin, die Welt mittels "Hidjra" ("Migration") und "Dawa" ("Missionierung") zu islamisieren. Auch das ist abzulehnen. In einer pluralistischen Gesellschaft ist der Islam nur eine (Welt)Religion unter vielen. -- Der Absolutheits- und Überlegenheitsanspruch des Islam... ... die einzig wahre Religion zu sein. In einer pluralistischen Gesellschaft sind alle Religionen gleichberechtigt und gleichwertig. Der Überlegenheitsanspruch des Islam ist also aufzugeben. -- Glaubensfreiheit: Auch da sieht es düster aus. "Riddah" (= "Abfall vom Glauben") gilt im Islam noch immer als eine Todsünde, und die Strafe dafür ist drakonisch. In einer offenen liberalen Gesellschaft ist es aber selbstverständlich, seinen Glauben abzulegen und einen neuen anzunehmen oder erst gar keinen zu haben, also Atheist zu sein. Also auch die Doktrin, jemanden zum "Murtard" ("Abtrünnigen") oder "Takfir" ("Ungläubigen") zu erklären, ist aufzugeben, wollen Muslime wirklich in Europa ankommen. Und sie haben sich zu verstehen als individuelle Mitglieder eines republikanischen Gemeinwesens, das sich durch Werte bestimmt, und nicht durch Ethnizität oder Religion. Man nur Individuen integrieren, und keine Kollektive. Es gibt also durchaus Reformbedarf im Islam, auch im theologischen Bereich. Es gibt koranisch-islamische Prinzipien, die Muslime nicht "reformieren" müssen, sondern die sie aufgeben müssen. Zu "reformieren" ist da nämlich nix. Es kann keine halbe Säkularität geben. Zwischen einem religiösen Absolutheitsanspruch und einem Säkularismus, der alle Religionen als gleichwertig betrachtet, gibt es keinen Mittelweg. Da braucht es weder "Dialog", noch "Reform." Der Säkularismus/Laizismus der westlichen Gesellschaft ist nicht verhandelbar.
26.11.17
19:18
A.F.B. sagt:
Muhammad Sameer Murtaza hat die Dinge sehr gut erkannt. Auch ich habe die Erfahrung gemacht, daß viele dieser „liberalen“ Muslime sehr illiberal sind, wenn man sie kritisiert, die Beleidigten spielen und dann die Beziehungen oder den Diskurs abbrechen. So kann kein innerislamischer Dialog funktionieren. Die beiden letztgenannten Punkte a) und b) mögen die „liberalen“ in den Augen vieler konservativer Muslime als Verräter erscheinen lassen, deren Scheitern, ja Untergang man sich wünscht. In die Reihe dieser „liberalen“ Muslime gehört auch Prof. Mouhannad Khorchide mit seiner abwegigen Vorstellung, mit Gott „auf Augenhöhe“ sprechen zu wollen. Gott fordert von uns Muslimen, uns in jedem der täglichen fünf rituellen Gebete mehrmals vor Ihm niederzuwerfen und uns in dieser Stellung bewußt zu machen, was wir dabei tun und vor wem wir uns niederwerfen. Irgend jemand meinte, in der Reformation sei beim Protestantismus etwas zu viel wegreformiert worden. Auch ich habe als ehemaliger Protestant den Eindruck, daß dem Protestantismus einige Dinge fehlen, die die anderen Konfessionen noch besitzen und die zu dem gehören, was die Angehörigen der jeweiligen Konfession empfinden läßt, daß sie einer wirklichen Religion angehören. Nachdem die christliche Religion in Europa sehr viel an Energie verloren hat, zeigt sich das bei den protestantischen Kirchen durch das gegenüber anderen höhere Verhältnis von Kirchenaustritten deutlich. Eine Religion, die man nur still und heimlich im Herzen trägt, die sich jedoch im täglichen Leben und im Umgang mit anderen nicht äußert, was ist das? Sollte der „liberale“ Islam über längere Zeit bestehen bleiben, dann ist zu erwarten, daß es ihm so ähnlich ergehen wird, wie dem Protestantismus im heutigen Deutschland. Um der Radikalisierung jugendlicher Muslime entgegenzuwirken, sind der „liberale“ Islam und dessen Unterstützung durch den Staat überhaupt nicht geeignet, da er so auf ihre Mehrheit eher abstoßend wirkt und sie dann mangels Förderung des konservativen Islams den Werbern für einen radikalen Islam direkt in die Arme laufen.
27.11.17
2:41
grege sagt:
Besonders für problematisch halte ich die Aussage von Murtaza zu Beginn dieses Interview in dem Zitat: "Diese „liberale“ Muslime erkennen zwar rational die Wahrheit des Islams an, aber sie sind nicht bereit, sich mit ihrem ganzen Menschsein, ihrer Personenmitte, auf den Glauben einzulassen." Der zentrale Part eines jeden Glaubens sollte nicht in der blindwütigen Einhaltung von Geboten, Verboten sowie der pedantischen Befolgung irgendwelcher Rituale, sondern im Dienst an meinem Mitmenschen liegen. Genau hierdurch zeige ich doch erst meine Nähe zu Gott. Diese Rituale sollen als Mittel zum Zweck dienen und nicht umgekehrt. Gott hat es nicht nötig zu verlangen, dass man ihn mit devotem Verhalten huldigt. Ansonsten würde man Gott Narzismus und Eitelkeit unterstellen. Genau hier werden die falschen Prioritäten eines konservativen Muslims vom Schlage eines Murtaza offenbar. Für ihn stellen eine emanzipatorische sowie eine gottgefällige Lebensweise ein Widerspruch dar, den ich keineswegs nachvollziehen kann. Das starre Festhalten an irgendwelchen, angeblich von Gott festgelegten Verboten führt doch unter anderem in vielen muslimisch geprägten Ländern zu Lebensverhältnissen, die alles andere als gottgefällig sind.
27.11.17
21:03
Dilaver Çelik sagt:
Politische Begriffe wie "liberal" und "konservativ" sind auf Religion nicht anwendbar. Einfaches Beispiel: Man kann nicht "liberal" oder "konservativ" beten, sondern nur korrekt. Und wie korrektes Beten aussieht, wird in zahlreichen İlmihal-Büchern erklärt. Würden die sogenannten "liberalen" Muslime eingestehen, dass sie lediglich ihrer Hawa und Nafs erlegen sind, wären sie wenigstens ehrlich. Sind sie aber nicht, weil sie ihre eigene Faulheit und Nachlässigkeit in der Religionspraxis versuchen zu entschuldigen, indem sie sich hinter der leeren Worthülse "liberal" verstecken. Das ist jedoch keine Entschuldigung, sondern nur eine weitere Ausrede unter vielen. Und der Nafs liebt Ausreden geradezu. Der Islam lehrt uns Tarbiya al-Nafs sowie Ridha al-Ilahi. Die sogenannten "liberalen" Muslime hingegen machen Zugeständnisse an den Nafs. Und damit erfreuen sie lediglich den Teufel. Und wer den Teufel erfreut, kann damit kein Ridha al-Ilahi erreichen. Deshalb möchte ich den sogenannten "liberalen" Muslimen nahelegen, mit ihren haltlosen Ausreden aufzuhören und ehrlich zu sein, dass sie einfach ihrer Nafs und Hawa erlegen sind. Es gibt nämlich keinen Grund, zur Erreichung ein paar weltlicher Ziele und Vorteile den Islam zu deformieren (sic). Es lohnt sich, allen Schwierigkeiten der heutigen Zeit zum Trotz den Islam authentisch zu praktizieren. Und mal ehrlich: So schwierig ist das nun auch wieder nicht. Wenn man Menschen, die dagegen lamentieren, bewusst ausblendet bzw. ignoriert, ist es sogar ziemlich einfach. Man muss nur aufpassen, dass man nicht seinem eigenen Nafs erliegt, welcher der innere Feind eines jeden Menschen ist.
28.11.17
0:12
Ute Fabel sagt:
Liberales Christentum und liberaler Islam sind sympathisch, aber intellektuell unehrlich. Der Wortlaut von Bibel und Koran sind auf der Seite der Konservativen. Der Teufel, an den auch Dilaver Celik glaubt, kommt wie die Hölle in Bibel und Koran vor. Es ist zwar sehr nett, dass aufgeklärte Christen und Moslems nur an Liebe, Erlösung und Barmherzigkeit glauben. Damit picken sie aber nur einen Teil der Botschaft ihrer Religion heraus und lassen einen anderen Teil unter den Tisch fallen. @Dilaver Celik: Ich nehme einmal an, dass sie deshalb an Mohammed den Islam glauben, weil sie zufällig in eine islamische Familie geboren wurden. Wären Sie im amerikanischen Bundesstaat Utah in einer mormonischen Familie aufgewachsen wären, würden Sie wahrscheinlich an den Propheten Joseph Smith und das Buch des Mormon glauben
28.11.17
15:54
Kritikus sagt:
L.S. Der Verfasser schreibt: « Diese „liberale“ Muslime erkennen zwar rational die Wahrheit des Islams an, aber sie sind nicht bereit, sich mit ihrem ganzen Menschsein, ihrer Personenmitte, auf den Glauben einzulassen.» Genau damit macht der liberale Islam ein sympatischer Schritt in der richtigen Richtung. Wenn nun wir noch der unwahre Begriff "Wahrheit" durch "nicht wörtlichen zu nehmende Koraninhalt" ersetzen, entspricht es in etwa die Protestant-Christliche HerangehensWeise. Was der wahre Islam anrichtet, demonstriert auf tragischer Weise das heute in chaotischer Gotteswahn versunkene Vaterland des verfassenden Filosofen. In Pakistan wütet nur noch die nakte religiöse IslamGewalt. Jeder Schritt hin zu diese Sekte ist gleichzeitig ein gefährlicher Schritt hin zum Abgrund. Viele in Deutschland sehen diese Gefahr und warnen vor den Einfluss des Islam. Der ausführliche, hervorragend begründete Kommentar von Charley ist sehr treffend formuliert, Glückwunsch wegen soviel sachgerechte Hinweise. Übrigens, Herr Muhammad Sameer Murtaza, "Der ursprünglich hellenisierte Jude Paulus" hiess da noch Saulus. Kritika meint: Wo es Demokratie gibt, da ist der Islam unbedeutend, Wo der Islam herrscht, da gibt es keine Demokratie mehr. Gruss, Kritika
29.11.17
11:00
Johannes Disch sagt:
@Charley Danke für ihre Statements. Prima auf den Punkt gebracht.
29.11.17
12:53
Johannes Disch sagt:
@Dilaver Celiks (Ihr Post vom 28.11.17, 0:12) -- "Politische Begriffe wie "liberal" und "konservativ" sind auf Religion nicht anwendbar." (Dilaver Celiks) Warum das falsch ist, das habe ich in vielen Postings zu inhaltlich ähnlichen Artikeln ausgeführt, weshalb ich es hier nicht zu wiederholen gedenke. Zudem hat "Charley" in seinen Posts hier einige meiner Positionen referiert. Danke. Religion hat in einem modernen aufgeklärten säkularen/laizistischen Gemeinwesen nur noch eine marginale Stellung. Und das ist auch gut so. An erster Stelle stehen die weltlichen Belange und die weltlichen von Menschen gemachten Gesetze. Zwar gibt es das Grundrecht auf Religionsfreiheit. Aber der Staat gibt den Rahmen UND DIE GRENZEN VOR, innerhalb dessen dieses Grundrecht gelebt werden darf. Und man jede Religion a) "orthodox-schriftgläubig" oder b) "modern" auslegen. Und für a) kann man die Vokabel "konservativ" verwenden und für b) die Vokabel "liberal." Religion ist im modernen Verfassungsstaat Privatsache und hat im öffentlichen Raum und in der Politik wenig bzw. so wenig wie möglich verloren! Leider hat unsere ansonsten gelungene Verfassung einige wenige Geburtsfehler. Einer davon ist die "halbe Säkularisierung." Religion hat noch viel zu Einfluss auf den öffentlichen Raum und die Politik (siehe die Sonderrechte der christlichen Kirchen. "Kirchliches Sonderarbeitsrecht", etc.). Wir können deshalb in Deutschland leider nicht so konsequent agieren wie Frankreich. Ich gebe Ihnen ein praktisches Beispiel anhand ihres heiligen Buches, des Koran, der deutlich macht, dass es sehr wohl nicht nur Sinn macht, die Begriffe "liberal" und "konservativ" auf (ihre) Religion anzuwenden, sondern dass dies eine unabdingbare Notwendigkeit ist. Es geht um die berühmt-berüchtigte Sure 4,34, die es Männern (angeblich) gestatte, (widerspenstige) Frauen zu schlagen. Der Kern der Problematik bei dieser Sure ist das Verb "dharb", das man unterschiedlich übersetzen kann. Eine mögliche Bedeutung ist "schlagen." Andere übersetzen es mit "aus dem Zimmer weisen." Ein konservativer/reaktionärer Muslim könnte behaupten, "schlagen" ist die einzig richtige "authentische" Übersetzung für einen (angeblich) "authentischen Islam", den man nicht "liberalisieren" darf/ nicht "liberalisieren" kann. Hier wäre entgegenzuhalten, dass eine Übersetzung mit "schlagen" bzw. die Handlung aus einer solchen Übersetzung im liberalen Rechtsstaat nicht geduldet werden kann, auch nicht im Namen der Religionsfreiheit. Dem steht nämlich gegenüber das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit der Person (Art. 2, Satz 2 GG). Es kommt zu einer sogenannten "Rechtsgüterabwägung." Und da hat Art. 2 GG Vorrang vor der Religionsfreiheit. Das hat nicht nur theoretische Bedeutung, sondern auch ganz praktische. Es kam in Deutschland nämlich schon vor, dass muslimische Männer das Schlagen ihrer Frau vor Gericht mit dieser Sure begründeten und dabei auf die Religionsfreiheit verwiesen. In der Regel hatten sie damit keinen Erfolg. Vor einigen Jahren jedoch schlug der Fall einer Frankfurter Richterin hohe Wellen. Die ließ zwar das religiöse Argument des Mannes beim Schlagen seiner (deutschen) Frau nicht gelten, erklärte der Frau aber, man müsse bei Männern aus dem islamischen Kulturkreis eben damit rechnen, dass man sich gelegentlich mal eine fängt. Sie wies die Klage der Frau gegen ihren Mann ab. Glücklicherweise wurde diese Richterin umgehend ihres Postens enthoben. Im Grunde genommen ist diese ganze Diskussion über einen liberalen oder konservativen Islam nur innerislamisch von Interesse. Das Grundrecht auf Religionsfreiheit gilt für den Islam in Deutschland nur für die sogenannten "5 Säulen" des Islam. (Auch das habe ich schon wiederholt ausgeführt, weshalb ich es hier nicht wiederhole). Über alles andere-- Kopftuch, gewisse Riten, etc.-- entscheidet der deutsche Rechtsstaat, ob Religionsfreiheit im konkreten Fall vorliegt oder nicht. Der deutsche Rechtsstaat entscheidet und legt den Rahmen und die Grenzen der Religionsfreiheit (für den Islam und jede andere Religion) fest-- und kein islamischer Rabulistiker. Auch wenn er es sehr geschickt anstellt, was man Herrn Sameer Murtaza neidlos konstatieren muss.
29.11.17
13:27
Mads sagt:
Ja, der böse liberale Islam, den es eigentlich gar nicht geben kann, Da stimme ich dem Autor zu, liberal und Islam sind zwei Dinge, die sich ausschließen. Denn Freiheitsrechte kennt die Ideologie des Islam nicht. Sie schreibt den Menschen bis ins kleinste Detail ihr Leben vor. Der Islam ist nichts anderes als eine menschenfeindliche Ideologie, die zu viel Macht errungen hat.
30.11.17
14:45
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