Deutsches Islam-Gesetz?

Geforderte Deutsch-Pflicht in Moscheen stößt auf Unverständnis

Die Idee ist nicht neu, die CSU hat sie wiederholt: Islamische Geistliche sollen per Gesetz auf Deutsch predigen. Dabei ist der Trend zur Landessprache längst im Gang.

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2016
Symbolbild: Moschee - Die Zentrum-Moschee in Hamburg/Rendsburg © IGMG

In deutschen Moscheen soll per Gesetz Deutsch gepredigt werden – mit dieser Forderung kam CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer bei der Türkischen Gemeinde in Deutschland nicht gut an. Ein „Eingriff in die freie Religionsausübung“ wäre das, meinte der Vorsitzende der Gemeinde, Gökay Sofuoğlu, in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Im Übrigen werde in katholischen Kirchen „ja auch noch Latein gesprochen“. Was Scheuer und Sofuoğlu verbindet: eine schräge Sicht auf den jeweiligen Sachverhalt.

Gepredigt wird in katholischen Gottesdiensten seit jeher in der Landessprache. Schließlich sollen die Gläubigen verstehen, was der Geistliche ihnen nahebringen will. Latein kommt in der Regel inzwischen bestenfalls bei festen Texten der Messe wie „Sanctus“ oder „Agnus Dei“ zum Tragen, die aus Sicht des Verfassungsschutzes unbedenklich sind.

Was die Methoden der gottesdienstlichen Verkündigung angeht, stehen Pfarrer und Imame praktisch Seite an Seite: So wird in vielen Moscheen längst Deutsch gepredigt, Tendenz steigend. Oft verstünden junge Muslime aus Migrationsfamilien ohnehin nicht mehr die arabische oder türkische Muttersprache ihrer Großeltern oder Eltern, sagt Hansjörg Schmid, Direktor des Zentrums für Islam und Gesellschaft im schweizerischen Fribourg.

Wohl bleibt es fester Brauch, den Koran auf Arabisch zu rezitieren – er gilt in dieser Form als direkte Offenbarung Gottes. Gerade deshalb soll die Predigt auch in einer Sprache sein, die bei den Gläubigen ankommt.

Das Problem liegt beim Personal. Die Türkei versuchte dem seelsorgerischen Bedarf in Deutschland nachzukommen, indem die Religionsbehörde Diyanet im Fünf-Jahres-Turnus Imame entsandte – aus Schmids Sicht ist das keine Lösung auf Dauer. Ähnliche Versuche und Probleme gab es mit Seelsorgern aus Bosnien oder dem arabischen Raum.

Ein Ausbau der Berufsgruppe deutscher Imame steht vor zwei Hindernissen. Zum einen der Bildungsweg: Mittlerweile bieten zahlreiche Hochschulen islamische Theologie an, einige auch als Master-Studiengang, etwa Münster, Osnabrück, Frankfurt oder Tübingen. Allerdings führt ein Abschluss darin ebenso wenig zu einer Berufsqualifikation wie ein Studium der Katholischen Theologie ins Priesteramt.

Eine zweite Hürde: Der Beruf des Imams ist finanziell schlichtweg nicht attraktiv. Die Türkei ermöglicht eine internationale Ausbildung, etwa in Istanbul, und fördert sie mit Stipendien. Anschließend müssen die jungen Seelsorger aber zusehen, wie sie in der Heimat auf ihre Kosten kommen. Für Geistliche in Deutschland heißt das, dass sie von der Finanzkraft ihrer jeweiligen Gemeinde abhängen – „eine delikatere Situation als in einer evangelischen Landeskirche“, sagt Schmid.

Im Ganzen herrscht – so der Leiter des Islam-Zentrums, der selbst katholischer Theologe ist – ein „hohes Problembewusstsein in den islamischen Gemeinden“. Man will das Profil der Imame verbessern, es werden Sprachkurse für zugereiste Imame angeboten. Verbindliche Ausbildungsstandards ließen sich vermutlich aber nur im Rahmen von Staatsverträgen festlegen, ähnlich wie bei den großen christlichen Kirchen.

Auf den bestehenden verfassungsrechtlichen Rahmen verwies in seiner Reaktion auf Scheuers Forderung nach einem „Islam-Gesetz“ auch der Vorsitzende des Islamrats für die Bundesrepublik Deutschland, Burhan Kesici: „Wir haben in Deutschland ein bewährtes Religionsverfassungsrecht, das das Verhältnis von Staat und Religion regelt“, erklärte er.

Der Islam brauche „keine Kultivierung vonseiten der Politik“. Dies wäre unvereinbar mit dem Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften, betonte Kesici. Inwieweit der Staat in die Gottesdienstgestaltung eingreifen darf, fragt auch Schmid – und verweist auf christliche Zuwanderer-Gemeinden in Deutschland, in denen seit Jahrzehnten Polnisch, Italienisch oder Portugiesisch gebetet und gepredigt wird.

„Wie Muslime sich einen Imam wünschen und wie er von außen gewünscht wird – da gibt es eine große Schnittmenge“, meint Schmid. Er fragt daher, inwieweit Gesetze und Verbote sinnvoll seien. „Man sollte auf Kooperation setzen und nicht auf Polarisierung.“ Vor einem warnt Schmid jedoch: dass sich „Arabisch als neue Angstsprache“ etabliert. (KNA, iQ)

Leserkommentare

Manuel sagt:
Also, wenn man sich die Aussagen von einigen aus dem Nahen Osten, zumindest die die bekannt wurden, importierten Imame anhört, dann wäre es dringend nötig, das hier die Imame ausgebildet werden und auch auf Deutsch predigen. Die europäischen Moslems müssen sich endlich von dem erzkonservativen, dogmatisch engstrinigen und aliberalen Islam des Nahen Ostens emanzipieren, sonst wird es sehr, sehr schwierig werden in der Zukunft. Europa wird sicher nicht wieder auf ein voraufgeklärtes System umschwenken, wie es in den islamischen Ländern praktiziert wird. Diese Vorderung kann ein erster Schritt in die richtige Richtung sein, das dies den vor allem aus der AKP-islamistischen Türkei finanzierten Islam-Verbänden nicht passt, ist klar!
16.04.16
14:50
Das Bedenklichste sagt:
Wenn es darauf hinausläuft wes' Geld ich krieg, des' Lied ich sing' und der deutsche Staat sich aus Neutralitätsgründen an der Finanzierung der Imame nicht beteiligt, wird man die Entscheidung in welcher Sprache gepredigt wird, den türkischen Verbänden wohl oder übel überlassen müssen. Ausserdem gibt es seit altersher innerislamische Vorschriften, also solche der Shari'a in welcher Sprache zum Beispiel die Freitagsansprache zu halten ist und hier gibt es durchaus traditionelle Auslegungen der vier Rechtsschulen, die besagen, dass sie in arabischer Sprache zu halten sei. Alles andere ist grobes Unrecht und politischer Unfug ähnlich den unsäglichen Kopftucherlassen, die in den kommenden Jahren sicher wieder kassiert werden. Das zu wissen bedarf es keiner prophetischen Gabe, gesunder Menschenverstand genügt.
16.04.16
20:21
Andreas sagt:
@Manuel: Sie glauben also, es stünde Ihnen zu, den Muslimen den Weg zu weisen. Notfalls unter Zwang?
16.04.16
23:49
Manuel sagt:
@Andreas: Ich will jedenfalls in Europa keine Zustände, wie im Nahen Osten, Sie offenbar schon.
17.04.16
17:44
Andreas sagt:
@Manuel: An den Zuständen im Nahen Osten sind wir Europäer keineswegs unbeteiligt. Ganz im Gegenteil, wir tragen ein hohes Maß an Verantwortung für das dortige Chaos. Was also wollen Sie mir mit Ihrer Bemerkung sagen?
18.04.16
14:07
Manuel sagt:
@Andreas: Das selbe würde für Lateinamerika gelten, auch dort hat, hier vor allem die USA, der Westen grausame Verbrechen begangen, wieso gibt es denn da keinen Terrorismus bzw. Extremismus gegenüber die USA. Oder nehmen wir Tibet her, auch die hätten Grund genug gegenüber China, extremistisch zu werden, doch von tibetischen Selbstmordattentäter habe ich noch nie was gehört. Also ganz unschuldig an der Ganze Sache sind die Moslems im Nahen Osten auch nicht. Wenn man nur Intoleranz, Bigotterie, Engstirnigkeit, Aliberalität, Scharia und Dogmatismus praktiziert, wird es keine Entwicklung geben. Und genau diese Zustände will ich in Europa nicht.
19.04.16
12:40
Horst Schulte sagt:
Ich dachte, wir hätten die Diskussion schon seit einiger Zeit hinter uns gelassen und die Ausbildung deutschsprachiger Imame sei längst im Gange. So kann man sich irren. Das ab und an noch die lateinische Sprache verwendet wird (nur bei wenigen Gelegenheit übrigens) können Sie doch nicht ernsthaft mit dem vergleichen, was zum Teil in Moscheen abgeht. Oder sind die Berichte über radikale Islamisten, die als Imame in einigen Moscheen gelogen? Sollte ein Muslim in eine evangelische oder katholische Kirche gehen, kann er dem Gottesdienst und der Predigt, sofern er deutsch kann, folgen. Die Diskussionen über die Frage der Radikalisierung insbesondere von Jugendlichen könnte man beeinflussen, in dem man denen die Argumente nimmt (also auch Scheuer, CSU), die in diese Richtung gehen. Vielleicht würden Moscheen nicht mehr vom Verfassungsschutz überwacht, wenn dort deutsch gesprochen würde. Oder sprechen die Leute solcher Behörden arabisch oder türkisch?
22.04.16
18:52
SoWas sagt:
... zurück zum Thema: Die Politik kann und soll sich sogar einmischen. Ihre Aufgabe ist es geradezu Probleme zu erkennen und Lösungsansätze zur Diskussion zu stellen. Hierfür wurden sie (u.a.) gewählt. Wenn ich als Verantwortlicher nun erkenne, dass ein Teil der Radikalisierung über Moscheen stattfindet (was hier als unstrittig angenommen werden kann), dann stellt sich nun mal die Frage, wie ich dies angehen kann. Eine Variante ist die Finanzierung, jedoch nicht Thema des Artikels. Eine zweite Variante ist nun mal die Ausbildung und Sprache. Bezgl. der Ausbildung scheint sich zwischenzeitlich auf allen Ebenen ein Umdenken durchzusetzen, denn wenn schon von vielen islamischen Organisationen und/oder Vertretern auf die Notwendigkeit der Differenzierung hingewiesen wird, dann ist es umgekehrt Pflicht der von uns gewählten Vertretern (Politik) dies auch anzugehen und sicherzustellen, dass nur die gemäßigte Variante des Islam gelehrt wird (Stichwort: Hassprediger). Bleibt als letzter Punkt die Sprache: Es wirkt lächerlich, wenn die islamischen Vertretungen nun darauf pochen, dass nicht auf Deutsch gepredigt wird. Wenn zB die Türkei fast 1000 Imame nach Deutschland schickt, dann hat dies doch einen Grund? Die machen das doch nicht aus Freundschaft zu Deutschland und den hier lebenden Türken. Wir leben in Deutschland, unsere Sprache ist Deutsch und dies gilt auch für die Predigen... woher wollen eigentlich die Prediger wissen, dass jeder Teilnehmer die passende Sprache beherrscht? Diese Argumentation erinnert fatal an die christlichen Kirchen, welche im Mittelalter auf Latein predigten.
24.04.16
10:55
Manuel sagt:
@Horst Schulte: Solange wir durch DITIB weiterhin den AKP-Islamismus importieren, wird es nichts werden mit deutschsprachigen Imame. Da müssten wir schon den Weg Österreichs gehen und diese Einflußnahme durch ein eigenen Islamgesetz unterbinden.
26.04.16
10:29
Josef Gelb sagt:
@SoWas, was heißt hier unstrittig? Also sind sehr viele Moscheen unter Generalverdacht zur Radikalisierung beizutragen? Ihre Aussage entbehrt jeglicher wissenschaftlicher Grundlage/Studienlage. Die Radikalisierung findet eben nicht in der Moschee sondern außerhalb der Moschee statt. Wo Selbsternannte (internet)Prediger "ihr" Islamverständnis zum besten geben und jugendliche darauf reinfallen. Es gibt Berichte über manche Imame, aber die saßen dann auch kurze Zeit später im Flieger, auch ohne dem zutun deutscher Politiker oder Justiz. Die hiesigen Moscheen die ich kenne bieten inzwischen Deutsch-Türkisch Predigten an, es stimmt aber dass es für manche eventuell zu spät kommt. Aber es wurde angesprochen, die Gemeinden tragen die Kosten meist alleine, vor diesem Hintergrund ist es unfair als unbeteiligte irgendetwas "zu fordern"... Jeder der irgendwas fordert soll auch Förderprogramme auf die Beine stellen und Finanzierungen ermöglichen. Oder meldet sich hier jemand Ehrenamtlich was zu tun? LG
26.04.16
10:44
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