Kommentar

Das Leben als muslimische Frau in Frankreich

Wie gehen muslimische Schülerinnen mit dem Kopftuchverbot in Frankreich um und wie fühlen sie sich, wenn Politikerinnen ihre Entscheidung als Versklavung definieren. Ayşenur Kiper antwortet.

10
04
2016
Symbolbild: muslimische Frauen, Kopftuch, Kopftuchverbot
Symbolbild: muslimische Frauen, Kopftuch, Kopftuchverbot © shutterstock

Wie ist es als Frau mit Hidschâb in Frankreich zu leben?

Ich kann nicht behaupten, dass es einfach ist. Das Kopftuch als wichtigste Voraussetzung für den Hidschâb wird nicht akzeptiert. Unsere Prüfung beginnt schon zu unserer Schulzeit: eine junge Schwester, die den Hidschâb tragen möchte, muss dieses Recht leider außerhalb der Schule in Anspruch nehmen. Wie bekannt ist, hat der Staat 2004 religiöse Symbole in Schulen verboten. Während einige Freundinnen weiterhin zur Schule gingen und ihre Identität gleichsam in ihren Taschen zu verstauen versuchten und so den Kampf fortsetzten, versuchten andere (eingeschlossen meiner Person) die Schule von außerhalb zu beenden, aber der Großteil unserer älteren Schwestern war gezwungen ihre Schulausbildung abzubrechen.

Wenn Sie gestatten, möchte ich aus meinem Leben ein Beispiel wiedergeben. Da ich mein Kopftuch nicht ablegen wollte und dies meine Psyche zum Negativen beeinflusste, musste ich die Schule von außerhalb abschließen. Ich hatte weder regelmäßigen Unterricht wie andere, noch das soziale Umfeld, das Schülerinnen brauchen, noch Lehrkräfte, denen ich tagtäglich die mir einfallenden Fragen stellen konnte. Nach diesen Jahren habe ich mit dem Willen Allahs die Hochschulzugangsprüfung bestanden und begann Psychologie zu studieren. An Universitäten ist, Allah sei Dank, das Kopftuch erlaubt. In der Annahme, dass ich nun in Ruhe gelassen werde, schloss ich mein Bachelorstudium ab und begann mit meinem Masterstudium.

Und plötzlich begegneten mir Schwierigkeiten in Bezug auf das Praktikum. Das Praktikum sollte es mir ermöglichen, meine erlernten theoretischen Kenntnisse in die Praxis umzusetzen und so Erfahrung zu gewinnen. Aber dies stellte sich für mich als eine weitere Hürde heraus, die ich überwinden musste. Denn die Zahl der Krankenhäuser und privaten Institute, die mich mit dem Kopftuch annehmen würden, war verschwindend gering. So wie ich bei Vorstellungsgesprächen freundlich abgelehnt wurde, so kam es auch vor, dass ich aufgrund meiner Kleidung gedemütigt wurde. Für eine lange Zeit werde ich den Mann nicht vergessen können, der mir sagte, dass mein Kopftuch gegen den Laizismus verstößt und dass ich auf meiner Arbeitsstelle niemandem meinen Glauben aufzwängen darf und mich deshalb noch nicht einmal anhörte. So wie es Personen gab, die mehr Glück hatten als ich, so gab es auch Schwestern, die schlechteren Umständen ausgesetzt waren als ich.

Wenn wir das Kopftuch tragen, zeigen wir sehr offen unsere Identität und fallen auf, doch auch wenn man kein Kopftuch trägt, wird man von einer Gruppe von Menschen in eine Schublade gesteckt, nur weil man einen muslimischen Namen hat.

Selbstverständlich ist es falsch zu verallgemeinern. Wir lassen uns auch nicht in eine Opferrolle fallen und wir bemitleiden uns nicht selbst, nur weil jeder islamophob oder uns feindselig gesinnt ist. So wie es Menschen gibt, die uns helfen, erleben wir leider nur, wie Menschen auf unsere Leben einwirken, die solche Haltungen haben…

Es kommt sehr oft vor, dass ich mich frage, ob wir es selbst in der Hand haben, diese Denkmuster zu ändern. Wir versuchen den Menschen in unserer Umgebung ein gutes Beispiel zu sein, zu zeigen, wie schön der Islam ist und dass er uns lehrt, respektvoll, liebevoll und anständig zu sein. Ich bin mir bewusst, dass Menschen das fürchten, was sie nicht kennen, und dass jeder Vorurteile haben kann. Wenn ich mir vergegenwärtige, dass insbesondere die muslimische Gesellschaft unentwegt in den Medien gelyncht wird, scheint es manchmal sehr schwer zu sein, diese Vorurteile abzubauen. Viele unserer französischen Mitmenschen, insbesondere jene, die in kleinen Ortschaften leben, wissen nicht, was sie von uns halten sollen, bevor sie uns kennenlernen. Selbstverständlich liegt es in unserer Macht, solche Vorurteile abzuschaffen.

Medien haben eine große Macht und in Zeitungen, im Radio und Fernsehen wird unentwegt über Muslimen berichtet. Unterschwellig wird in die Köpfe der Menschen Furcht eingepflanzt. Während ein bei Terroranschlägen von Normalbürgern diese als psychisch krank bezeichnet werden, wird bei einem Muslim stets seine religiöse Identität in den Vordergrund gestellt. Dies geschieht auch bei der Verheiratung von Minderjährigen, bei Vergewaltigungen und ähnlichem. Frauen mit Kopftuch wird beinahe gar nicht das Wort erteilt und die muslimische Frau muss von feministischen Frauen „verteidigt“ werden. Uns als bemitleidenswerte Frauen zu zeigen, die von ihren Ehemännern und Brüdern gezwungen werden, den Hidschâb zu tragen, kommt ihnen gelegen. Denn auf diese Weise können sie ihr schlechtes Gewissen darüber, dass sie uns gering schätzen, erleichtern.

Ich habe viele muslimische, andersgläubige und sogar atheistische Freunde, die diesen aufgezwungenen Meinungen widersprechen. Je näher sie mich kennenlernen, desto größer ist ihr Interesse an meinem Glauben und desto mehr möchten sie ihn kennenlernen. Junge Menschen sind aufgeschlossener, doch die Vorurteile der Älteren abzubauen gestaltet sich als ziemlich schwierig.

Ungeachtet wie sehr mein tägliches Leben als Studentin ruhig zu sein scheint, macht es mich traurig, wenn ich das Land, in dem ich geboren und aufgewachsen bin mit anderen Ländern vergleiche. Als ich auf einer Reise nach London in staatlichen Einrichtungen arbeitende Schwestern mit Kopftuch sah, war ich ergriffen. Warum sollten sie denn aber nicht dort arbeiten? Ist es nicht ihr gutes Recht? Ich war so daran gewöhnt diskriminiert zu werden, dass ich glaubte, dass ihre Rechte ein Luxus seien…

Wie beurteilen Sie diese Äußerungen französischen Familienministerin?

Zunächst ist es eine Niveaulosigkeit solch eine Erklärung abzugeben, während wir so beschwerliche Tage erleben. Während wir Terroranschläge, Demonstrationen gegen die neuen Gesetze und solch eine hohe Arbeitslosenquote haben, warum der Islam? Weil es das einfachste Thema ist. Einige Tage nach diesen Äußerungen nutzte der Französische Ministerpräsident Manuel Valls die Worte „der Hidschâb ist Versklavung.“ Die Radio- und Fernsehsender luden dem Islam feindlich gesinnte Personen ein und schienen beinahe einen Wettbewerb darüber zu beginnen, wessen Äußerungen nach unangebrachter sind. Islamophobes Verhalten und solche Äußerungen steigen und werden auch weiterhin steigen. Zur gleichen Zeit verhinderten sie aber, dass Tariq Ramadan in Frankreich eine Konferenz hält. Dies ist ein Land der Freiheiten! Jeder hat das Recht seine Meinung kund zu tun…

Es wird eine Doppelmoral an den Tag gelegt. Die Personen in der Staatsführung dürfen sagen, was sie wollen und sind trotzdem im Recht. Ebenso sehr wie ich Türkin bin, bin ich auch französische Staatsangehörige und dies stimmt mich traurig. Zu sehen, dass man von solchen Personen vertreten wird ist wahrlich entsetzlich.

Gegen diese Äußerungen haben eine Reihe muslimsicher Denker Erklärungen abgegeben. Eine dieser Äußerungen gefiel mir sehr. Sie ist vom Präsidenten des CCIF, Marwan Muhammad: „Man sollte Manuel Valls sagen, dass die Arbeitslosigkeit islamisch ist, vielleicht würde es ihn motivieren, die Arbeitslosigkeit abzuschaffen.“ (Il faudrait dire à Manuel Valls que le chômage est islamique. Ça le motiverait enfin à s’en débarrasser.)

Wie beurteilen Sie die Problematik bezüglich des Hidschâb in Frankreich?

Es scheint mir eine stetig größer werdende Wunde zu sein. Je mehr wir versuchen die Wunde zu verbinden, desto mehr wird versucht sie zum Bluten zu bringen. Marin Le Pen, die Vorsitzende der rechtsextremen Partei, auf die in den letzten Wahlen 28% der Stimmen ausfiel, erklärte unter anderem, dass das Kopftuch an Universitäten verboten werden sollte. Den Rest können Sie sich selbst denken.

Leserkommentare

Andreas sagt:
@Manuel: Ein Kopftuchverbot ist nur auf den ersten Blick eine Gleichbehandlung. Die Frage ist nämlich, ob ich ein Kopftuch als religiöses Symbol sehe oder als das, was es ist, ein Kleidungsstück.
19.04.16
11:12
Manuel sagt:
@Andreas: In Frankreich sind alle religiösen Symbole verboten und nicht nur das Kopftuch, das scheinen Sie noch nicht ganz verstanden zu haben. Wenn das Kopftuch ein bloßes Kleidungsstück wäre, dann wäre es ja egal, wenn eine Moslema keines trägt, aber das ist es im Islam eben nicht. Sie widersprechen sich ja selbst.
20.04.16
11:29
Rainer sagt:
Guten Tag, ich habe starke Zweifel, und finde, dass die öffentliche Diskussion total am Thema vorbei läuft. In den Medien und in der Gesellschaft. Bitte überlegen Sie , worum es wirklich geht. Bitte lassen Sie uns endlich diese unseelige Diskussion über Kopftuch und Religion beenden und lassen Sie uns über das reden ,worum es geht. Manchmal glaube ich, das Anhänger des Islam nicht wirklich verstehen, warum ein im freien Geist groß gewordener Mensch in Europa das Kopftuch bei Frauen und Mädchen (9 Jahre) als ein Zeichen und eine Erinnerung an Bevormundung der Frauen in den türkischen,islamischen Familien wahrnimmt und dass freie Menschen die Zwangsverheiratung junger Mädchen mit alten Herren unmöglich findet . Manchmal denke ich, dass Gläubige des Islam Deutschland als neutralen Boden empfinden , wo man den Ungläubigen die einzig wahre Art zu leben und glücklich zu werden aufzwingen kann. Dazu kommt, dass das in der ganzen Welt so sein soll, in Form des Islamischen Staates. Dieser Allmachtsanspruch des Islam versetzt freie Menschen in Angst und Schrecken und macht aus Kindern verwirrte Nachfolger einer Denkart, die Religionsbegriffe ständig zu Gesellschaft und Politk umformt und missbraucht. Auch der Muezzinruf erinnert viele freie Menschen an schimpfende Papas und Männer, dem man nicht ausweichen kann. Es sei denn, man verklebt die Ohren. Eine Männerstimme vom Gebetsturm auszurufen,über alle hinweg, ist psychologisch verbale Macht. Nichts ist schlimmer,als wenn lautes Rufen den Menschen Grenzen aufzwingt. Die menschliche Stimme geht tief. Dieser Ruf "Allahu akbar" erinnert freie Menschen an das Geschreie der islamistischen Terroristen , kurz bevor sie ihre Gräueltaten verüben. Bitte liebe Leser , beherzigen Sie das Gesagte und halten Sie es bitte für möglich. Ich jedenfalls weiss von vielen Deutschen , dass sie tolerant sein wollen, aber bitte ohne die vielen Schreckenbilder aus dem Islam von Kopftuch für Neunjährige, die "sanft" vom Vater überredet werden, über das Schächten in der Tierwelt,bis hin zu den unglaublichen Gewalttaten der IS Terroristen. Bis hierher ist nicht Schlimmes gegen den Islam gesagt, aber die Ängste der deutschen Bürger haben jetzt einen Namen. Bitte denken Sie darüber nach.
20.04.16
21:28
Andreas sagt:
@Manuel: Ich widerspreche mir keineswegs selbst. Gerade da es ein Kleidungsstück ist, ist es unverzichtbar. Ebenso wie eine Frau im Normalfall nicht barbusig rumlaufen würde, möchten manche Muslimas nicht mit offenen Haaren herumlaufen.
21.04.16
16:02
Magnus sagt:
Oh je, so viele Vorurteile bei den ganzen Kommentatoren hier. Was für eine Angst vor einem Stück Stoff. Wie schnell angeblich freie Menschen da Assoziationen wie "Unterdrückung" oder gar "Islamischer Staat" haben. Wären diese Menschen wirklich so freie Geister, wie sie glauben, hätten sie Verbote nicht nötig, sondern würden Andere ebenso frei sein, wie sie es für sich beanspruchen.
21.04.16
16:16
Manuel sagt:
@Andreas: Ergo ist es ein islamisches Symbol und kein bloßes Kleidungsstück.
21.04.16
20:46
Manuel sagt:
@Magnus: Warum soll jetzt Frankreich plötzlich seine Gesetze ändern, nur weil EINER Religion der Laizismus nicht passt? Wurden die Moslems etwa gezwungen nach Frankreich auszuwandern, es gibt übrigens auch sehr reiche islamische Staaten am Persischen Golf.
21.04.16
20:49
Andreas sagt:
@Manuel: Wenn Sie jegliche Damenoberbekleidung für irgendein religiöses Symbol halten, gebe ich Ihnen Recht. Immerhin gilt es in christlich geprägten Ländern als unschicklich, wenn eine Frau mit freiem Busen herumläuft. Ist also der BH ein christliches Symbol?
26.04.16
14:35
Manuel sagt:
@Andreas: Wenn das Kopftuch kein religiöses Symbol wäre, wie Sie hier ständig behaupten, dann wäre es ja für Moslemas kein Problem ist nicht zu tragen. Nein, die Moslemas definieren ja sogar ihren Glauben über das Kopftuch.
27.04.16
12:11
Enail sagt:
"Für Christen ergeben sich für gewöhnlich keine Bekleidungsvorschriften bzw. haben sich weitgehend erübrigt." Eigentlich müssten Muslime ganz neidisch werden, wenn man als Gläubiger über sein Leben mit all seinen Facetten selbst bestimmen darf und trotzdem gläubig sein kann. Für mich wäre es ausgeschlossen, dass ein Stückchen Stoff meinen Lebensweg bestimmt. Wir leben hier nun mal in Europa, und hier lebt es sich anscheinend besser als in den ganzen islamischen Ländern. Will man seinen Glauben leben, auch mit Kopftuch, das noch nicht mal im Koran vorgeschrieben ist, dann muss man sich halt ein Land suchen, das Frauen mit Kopftuch die gleichen Möglichkeiten bietet, wie Europa Frauen ohne Kopftuch. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es nur ein islamisches Land gibt, in dem Frauen den Männern in allen Bereichen gleichgestellt sind. Warum ist es so schwer, wo doch immer gesagt wird, dass der Islam tolerant ist, sich hier an europäische Gesetze und Gepflogenheiten zu halten. Und wie ich hier schon öfter schrieb, meine ich doch, dass man den Glauben im Herzen tragen sollte, und nicht zur Schau stellen muss. Und seltsamer Weise machen das zum großen Teil ja nur Frauen. Und seltsamer Weise sind Vorschriften in einer Religion immer von einem Mann zum Nachteil der Frauen gemacht worden. Und seltsamer Weise werden dann diese auch noch immer von Frauen verteidigt. Und seltsamer Weise wird dann nach Rassismus und Diskriminierung gerufen, wenn die Mehrheitsgesellschaft sich nicht für Kleidervorschriften eines Mannes erwärmen kann.
03.05.16
20:47
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