Lebensmittel

„halal“ und „tayyib“

Lebensmittel, die von Muslimen verzehrt werden, müssen „halal“ (erlaubt) sein. Doch ist alles Erlaubte auch „tayyib“ (schön, sauber)? Kemal Özer ist der Meinung, dass das muslimische Verständnis von erlaubten und sauberen Lebensmitteln überdacht werden müsse.

30
09
2013

Muslimische Denker betrachten die Natur als ein heiliges Buch, bestehend aus vielen Zeichen, oder auch als das „Buch des Universums“. Die Erde und das Universum sind makellos erschaffen und Lebensraum für Menschen, Engel, Dschinnen, Teufel, Tiere, Pflanzen und Organismen. Neben den vielen nicht wahrnehmbaren Wesen leben im Universum Menschen, Tieren, Pflanzen und Mineralien. Allah erschuf alles nach einer Ordnung, dessen Gleichgewicht nicht zerstört werden darf.

Seinen Statthaltern auf Erden, den Menschen, hat Allah die Aufgabe erteilt, die „Amâna“ (das ihnen Anvertraute) zu respektieren und zu schützen. Bei der Nutzung der ihm zur Verfügung stehenden Quellen muss der Mensch in diesem Bewusstsein handeln und Verschwendung vermeiden. Denn der Koran missbilligt es, die Natur bloß als ein Objekt zu sehen, das zu seinem Vorteil ausgenutzt werden kann. Darüber hinaus vermittelt er eine allumfassende und ausgleichende Beziehung zur Umwelt. Dem Koran zufolge ist die Natur „Muslim“. In diesem Sinne ist alles in der Natur „muslimisch“. Im Koran heißt es: „Verlangen sie etwa eine andere als Allahs Religion? Ihm ergibt sich, was in den Himmeln und auf Erden ist, freiwillig oder widerwillig, und zu ihm müssen sie alle zurück.“ ((Sure Âli Imrân, 3:83)) „Siehst du denn nicht, dass Allah lobpreist, wer in den Himmeln und auf Erden ist, so auch die Vögel, ihre Schwingen breitend. Jedes (Geschöpf) kennt sein Gebet und seine Lobpreisung. Und Allah weiß, was sie tun.“ ((Sure Nûr, 24:41))

Muslimischen Gelehrten zufolge ernährt die Natur nicht nur den Körper, sondern auch den Geist. Muhammad (s) empfahl, selbst kurz vor dem Jüngsten Gericht einen Baum zu pflanzen, selbst im Krieg weder Fauna noch Flora zu beschädigen, barmherzig gegenüber allen Lebewesen zu sein, die Wasserquellen nicht zu verunreinigen und das natürliche Gleichgewicht nicht zu zerstören. Wer dies missachtet, dem drohen Strafen im Diesseits und Jenseits. Wer barmherzig ist, dem werden gute Taten gutgeschrieben.

Bezüglich Lebensmittel verwendet der Koran eine andere Sprache als die, die wir heute gewohnt sind. Im Koran wird in 23 Versen ((Sure Bakara, 2:57, 172, 267; Sure Nisâ 4:160; Sure Mâida, 5:4-5, 87; Sure Arâf, 7:32, 157, 160; Sure Anfâl, 8:26; Sure Yunûs, 10:93; Sure Nahl, 16:72; Sure Isrâ, 17:70, Sure Tâhâ, 20:81; Sure Mu’minûn, 23:51; Sure Nûr, 24:26; Sure Gâfir, 40:64; Sure Dschâsiya, 45:16; Sure Ahkâf, 45:20)) darauf hingewiesen, dass  Lebensmittel „tayyib“ (sauber) und in fünf weiteren Versen, dass sie „halal und tayyib“ ((Sure Bakara, 2:168; Sure Mâida, 5:88; Sure Anfâl, 8:69; Sure Nahl, 16:114,116)) sein sollen. Dieses Gebot galt auch für die früheren Religionsgemeinschaften, wie es am Beispiel des Judentums deutlich wird – und es gilt auch heute noch. Halal (erlaubtes) und sauberes Konsumverhalten zu zeigen wird von den Propheten ((Sure Mu’minûn, 23:51)), den Muslimen ((Sure Bakara, 2:172)), aber auch von Nichtmuslimen ((Sure Bakara, 2:168)) verlangt. Denn Allah legt Wert auf die Gesundheit all seiner Geschöpfe.

Auffällig ist, dass in den Geboten des Korans dem Menschen nicht nur nahe gelegt wird, darauf zu achten, ob seine Lebensmittel „halal“ oder „haram“ sind, sondern insbesondere auf deren Sauberkeit (tayyib) zu achten. Dies wird im folgenden Koranvers deutlich: „O ihr Menschen! Esst von dem, was auf Erden erlaubt und gut ist, und folgt nicht den Fußstapfen Satans; Siehe, er ist euch ein offenkundiger Feind.“ ((Sure Tâhâ, 20:81)) Warum verlangt Allah von allen Menschen, dass sie bei Lebensmitteln auf Sauberkeit achten? Was steckt hinter dieser Wortwahl? Wenn sie keine besondere Bedeutung haben würde, hätte Allah statt „tayyib“ das  viel verbreitetere Wort „tâhir“ benutzt, um es verständlich zu machen. Doch im Koran taucht das Wort „tahir“ an keiner Stelle in Verbindung mit Lebensmitteln auf. Kann man also das Wort „tayyib“ einfach mit den Wörtern „halal, gut riechend und wohlschmeckend“ übersetzen, wie es manche Kommentatoren häufig tun? Falls darunter „halal“ zu verstehen ist, warum werden „halal“ und „tayyib“ zusammen genutzt? Die Verwendung zweier Synonyme im selben Koranvers wäre sprachlich ein Makel. Da der Koran jedoch makellos ist, muss es eine Weisheit hinter dieser Wortwahl geben. Und vom Koran, der bis zum Ende aller Tage seine Gültigkeit bewahren wird, kann man das durchaus erwarten.

Der Koran lädt uns zum Nachdenken ein. Ist in diesen Versen von Diebstahl, Raubüberfall oder von materiellem Schmutz die Rede? Sind etwa damit die chemischen Abfälle, die die Menschen von der kapitalistisch-säkularen oder gar imperialistischen Pharmaindustrie abhängig machen? Oder sind die biologisch-genetischen Veränderungen, die die ursprünglichen Vorzüge der Lebensmittel verringern und sie schädlich machen, gemeint? Möglich ist außerdem, dass mit dem Wort Schmutz auf negative Entwicklungen hingewiesen wird, die erst in Zukunft stattfinden werden.

Die Bedeutung des Wortes tayyib ist im Deutschen nicht einfach zu erklären, weil  es dort kein direktes Pendant dazu gibt. Im Englischen ist es hingegen einfacher. „Clean“, „sanitary“, „pure“ und „hygenic“ haben jeweils andere Bedeutungen. („Clean“ wird im Zusammenhang mit einem sauberem Haus, einer sauberen Umgebung, Kleidung etc. verwendet. „Sanitary“ ist eine die Gesundheit schützende Sauberkeit, „pure“ bedeutet rein, ohne Zusatzstoffe, „bestes Essen“ mit den natürlichen Eigenschaften. „Hygenic“ bedeutet die industrielle Sterilisierung.) Im Deutschen wird für all dies meist nur das Wort „sauber“ verwendet.

Vor der Industrialisierung wurde unter tayyib, auf materieller Ebene, Freiheit von Schmutzpartikel, und auf ideeller Ebene Zinsen, Diebstahl etc. verstanden. Im 20. Jahrhundert machte die Welt gewaltige Veränderungen durch und Nahrungsmittel wurden zu den wichtigsten Produkten der globalen Wirtschaft. Die Veränderungen führten dazu, dass sich die Haltbarkeit der Nahrungsmittel im Regal verlängerte. Den Lebensmitteln wurden Zusatzstoffe hinzugefügt und sie wurden immer stärker weiterverarbeitet. Mit der Zeit veränderten Zusatzstoffe und technische Vorgänge wie Raffination, Pasteurisierung etc. die natürliche Beschaffenheit der Nahrungsmittel. Zudem tragen Industrieabfälle, der Einsatz von Düngemitteln in der Landwirtschaft und chemische Reiniger und Kosmetikprodukte erheblich zur Umweltverschmutzung bei.

Weltweit und insbesondere in westlichen Ländern werden seit 15-20 Jahren Zwiebeln, Knoblauch, Kartoffeln etc., Fleischprodukte, Trockenobst, Gewürze, manche Obst- und Gemüsesorten aus Gründen der Konservierung radioaktiv bestrahlt. Mit ionisierenden Strahlen werden Keime abgetötet und die Haltbarkeit der Lebensmittel verlängert. Doch mit dieser Methode wird die DNA der Lebensmittel verändert, wodurch sie gesundheitsschädlich werden. Laut einer Studie in der Türkei sterben Tiere, die bestrahlte Lebensmittel fressen, schneller.

Die in der Landwirtschaft genutzten Düngemittel, Pestizide, Gifte, Wachstumsbeschleuniger und Frostschutztechniken sind nicht nur gesundheits- und umweltschädlich, sondern vergiften auch Boden und Grundwasser. Schlimmer ist vielleicht die genetische Veränderung von Pflanzen, Tieren und Bakterien, wodurch die Schöpfung verändert wird. Folglich betreffen diese Methoden auch die Menschen.

Des Weiteren wird die Haltung der Tiere, die fern von ihrer natürlichen Umgebung und unter schlimmsten Bedingungen als Fleisch-, Milch- und Eiermaschinen ausgebeutet werden, sehr kontrovers angesehen und führt uns zu der Frage, ob diese Produkte ihre Eigenschaft „tayyib“ (sauber) dadurch verlieren. Solche Praktiken, die den Gewinn steigern sollen, zeugen auch von einer gewissen Grausamkeit dieses Systems. Ist das tatenlose Zusehen und die Akzeptanz dieser Praktiken nicht auch eine Art von Grausamkeit? Unterstützen wir nicht diese Tierhaltung, indem wir die Produkte konsumieren?

Es ist fraglich ob in der heutigen Zeit, in der Blut, Fleisch, Knochen etc., genmanipulierte Lebensmittel, die sogar menschliche DNA beinhalten, als Futter genutzt werden, Wachstumshormone und Leistungsförderer eingesetzt und Tiere künstlich befruchtet werden, es ausreicht, nur unter dem Kriterium der Schächtung ein Halal-Zertifikat zu vergeben. Entspricht dies dem Gebot Allahs, dass Lebensmittel „tayyib“ (sauber) sein müssen? Reicht ein einfaches Zertifikat, um diese Praktiken zu legitimieren? Werden nicht dadurch die grausamen Methoden der Lebensmittelindustrie vertuscht und ihnen Legitimität verliehen?

Wird in den folgenden Versen etwa der oben beschriebene Sachverhalt beschrieben? „[…] Ackerland und Nachkommenschaft zu zerstören; Allah aber liebt nicht das Verderben.“ ((Sure Bakara, 2:211)) „Und sie in die Irre fuhren und sie lüstern machen und ihnen befehlen, dass sie den Tieren die Ohren aufschlitzen, und ihnen befehlen, die Schöpfung Allahs zu verändern.“ ((Sure Nisâ, 2:119)) In einer türkischen Übersetzung heißt es in der Fußnote zu dem zweiten Vers: „Allahs Schöpfung zu ändern ist sowohl auf materieller als auch auf der Ebene der natürlichen Anlagen möglich. In der heutigen Zeit können alle Eingriffe, die die Zerstörung des natürlichen Gleichgewichts zufolge haben, in diesem Zusammenhang gesehen werden.“

Aufgrund all dieser unnatürlichen Maßnahmen, sind Krankheiten entstanden, die es früher nicht gegeben hat. Darüber hinaus kommen Krankheiten von denen Menschen früher im fortgeschrittenen Alter betroffen waren, nun auch bei jungen Menschen und auch viel häufiger vor. Jemand, der von Krankheit betroffen ist, ist nicht mehr länger in der Lage, seine alltäglichen Tätigkeiten und seine Gottesdienste ohne Einschränkungen auszuüben. Heute dienen die meisten Lebensmittel weniger unserem Wohl und bringen uns stattdessen oft Leid. Zwar sättigen wir unseren Magen, doch ist es wichtiger sich gesund zu ernähren. Wenn die Nahrungsmittel uns nur sättigen und nicht ernähren und zudem zu Krankheiten führen, darf bezweifelt werden, dass sie über die Eigenschaften verfügen, die im Koran beschrieben werden. Als Folge der Umweltverschmutzung sterben viele Tierarten aus oder mutieren und werden zu gefährlichen Kreaturen.

Wir Muslime sind zwar mit vielen Gaben gesegnet, doch können wir bestimmte Ziele immer noch nicht verwirklichen. Hat dies etwa mit den fragwürdigen Lebensmitteln zu tun, die wir zu uns nehmen? In einem Ausspruch unseres Propheten heißt es: „Es wird eine Zeit kommen, in der es Menschen egal sein wird, ob das Gekaufte halal oder haram ist. Ihre Gebete werden nicht erhört.“ ((Buhârî, Buyu’, 7, 23; Nasâî, Buyu’, 2,7-243)) Kann es sein, dass wir die Muslime sind, von denen der Prophet spricht?

Die Eigenschaft halal wird von den heutigen Muslimen darauf reduziert, ob ein Tier geschächtet wurde oder welche Zusatzstoffe sein Fleisch und andere Produkte beinhalten. Dabei werden wichtige Themen nicht genügend diskutiert. So können immer mehr Menschen ihren Kinderwunsch nicht auf natürliche Weise erfüllen. Jene, die selber aus großen Familien kommen, stehen nun Schlange in Krankenhäusern, um sich künstlich befruchten zu lassen. Selbst wenn sie auf diese Weise Kinder kriegen, so werden sie jedoch laut Studien der EU keine Enkelkinder bekommen. Kommt dies nicht einem Völkermord des Menschen an seiner eigenen Gattung gleich?

Wann werden wir einsehen, dass das Thema Halal-Produkte nicht mit dem Halal-Zertifikat abgehandelt ist? Um dies zu verstehen, reicht es, die Praktiken in der Türkei zu untersuchen. Dort ist der Glaube verbreitet, dass es nicht nötig ist, in einem Land, in dem die Mehrheit der Bevölkerung dem islamischen Glauben angehört, die Halal-Eigenschaft der Lebensmittel in Frage zu stellen, geschweige denn, danach zu fragen, ob die Lebensmittel „tayyib“ sind. Das Halal-Zertifikat hat zwar in den Ländern, in denen die Muslime eine Minderheit darstellen, eine andere Bedeutung, doch in islamischen Ländern und insbesondere in der Türkei spielen oftmals finanzielle Interessen eine große Rolle. Um ehrlich zu sein, ist bei den Konsumenten die Nachfrage nach Halal-Produkten auch nicht besonders groß.

Wir dürfen nicht vergessen, dass „was euch auch an Unglück trifft, es ist für das, was eure Hände verursacht haben“. ((Sure Schuarâ, 26:30))

Übersetzung: Fatma Yılmazer
Erstveröffentlichung: Juni-Ausgabe der Zeitschrift „Perspektif“

Leserkommentare

Ukht sagt:
So ein wichtiges Thema, masha Allah. Vielen Dank fürs Anstoßen dieser Diskussion. Ich finde unsere Imame sollten es zum Thema ihrer Khutbas machen. Essen ist eine Aktivität, die durch unser Menschsein gegeben, jeder von uns ausführen muss. Und wir sollten das halal sein, nicht auf die Schächtung der Tiere reduzieren. Wenn ich sehe, wie in von unseren Geschwistern betriebenen Imbissbuden ein Preiskampf um das billigste Dönerfleisch ausgetragen wird, dann schwant es mir, dass das Fleisch auf keinen Fall halal und tayyib sein kann! Die Massentierhaltung hier im Westen widerspricht genauso der islamischen Ethik wie falsche Schlachtpraktiken! Und wir - die Verbraucher - haben hier die mehr Macht, als wir glauben. Ich wäre durchaus bereit, mehr Geld für Fleisch auszugeben, wenn ich nur wüsste, dass es halal UND tayyib ist. Alhamdulillah, ich bin nicht mittellos, und kann diese Aussage treffen. Aber selbst bei Geschwistern, die nicht wohlhabend sind: wenn ich sehe, dass für Handys, Laptops etc,. und im schlimmsten Falls sogar für Zigaretten Geld ausgegeben wird, ohne mit der Wimper zu zucken, bei Lebensmitteln aber jeder Cent 3 mal gedreht wird, dann denke ich, dass es auch ihnen, wenn sie nur ihre Prioritäten überdenken würden, möglich wäre, mehr auszugeben. Vielen Dank nochmal für diesen wichtigen Beitrag und insha Allah ist es nur der Anfang einer wichtigen Diskussion. Wassalam Schwester im Islam
30.09.13
12:09
Ali sagt:
Glücklicherweise wird das Thema Umwelt(schutz) immer stärker auch von Muslimen behandelt. Es scheint einen Sinneswandel zu geben. Der KRM hat das Thema dieses Jahr ja zum Motto gemacht (siehe: http://tagderoffenenmoschee.de/) und auch die IGMG hat einiges dazu erstellt (Juni-Ausgage von Perspektif zum Thema Umwelt: http://www.igmg.org/fileadmin/magazine/perspektif/2013/2013-07/index.html). Übrigens gibt es auch einige Hutbas dazu
01.10.13
11:54
Daniela sagt:
Wundervoller Artikel. Ich selbst erkundige mich gerade über das Thema Veganismus im Islam in der heutigen Zeit-gerade in Deutschland. Unsere Moscheen und Imame sollten dazu unbedingt mer veröffentlichen. Auch interessant- ein Blog eines Imams aus Frankfurt, ich halte sehr viel von ihm: http://www.monajo.de/2014/10/al-istidaamah-%d8%a7%d9%84%d8%a7%d8%b3%d8%aa%d8%af%d8%a7%d9%85%d8%a9-nachhaltigkeit-umwelt-und-tierschutz-im-islam/
13.10.16
11:08