Fast jeder zweite befragte Muslim erwägt die Ausreise, sollte Le Pen 2027 Präsidentin werden.

Für viele Musliminnen und Muslime in Frankreich ist die Aussicht auf eine Präsidentschaft von Marine Le Pen mit erheblichen Ängsten verbunden. Fast jeder zweite muslimische Befragte würde im Falle eines Wahlsiegs der Rechtspopulistin bei der Präsidentschaftswahl 2027 erwägen, das Land zu verlassen. Das geht aus einer neuen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ifop hervor, die das französische Magazin Marianne am 15. Oktober veröffentlicht hat.
Demnach würden 46 Prozent der muslimischen Befragten eine Ausreise in Betracht ziehen. 20 Prozent erklärten sogar, Frankreich in diesem Fall mit Sicherheit verlassen zu wollen. Le Pen steht für den rechtspopulistischen Rassemblement National (RN), dessen politische Agenda seit Jahren von einer restriktiven Haltung gegenüber Muslimen und sichtbaren islamischen Glaubenspraktiken geprägt ist.
Wie tief die Verunsicherung reicht, zeigt der Vergleich mit der Gesamtbevölkerung: Unter allen Befragten würden 21 Prozent einen Wegzug erwägen. Unter den muslimischen Befragten ist der Anteil damit mehr als doppelt so hoch. Auch unter jüdischen Befragten ist die Sorge groß: 44 Prozent könnten sich vorstellen, Frankreich im Falle eines Wahlsiegs Le Pens zu verlassen.
Die Ergebnisse verweisen auf die Angst vor einer politischen Entwicklung, in der sich antimuslimische Ressentiments weiter verschärfen könnten. Laut der von Marianne veröffentlichten Auswertung erwarten 81 Prozent der muslimischen Befragten, dass Übergriffe und Diskriminierung gegen Angehörige ihres Glaubens unter einer Präsidentschaft Le Pens zunehmen würden.
27 Prozent würden demnach erwägen, ihre religiöse Zugehörigkeit im Alltag weniger sichtbar zu machen. Dazu könnte beispielsweise gehören, auf religiöse Symbole zu verzichten. Dass Menschen darüber nachdenken, ihren Glauben aus Angst vor möglichen Konsequenzen zu verbergen, wirft grundlegende Fragen nach Religionsfreiheit und gesellschaftlicher Teilhabe auf.
Auch unter jüngeren Menschen sind die Vorbehalte ausgeprägt. Nach Angaben des Journal du Dimanche würden 40 Prozent der jüngsten befragten Altersgruppe erwägen, Frankreich nach einem Wahlsieg Le Pens zu verlassen. Unter Anhängern der linken Partei La France insoumise (LFI) lag der Anteil bei 43 Prozent.
Besonders deutlich zeigt sich der Konflikt bei Le Pens Forderung nach einem Verbot des islamischen Kopftuchs im öffentlichen Raum. Ein entsprechender Vorstoß wurde innerhalb des RN erneut diskutiert. Le Pen hatte erklärt, eine solche Maßnahme gegebenenfalls durch eine Volksabstimmung durchsetzen zu wollen.
Für viele Musliminnen, insbesondere für Frauen, die ein Kopftuch tragen, geht es dabei nicht nur um eine politische Debatte. Ein solches Verbot würde ihre Möglichkeit einschränken, ihren Glauben sichtbar zu praktizieren, und könnte sie vor die Entscheidung stellen, religiöse Überzeugungen und gesellschaftliche Teilhabe gegeneinander abzuwägen.
Die Forderung wirft deshalb die Frage auf, wie weit der französische Laizismus ausgelegt werden soll. Frankreich schränkt bereits das Tragen auffälliger religiöser Symbole an staatlichen Schulen ein. Ein allgemeines Kopftuchverbot im öffentlichen Raum wäre jedoch ein wesentlich weitergehender Eingriff in die Religionsfreiheit und mit erheblichen rechtlichen Hürden verbunden.
Die Umfrageergebnisse verdeutlichen zugleich, dass die französische Gesellschaft in dieser Frage keineswegs geschlossen ist. Nach der von Causeur veröffentlichten Auswertung sprechen sich 53 Prozent der Befragten gegen das Tragen islamischer Kopftücher auf öffentlichen Straßen aus. Unter Angehörigen der Generation Z lehnen dagegen 56 Prozent ein solches Verbot ab beziehungsweise haben keine Einwände gegen das Tragen von Kopftüchern.
Für die Untersuchung befragte Ifop im Auftrag von Marianne vom 25. bis 30. September insgesamt 9689 Erwachsene in Frankreich. Die Onlinebefragung wurde als repräsentative Erhebung für die französische Bevölkerung ab 18 Jahren angelegt.
Die Zahl von 9689 bezeichnet die gesamte Stichprobe. Wie viele muslimische und jüdische Menschen tatsächlich befragt wurden, geht aus den bislang zugänglichen Veröffentlichungen nicht hervor. Auch die genaue statistische Unsicherheit der Ergebnisse für diese Teilgruppen lässt sich daher nicht bestimmen.
Die Zahlen sind somit mit Blick auf die Zusammensetzung der Stichprobe einzuordnen. Dennoch zeichnen sie ein deutliches Bild der Verunsicherung: Für einen erheblichen Teil der befragten Musliminnen und Muslime ist ein möglicher Wahlsieg Le Pens nicht bloß ein politischer Machtwechsel, sondern Anlass zur Sorge um ihre Sicherheit, ihre Religionsfreiheit und ihre Zukunft in Frankreich.