Österreich

Expertinnen halten ein Kopftuchverbot für kontraproduktiv

Ein neuer Bericht von SOS Mitmensch zeigt, dass das geplante Kopftuchverbot an Schulen laut Expertinnen nicht zur Stärkung von Mädchen beiträgt. Stattdessen empfehlen sie erprobte pädagogische Maßnahmen, um Selbstbestimmung und Gleichberechtigung zu fördern.

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Österreich einigt sich auf Kopftuchverbot an Schulen © shutterstock, bearbeitet by iQ
Österreich einigt sich auf Kopftuchverbot an Schulen © shutterstock, bearbeitet by iQ

Ein neuer Bericht der Menschenrechtsorganisation SOS Mitmensch stellt das geplante Kopftuchverbot an Schulen in ein kritisches Licht. Auf 35 Seiten haben Schuldirektorinnen und Expertinnen aus der Mädchenarbeit dargelegt, wie Mädchen tatsächlich gegen patriarchale Strukturen gestärkt werden können – und warum das Verbot aus ihrer Sicht nicht zu diesen wirksamen Maßnahmen gehört.

Die Expertinnen, die täglich mit Mädchen arbeiten, kommen zu einer klaren Einschätzung: Ein Kopftuchverbot helfe nicht, Selbstbestimmung zu fördern. Im Gegenteil, es könne das Vertrauen zwischen Kindern und Pädagoginnen untergraben und in manchen Fällen sogar Rückzugstendenzen verstärken. Besonders gefährdet seien jene Mädchen, die bereits religiös-patriarchalem Druck ausgesetzt sind. Hier könne ein staatliches Verbot zu weiteren Spannungen führen und bestehende Belastungen verschärfen.

Statt auf symbolpolitische Eingriffe wie das Kopftuchverbot zu setzen, empfehlen die Expertinnen erprobte pädagogische Maßnahmen. Dazu zählen etwa partizipativ entwickelte Klassenordnungen, zeitlich begrenzte getrennte Projektarbeiten von Mädchen und Burschen, ein eigenes Fach für Kommunikation und Konfliktbearbeitung sowie die Zusammenarbeit mit inspirierenden weiblichen Vorbildern. Auch Workshops von Mädchenberatungsstellen und Elternseminare hätten sich als wirksam erwiesen.

Bildungssystem verbessern

Darüber hinaus fordern die Fachfrauen strukturelle Verbesserungen im Bildungssystem: mehr sozialarbeiterisches und psychologisches Personal, nachhaltige Finanzierung externer Mädchenarbeit, verpflichtenden Ethikunterricht für alle Kinder und eine klare, dialogische Einbindung von Eltern und Schülern in Schulregeln. Ziel sei ein inklusives, nicht ausgrenzendes System, das Mädchen langfristig stärkt.

SOS-Mitmensch-Sprecher Alexander Pollak appelliert daher an die Politik, auf jene zu hören, die vor Ort arbeiten und wissen, was wirkt: „Die Expertinnen legen konkrete, bewährte Tools vor. Die Politik müsste nur zuhören und handeln, statt fragwürdige Maßnahmen zu setzen.“ Der Bericht soll nun an politische Entscheidungsträger und Bildungseinrichtungen geschickt werden – mit der Hoffnung, dass pädagogische Expertise stärker ins Zentrum der Debatte rückt als symbolische Verbote.

Kopftuchverbot an Schulen soll 2026 starten

Das Kopftuchverbot für Kinder an Schulen soll ab Februar 2026 mit einer Aufklärungsphase starten. Die Sanktionsbestimmungen treten dann erst ab dem Schuljahr 2026/27 in Kraft. Die entsprechende Gesetzesvorlage hat der Ministerrat Anfang November beschlossen, im Dezember soll sie am Programm des Nationalrats stehen. Änderungen zum bisher bekannten Vorhaben gibt es beim Alter: Statt bis zur achten Schulstufe soll das Verbot bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres gelten.

Bei Verstößen gegen das Verbot soll es zunächst Gespräche mit den Eltern geben. Als äußerste Maßnahme drohen Geldstrafen zwischen 150 und 800 Euro. Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich kritisierte die Regierungspläne. Es gehe den Parteien nicht um das Kindeswohl, sondern um politisches Kleingeld, hieß es bereits in einer früheren Stellungnahme zu den Plänen. „Das Ziel ist von der islamfeindlichen Stimmung zu profitieren.“