Glossar

Was ist Scharia?

Islamische Begriffe werden oft missbraucht und verlieren dadurch ihre eigentliche Bedeutung. Im IslamiQ Glossar geht es um die ursprüngliche Bedeutung der Wörter. Heute: Scharia.

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12
2021
Glossar - Scharia
Die Bedeutung von Scharia

Das Wort „Scharia“ bedeutet übersetzt „Weg zur (Wasser)Quelle“. Dieser Weg lässt sich so verstehen, dass er dem Menschen durch grundlegende religiöse und ethische Prinzipien dazu verhelfen soll, glückselig zu werden, sprich: den Weg der Errettung zu finden. Denn der Mensch muss sich nicht gezwungenermaßen auf diesen Weg begeben. Er kann und soll sich aus freien Stücken und in voller Überzeugung Gott hinwenden. Diese Hinwendung führt zur individuellen Glückseligkeit, zum gesellschaftlichen Frieden und zur Gerechtigkeit zwischen den Menschen in unterschiedlichen Bereichen des Zusammenlebens.

Aus theologischer Perspektive meint die Scharia „die Gesamtheit der islamischen Rechtsgrundsätze, die Gott den Menschen erlassen hat und dadurch das individuelle und gesellschaftliche Leben geordnet wird“.

Weg aller Propheten

Es ist essenziell zu verstehen, dass die Scharia sich nicht nur auf die islamische Religion bezieht, sondern auf alle Ausformungen göttlicher Gebote, die den Propheten offenbart wurden. Die Vorstellung der Scharia geht hier über ein Gesetz oder Recht hinaus. Sie ist daher als ein Normensystem zu betrachten, das viel umfassender ist als Rechte oder Gesetze.

Die Scharia basiert auf drei Grundsätzen. Erstens die Glaubensnormen, womit Glaubensinhalte gemeint sind, wie der Glaube an die Einzigkeit Gottes, der Glaube an die Propheten und Gesandten, die Engel, den Jüngsten Tag und die Vorherbestimmung. Zweitens Ethiknormen, also moralische Eigenschaften und Tugenden wie Dankbarkeit, Geduld, Barmherzigkeit. Und drittens Handlungsnormen, die wiederum unterteilt werden in gottesdienstliche Handlungen (Ibâdât) und zwischenmenschlichen Beziehungen (Muâmalât).

In der islamischen Rechtswissenschaft wird für die Festlegung der Scharia nicht nur der Koran, sondern auch die Sunna berücksichtigt. Als weitere Quellen gelten auch der Konsens (Idschmâ) der Gelehrten und der Analogieschluss (Kiyâs).

Scharia kein Gesetzbuch

Im deutschsprachigen Kontext wird Scharia üblicherweise als Gesetz oder Kodex für Verhaltensregeln betrachtet, was ihr keinesfalls gerecht wird. Noch weitreichender und folgenschwerer ist es jedoch, dass die Scharia im öffentlichen und medialen Diskurs auf körperliche Strafen wie Handabhacken, Steinigung, Peitschen oder Kopfabschlagen reduziert wird. Durch derlei negative Konnotationen wird der Begriff der Scharia seiner Dynamik gänzlich beraubt.

 

Literatur

Richard Heinzmann (Hrsg.), Lexikon des Dialogs. Grundbegriffe aus Christentum und Islam, Herder Verlag, 2013

Mahmoud Bassiouni, Menschenrechte zwischen Universalität und islamischer Legitimität, 1. Auflage, Berlin, Suhrkamp, 2014

Mohammed Saif, „Islam“ im öffentlichen Diskurs: Zur sprachlichen Konstituierung einer Religion, Dissertation, Universität Mannheim, 2018

Leserkommentare

Vera sagt:
Islamische Scharia als übergeordnetes, universelles Normensystem soll essenziell alle Religionen, Rechte und Gesetze dieser Welt allumfassend überragen? Mit höchsten Ethiknormen und Tugenden ausgestattet? Mit Koran und Sunna verbindlich eins? Scharia als alleiniger Weg der gnädigen Errettung und basierend auf muslimischer Barmherzigkeit mit angeblicher Toleranz? Wenn dem so wäre, dann dürfte es nicht heute - am 2. Weihnachtsfeiertag - diesen verstörenden BR24-Bericht geben: "Hassverbrechen gegen Christen nehmen weltweit zu. Getötet wegen seines Glaubens: Heute ist Tag des Heiligen Stephanus, des ersten christlichen Märtyrers. In Kirchen wird daher für verfolgte Christen gebetet. Von allen Religionen weltweit leiden Christen am meisten unter Anfeindung und Verfolgung. Beschimpfungen, Schikanen, Inhaftierung, Mord: Hassverbrechen gegenüber Christen haben laut einem Bericht der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) im Jahr 2020 um 70 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zugenommen." Der Bayerische Rundfunk nennt hierzu Zahlen: Weltweit können geschätzt 100 bis 200 Millionen Christen ihre Religion nicht frei ausüben. "Medial und politisch wird der Hass auf Christen als ein immer offensichtlicheres gesellschaftliches Problem kaum wahrgenommen", heißt es im OSZE-Bericht. BR24: "Es sei zu vermuten, dass die tatsächliche Zahl anti-christlich motivierter Hassverbrechen noch viel höher liege, da nur elf Länder für die Studie Daten zu Hassverbrechen gegen Christen übermittelt hätten, was die Statistik erheblich verzerre." Da kann man nur sagen: Willkommen in der Wirklichkeit!
26.12.21
20:11
Johannes Disch sagt:
Meine Güte, was für eine islamische Idylle wird uns hier im "Glossar" vermittelt: "Djihad" als "innere Anstrengung" und die "Scharia" als "Weg zur Quelle." Es geht aber nicht um Etymologie, sondern um die Realität. Und in der Realität war "Djihad" meist imperialer Eroberungskrieg zur Verbreitung des Islam. Und die Scharia ist keineswegs ein labender Weg zur Quelle, sondern barbarisches Gottesrecht, das mit humanen und demokratischen Normen und Werten unvereinbar ist.
28.12.21
16:24
simonstylos sagt:
Ich verstehe den Zusammenhang von Scharia und Hass auf Christen nicht? Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Die Verfolgung von Christen hat viele Gründe: von politischen über ökonomische bis hin zu religiösen. Es ist eine unzulässige Verkürzung, wenn die Verfolgung von Christen monokausal erklärt wird. Dass Konzepte und Begriffe wie "Scharia" und "Djihad" missbraucht werden, ist nicht neu in der Geschichte. Jede Religion ist davon betroffen, selbst Teile des Buddhismus (siehe Myanmar und Thailand). Von daher sollten sich alle an die eigene Nase fassen, oder wie Jesus gesagt hat: Was siehst Du den Splitter im Auge Deines Bruders und erkennst den eigenen Balken nicht.
04.01.22
9:51