Imam-Kolumne

Der „Social Media Imam“

In unserer Imam-Kolumne bitten wir Imame zu Papier. In der aktuellen Kolumne schreibt Mohamed Matar über die Aktivitäten eines Imams auf den sozialen Medien.

22
05
2021
Mohamed Matar

„Du bist kein Imam, du postest gar nichts auf Facebook!“ Mit dieser Aussage wurde ein Kollege während seiner Arbeit in einer muslimischen Gemeinde konfrontiert. Es stellt sich die Frage, welche Aufgaben ein Imam überhaupt hat? Der Imam hat die Aufgabe, die Gemeinde in den rituellen Gebeten zu leiten, die Gemeindemitglieder spirituell zu betreuen, sie weiterzubilden und zu beraten und Ansprechpartner für religiöse Fragen zu sein. Je nach Expertise kommen dann noch weitere Aufgaben und Möglichkeiten dazu.

Ein Imam in Deutschland wird aktuell mit vielen Debatten konfrontiert. Auf der einen Seite wird seitens der Politik und den Medien ein schlechtes Bild von ihm gezeichnet, indem seine Schwächen zum Ausdruck kommen und seine eigentliche Arbeit außen vorgelassen wird. Auf der anderen Seite wird heutzutage von einem Imam verlangt, dass er ein Experte für alle Bereiche ist. Er soll nicht nur die oben beschriebenen Aufgaben erfüllen, mit denen er schon mehr als genug zu tun hätte, nein, er soll auch Jugendarbeiter, Eheberater, Fundraiser, Dialogpartner, Politologe, Medienexperte und so wie mein Imam-Kollege auch ein Aktivist auf den sozialen Medien sein.

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Pseudo-Experten auf sozialen Medien

In Bezug auf die Frage der sozialen Medien, sieht sich ein Imam vollkommen unterschiedlichen Herausforderungen ausgesetzt. Einer der ersten Fragen ist, ob ich als Imam überhaupt in den sozialen Medien aktiv sein muss oder nicht. Einerseits könnte es mir egal sein, was in den sozialen Medien geschieht, meine tägliche Arbeit konzentriert sich auf die Gemeindemitglieder und Moscheebesucher vor Ort. Andererseits konsumieren jedoch eben diese Gemeindebesucher das, was ihnen in den sozialen Medien angeboten wird, und für mich ist es wichtig zu wissen, was sie konsumieren, um sie adäquat auffangen zu können.

Außerdem sind im deutschsprachigen Raum mittlerweile viele „Prediger“, „islamische Seiten“ und selbsternannte Islam-Experten unterwegs, die durch eine hohe Anzahl an Abonnenten und Klicks eine Pseudo-Expertise vermitteln. Leider stecken hinter diesen Accounts auch oft Personen oder Gruppen, die bestimmte ideologische Ziele verfolgen.

In der muslimischen Tradition war es schon immer eine Grundlage zu wissen, wer gerade einem was erzählt. Heutige Facebook- und Instagram-Gelehrten aber können sich leicht hinter irgendwelchen Profilen verstecken und mit Klicks statt Inhalten punkten. Ich habe persönlich oft erlebt, dass ich von Jugendlichen bestimmte Fragen gestellt bekommen habe, zu Themen, denen sie auf diesen Seiten begegnet sind. Ihr Meinungsbild wurde bereits stark beeinflusst. Wenn ich keinen Überblick darüber habe, was den Jugendlichen im deutsch- und englischsprachigen Raum angeboten wird, dann rede ich nicht selten an ihnen vorbei.

Gefahr in den sozialen Medien

Allem vorweg muss sich ein Imam die Frage stellen, welche Absichten und Ziele er hat, wenn er in den sozialen Medien aktiv ist. Eine Gefahr ist, dass man im Rausch der Klicks mehr für seine Person wirbt als sich auf die eigentlichen Botschaften zu konzentrieren, die man vermitteln möchte. Außerdem besteht die Gefahr, die eigenen Grenzen zu überschreiten, wenn die eigene Online-Community beginnt, einen als „Islam-Gelehrten“ zu betrachten und Rechtsgutachten zu den komplexesten Fragen zu verlangen, wodurch man dann schnell zum Mufti mutieren kann.

In den Nachrichten, die ich ständig privat auf Facebook und Instagram bspw. erhalte, geht es allzu oft nicht nur um die geteilten Beiträge, sondern auch um normative Inhalte rund um das islamische Recht (Fikh) und religiöse Gutachten (Fatwa). Fragen wie „Ist das halal?“ oder „Ist das haram?“ sind die bestimmt am meisten formulierten Einleitungen. Hier zeigt sich ein tief verankertes Problem in unserem aktuellen muslimischen Denken, und zwar, dass die normative Ebene unser religiösen Praxis unser gesamtes Denken eingenommen hat, aber auch, dass es im deutschsprachigen Raum noch keine institutionalisierten glaubwürdigen Lösungen für den Bereich „Fikh“ und „Fatwa“ gibt. Ein Zusammenschluss deutschsprachiger Imame mit einer gewissen Ausbildung und Expertise im Bereich des islamischen Rechts und eine professionelle Online-Präsenz, um gemäß dem eigenen Kontext realistische und gut fundierte Antworten zu finden, wäre hier ein möglicher erster Schritt.

Richtigen Umgang mit sozialen Medien schaffen

Eine weitere Herausforderung ist es, zu wissen, wie soziale Medien überhaupt funktionieren und wie bestimmte Tools angewendet werden. Vor allem, wenn es um Social-Media-Akquise geht und darum, die eigenen Zielgruppen zu erreichen und evtl. eine Community in den sozialen Medien aufzubauen. Filter Bubble und Algorithmus sind wichtige Stichworte. Ich wurde schon mehrfach ermahnt, dass ich und andere die sozialen Medien richtig nutzen müssen und nicht so fahr- und nachlässig sein dürfen, wie es aktuell bei aktiven Imamen online der Fall ist. Neben der täglichen Gemeindearbeit fehlt dann einem leider oft die Kraft und Ausdauer, Tools richtig oder kontinuierlich zu nutzen.

Laut statista.com haben im Jahr 2020 ca. die Hälfte der Weltbevölkerung soziale Medien genutzt, dazu gehören zum beachtlichen Teil selbstverständlich auch Muslime und vor allem muslimische Jugendliche. Die negativen Folgen von dauerhaftem Konsum sozialer Medien werden ebenfalls längst studiert, mit besorgniserregenden Ergebnissen was Psyche, Selbstwertgefühl und Realitätsvorstellungen betrifft. Hier kann ein Imam bspw. seelsorgerisch tätig werden, oder die Gemeinden können Eltern schulen, wie sie mit dem Medienkonsum ihrer Kinder richtig umgehen können.

Zum Thema „Imam in den sozialen Medien“ gäbe es bestimmt noch viel zu sagen, doch zusammengefasst sehe ich eine gewisse Notwendigkeit, dass sich zumindest einige Imame im deutschsprachigen Raum online und in den sozialen Medien besser aufstellen und der muslimischen Community auf diese Art dienen. Vorher müsste man Imame für diese Themen sensibilisieren und die, die in diesem Bereich aktiv werden möchten, auch weiterbilden.

Wir müssen die Realität unserer Zeit erkennen und die Mittel nutzen, die uns zur Verfügung stehen und notwendig sind, um unseren Aufgaben gerecht zu werden, und wenn es sein muss, auch in den sozialen Medien. Mit der richtigen Absicht, Demut, aber auch Selbstbewusstsein und dem organisierten Vorgehen als Gemeinschaft werden wir früher oder später die Früchte unserer Arbeit ernten können.

Leserkommentare

Dilaver Çelik sagt:
Schon krass dass Imamen in Deutschland mehr Kompetenzen abverlangt werden als christlichen Priestern und jüdischen Rabbinern. Aber es ist unabdingbar, dass Imame muslimische Jugendliche emotional auffangen. Das geht nur, wenn ein Imam Empathie zu Jugendlichen aufbauen kann. Wenn die emotionalen Bedürfnisse sinnsuchender muslimischer Jugendlicher (m/w) vernachlässigt werden, dann werden sie eher zu Pierre Vogel gehen als zum Imam in der Moschee. Deswegen müssen Moscheen ihre Jugendarbeit weiter ausbauen, um Rattenfängern, die Jugendliche verführen, den Boden zu entziehen.
22.05.21
16:00
Vera Praunheim sagt:
Der Kolumnenschreiber Mohamed Matar wünscht in Deutschland institutionalisierte Lösungen für eine Islamische Jurisprudenz (Fikh) und für Rechtsauskünfte einer muslimischen Autorität (Fatwa). In Deutschland sind religiöse Schiedsgerichte ja gesetzlich verboten. Kein Gericht darf Scharia-Recht anwenden. Für den Politologen Bassam Tibi ist die islamistische Scharia sogar ein totalitäres Konzept. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg (EGMR) urteilte in mehreren Verfahren, dass die Scharia "inkompatibel mit den fundamentalen Prinzipien in der Demokratie" ist. Die Scharia ist leider auch keinesfalls mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vereinbar. Im Dezember 2017 schrieb die 'Berliner Zeitung' in einer Überschrift "So islamistisch ist der Radikal-Imam Mohamed Matar." Die Islamismus-Analystin Sigrid Herrmann-Marschall sagt: "In den sozialen Medien zeigt Herr Matar ein deutlich anderes Gesicht als das offizielle, mit dem er zur Mehrheitsgesellschaft spricht." Faktum: Auf Facebook glorifizierte Herr Matar eine erschossene palästinensische Messer-Terroristin. Später erklärte er, er habe nicht gewusst, dass es sich um eine Attentäterin handelte, und löschte den Post. Herr Matar posierte auch auf einem Foto mit der sogenannten "R4bia"-Geste, der Unterstützergeste für die Muslimbruderschaft. Prof. Susanne Schröter vom Forschungszentrum Globaler Islam der Uni Frankfurt dazu: "Das Ziel der Muslimbruderschaft ist die Durchsetzung eines fundamentalistischen Islams, der mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung unvereinbar ist." Und weiter: "Jede an die Muslimbruderschaft angeschlossene Vereinigung streitet öffentlich ab, dazuzugehören." Die Moschee von Mohamed Matar gab für diese Aussage einen entsprechenden Anlaß. Auf Facebook drückt Herr Matar mitunter auch seine Sympathie für Hassprediger aus, so zum Beispiel für Yusuf al Qaradawi, der den Holocaust eine "gerechte Strafe Allahs für die Juden" nennt. Der Holocaust als "gerechte Strafe" aufgrund seines islamischen Religionsverständnisses? Und ein solcher Islam-Prediger will alle Mittel nutzen um früher oder später die Früchte seiner Arbeit ernten zu können. Zusammen mit seinen angeleiteten Kollegen & ergebenen Anhängern in einer Scharia-Gesellschaft nach seinen Vorstellungen und nach seinem Geschmack?
23.05.21
0:20