Jerusalem

Muslime besorgt über Gewalt in Jerusalem

Drohende Zwangsräumungen in Ost-Jerusalem sorgen derzeit für Zündstoff. Zum Ende des Fastenmonats Ramadan eskaliert die Gewalt.

09
05
2021
Jerusalem Tempelberg
Symbolbild: Jerusalem © shutterstock, bearbeitet by iQ.

Die Lage in Jerusalems Altstadt hat sich am Wochenende gefährlich zugespitzt: Nach Angaben von Sanitätern wurden etwa 300 Palästinenser von israelischen Besatzungskräften verletzt. Die gewaltsamen Angriffe wiederholten sich auch in der Nacht zum Sonntag. Mehrere Menschen wurden festgenommen.

Ein israelischer Polizeisprecher sagte am Sonntag, es sei sowohl am Damaskustor – einem der Eingänge zur Altstadt – als auch im Bereich des Tempelbergs (Al-Haram al-Scharif/Das edle Heiligtum) zu Konfrontationen gekommen. Auf dem Tempelberg versammelten sich am Samstagabend mehr als 90 000 Gläubige zur „Nacht der Bestimmung“. In dieser Nacht begann die Offenbarung des Korans an den Propheten Muhammad (s).

In der Nähe des Damaskustors setzten die Besatzungskräfte nach Medienberichten Gummigeschosse, Tränengas und Blendgranaten ein. Bereits in der Nacht zum Samstag war die Lage rund um die Altstadt und das Viertel Scheich Dscharrah eskaliert. Von mehr als 200 Verletzten war danach die Rede.

Lage in Jerusalem seit Beginn des Ramadan angespannt

Die Lage im Westjordanland und im arabisch geprägten Ostteil Jerusalems ist seit Beginn des Fastenmonats Ramadan angespannt. Viele Palästinenser sind wütend, weil die Polizei Bereiche der Altstadt abgesperrt hatte, um Versammlungen zu verhindern. Außerdem drohen palästinensischen Familien in Scheich Dscharrah Räumungen.

Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) ist besorgt über die Gewaltausschreitungen in Jerusalem. „In Österreich müssen MuslimInnen und JüdInnen als Minderheiten in unserem Land auch weiterhin zusammenhalten und für eine plurale, demokratische Gesellschaft einstehen, in der Hoffnung, dass wir damit auch einen Beitrag für die Erreichung eines wahren Friedens im Heiligen Land und eines umfassenden Ausgleichs zwischen PalästinenserInnen und Israelis leisten können“, äußert sich die IGGÖ in einer Meldung.

Gewalt an Betende in heiliger Stätte ist inakzeptabel

Auch die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG) beobachtet die jüngsten Entwicklungen mit großer Sorge. „Der Ramadan ist ein Monat des Teilens, Mitgefühls, der Vergebung, des Fasten, der Gegenseitigkeit. Die Einschränkung des Rechts auf Gottesdienste sowie Gewaltakte in der heiligen Stätte der Al-Aksa-Moschee sind inakzeptabel. Für die Verwundeten bete ich um schnellstmögliche Genesung“, äußert sich Kemal Ergün, Vorsitzender der IGMG. (dpa, iQ)

Leserkommentare

Tarik sagt:
"Israel kann nicht gleichzeitig ein jüdischer Staat sein, demokratisch bleiben und die Kontrolle über die aktuellen Gebiete und Siedlungen behalten. Will Israel ein jüdischer Staat und demokratisch sein, muss es die Besatzung aufgeben. Will es demokratisch sein und das gesamte Territorium kontrollieren, muss es aus dem jüdischen einen binationalen, gleichberechtigten Staat machen. Und will es ein jüdischer Staat sein und weiter die Gebiete Westjordanland und GAza beherrschen, hört es auf, ein demokratischer Staat zu sein." (El Pais) Dieser Kommentar vergisst nicht das Entscheidende, er unterstreicht das Entscheidende. Zu sagen "die israelische Siedlungspolitik sei diskussionswürdig" fällt nicht mal mehr unter die Rubrik "pauschale, halbherzige Israelkritik", sondern hat durchaus Heiko-Maas-Niveau. Seit der Annexion der besetzten Gebiete hat Israel kontinuierlich diese Gebiete besiedelt und gleichzeitig die palästinensischen Gebiete durch zahlreiche Checkpoints und Straßennetze (die nur für Siedler befahrbar sind) voneinander getrennt. Flickenteppich ist hier das passende Wort. Das Ganze ist und wird perfekt durchorganisiert. Die ansonsten recht "engagierten" israelischen Sicherheitskräfte sind hingegen recht passiv, wenn jüdische Siedler in steter Regelmäßigkeit palästinensische Ernten vernichten. Alltagswillkür, die in der deutschen mentalen Luftblase nicht wahrgenommen wird, ist ein ebenso passendes Wort. Zu diesem Alltag gehört es auch, dass die palästinenser in der Westbank für Brunnenbohrungen und -Bau letztlich das Okay der Besatzungsbehörden brauchen, das nur selten erteilt wird. Konsequenz: Sie kaufen sich ihr eigenes Wasser zu deutlich erhöhten Preisen von den Israelis, während die Kibbuze einer US-amerikanischen Vorstadt gleichen, mit wunderbar blühendem Rasen. Und es werden vor allem radikale Hardliner aus Russland und USA in diesen Kibbuzen angesiedelt. Der "Jerusalem Tag", an dem Tausende von Siedlern durch Ostjerusalem und die (noch) arabischen Viertel marschieren und untermal von einem Flaggemeer und unterstützt von aus den USA angereisten sog. "christlichen Zionisten" Dinge wie "Tod den Arabern", "Tod den Muslimen", "Geht nachhause" (?!) rufen markiert lediglich den alljährlichen Höhepunkt, was jahrein- jahraus Alltag ist. Das Unrecht ist sowohl die Basis und der Ursprung des Terrors (auch die allerersten Selbstmordattentate durch Muslime begannen hier) und der Gewalt. Übrigens: Die Hamas wurde mit israelischer Hilfe aufgebaut, um ein Gegengewicht zur PLO zu bilden und diese zu schwächen.( INteressanterweise war diese Info vor 20 Jahren noch Mainstream und wurde von Leuten wie Scholl-Latour und Anderen immer als Fakt erwähnt, heute gilt dies als "Verschwörungstheorie") - denn der palästinenische Widerstand war bis dahin säkular und nicht mit Antisemitismus gleichzusetzen. So allerdings züchtete man sich einen perfekten Feind, der in seiner Gründungscharte sich auf die sog. "Protokolle der Weisen von Zion" beruft. Genau aus diesem Grund zog sich der Hardliner Sharon aus dem Gazastreifen zurück, denn dieser ist für Israel uninteressant. Gaza war schon laut dem Alten Testament das Zentrum der Philister, wo Samson ein Massaker anrichtete. Es geht um das Westjordanland, und dazu bedarf es keinen Raketenterror (den es aus der Westbank ja nicht gibt), um die systematische Enteignung von Palästinenser zwecks eines Groß-Israels zu betreiben. Insofern hat man die Hamas seit jeher mit Zuckerbrot und Peitsche behandelt. Auch die weiße Herrscherriege argumentierte genauso: Wenn die Schwarzen an die Macht kommen, gehen sie uns allen an die Gurgel; propagandistisch war dieser maßlose Gewaltanwendung der israelischen Kräfte auf dem Tempelberg und der Moschee für Israel eine einzige Katastrophe. Daher kam der Raketenbeschuss der Hamas...ja...geradezu wie "gerufen", um auch hierzulande die üblichen Nebelkerzen zu werfen und vom tatsächlichen Wesenskern des "Konflikts", nämlich Apartheid und Unterdrückung, abzulenken. Natürlich: Die Atommacht Israel ist in seiner Existenz gefährdet, während Siedler in aller Seelenruhe Vorwarn-Apps herunterladen können. Über die fehlende Symmetrie (in allen Belangen) zu diesem Konflikt hat der legendäre Jon Stewart in seiner Daily Show dies wunderbar satirisch auf den Punkt gebracht: https://www.youtube.com/watch?v=bSU0x9WiyeA
27.05.21
14:56
Stefan sagt:
@ Heiko (18.05.21) Volle Zustimmung. Ich war bislang aus beruflichen Gründen mehrmals sowohl in Israel als auch den besetzten Gebieten und man kann über das mantrahafte einseitige Nachbeten ohne jeglichen Bezug zur Realität Einiger nur den Kopf schütteln. Wer Israels Politik boykottiert, boykottiert nicht "die Juden", sondern tut dies aus den gleichen Gründen, wie das hierzulande in den 1980ern noch en vogue war, als man Südafrika boykottierte: Man richtete sich nicht explizit gegen weiße Südafrikaner, sondern gegen eine bestimmte Politik. Die absolute Mehrheit der Israelkritiker a la BDS oder der israelische Verband ehemaliger Veteranen der Israelischen Armee (die mental die alltäglichen Verbrechen nicht mehr auf die Reihe kriegen mit ihrer eigenen Moral)... Ich selbst habe im Leben einige Israelkritische Juden getroffen und dies hat nichts mit Religion zu tun, sondern damit, ob jemand als Person tatsächlich die Größe hat und über seinen eigenen Schatten springen kann, zu sagen, wenn etwas Unrecht ist. all dass wird bewusst ausgeblendet und pauschal mit "Antisemitismus" und "Abstreitung des Existensrechtes" oder "Kauf nicht bei Juden" gleichgesetzt. Aber klar, Israelkritik sei ja erlaubt, über die "Siedlungspolitik" (lies: systematische Entvölkerung und Bevölkerungsaustausch und Willkür in der Verteilung von Ressourcen oder der Bewegungsfreiheit, und und und) könne man ja immer noch "diskutieren".
27.05.21
15:16
Johannes Disch sagt:
In Hamburg hat man es am WE wieder gesehen: Ca. 200 schwarz vermummte Demonstranten skandierten antisemitische Parolen. Es war eine Tarnorganisation der verbotenen islamistischen Gruppierung "Hiz-Ub-Tahrir." Das alles hat nichts mit Protest gegen Israel und seine Politik zu tun. Das ist unverhohlener Antisemitismus. Und der würde auch nicht verschwinden, würde das Palästina-Problem gelöst. Der Antisemitismus ist längst fester Bestandteil der religiös-politischen DNA des heute vorherrschenden fundamentalisitschen Islam, wie er in den Ländern des Nahen Ostens verstanden wird. Und diesen Antisemitismus bringen Flüchtlinge hierher mit nach Deutschland. Und der deutsche Staaat?? Entgegen aller Sonntagsreden, von wegen, für Antisemitismus wäre in Deutschland kein Platz mehr: In Berlin springt ein radikaler Muslim auf die Mauer einer Synagoge, schwenkt ein Messer, dabei Allahuh Akbahr rufend. Bekommt der Mann eine Anzeige wegen Terrorismus?? Nein. Nur eine wegen Hausfriedensbruch. Und auch sonst ist es mit der deutschen Solidarität mit Israel-- dessen Existenzrecht doch angeblich zur deutschen Staatsräson gehört-- in der Realität nicht weit her. Einige Beispiele: -- Die Fluggesellschaft Kuwait Airways darf von Deutschland aus starten, obwohl sie keine Israelis-- sprich: Juden-- transportiert. Die Bundesregierung könnte dieser Fluggesellschaft Start-und Landeerlaubnis entziehen, tut das aber nicht. -- Bei der UN stimmt der der deutsche Botschafter Christoph Heusgen-- ein Merkel-Spezi-- häufig Resolutionen zu, die Israel verurteilen. 13 Mal hob Deutschland 2020 die Hand, wenn es gegen Israel ging. Nur ein einziges Mal die Hand bei einer Resolution gegen den Iran. Der Iran, der Staat, der Israel lieber heute als morgen von der Landkarte tilgen würde und der in Teheran eine öffentlich Uhr stehen hat, die besagt, dass die Existenz des Staates Israels in ca. 40 000 Tagen abläuft. Deutschland ist der wichtigste europäische Handelspartner des Iran. Aus keinem anderen europäischen Land fließt so viel Geld in das antisemitische Mullah-Regime. Mit diesem Geld werden die Raketen finanziert, die in xden letzten Wochen Israel trafen. -- Die JUSOS- die Jugendorganisation der SPD-- würden der Fatah am liebsten ein Veto-Recht bei Entscheidungen zum Nahost-Konflikt einräumen. Jener Fatah, die den Nahen Osten am liebsten ohne Israel sehen würde, wie ein Führungsmitgleid kürzlich unumwunden einräumte: "Es lebe Palästina, vom Fluss bis zum Meer." -- Auch über Entscheidung Trumps, Jerusalem zur Hauptstadt Israels zu erklären, hat sich die deutsche Bundesregierung teilweise echauffiert. Dem vereinten Deutschland gestand man zu, seine Hauptstadt frei wählen zu dürfen, trotz des Leids, das von Berlin aus einst über die Welt gebracht wurde. Israel gesteht das Kanzleramt das offenbar nicht zu. Man sieht: Wie in den Fällen Russland, Belarus und China, so auch im Fall Israel: Menschenrechtsrhetorik ist für Sonntagsreden. In der Realität zählen für die deutsche Politik in der Hauptsache die Wirtschaft und das Geld. Geschäfte mit dem Iran sind für Deutschland offenbar wichtiger als das Existenzrecht Israels.
31.05.21
10:46
Tarik sagt:
Abschließend dazu: @ Stefan Genau das ist der springende Punkt: Niemand hier interessierte sich oder berichtete über z.T. wochenlande friedliche Proteste, die gewaltsam von israelischen Sicherheitskräften ausgelöst wurden. Dieses Vorgehen ist natürlich nicht seperat zu betrachten, sondern bildet lediglich die exekutive Seite dessen, was hierzulande beschönigend als "Israelische Siedlungspolitik" bezeichnet wird und was natürlich auch eine legislative (Gesetze) und judikative (Gerichtsurteile) Ausprägung hat, die alle zusammen ein ziemlich deutliches Bild ergeben - außer natürlich für islamhassende Phrasendrescher, mit denen sich in der Regel eine Diskussion erübrigt. Denn die sind in der Regel auch mit israelkritischen Aussagen (die das Wort "Kritik" auch wirklich verdienen) von Juden, wie sie das kurz anschneiden, in der Regel überfordert, man denke dabei an die Arbeiten von Shlomo Sand oder Eran Elhaik. Denn wie sie richtig sagen: "dies hat nichts mit Religion zu tun, sondern damit, ob jemand als Person tatsächlich die Größe hat und über seinen eigenen Schatten springen kann, zu sagen, wenn etwas Unrecht ist." Punkt.
31.05.21
13:22
grege sagt:
@ Herr Disch In Israel gibt es auch in der Öffentlichkeit präsente Gruppierungen, die sich gegen die Siedlungspolitik stellen und für eine friedliche Zweistaatenlösung agieren. Ein derartiges Pendant ist auf palästinensischer Seite gar nicht vorhanden, zum einen aus dem Grund, dass die Mehrheit gemäß bisherigen Wahl- und Umfrageergebnissen die judenvernichtende und islamistische Politik der Hamas gutheißt. Desweiteren müssten Kritiker der Hamas insbesondere im Gazastreifen als "potentielle Verräter" um Leib und Leben fürchen. Selbst in Deutschland und europäischen Ländern mit hohem muslimischen Migrationsanteil gefährden insbesondere arabisch- und türkischstämmige Kritiker gegenüber Islam und der Hamas ihre körperliche Integrität. Diese Personen müssen im Gegensatz zu unseren Islamprotagonisten teilweise unter Polizeischutz gestellt werden. Die Haltung muslimischer Communities und unserer Islamprotagonisten im Israel-Palästina Konflikt steht spiegelbidlich zur Islamritik. Wer in beiden Fällen dem träumerisch-verklärten Geschichts- und Gegenwartsverständnis der Islamprotagonisten widerspricht, macht sich des Rassismus schuldig. Hier zeigt sich überdeutlich, wer den eigenen Schatten nicht verlassen kann.
03.06.21
14:19
MüllerD sagt:
@Johannes Disch Sehr geehrter Herr Disch, richtig, in Deutschland ist kein Platz mehr für Antisemitismus. Allerdings wird dieser nicht durch Flüchtlinge nach Deutschland importiert - er war bereits schon lange da, bzw. noch nie weg. Es ist schon bezeichnend, wenn vor allem heutige deutsch-alternative Politiker auf der einen Seite ihre neue Liebe zu Israel entdecken um auf der anderen Seite ungeniert rechtsradikalen Gruppen, die den Holocaust leugnen, tatkräftig zur Seite stehen. Wenn man sich auf den Standpunkt stellt, dass es "Judenhass" nur noch in arabischen Staaten gäbe, der nur durch Flüchtlinge importiert wird, leugnet die Realität. Bislang haben weder Israel, die Palästinenser oder die Nachbarländer im Nahostkonflikt ein sehr glückliches Händchen in Sache Diplomatie bewiesen. Und manchmal scheint es auch so, dass keiner der Protagonisten ein ernsthaftes Interesse an einer Lösung hat, anders lassen sich die stetig wiederkehrenden pubertär anmutenden Muskelspiele, bestehend aus Angriff und Verteidigung, Strafe und Vergeltung, kaum noch erklären. Völlig klar, nichts rechtfertigt den Raketenbeschuss aus dem Gaza-Streifen. Aber auf der anderen Seite sind auch die Gängelungen, Diskriminierungen und teils willkürlich anmutende Grenzsperrungen gegenüber den Palästinensern nicht akzeptabel. Von der fragwürdigen Siedlungspolitik Israels ganz zu schweigen. Israel hätte sicherlich die wirtschaftlichen und politischen Möglichkeiten, erste entscheidenden Schritt zu tun, damit eine friedliche Lösung realistisch werden kann um den radikale Kräften unter den Palästinensern das Wasser abzugraben. Aber solange keiner den ersten Schritt tut, wird es so bleiben wie es ist. Und sicherlich ist es auch kein positives Zeichen, wenn das alte (null und nichtige) Jerusalemgesetz hervorgekramt wird, um es durch das Nationalstaatsgesetz wieder salonfähig zu machen um sich dann von Donald Trump beklatschen zu lassen. Und spätestens dann geht es wieder von vorne los: Die Palästinenser erklären Ostjerusalem als Hauptstadt, Israel erklärt ganz Jerusalem als Hauptstadt - und alle sind wieder empört und entrüstet. Eine Endlosschleife ohne daß einer auch nur den Mut und das Rückgrat oder den ernsthaften Willen hätte, etwas zu ändern.
03.06.21
16:34
Stefan sagt:
@ Tarik Was mir persönlich, nicht erst seit gestern, auffällt, ist die z.T. völlige Ignoranz.. Der obige Kommentar von grege ist ein gutes Beispiel. Zu behaupten, dass es auf Seiten der Palästinenser keine friedlichen Aktivisten, Gruppen und Organisationen gebe, entbehrt sowohl den Fakten als auch der Wirklichkeit vor Ort. Ich habe u.a. mit eben solchen Akteuren wie bsp. der WIAM kennengelernt. Mein Eindruck, auch der Erfahrung geschuldet, ist vielmehr, dass gerade der gewaltlose Widerstand die israelische Besatzung vor weitaus größere Probleme stellen würde als radikale Islamisten. Und genau als solche gilt es die Palästinenser darzustellen. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie Bilder um die Welt gingen, als nach dem 11. September eine verhüllte Palästinenserin lautstark vor TV-Kameras jubelte - dass es sich dabei um Archivaufnahmen aus dem Irakkrieg handelte, als Saddam Hussein Tel Aviv mit Raketen beschoss - danach krähte hinterher kein Hahn mehr. Sharon war es damals wichtig, einen Link zwischen Palästinensern und Al Qaida zu schaffen. Denn mit Terroristen, die Flugzeuge auf Hochhäuser krachen lassen, wird sich niemand solidarisieren können, Unterdrückung hin oder her. Man vergisst leicht, dass Israel das technisch hochgerüstete Land weltweit ist mit einem ebenso überlegenen Spionagedienst, wozu Propaganda (man nennt das im Neusprech "Öffentlichkeitsarbeit" gehört). Jair Lapid, der aller Voraussicht nach neuer MP werden wird, ist ein Experte auf diesem Gebiet - während meines letzten Aufenthalts galt er als "graue Eminenz" der Außenpolitik. Sein wichtigstes Projekt: Die Diskreditierung der (friedlichen) BDS-Organisation.
03.06.21
18:16
grege sagt:
@ Stefan Als Nahostexperte ist Ihnen offenbar die Tatsache entgangen, dass die Hamas aus freien Wahlen mit der absoluten Mehrheit hervorgegangen ist. Dass die Hamas an einer Zweistaatenlösung wenig Interesse zeigt, beweist schon ein Blick in ihre Präambel. Mit ihrer Machergreifung in 2006 hat die Hamas kritische Bürger und Medien gezielt drangsaliert und mundtotgemacht. Die Fatha im Westjordanland verhält sich völlig analog. Wenn in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg vergleichbare Parteien die absolute Mehrheit errungen hätten und die Rückgabe der an Polen übergegangen Ostgebiete mit Raketenbeschuss über die Oder gefordert hätten, wäre dieses Land immer noch in 4 Besatzungszonen unterteilt. In Israel finden sie hingegen sehr wohl regierungskritische Medien und Organisationen, die wie "Shalom Achschow" in der Öffentlichkeit die Palästinenserpolitik ihrer Regierung strafrei anprangern können. Aber nennen Sie mir bitte Medien oder Organisationen im Gazastreifen, die die Hamasregierung in der Öffentlichkeit frei von Repressalien kritisieren können!!!
04.06.21
21:28
Tarik sagt:
@ Stefan Mittlerweile ist es offenbar doch N. Bennett geworden.Ich vermute mal, dass Ihnen auch sein Werdegang / Biographie geläufig sein müsste - im Vergleich zu ihm wirkt Lapid fast schon als „Friedenstaube“ – aber nur auf den ersten Blick. Seine Anti-BDS-Propaganda, und er machte ja keinen Hehl daraus, dass Israel alle Ressourcen und Kontakte in nutzen muss, um diese einem öffentlich-rechtlichen Kulturmagazin vor etwa einem Jahr thematisiert wurde: Eine junge israelische Künstlerin hatte hier in Berlin eine eine Ausstellung, in der aus unterschiedlichen Blickwinkel Aktivisten bzw. ihre Projekte dargestellt wurden. Eine ziemlich gelungenes Konzept, das sich „Schwarz-Weiß-Denken“ entzog „Problem“: Auch die BDS bzw. deren Aktivitäten wurden dort präsentiert. Und es gab einen riesigen Shitstorm seitens der üblichen medialen wie politischen „üblichen Verdächtigen“ begleitet von der – neben Putins Chat-Bot-Armee- wohl größten Trollfabrik weltweit: der Hasbara. Es könne, so der Tenor, nicht sein, dass man Antisemitismus eine Plattform böte. Die auch hier von den hiesigen Phrasendreschern vertretene Einseitigkeit hat Annette Groth in einem bemerkenswerten Text thematisiert: „Deutsche Politiker wiederholen das Selbstverteidigungsrecht Israels wie ein Mantra, ständig ist die Rede von den militanten Palästinensern und der radikal-islamistischen Hamas. Ständig wird die Gefahr vor dem „importierten Antisemitismus“ beschworen, da viele Teilnehmende bei den sogenannten „israelfeindlichen und antisemitischen Demonstrationen“ migrantischen Ursprungs mit muslimischer Religionszugehörigkeit sind. Es ist höchst besorgniserregend, wenn Politiker wie Philipp Amthor ausgerechnet anlässlich des Jahrestags der Befreiung von Auschwitz davon spricht, Judenhass sei „natürlich vor allem in muslimisch geprägten Kulturkreisen stark vertreten“. Dass es sich hier um eine grobe Verzerrung sowohl von Geschichte als auch von Fakten handelt...nun, dazu gibt es auch genug Stimmen jüdischer Akademiker, die „über ihren Schatten springen“. Solch namhafte und renommierte Größen wie Shlomo Sand und Eran Elhaik habe ichja bereits genannt. Diese von Groth festgestellten Narrative bezeichnet z.B. auch Ronan Steinke als „faktisch groben Unfug“. „Juden haben zwar auch unter muslimischer Herrschaft jahrhundertelang keine Gleichberechtigung genossen. Von regelmäßigen blutigen Pogromen à la Europa war man dort aber weit entfernt. Nirgends ist die Unterdrückung von Juden harscher gewesen als im christlichen Abendland“ … Die einseitigen Solidaritätsbekundungen von Bundesaußenminister Heiko Maas für den rechten israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu und sein Besuch in Israel sind mehr als peinlich.“ Yakov Ravin schreibt in seinem Essay „Wie Israels Straflosigkeit ein Ende setzen?“ folgendes: „Es mag gut gemeint sein, wenn die Europäer Israel uneingeschränkte Unterstützung anbieten. Aber sie verwechseln die Juden mit dem Staat Israel, dessen grundlegende Ideologie und tagtägliche Praxis ethnische Dominanz ist. Israels zionistische Ideologie geht davon aus, dass nur ein ethnischer Staat mit einer tonangebenden jüdischen Mehrheit den Juden eine wahre Zufluchtsstätte bietet. Viele Juden teilen diesen Glauben nicht, der fortwährend Gewalt hervorbringt. Israelische Flaggen, die auf öffentlichen Gebäuden gehisst werden, stehen nicht für ein schlechtes Gewissen wegen der ethnischen Säuberung während der Nazi-Jahre. Sie sind vor allem ein Zeichen der Solidarität mit einem Land, das viele rechte Europäer als Bollwerk gegen eine angebliche muslimische Expansion ansehen. (…) Rechte Politiker bewundern Israel, einen aggressiven militarisierten Staat, der sozial, ökonomisch und ethnisch extrem gespalten ist und dessen hoch entwickelte Wirtschaft für ausländische Investitionen offen ist. Israels immense Erfahrung in der Aufstandsbekämpfung — gesammelt in einem Jahrhundert des Konflikts mit den Arabern — wurde genauso wie die israelische Ausrüstung in die Kriegführung in Afghanistan, im Irak, Libyen und Mali sowie in Operationen der inneren Sicherheit integriert. Kein Wunder, dass Israel der Liebling rechter Politiker, inklusive der aktuell in Wien regierenden ist.“ Wer die Hamas erwähnt, sollte Ursache und Wirkung nicht vergessen (ein klassisches Symptom islamophober Phrasendrescher): Leopold Weiss, Journalist der FAZ aus gutbürgerlich jüdischem Hause, reiste vor knapp 100 Jahren von Berlin nach Palästina, auch um seinen Onkel – der dort lebte und arbeitete – zu besuchen. In seiner Funktion als Journalist nahm er an Veranstaltungen der zionistischen Führung in Palästina teil und sprach u.a. mit dem späteten ersten israelischen Präsidenten Gurion persönlich. Und Weiss zeigte sich angewidert, wie diese aus europa eingewanderte Minderheit – die damals knapp über 10 Prozent der Bevölkerung nur stellte – sich wie Herrenmenschen benahmen und auftraten und eine Mentalität gegenüber der einheimischen Mehrheitsbevölkerung an den Tag legten, die an US-Siedler und Native Americans erinnert. Sie sahen diesesLand bereits als ihr Eigentum. DAS ist der Ursprung des Konflikts. (Jahre später reiste Weiss durch die Levante, Persien und Afghanisten und nahm irgendwann in Ägypten den Islam und den Namen „Muhammad Asad“ an). Der Zionismus, diese jüdische Ausprägung jener europäischen Ausgeburt, die zig-Millionen Menschen weltweit das Leben kostete: Der Nationalismus. Erst Recht in Gegenden, die nicht wie Mitteleuropa mono- sondern multiethnisch gestalten waren, und wo Gemeinschaften sich größtenteils selbst regulierten, statt einem zentralistischen Zensurapparat, der Menschen nach Abstammung und Rasse definierte und ebenso klarlegte, wer aus Rasse oder Sexualorientierung nicht dazugehört – vor dieser Kehrseite der Aufklärung verschließen Apologeten des Liberalismus gerne die Augen und schwadronieren trotz eigener Blindheit und Ignoranz (wie Sie treffend festgestellt haben) etwas von Steinen und Glashäusern. Ohne eine ordentliche Portion Geschichtsklitterung ist, wie sich zeigt, solch eine Gratwanderung kaum zu bewerkstelligen. Wer von „Hamas“ und religiösen Fanatikern auf Seiten der Palästinensern spricht, - die zurecht zu kritisieren und verurteilen sind -sollte sich ein paar Dinge ins Gedächtnis rufen:dass es jüdische Zionisten waren, die vor über 70 Jahren Bombenanschläge in Palästina auf Cafes und Krankenhäuser verübten und dass damalige radikale Rabbiner (u.a. der Oberrabbiner im Mandatsgebiet persönlich) durch entsprechende „Fatwas“ solche sowie Selbstmordattentate ausdrücklich rechtfertigten (und dies mit jüdischen Kämpfern wie Saul und Samson im A.T. begründeten: Beeindrucke Deinen Gegner indem Du ihn schockierst). Solch eine Doktrin gab es im traditionellen sunnitischen Islam zu keiner Zeit, sondern hat erst in jüngerer Zeit Einzug in der islamischen Welt gehalten. Bzgl. der verzerrten gregschen Darstellung (hier israelische friedliche Zivilgesellschaft, dort die radikalen Antisemiten) haben Sie ja bereit s das Treffende gesagt. Ich nehme mal an, der legendäre Bassist Roger Waters – einer der lautstarksten Unterstützer des BDS – gilt so manchen auch als Antisemit. Tatsächlich zeigt er: Die Siedlungspolitik Israels, bzw. jede einzelte Räumung ist Another Brick in The Wall (!). IN Palästina manifestiert sich die globale Ungleichheit. Und hier zeigt sich deutlich, wer mit seiner Solidaritätsbekundung was unterstützt. Manch einer vlt. ohne es zu wissen, weil ihn seine Islamophobie blendet. Möge also diesen Leuten der Schleier gelüftet und möge Jerusalem frei sein: Frei in dem Sinne, dass Muslime, Christen UND Juden gleichermaßen dort in Frieden leben können.
06.06.21
15:24
Johannes Disch sagt:
@MüllerD (03.06.21, 16:34) Zu sagen, die israelische Siedlungspolitik wäre "diskussionswürdig", wie ich es formulierte, trifft es wohl nicht ganz. Natürlich ist Israels Siedlungspolitik völkerrechtswidrig. So sieht es die UNO. Und sehen es auch die USA. Das alles rechtfertigt aber nicht das jüngste Vorgehen der Hams. Israels Siedlungspolitik ist auch für Israel kontraproduktiv, politisch und ökonomisch. Dass es aber überhaupt so weit kam. daran trägt wiederum die Hamas die Hauptverantwortung. Wenn man ein historisches Datum nennen kann, das die Zweistaatenlösung vielleicht endgültig begrub, dann wäre das der 04. November 1995. An diesem Tag wurde der Architekt des Osloer Friedensabkommens, der israelische Premier Rabin, von einem ultrarechten Israeli ermordet. Wenige Monate später gewann Netanyahus rechte Likud-Partei die Wahlen. Netanyahu hatte bereits 1993 der Zweistaaten-Lösung den Kampf angesagt, weil er fürchtete, das Osloer Abkommen sei nichts anderes als der Auftakt eines künftigen Krieges der Palästinenser gegen Israel, ausgehend von einem Staat im Westjordanland. Netanyahus Sicht hat sich inzwischen durchgesetzt und ist heute Mainstream in der israelischen Politik. Sein Likud wurde bei den letzten Wahlen erneut stärkste Partei. Selbst Netanyahus ärgster Rivale Benny Ganz spricht heute nicht mehr von einer 2-Staaten-Lösung, sondern nur von einer "Entität, wo die Palästinenser unabhängig leben können." Und dass Jerusalem die ungeteilte Hauptstadt Israels ist und bleibt, das ist für Ganz so selbstverständlich wie für alle anderen maßgebenden israelischen Politiker. 1995 gab es einen Rechtsruck in der israelischen Politik, der bis heute anhält und inzwischen Mainstream ist. Und dass es so weit kam, daran hat die Hamas einen gehörigen Anteil. Anstatt nach einer friedlichen Lösung für die Probleme zu suchen, setzte sie -- mal wieder -- auf Gewalt. Aus Frustration über die ergebnislos verlaufenen Camp-David-Verhandlungen brach sie vor 21 Jahren die Zweite Intifada vom Zaun. Mit ihren Terroranschlägen verfestigte sie den Rechtsruck in der israelischen Politik. Sechs Jahre später wählte eine Mehrheit der Palästinenser mit der Hams ausgerechnet jene Partei, die für den Terror verantwortlich war. Die palästinensische Bevölkerung ist also nicht nur Opfer, sondern auch Täter. Wer eine Terrororganisation wie die Hamas-- die nach wie vor die Vernichtung Israels in ihrer Charta stehen hat--zu ihrem legitimen politischen Vertreter wählt, der muss halt auch mit den Konsequenzen leben. 2007 übernahm die Hamas im Gazastreifen gewaltsam die Herrschaft und bedroht seither mit Raketen und Drohnen die Sicherheit Israels. Dies war nur möglich, weil Israel 2 Jahre zuvor den Gazastreifen geräumt und die dortigen Siedlungen aufgegeben hatte. Weil es sich an die Abmachungen von Oslo gehalten hat. Und was bekam Israel dafür?? Den Terror der Hamas. Wer will hier also Frieden und wer den Krieg?? Die Antwort ist eindeutig: Israel trat schon häufiger in Vorleistung, sich dabei an internationale Abkommen haltend. Von der Hamas bekommt es statt konstruktiver Lösungen Terror. Nun herrscht in Israel verständlicherweise die Angst, dass sich eine Schreckensherrschaft der Hamas im Westjordanland wiederholen könnte, sollte dort ein unabhängiger palästinensischer Staat entstehen. Deshalb wird in Judäa und Samaria-- wie in Israel das Westjordanland genannt wird-- auch keine einzige Siedlung geräumt werden. Der Terror der Hamas überdeckt aber nur ihre politische Ohnmacht, die selten größer war als heute. Die USA haben sich mit der Siedlungspolitik Israels abgefunden und auch die Tatsache, dass Trump die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem verlegt hat, wird von Joe Biden nicht zurückgenommen. Zudem hat die Region für die USA nicht mehr die Bedeutung wie früher. Biden hat von seinen Vorgängern gelernt, dass man in dieser Region politisch keinen Blumenstrauß gewinnen kann. Und auch in der arabischen Welt haben die Palästinenser keine potenten Fürsprecher. Und abschließend: Das alles-- die Ereignisse in Gaza und im Westjordanland-- rechtfertigt nicht den Antisemitismus, wie wir ihn seit Wochen auf deutschen Straßen erleben. Und wie wir ihn in der Türkei erleben, wo der Chef der Diyanet, Ali Erbas, in der Hagia Sophia bei der vorletzten Freitagspredigt mit dem Schwert in der Hand auftrat, Jerusalem zu einer islamischen Stadt erklärend. Dabei sekundiert ihm der den Muslimbrüdern nahestehende türkische Präsident Erdogan und ergeht sich in anti-israelischen und antisemitischen Ausfällen. Das alles rechtfertigt auch nicht den Antisemitismus in den islamischen Ländern, wo Antisemitismus in den Schulbüchern steht und vom ersten Schultag an vermittelt wird. Die islamische Welt hat kein Palästina-Problem. Sie hat ein Antisemitismus-Problem.
06.06.21
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