STUDIE

„Soziales Engagement als positive Folge einer religiösen Haltung“

In seiner aktuellen Studie befasst sich Jörg Imran Schröter mit dem sozialen Engagement junger Muslime in Deutschland. Fazit: Religiosität wirkt sich positiv auf ein gesellschaftliches Engagement aus.

12
09
2020
Engagement Jörg Imran Schröter
Jun. Prof. Dr. Jörg Imran Schröter

IslamiQ: Laut Ihrer Studie wirkt sich Religiosität positiv auf das soziale Engagement junger Muslime aus. Wenn man die öffentlichen Debatten verfolgt, könnte man eher das Gegenteil denken. Wie kommt es zu dieser Wahrnehmung?

Jun. Prof. Dr. Jörg Imran Schröter: Soziales Engagement ist häufig die positive Folge einer religiösen Haltung und Einstellung, und das ist meines Erachtens unabhängig von der jeweiligen Religion. Entscheidend ist vielmehr das Verständnis bzw. die Bedeutungsdimension, die mit dem Glauben verbunden wird. Hier haben wir leider aus vielerlei Gründen eine Wahrnehmungsverschiebung, sowohl von außen auf „den Islam“ als auch von Muslimen in ihrem Selbstverständnis: „Islam“ wird gerne als Identität und formale Zugehörigkeit verstanden, weniger als eine anspruchsvolle Aufgabe religiös-moralischer Verwirklichung. „Muslim sein“ wird damit einerseits zu einem Stempel, der einem von außen als Stigma aufgedrückt wird, und andererseits zu einer „Clubzugehörigkeit“. Solche Identitäten sind – um mit Amin Maalouf zu sprechen – „mörderische Identitäten“.

Mein Eindruck ist aber – vielmehr das Ergebnis meiner Studie –, dass es eine junge Generation von Muslimen in Deutschland gibt, die gut ausgebildet ist, sehr bildungsaffin und dabei auch religiös – und das selbstbewusst, selbstbestimmt und reflektiert. Eine solche Haltung führt dann häufig zu sozialem Engagement.

IslamiQ: Wie wirkt sich Religion und vor allem der Islam positiv auf das soziale Engagement aus?

Schröter: Religionen haben eigentlich immer eine ethische Komponente oder besser gesagt eine ethische Konsequenz, die sich aus den Glaubensinhalten ergibt. Im Koran finden wir beinahe durchgehend, wenn von denen, die „glauben“ gesprochen wird, den direkten Nachsatz „und die gute Werke tun“. Das sind wie zwei Seiten einer Münze: Glauben kann im Islam nicht einfach nur als dogmatische Überzeugung aufgefasst werden, sondern muss vielmehr durch „Gutes tun“ bezeugt werden.

Nach einem bekannten Prophetenwort ist das mindeste Bezeugnis des Glaubens einen Stein aus dem Weg zu räumen, über den jemand stolpern könnte – durchaus ganz konkret aufgefasst, aber auch darüber hinaus metaphorisch zu verstehen. Niemandem zu schaden und jedem behilflich zu sein, wäre eine Definition von „Muslim sein“ – als gelebte Eigenschaft einer Haltung und eben nicht nur als Etikett einer Zugehörigkeit. Deshalb ist es im Grunde ganz selbstverständlich, ich meine, ganz im Sinne des muslimischen Selbstverständnisses, wenn sich Muslime sozial engagieren.

IslamiQ: 61 Prozent aller Befragten haben angegeben einer Moscheegemeinde nahe zu stehen. Was für eine Rolle spielt die Moschee?

Schröter: Die Zugehörigkeit zu einer Moscheegemeinde fällt mit 61 % deutlich geringer aus als das Bekenntnis zum Islam (96 %). Hier zeigt sich die in der deutschen Islamdebatte immer wieder erwähnte und dennoch noch zu selten rezipierte Tatsache, dass eine Identifikation mit dem Islam nicht zwingend auch bedeutet, dass man sich einer Moscheegemeinde verbunden fühlen muss.

Unter den jüngsten Befragten (14-21 Jahre) ist mit 70 % der Anteil derer, die einer Moscheegemeinde nahestehen, auffällig höher als bei den älteren Altersgruppen (22-26 Jahre: 57 %; 27-34 Jahre: 54 %). Es zeigt sich damit, dass die Bindung an eine Moscheegemeinde im höheren Alter im Rahmen der untersuchten Gruppe der 14-34-Jährigen abnimmt. Dies könnte möglicherweise darauf zurückzuführen sein, dass die stärkere Anbindung in der jüngeren Altersstufe auf den Besuch von Unterrichtsangeboten in Moscheegemeinden zurückgeführt werden kann.

IslamiQ: Armina Omerika, Professorin für islamische Ideengeschichte an der Uni Frankfurt, beobachte ein stärkeres Engagement bei jungen Muslimen in Zusammenhang mit mehr Abstand zu Moscheegemeinden. Wie sehen Sie das?

Schröter: Langsam, aber dafür immer deutlicher wird klar, dass es eben nicht „den Muslim an sich“ gibt, sondern ganz viele und unterschiedliche Facetten muslimischen Lebens in Deutschland. Eine dieser Facetten beschreibt Prof. Omerika. Ich sehe mit Freude, dass es Tendenzen zunehmender Emanzipierung und kreativer Selbstgestaltung unter muslimischen Jugendlichen gibt.

Eine andere Facette ist, dass auch Moscheegemeinden weiterhin wichtige Orte und Bezugspunkte junger Muslime sind. Teilweise reagieren Moscheegemeinden auch auf veränderte Bedürfnisse, und es gibt positive Rückkopplungen aus anderen Bewegungen. Das Momentum ist damit gegeben und Moscheegemeinden können davon profitieren, wenn sie solche Gelegenheiten wahrnehmen und nutzen und dabei auch bereit sind, Schritte zu unternehmen, um als Orte des Engagements für junge motivierte Muslime attraktiv zu sein.

IslamiQ: In Ihrer Befragung heißt es, dass die Moscheegemeinde ein wichtiger Ort des Engagements sei, das viel facettenreicher sei als „nur“ das Religiöse. Können Sie das näher erläutern?

Schröter: Die Formulierung „nicht nur das Religiöse“ ist sicherlich kritisch zu sehen. Erstens weil dadurch eine gewisse Abwertung des Religiösen ausgesprochen wird und zweitens, weil gerade in der islamischen Glaubenswelt „Religiöses“ und „nicht-Religiöses“ im Grunde kaum getrennt werden kann. Profanste Handlungen, wie beispielsweise der Abwasch, können durchaus als religiöse Verantwortung, ja sogar als „Dschihad“ verstanden werden. Und umgekehrt: Selbst das Ritualgebet hat kaum sakralen Charakter, wenn es ganz unkompliziert in den Alltag integriert wird.

Deswegen ist auch die Moschee nicht etwa ein Tempel oder geweihter Ort, sondern vielmehr Begegnungsstätte. Auch Aktivitäten der Moscheegemeinde beschränken sich tatsächlich nicht nur auf das Auswendiglernen des Korans. Es könnte daher durchaus angebracht sein, Moscheegemeinden für zivilgesellschaftliches – also auch gesamtgesellschaftlich relevantes – Engagement stärker in den Blick zu nehmen und entsprechend Potenziale dort anzusprechen und auch abzuholen.

IslamiQ: Die Mehrheit der Befragten sei Ihrer Befragung zufolge durch die religiöse Gemeinschaft oder durch Freunde zu sozialem Engagement gekommen. Kann man daraus schließen, dass Religiosität abseits von Bildung, sich generell auf das soziale Engagement von Muslimen auswirkt?

Schröter: Das lässt sich zumindest aus meiner Studie so nicht ermitteln, weil die Stichprobe bereits formal hochgebildet war, so dass eine Vergleichsgruppe fehlt. Ich denke aber, dass eine gesellschaftlich wünschenswerte Weise von Religiosität, die sich dann beispielsweise in Engagement äußert, eher durch Bildung erreicht werden kann. Deswegen setze ich mich ja auch so sehr für einen islamischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen ein.

Im Großen und Ganzen brauchen wir die religiöse Bildung unter Muslimen insbesondere dafür um von der Stigmatisierung einer kollektiven Zugehörigkeit wegzukommen und zu einem selbstständigen, freien und reflektierten Bekenntnis des einzelnen Subjekts finden zu können.

 Das Interview führte Recep Yılkın.

Leserkommentare

Vera Praunheim sagt:
Einen speziell islamischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen kann man mögen oder fordern, daß er aber wirklich zu mehr Schulgemeinschaft und Schulfrieden führt ist leider mehr als zweifelhaft. Soll jener doch letztlich die angebliche Überlegenheit des Islam immer mehr festschreiben und für immer "in Zement meißeln" - auch in den Köpfen der Schüler und der Allgemeinheit. Vorrang sollte unbedingt ein übergreifender allg. Religions- oder Ethikunterricht haben, der alle Schüler (m/w/x) vereint und nicht trennt, separiert oder gegeneinander ausspielt. In privaten Islam-Zirkeln oder muslimischen Milieus können die "Feinheiten des Koran-Buches" viel besser diskutiert und hinterfragt werden - auch die Wahrhaftigkeit islamischer Autoritäten und deren Bestrebungen.
12.09.20
15:48
Ute Fabel sagt:
Ich bin leidenschaftliche Atheistin und habe bereits mehrfach die Miete für eine in Wien lebende syrische Witwe (Kopftuchträgerin) und ihre beiden Söhne (25 und 21 Jahre alt) bezahlt. Um Mitgefühl zu entwickeln, gibt es weit bessere Strategien, als sich den Koran zu Gemüte zu führen, der die Menschheit in die erlösungswürdigen Rechtgläubigen und die verdammenswerten Schlechtgläubigen spaltet.
12.09.20
17:48