Corona-Krise

„Vielleicht ist es unser letzter Ramadan“

Die Corona-Krise beschert Muslimen einen ungewöhnlichen Ramadan. Die Gemeinschaft in der Moschee als auch privat bleibt dieses Jahr aus. Gemeinsame Iftar-Abende gibt es nicht. IslamiQ sprach mit Familie Kızılaslan über die Einsamkeit im Ramadan.

12
05
2020
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Ramadan, Gebetskette
Eine ältere Frau mit einer Gebetskette in der Hand © Shutterstock, bearbeitet by iQ

„Wir sind dieses Jahr an Ramadan größtenteils alleine – und der Gedanke vielleicht unseren letzten Ramadan so einsam zu verbringen, bricht uns das Herz“, erzählen Sevim und Salman Kızılaslan. Für sie ist es besonders schwer. Als ältere Menschen während der Corona-Pandemie gehören sie zur Risikogruppe, was bedeutet: Iftar ohne ihre Kinder und Enkelkinder. Alleine. „Mir fehlen die Tage, wo ich meinen Enkelkindern zum Sahûr Gözleme (dt. Teigtaschen) und Pfannkuchen zubereitet habe“, erinnert sich die 72-jährige Sevim Kızılaslan. Die Distanz zu ihren Kindern und Enkelkindern fällt ihr sehr schwer – ganz besonders jetzt. Zur Hilfe kommen ihre Töchter und Söhne, auf Distanz besuchen sie ihre Enkelkinder, aber zum Iftar bleiben sie nicht. Zu groß ist die Angst, dass den Großeltern was geschehen könnte.

Vor 56 Jahren immigrieren sie aus der Türkei in ihre neue Heimat Deutschland. Sie haben den Ramadan noch ganz anders in Erinnerung. „Ein großer Tisch mit vielen verschiedenen Spezialitäten, die man nur zu Ramadan zubereitet hat. An dem Tisch saßen mindestens 15 Menschen. Wir haben versucht, diese Tradition unseren Kindern fernab der Heimat weiter zu geben“, erzählt Salman Kızılaslan. Er ist mittlerweile 80 Jahre alt und lebt nun schon die meiste Zeit seines Lebens in Deutschland. Für ihn war es besonders wichtig, die Kultur, Religion und die Bedeutung der Gemeinschaft den eigenen Kindern und den Generationen danach, mitzugeben. „Je älter ich werde, desto mehr verstehe ich, wie wichtig es ist, die mir noch verbleibende Zeit mit meinen Liebsten zu verbringen. Aber dieses Jahr sitze ich alleine an meinem immer kleiner werdenden Tisch“, sagt der Rentner.

Dieses Jahr ist es für viele Muslime in Deutschland und weltweit ein einsamer Ramadan. Die Fastenzeit bedeutet für Viele, eine Gemeinschaft zu bilden, gemeinsam zum Iftar zu essen und in der Moschee mit der Gemeinde, Seite an Seite das Tarâwîh-Gebet zu verrichten. Eine ungewohnte und traurige Situation, die den diesjährigen Ramadan prägt.   

„Da waren wir wenigstens nicht alleine“

Angekommen in Deutschland ging es für Salman Kızılaslan direkt in eine Unterkunft für Gastarbeiter. „Diese Wohnheime befanden sich in den meisten Fällen auf dem Werksgelände der Betriebe und bestanden aus einfachen Holzbretter-Hütten. Gemeinschaftszimmer mit Etagenbetten, gemeinschaftlichen Küchen und Waschräume boten wenig Privatsphäre“, erinnerte sich Salman Kızılaslan zurück. „Als wir das erste Mal gefastet haben, haben wir zum Iftar nur Brot und Käse gegessen.“ Mehr hatten sie nicht. „Wir haben jeden Tag 14 Stunden in der Fabrik gearbeitet. Wir wussten nie, wann genau wir essen durften, daher haben wir gewartet, bis es einfach dunkel wurde“, so Salman Kızılaslan. Zum Iftar habe man immer in der Gemeinschaft gegessen, „ganz schnell und unauffällig, aber immer gemeinsam“. Irgendwie vermisse er die Tage, auch wenn das Fasten viel anstrengender war. „Da waren wir wenigstens nicht alleine.“

„Mein erster Ramadan ohne die Moschee“

„Wenn die Moscheen schließen, dann verschließen sich auch die Herzen“, habe sein Freund immer gesagt. Für Salman Kızılaslan habe seitdem die Moschee eine ganz andere Bedeutung. Vor allem die Tarâwîh- und Freitagsgebete waren für ihn eine Gelegenheit, seine „Schicksalsfreunde“ (trk. kader arkadaşları) zu treffen. „Wir haben der jüngeren Generation unsere Ramadan-Geschichten erzählt“, erinnert er sich. 

Dieses Jahr fällt auch für ihn der Gang zur Moschee weg. Das Tarâwîh-Gebet muss er alleine und zu Hause verrichten. Besonders in den letzten 10 Tage des Ramadan, wo man die Tage und Nächte spiritueller verbringt, fehle ihm die Moschee und der Imam. Die gemeinsamen Koranrezitationen habe er besonders gemocht, aber auch die Freitagspredigt in seiner Lieblingsmoschee seien sehr besonders gewesen. „Ich habe jeden Ramadan etwas neues von unserem Imam gelernt“, erinnert sich Salman Kızılaslan. „Vielleicht verbringe ich jetzt meinen letzten Ramadan, ohne was gelernt zu haben.“ 

Ein Ramadan zum Vergessen

Für Sevim und Salman Kızılaslan sei es eine traurige und ungewisse Zeit. „Wir wissen nicht, wie sich die aktuelle Situation entwickeln wird, wann wir zu unserem Alltag zurückkehren werden und ob wir diese Phase unversehrt überstehen“, sagt Sevim Kızılaslan. Für sie sei, vor allem wegen ihres fortgeschrittenen Alters, das Zusammenkommen mit ihren Kindern und Enkelkindern sehr wichtig. 

Der Ramadan war für sie immer eine sehr besondere Zeit mit sehr schönen Erinnerungen. Besonders schön war für Familie Kızılaslan immer das Ramadanfest (tr. bayram). Da kam immer die ganze Familie zusammen, es wurde zusammen gekocht und gemeinsam gegessen. Die Älteren haben den Jüngeren mit Geld und Geschenken eine Freude gemacht, die Jüngeren haben die Hände der älteren als Dank geküsst. „Bayram bedeutet, dass die ganze Familie zusammenkommt – ausnahmslos“, erklären Frau und Herr Kızılaslan. Dass es dieses Jahr genau so wird wie die letzten Jahre, bezweifeln sie. „Dann bekommen meine Enkelkinder dieses Jahr halt kein Geld von mir geschenkt“, scherzt Salman Kızılaslan. 

Doch die Hoffnung, das Fest doch mit der Familie verbringen zu können, wollen sie sich nicht nehmen. „Bayram ist dann erst Bayram, wenn man gemeinsam frühstückt, alle schön angezogen sind und die Kinder glücklich sind“, sagt Sevim Kızılaslan. Auch den Kindern und Enkelkindern sei es wichtig, an Bayram beisammen zu sein. „Sie haben sich schon alle angekündigt – mein Essen wollen sie sich nicht entgehen lassen“, sagt Sevim Kızılaslan mit einem lächeln im Gesicht.

„Wir wollen den Ramadan nicht so in Erinnerung behalten. Wer weiß, wie viel Zeit uns noch bleibt? Vielleicht ist es unser letzter Ramadan.“