Augsburg Schwaben

Museum zeigt Feindsinn gegenüber Minderheiten

Das jüdische Museum in Augsburg Schwaben zeigt eine neue Ausstellung zu den Stufen des Feindsinns gegenüber Menschen mit verschiedenen Religionen und Kulturen.

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2019
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Dialog Symbolbild: Religion
Symbolbild: Religion © Perspektif, bearbeitet by iQ.

Am Anfang könnten selbst Basketballer die Durchgänge durchschreiten, am Ende schafft das ohne Verrenkungen höchstens noch ein Kind. „Die Stadt ohne. Juden Ausländer Muslime Flüchtlinge“ heißt die neue Ausstellung des Jüdischen Museum Augsburg Schwaben (JMAS), und sie besteht zu einem großen Teil aus Sperrholzkonstruktionen. Diese sind mehr als Wände zum Aufhängen von Exponaten – sie haben Öffnungen. Vom Start der Schau aus betrachtet werden diese aber immer enger und enger. Warum?

„Enger wird es auch in unserer Gesellschaft“, sagt JMAS-Chefin Barbara Staudinger. Der Anschlag auf die Synagoge in Halle, ständig Übergriffe auf offener Straße auf Juden, Geflohene, Migranten und Muslime sowie Angriffe auf Flüchtlingsheime zeigten, dass Antisemitismus und Rassismus hochaktuelle Phänomene seien. Die bis 29. März 2020 zu sehende Präsentation veranschauliche, „wie eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft zum inhumanen Ausschluss einzelner Gruppen führen kann“. Das tut sie in fünf Schritten – in einer überwiegend schwarz-weißen Kulisse.

Vergangenheit erinnern, Gegenwart verstehen

Erstens: Polarisierung. Wie sich ein Keil zwischen Leute treiben lässt, zeigt etwa ein Plakat der NSDAP von 1932. Darauf zu sehen: Nazi-Gegner in unvorteilhafter Pose, beschrieben mit an hebräische Lettern erinnernden Buchstaben in zittrig-dünnem Druck – demgegenüber die Nazis selbst, forsche Blicke, stramme Züge, kräftig-fette Frakturzeichen. Ums Eck folgt eine AfD-Wahlwerbung von 2018: „Der Islam gehört nicht zu Bayern!“, steht neben einem Kruzifix.

Alle Sperrholzkonstruktionen funktionieren so: Der Besucher wird zunächst mit der Vergangenheit konfrontiert, nimmt den Durchgang – und sieht auf der Rückseite Linien in die Gegenwart. Derzeit seien Populismus und Extremismus wieder sehr stark, sagt dazu Karl Borromäus Murr. Er ist der Direktor des Staatlichen Textil- und Industriemuseums Augsburg (tim), das die JMAS-Schau in seinen Räumen zeigt und deren Kooperationspartner ist. „In dieser Zeit“, meint Murr, „sind Museen aufgerufen, ihren demokratischen Standpunkt zu markieren.“

Stereotypisierung, Empathieverlust und Brutalisierung

Weiter also mit der Aufklärung. Zweitens: Stereotypisierung. Wie Minderheiten zu Ungeziefer abgestempelt werden, veranschaulicht eine Titelseite des Nazi-Hetzblatts „Der Stürmer“ von 1930. Darauf saugt eine Spinne mit Davidstern Gestalten aus, die das deutsche Volk darstellen sollen. Nach dem Durchgang dann eine Karikatur aus der „Süddeutschen Zeitung“ von 2014: Facebook-Boss Mark Zuckerberg mit Hakennase – und als Krake. Dessen Vielzahl an Armen stehe in der antisemitischen Bildsprache für die „jüdische Weltherrschaft“, so der Begleittext.

Drittens: Empathieverlust. Die Nazi-Satirezeitschrift „Die Brennnessel“ druckte 1933 eine Darstellung, wie ein deutscher Mann Geistlichen und jüdischen Bolschewiken die Köpfe absenst – als wären sie Unkraut. Und ein Video zeigt, wie 2018 bei einer Pegida-Demo in Dresden „Absaufen! Absaufen!“ gerufen wird, als es um Flüchtlinge auf dem Mittelmeer geht.

Viertens: Brutalisierung. Historische Listen von Schändungen jüdischer Friedhöfe gibt es einerseits zu sehen, andererseits den angesengten Kissenbezug einer türkischen Familie, die 1992 in Mölln Opfer eines Brandanschlags von Neonazis wurde.

 Ausstellung im Museum anhand von Originalexponaten

Fünftens: Ausschluss. 1920 votierten Mitglieder der Liedertafel in Memmingen gegen die Aufnahme von Juden. Und 2018 forderte die AfD „Islamfreie Schulen!“. Dazwischen der Holocaust.

All diese – und noch mehr – Geschichten erzählt die Ausstellung im Museum anhand von Originalexponaten, oft multimedial. Hasskommentare aus dem Netz sind etwa am Tablet nachzulesen. Die Sperrholzbauten wiederum werden soweit flankiert von Leinwänden, auf denen Szenen aus „Die Stadt ohne Juden“ flimmern, einer Romanverfilmung aus den 1920ern. Buch und Film seien eine Satire auf den damaligen Antisemitismus gewesen, sagt Staudinger, die Leiterin des Museum. „Mit Happy End: Im Film kehren die Juden in ihre Heimat zurück.“

Die Realität sah später meist anders aus. Und wie wird die künftige? Was kommt nach dem engsten Durchgang? Die Ausstellung wirft diese Frage auf. Die Antwort muss jeder selbst geben. (KNA, iQ)