Halle

Rundumüberwachung für Moscheen und Synagogen

Sachsen-Anhalts Innenminister kündigt den Schutz von Synagogen und Moscheen an. Islamische und jüdisch Religionsgemeinschaft fordern dies auch ein.

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Symbolbild: Moscheen, Kirchen und Synagogen an einem Ort by alexander wehrle auf flickr CC 2.0 bearbeitet by IslamiQ

Nach dem Terroranschlag von Halle werden in Sachsen-Anhalt alle jüdischen Einrichtungen und zwei große Moscheen von der Polizei bewacht. Vor all diesen Gebäuden stehe bis auf Weiteres rund um die Uhr mindestens ein Streifenwagen, sagte Landesinnenminister Holger Stahlknecht (CDU) am Freitag der Deutschen Presse-Agentur. Konkret geht es um die Synagogen in Halle, Magdeburg und Dessau sowie um die Moscheen in Magdeburg und Halle. Zudem seien alle Revierleiter angehalten, Kontakt mit den kleineren muslimischen Gemeinden aufzunehmen, um Schutzmaßnahmen zu besprechen. Zuvor hatten mehrere Medien über die neuen Schutzmaßnahmen berichtet.

Am Mittwoch hatte ein schwer bewaffneter Mann versucht, in die Synagoge einzudringen. Als das misslang, erschoss er vor dem Gotteshaus und in einem nahen Dönerladen eine 40 Jahre alte Frau und einen 20 Jahre alten Mann. Bei seiner Flucht verletzte er zwei weitere Menschen. Der 27-jährige Deutsche sitzt inzwischen in Halle in Untersuchungshaft. Er hat die Tat gestanden.

Der Anschlag als Zäsur

Der Anschlag sei eine Zäsur in der Geschichte des Landes Sachsen-Anhalts und der Bundesrepublik, sagte Stahlknecht. Deswegen seien die hohen Schutzmaßnahmen für die Einrichtungen unumgänglich. Die ganztägige Bewachung sei längerfristig angelegt.

Gleichzeitig wies Stahlknecht den Vorwurf zurück, die Polizei hätte die Synagoge vor dem Anschlag nicht ausreichend geschützt. Auch wurden gewünschte Schutzmaßnahmen nicht verwehrt. „Die Synagoge stand und steht immer im besonderen Fokus der örtlichen Polizei.“ Wann immer diese die Bitte geäußert hätten, eine Veranstaltung mit Kräften vor Ort zu schützen, sei man dem nachgekommen, sagte Stahlknecht.

Synagoge wirft Polizei Versagen vor

Wie es in einer am Freitagabend versandten Mitteilung des Innenministeriums heißt, hätten Polizisten „täglich zu unregelmäßigen Zeiten“ an der Synagoge vorbeigeschaut. „Weder polizeilich noch mangels entsprechender Hinweise aus der Jüdischen Gemeinde wurde das Erfordernis einer polizeilichen Begleitung des Gottesdienstes an Jom Kippur gesehen.“ Die seit Jahren geübte Praxis, sich vor Veranstaltungen der Jüdischen Gemeinde eng abzustimmen, werde in Zukunft noch intensiver fortgeführt, hieß es weiter.

Zuvor hatte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Halle, Max Privorozki, beklagt, dass die Polizeibehörden ihm die Bitte um Schutz verwehrt hätten, obwohl er darum gebeten habe. „Bei uns gibt es nie Polizeikontrollen“, monierte er.

Muslime solidarisieren sich mit den Opfern

Muslime solidarisieren sich mit den Opfern und der jüdischen Gemeinde und fordern einen besseren Schutz für Gebetsstätten.

„Der Angriff auf die Synagoge in Halle trifft uns Muslime mitten ins Herz. Unsere Solidarität mit den jüdischen Gemeinden ist uneingeschränkt“, erklärt Bekir Altaş, Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG). Bekir Altaş weiter: „Die feige Untat in Halle zeigt, wie nah uns Christchurch ist. Wir sind fassungslos und zutiefst traurig über den Angriff auf die Synagoge in Halle. Wir sind genauso betroffen wie nach einem Moscheeanschlag. Aus dem, was bisher bekanntgeworden ist, wissen wir: Der Täter hätte genauso eine Moschee angreifen können. Offenbar haben Zufälle den Anschlagsort bestimmt.

„Wir fordern die Politik auf, die Sicherheit aller Gebetsstätten in Deutschland zu gewährleisten. Kein Gläubiger darf Angst haben beim Betreten einer Moschee oder einer Synagoge. Und kein Mensch darf in Zukunft Angst haben, Opfer eines rechtsterroristischen Angriffs zu sein, wenn er vor einer Synagoge oder einer Moschee steht“, verlangt die islamische Religionsgemeinschaft

Anschläge auf Moscheen in Halle in der Vergangenheit

Wir lassen in diesen schweren Stunden unsere jüdischen Geschwister nicht alleine, wir halten zusammen und werden keinen Millimeter gegenüber dem rechten Terror zurückweichen“, solidarisierte sich auch Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland.

Der Anschlag in Halle erinnere ihn sehr stark an den Moscheeanschlag in Christchurch. „Es dürfen keine Anschläge mehr wie in Halle passieren, es dürfen nicht noch mehr Menschenleben zum Opfer des Terrors fallen. Der Staat muss sich wehrhaft zeigen, für die Sicherheit seiner Bürger sorgen, für die Sicherheit der Gotteshäuser sorgen und die Unversehrtheit aller Religionsgemeinschaften gewährleisten und schützen“, fordert Mazyek. In Halle habe es in der Vergangenheit schon Angriffe auf Moscheen gegeben, ohne dass die Sicherheitsvorkehrungen von Seiten der Polizei verschärft wurde, kritisiert Mazyek.  „Unsere Kinder, unsere Familien und unsere Gemeinden leben in Angst. Viele gehen deshalb nicht mehr in ihre Moscheen“, bedauert Mazyek.

DITIB plant mehr Sicherheitsmaßnahmen für Moscheen

Auch die Islamische Religionsgemeinschaft DITIB äußert ihr Entsetzen über den Anschlag in Halle. Die islamische Religionsgemeinschaft bekundet den Hinterbliebenen der Opfer das Beileid. „Das ist ein Angriff auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt und auf unser gemeinsames, friedliches Zusammenleben. Wir verurteilen jeden Angriff auf Menschen jeden Glaubens und jeder Zugehörigkeit. Wir müssen auch ein gemeinsames Zeichen setzen gegen jede Form von Menschenfeindlichkeit, egal ob sie sich gegen Gruppen oder gegen das Individuum richtet. Jeder Mensch ist von Gott in Würde erschaffen und seine Würde ist und bleibt als göttliche Gabe unantastbar“, erklärt Kazım Türkmen, Vorstandsvorsitzender der DITIB.

“Wir haben gestern noch über mögliche Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen unserer Moscheegemeinden beraten“ so Türkmen weiter. „Umso erschütternder ist es, die Aktualität unserer Beratungen mit dieser Nachricht nochmals bestätigt zu bekommen.“ Die Relativierung von Rechtsextremismus stelle ein ernsthaftes Problem in Deutschland dar, meint der muslimische Vertreter. Minderheiten wie Juden oder Muslime, die von Rechtsextremisten zu Feindbildern erklärt würden, seien dabei die Leidtragenden. (dpa/iQ)