Ramadan-Journal

Arbeiten: Fasten unter Muslimen

Auch im Ramadan geht das Leben ganz normal weiter. Da kann das Arbeitsumfeld manchmal eine Herausforderung sein. Die Kollegen fragen und wollen belehren. Unsere Autorin Debora Mendelin arbeitet mit Muslimen und doch fehlt ihr etwas.

23
05
2019
Ramadan-Journal
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Im Ramadan in einem muslimischen Arbeitsumfeld zu arbeiten hat viele Vorteile: Man begrüßt sich mit dem Friedensgruß, unter Kollegen nennt man sich Schwester oder Bruder.ogar den Chef darf man so nennen!

Viele Dinge sind selbsterklärend, werden ohne schräge Blicke, komische Fragen und Kommentare akzeptiert. Es gibt keine komischen Momente mit Männern, die einem irgendwie zu nahe kommen. Man braucht auch keine Hemmungen zu haben, über seine Religion zu sprechen oder etwas einzufordern, was damit zu tun hat. Es gibt verschiedene Räumlichkeiten zur Verrichtung des Gebets und am Freitag findet das gemeinsame Freitagsgebet statt. Besonders im Ramadan macht es natürlich einen riesen Unterschied, wenn man unter Muslimen arbeitet.

Ausnahmezustand im Ramadan

Bei uns ändert sich im Ramadan alles. Die Küche bleibt kalt, man sieht die Kollegen kaum noch, weil man die Mittagspause mit Koran lesen oder im Gebetsraum verbringt. NIcht-Fastende huschen wie Gespenster heimlich mit ihrem Kaffee durchs Gebäude. Nur die Frauen wissen, in welchen Büros gegessen wird – ein großes Geheimnis! Der Ruheraum ist durchgehend besetzt. Alle Abläufe sind klar. Die gemeinsame Mittagspause fällt weg.

Trotzdem kommen wir uns alle ein bisschen näher.. Wir teilen einfach etwas, auch etwas, das uns von anderen unterscheidet. Es sind die Selbstverständlichkeiten, die den Unterschied machen. Natürlich kommt hier niemand auf die Idee, nachzufragen, warum man fastet oder ob man auch kein Wasser trinken darf. Niemand bedrängt einen damit, doch heimlich zu essen oder hält eine Standpauke darüber, wie ungesund das doch ist. Vielmehr fragt man die Kollegin, wie ihr fasten läuft, ob sie Kopfschmerzen hat oder wie lange sie wegen Schwangerschaft und Stillzeit schon nicht mehr gefastet hat. Man fragt die Kollegen, was sie heute zum Iftar kochen oder ob sie zum Sahûr etwas zu sich nehmen. Natürlich herrscht auch Verständnis dafür, wenn die Arbeit mal nicht so optimal geworden ist, weil man fastet. Jeder versteht, wenn man sich vielleicht in der Kritik gegenüber Mitarbeitern etwas mehr zurückhält als sonst und womöglich läuft auch das ein oder andere Meeting reibungsloser ab, da man sich nicht streiten möchte.

In Ruhe fasten

Ich habe keine Lust, ständig auf mein Fasten angesprochen zu werden und mir jeden Tag die gleichen dummen Fragen anhören zu müssen, auf die sowieso keine Antwort gewünscht wird. Zugegeben, ich habe noch nie unter Nichtmuslimen gearbeitet und gleichzeitig gefastet. Deshalb habe ich da keine Erfahrungswerte, aber ich kenne die Geschichten von anderen Muslimen.. Ich glaube, mir würde es gar nicht so viel ausmachen, dass die Kolleginnen und Kollegen vor meinen Augen essen und trinken, dass ich als Einzige nicht essen würde. Was mich einfach nerven würde, wären die vielen Fragen, das Unverständnis und die ständige Thematisierung des Ramadans. Diese Exotisierung und somit die Ausgrenzung, die damit einher ginge. Mich würde es stören, wenn ein rauchender Kollege mir erzählen würde, wie ungesund das Fasten doch sei. Und vor allem würde ich mich wahrscheinlich ständig über mich selber ärgern, weil ich wieder mal nicht die richtige Antwort auf eine Frage geben konnte oder nicht schlagfertig, sondern defensiv auf einen blöden Kommentar reagiert habe. Ich bin schon sehr froh, dass ich mir das alles nicht antun muss und in einer Art Safe Space meinen Ramadan verleben kann, in dem meine Handlungen jeder versteht und wo fast jeder mit dabei ist.

Es fehlt etwas

Allerdings ist es schon etwas komisch, wenn man als Frau das Gefühl hat, sich verstecken zu müssen, wenn man trinkt und isst, und vor allem ist es extrem umständlich. Ich persönlich finde das unnötig. Aber vor allem fehlen mir die MIttagspausen mit meinen Kollegen. Ich brauche die Pausen mit Gesprächen und vor allem mit Humor. Wir lachen sehr viel zusammen, sind ausgelassen und dieser Ausgleich zur Arbeit, der fehlt mir einfach. Mir fehlt es, mal andere Gesichter zu sehen als die, mit denen man täglich zusammenarbeitet oder die, die auf der gleichen Etage sitzen. Die Mittagspause ist auch einfach keine richtige Mittagspause, wenn man in ihr nicht isst. Da schaue ich manchmal auf die Uhr und bemerke, dass ich schon fast Feierabend habe, ohne eine bewusste Pause eingelegt zu haben. Gleichzeitig aber habe ich das Gefühl, noch gar nicht viel geschafft zu haben.

Gemeinschaft ist wichtig

Und so freue ich mich jeden Tag über die tägliche Email meines Kollegen, in der er uns Mitarbeiter zum gemeinschaftlichen MIttagsgebet in die hauseigene Moschee einlädt. So warte ich sehnsüchtig darauf, dass meine Kollegin mich abholt und wir gemeinsam zum Gebetsraum gehen. Dort treffen wir dann auf die anderen Mitarbeiterinnen und verrichten gemeinsam das Gebet. Dieses Gefühl von Einheit ist schon etwas ganz besonderes und ich kann mich glücklich schätzen, gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen im Ramadan im Gebet zu stehen.

Leserkommentare

mo sagt:
Die implizite Aussage, dass nicht-muslimische Männer eher zur sexuellen Aufdringlichkeit am Arbeitsplatz neigen, beruht jedenfalls nicht auf Studien, die in Ägypten durchgeführt wurden. Vorurteile und Pauschalisierungen betreffen eben doch alle gesellschaftlichen Gruppen. Trotzdem lese ich die Artikel der Autorin gerne, da es hier mal nicht um den „Kopftuchskandal-des-Tages“ geht, sondern Frau Mendelin ein bisschen über muslimische Kultur erzählt. Wenn allerdings die gleichen Schülerinnen und Schüler mehrfach bewusstlos im Schulflur liegen, sei mir doch die Bitte erlaubt, das eigene Ramadan-Verhalten so zu optimieren, dass diese Kinder diese Zeit auf gottgefällige Art verbringen können: Der Islam ist zumindest eine pragmatische Religion – und eine Fahrt ins Krankenhaus mit einem Rettungswagen ist sicher nicht gottgefällig. Übrigens kann ich zwar verstehen, dass sich die Autorin von kritischen Nachfragen und Belehrungen genervt fühlt, rege hier jedoch einen anderen Blickwinkel an: Offensichtlich führen diese Nachfragen zu einer Auseinandersetzung und Festigung der eigenen Position, wie der Artikel „Ramadan: Lästige Fragen und die richtige Antwort“ belegt. Insofern kommt die Autorin der Aufforderung nachzudenken und zu reflektieren, die im Koran mehrfach auftaucht, nach. Die Auseinandersetzung mit kritischen Fragen kann daher vielleicht in diesem Sinne mehr als ein Gottesdienst verstanden werden, als das rezitieren von Suren mit Gleichgläubigen – vom Beitrag zur Verständigung mal ganz abgesehen.
22.05.19
17:59
Brad Lewis sagt:
Fastenfreudige Islam-Follower könnten doch in der Ramadam-Zeit auch Urlaub machen und so mit ihren Fasten-Problemen nicht mehr ihrem Arbeitsumfeld zur Last fallen. Muslimische Eigenheiten können die Ungläubigen schon nerven, da diese mit dem Islam-Glaubenskonglomerat nichts am Hut haben und damit auch nichts zu tun haben wollen.
25.05.19
12:22