Grundsatzerklärung

„Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit nicht gleichsetzen“

In einer Grundsatzerklärung fordern 30 jüdische Organisationen mehr Sensibilität gegenüber judenfeindlichen Äußerungen und Angriffen. Antisemitismus sei nicht mit anderen Formen von Hass gegen Gruppen gleichzusetzen – insbesondere nicht mit Muslimfeindlichkeit.

10
07
2018
Antisemitismus © shutterstock
Antisemitismus © shutterstock

Rund 30 jüdische Organisationen präsentierten eine Grundsatzerklärung des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA) und haben die Bundesregierung und die Länder aufgerufen, deutlich Position gegen Judenhass zu beziehen – auch gegen den von Muslimen. Demokratie-Förderprojekte sollten nur öffentlich gefördert werden, wenn sie sich ausdrücklich gegen Judenfeindlichkeit und anti-israelische Boykott-Forderungen stellten, hieß es am Montag in Berlin.

Unterzeichnet ist die Erklärung unter anderen von zwei jüdischen Landesverbänden, zehn Gemeinden sowie der Amadeu-Antonio-Stiftung, dem Moses-Mendelssohn-Zentrum (Potsdam), dem Musiker Andrej Hermlin und dem Grünen-Politiker Volker Beck.

„Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit nicht gleichsetzen“

Laut Erklärung sei Antisemitismus anderen Formen von Hass gegen Gruppen „oft ähnlich, aber nicht gleich“. Bei der Prävention und Intervention gegen Antisemitismus müssen aber die Besonderheiten der über Jahrhunderte ausgeprägten Judenfeindschaft berücksichtigt werden. „Antisemitismus lässt sich nicht erfolgreich als bloße Unterkategorie von Rassismus bekämpfen.“ Schon gar nicht lassen sich Antisemitismus, Rassismus und Muslimfeindlichkeit einfach gleichsetzen.

Auch Religionsgemeinschaften müsse eine deutliche Haltung gegen Judenfeindlichkeit abverlangt werden, etwa bei der Gründung von Ausbildungsstätten für islamische Theologie, hieß es. Der Aufruf bezieht sich damit indirekt auf das jüngst gegründete Institut für islamische Theologie an der Berliner Humboldt-Universität. Dessen Beirat gehören von islamischer Seite ausschließlich drei islamische Religionsgemeinschaften an.

Antisemitismus ernst nehmen

Der Aufruf richtet sich an parteinahe Stiftungen, Wissenschaftler sowie den Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein. „Ich erwarte, dass die Bundesregierung und die Landesregierungen auch den Antisemitismus unter Muslimen als solchen ernst nehmen“, erklärte Lala Süsskind, Vorsitzende des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus sowie Mitinitiatorin der Grundsatzerklärung. Dass der muslimische Antisemitismus von Muslimfeinden instrumentalisiert werde, solle kein Hinderungsrund sein, Judenfeindlichkeit wirksam zu bekämpfen.

Leserkommentare

Dilaver Çelik sagt:
Wo Volker Beck ist, dort kommt nichts gutes raus. Ein rassistisches Schrottregime zu boykottieren als Antisemitismus abzutun zieht nur bei Deutschen, die sich von der Antisemitismus-Keule einschüchtern lassen. Jedoch nicht bei Muslimen.
11.07.18
15:48
Ute Fabel sagt:
Der Antisemitismus, so wie ihn die Nazis betrieben haben, war eine ganz extrem Form des Rassismus. Absurderweise wurde behauptet, Menschen mit jüdischen Vorfahren gehörten zu einer minderwertigen Ethnie. Daher wurden auch erklärte Religionsgegner wie Sigmund Freud verfolgt. Eine pauschal ablehnende Haltung gegenüber der islamischen oder jüdischen Religion zu haben, diese Religionen für völlig unwahr und weit mehr schädlich als nützlich in ihren Auswirkungen zu halten, ist allerdings absolut keine Form des Rassismus, sondern die Ausübung des Grundrechts auf Meinungsfreiheit. Sowohl die Anhänger der jüdischen und islamischen Religion sollten sich schleunigst daran gewöhnen, dass die klare Konfrontation mit den Inhalten ihrer Glaubenslehren Bestandteil einer pluralistischen Gesellschaft ist.
12.07.18
9:14
Moritz sagt:
@Dilaver Çelik Muslime können also keine Deutschen sein? Oder umgekehrt, Deutsche können keine Muslime sein? Verlieren also Deutsche, die den Islam annehmen, ihr Deutschsein? Tatsächlich sind Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit zwei unterschiedliche Dinge. Muslime haben nämlich in den Augen der Islamgegner die Möglichkeit, dem Islam den Rücken zu kehren. Bei Juden gilt das nicht. Judenfeinde sind der Auffassung "einmal Jude, immer Jude".
13.07.18
12:26
grege sagt:
Kommentare offenbaren mangelnde Sensibilität und Empathie von nicht wenigen Muslimen mit dem Thema Antisemitismus. Kein Wunder, dass dem Islam und breiten Teilen der muslimischen Community Skepsis in diesem Land entgegenschlägt.
13.07.18
21:40
Manuel sagt:
@Dilaver Çelik; Was passt Ihnen denn nicht? Offenbar haben Sie ein Problem mit dem Judentum, zeigt ganz eindeutig welches Geistes Kind Sie sind! Und wenn es um Rassismus geht, dann solltet Ihr Moslems mal bei Euch selbst anfangen!
15.07.18
16:42
Ute Fabel sagt:
In vielen Politikfeldern bin ich mit Volker Beck einer Meinung. Mit seiner Position im Jahr 2012 zum Beschneidungsurteil des Landesgerichts Köln, das ich für richtig hielt, war ich aber überhaupt nicht einverstanden. Herr Beck biederte sich damals allzu sehr an die Positionen des konservativen jüdischen Establishments und dessen Blockadehaltung an, was das infrage Stellen von althergebrachten religiösen Ritualen in Form dieser Amputationshandlungen an Minderjährigen betraf. Die Ablehnung von Traditionen der jüdischen Religion wie der Beschneidung von kleinen Babys ist keine Form des Antisemitismus. In Israel selbst kämpft die Initiative Ben Schalem („Vollständiger Sohn“) dagegen. Mit dieser Gruppe hätte sich Herr Beck besser solidarisieren sollen.
16.07.18
8:28
Johannes Disch sagt:
Antisemitismus ist eine Form des Rassismus. Mehr ist dazu nicht zu sagen. -- "Wo Volker Beck ist, da kommt nichts gutes raus." (Dilaver, 11.05.18, 15:48) In aller Regel stimmt das.
19.07.18
22:59
Johannes Disch sagt:
Die Antonio-Amadeu-Stiftung ist eine Lobby-Gruppe. Das ist okay. Aber man muss das berücksichtigen und im Hinterkopf haben, wenn es um diese Einrichtung geht. Mir erschließt sich der Sinn und der Zweck dieser Erklärung nicht. Sind Juden Opfer von Rassimsms, handelt es sich dann um "Rassismus-Opfer Erster Klasse?" Und alle anderen--. inklusive Muslime-- sind "Rassismusopfer zweiter Klasse?" Sicher, der Holocaust bleibt ein einmaliges und unvergleichbares Menschheitsverbrechen. Aber ebenso richtig ist: Antisemitismus ist eine Form des Rassismus. Man kommt dem Antisemitismus also sehr wohl bei mit der Kategorie "Rassismus." Die erwähnte "Erklärung" negiert wissenschaftliche Standards und macht für sich eine Sonderrolle geltend. Wäre es nicht viel sinnvoller (und auch humaner) sich mit allen zu solidarisieren, die von Rassismus betroffen sind? So äußert sich erfreulicherweise Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.
19.07.18
23:19