NourEnergy

#RamadanPlastikfasten als Gottesdienst

NourEnergy ist die erste muslimische Umweltorganisation in Deutschland. Im Interview mit IslamiQ spricht die Organisation über ihre Arbeit und ihre aktuelle Kampagne #RamadanPlastikfasten

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06
2018
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Green Iftar #Plastikfasten NourEnergy © Facebook, bearbeitet by iQ.

IslamiQ: Was zeichnet NourEnergy aus und wodurch unterscheidet ihr euch von anderen Umweltschutzvereinen?

NourEnergy: NourEnergy e.V. ist die erste muslimische Umweltschutzorganisation im deutschsprachigen Raum. Im Bereich des Umweltschutzes liegt unser Hauptaugenmerk in der Projektarbeit, Beratung und Fortbildung von sozialen Einrichtungen hinsichtlich Energieeffizienz und Nachhaltigkeit, sowie der Realisierung umweltfreundlicher Anlagen. In unserem Team bündeln wir unterschiedliche Kompetenzen, die von Ingenieurswissenschaften über Rechtswissenschaften bis hin zu Geisteswissenschaften reichen. Wir verstehen uns als innovativer Akteur, der in der muslimischen Community Akzente setzt, indem er unterschiedliche Themen des Umweltschutzes auf die Agenda setzt, soziale Einrichtungen konzeptionell unterstützt und begleitet sowie als Sprachrohr fungiert, wenn es darum geht den Themenkomplex in die Mehrheitsgesellschaft zu tragen.

IslamiQ: Nachhaltigkeit, Energie- und Ressourceneffizienz war unter Muslimen und in Moscheen in Deutschland lange Zeit kein relevantes Thema. Wie hat sich das muslimische Bewusstsein in den letzten Jahren entwickelt?

NourEnergy: Wenn wir auf die Zeit unserer Gründung vor über 8 Jahren zurückblicken und allein die Präsenz ökologischer Themen unter der muslimischen Community mit heute vergleichen, kann durchaus von großen Fortschritten die Rede sein. Haben wir anfangs bei Moscheegemeinden auf Granit gebissen mit unserer Arbeit, können wir heute nicht jede Anfrage bearbeiten. Entscheidend war neben unserer verstärkten Bildungs- und Sensibilisierungsarbeit in den Moscheen und muslimischen Organisationen, die Realisierung unserer ersten PV-Anlage. Das Pilotprojekt „PV-Anlage für die Mevlana Moschee in Weinheim“, das sich als große Erfolgsgeschichte erwiesen hat, bewirkte Interessensbekundungen seitens Öffentlichkeit und Moscheegemeinden. Nur kurzdarauf folgte die zweite Anlage auf dem Dach der Emir Sultan Moschee in Darmstadt.

IslamiQ: Sie sind ein von Ehrenamtlichen getragener Verein. Wie viele Personen sind im Rahmen von NourEnergy tätig?

NourEnergy: Heute haben wir deutschlandweit über 30 aktive Mitglieder.

IslamiQ: Aktuell bewerben Sie die Aktion #RamadanPlastikfasten. Warum haben Sie den Ramadan als Zeitpunkt für diese Aktion gewählt?

NourEnergy: Es ist die Zeit der Besinnung und der Läuterung der Seelen. In keinem anderen Monat sind wir uns unserem Schöpfer, unserer Sinne und unserer Umwelt so bewusst. Dabei ist der Verzicht von zentraler Bedeutung. Es gilt sich selbst zu überwinden und auf allgegenwärtige Dinge zu verzichten; des Schöpfers, unserer und der Umwelt wegen. Weder das Essen noch das Trinken- im gesunden Maße- sind Handlungen, die außerhalb des Ramadans verboten oder gar verwerflich wären. Trotzdem schaffen wir es von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang davon abzusehen. Wie verhält es sich dann erst mit Handlungen, die ganz offensichtlich gravierenden Einfluss auf unsere Umwelt haben und das Leben negativ beeinträchtigen?

IslamiQ: Wie fällt die Resonanz auf diese Aktion aus und welche Erfolge konnten Sie schon erzielen?

NourEnergy: In Deutschland und der Schweiz haben sich mindestens 12 Organisationen unserem Konzept eines plastikfreien Ramadans angenommen. Ob es nun ein Arbeitskreis des Avicenna Studienwerks, Moscheegemeinden, Hochschulvereinigungen oder sonstige Organisationen waren, sie alle haben auf kreative Art teilgenommen. Die meisten schafften es gänzlich, andere haben ihren Plastikkonsum zumindest drastisch gesenkt. Es ist ein Prozess; und darum geht es. Auf Social Media ist die Kampagne auf erstaunlich viel Begeisterung gestoßen und hat unsere Erwartungshaltung tatsächlich übertroffen.

IslamiQ: Auch setzen Sie sich stark für Solaranlagen an Moscheen ein. Werden bald alle Moscheen mit Solaranlagen ausgestattet sein?

NourEnergy: Solaranlagen sind in erster Linie Mittel zum Zweck. Sie sind Teil unseres Portfolios und werden auch auf langer Sicht sicher von großer Bedeutung sein. Im Vordergrund steht allerdings der Umweltschutz, der sich verschiedener Lösungen bedienen kann. Ein weiterer Weg – neben technischen Lösungen, wie PV-Anlagen oder Solarthermie – ist es seine Energie im Haushalt effizienter zu nutzen. Hierfür bedarf es ein Bewusstsein für unnötigen Wasser- und Stromverbrauch, den wir alle sicher ganz individuell reduzieren können. Unser Anspruch ist es also Moscheen umfassend zu beraten. Von der Förderung von Grünflächen über intelligentere Wasserbewirtschaftung bis hin zu anspruchsvollen technischen Lösungen reicht unser Angebot.

IslamiQ: Was empfehlen Sie muslimischen Gemeinden im Hinblick auf Nachhaltigkeit und Energieeffizienz? Wie kann das Thema auch in ihrer Arbeit stärker in den Fokus gerückt werden?

NourEnergy: Es gibt sicher mehr als nur einen Ansatz, doch möchte ich mich auf einen beschränken. Bevor wir über die Umsetzung von Maßnahmen sprechen, müssen wir uns dem Thema der Umwelt erst einmal bewusst werden. Veränderung folgt auf Erkenntnis. Themen wie Schöpfung und Verantwortung gegenüber dieser sind essentielle Bestandteile des Muslimseins. Was ist unsere Aufgabe auf dieser Welt? Sind Umweltprobleme nur kurze Exkurse wert oder sind sie nicht viel mehr allgegenwärtiger Bestandteil unseres Verantwortungsbereichs. Sowohl Koran als auch Sunnah haben einen unglaublich starken Bezug zur Umwelt. In ihr manifestiert sich die Allmacht Gottes. Es geht also darum einen Bezug zur wundervollen Natur aufzubauen. Im Koran heißt es: „Ihn preisen die sieben Himmel und die Erde, und wer in ihnen ist. Es gibt nichts, was Ihn nicht lobpreist; ihr aber versteht ihr Preisen nicht (…) [17:44]. Es fragt sich, welchen Bezug haben wir zu dieser Schöpfung, welche Gott preist? Mit wie viel Achtsamkeit begegnen wir ihr?