Chaos der Begriffe

Der Kampf um islamische Begriffe

Muslime kritisieren Begriffe wie „Islamismus“ und „Dschihadismus“. Doch können sie Alternativen anbieten, wenn ihnen die Deutungshoheit entrissen wird. Bekim Agai und Armina Omerika durchleuchten im IslamiQ-Interview den Kampf um islamische Begrifflichkeiten.

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03
2017
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Diese Illustratione gehört zu dem Projekt der Bundeszentrale für politische Bildung "Begriffswelten Islam", www.bpb.de/begriffswelten-islam

IslamiQ: Es wird öfter über die Begriffe „Islamismus“, „Dschihadismus“ und „Salafismus“ gesprochen als über den Islam, Dschihad und über die Salaf. Teilen Sie diese Einschätzung? Welche Gründe hat das Ihrer Meinung nach?

Bekim Agai & Armina Omerika: Wir teilen die Einschätzung. Die Gründe liegen auf der Hand. Es gelingt einer kleinen Minderheit, sich für alle sichtbar und destruktiv in Szene zu setzen. Sie haben bestimmte Begriffe zu einer Ideologie verbaut, die aus islamischen Bezügen keine Haltung, sondern eine Rechtfertigung für Taten machen, die zentralen Werten des Islams widersprechen. Durch ihre Bezüge auf islamische Begriffe versuchen sie sich vor muslimischer Kritik zu immunisieren und sich dadurch auch innermuslimisch zu rechtfertigen.

Andererseits erfahren manche theologische Begriffe des Islams eine Umdeutung durch den allgemeinen Sprachgebrauch und die neuen Wortschöpfungen. Daraus ergibt sich teilweise eine Diskrepanz zwischen Bedeutungszuschreibungen in muslimischen Communities und in der Sprachpraxis der Politik, Behörden oder Medien. Dies trifft auch auf politikwissenschaftliche Begriffe zu, die eine spezifische und legitime Verwendung in der Forschung haben, im allgemeinen alltäglichen Sprachgebrauch allerdings weit darüber hinausgehen. In diesem öffentlichen Raum bekommen sie undeutliche, verschwommene Konturen. „Islamismus“ z. B. mag gut von Behörden definiert werden, wird aber öffentlichen Diskurs inflationär gebraucht, manchmal sogar als Synonym für Islam.

Bekim Agai wurde 1974 in Essen geboren. Er studierte in Kairo, Bonn und Bochum, wo er 2003 promovierte. An der Frankfurter Goethe-Universität ist er Professor für Kultur und Gesellschaft des Islams und geschäftsführender Direktor des Instituts für Studien der Kultur und Religion des Islams.

Armina Omerika wurde 1976 in Mülheim an der Ruhr. Sie studierte Islamwissenschaften, Film- und Fernsehwissenschaften und Anglistik und promovierte zum Thema „Islam in Bosnien und Herzegowina im 20. Jahrhundert. Mit besonderer Berücksichtigung der Netzwerke der Jungmuslime“. An der Frankfurter Goethe-Universität ist sie Juniorprofessorin für Ideengeschichte.

IslamiQ: In öffentlichen Debatten werden Ismen gerne zur Abgrenzung verwendet: Nicht der Islam sei gefährlich, sondern der „Islamismus“. Nicht der Bezug zur Salaf sei gefährlich, sondern der „Salafismus“. Solche Unterscheidungsbestrebungen sind zwar verständlich, führen aber nur selten zu einer ausreichenden Differenzierung in der Wahrnehmung. Wie sehen Sie das?

Agai & Omerika: Zunächst einmal sei angemerkt, dass es einen nachvollziehbaren Bedarf an Begriffen als analytischen Kategorien gibt, die Sachverhalte treffend erfassen und einordnen. In diesem Sinne ist es wichtig, politische Ideologien von rein religiösen Bezügen zu differenzieren. Denn es gibt natürlich innermuslimische Rechtfertigungsmuster, die wir nicht übersehen können und dürfen. So wie es Links- oder Rechtsextremismus gibt, gibt es auch Extremismus, der sich islamisch legitimiert. Das wollen Muslime oft nicht hören. Sie weigern sich selbst, den Dingen Namen zu geben, die erklärungsmächtig, überzeugend und nachvollziehbar sind, und geben damit auch die Deutungshoheit über die Begriffe ab.   

 

Weitere Interviews und Beiträge zum Thema:

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IslamiQ: Trotzdem sind sie problematisch.

Agai & Omerika: Ja, solche Begriffe sind dennoch problematisch, weil sie zum einen eben nicht das konkrete Problem beschreiben. Begriffe mit „-ismen“ aber, die Sie nennen, sind unscharf, unpräzise, sie erschweren eine konkrete Ursachenanalyse, weil sie relativ einfache Erklärungen suggerieren und komplexe Sachverhalte wie organisierte politische oder terroristische Gewalt lediglich auf eine ideelle – religiöse – Ebene zurückführen. Probleme von politischer Radikalisierung werden in ihnen unspezifisch, vage und dennoch suggestiv an die islamischen Lehren gekoppelt, was wiederum bestimmte Islambilder untermauert und Stigmatisierungen von Muslimen insgesamt erleichtert.

Zum anderen werden durch diesen Sprachgebrauch problematische Positionen gewissermaßen islamisch „geadelt“. Der einfache Gläubige könnte sich fragen: „Wenn die Salaf für die Muslime wichtige Vorbilder sind, warum ist dann Salafismus problematisch?“ Das spielt dann eigentlich in die Hände von Extremisten, weil es ihre Deutung von Lebenswirklichkeit und ihre Handlungen, und ihre sprachliche Selbstinszenierung  als „genuin islamisch“ bestätigt.

IslamiQ: Muslime werden aufgefordert, die Deutungshoheit über ihre Begriffe, die sie an extremistische Gruppen verloren zu haben scheinen, wiederzuerlangen. Wann und warum haben sie diese Ihrer Einschätzung nach verloren?

Agai & Omerika: Die Muslime haben die Deutungshoheit dort verloren, wo sie keine Debatten um die extremistischen Deutungen und die darin enthaltenen religiösen Bezüge und Legitimationsmuster geführt haben. Es reicht nicht, sich vom Extremismus und Gewalt zu distanzieren und zu sagen, das habe doch „alles mit dem Islam nichts zu tun“. Es muss inhaltlich plausibel gemacht werden für alle, auch außerhalb des eigenen muslimischen Kreises, warum die Rechtfertigungen von Extremisten eine entstellte Deutung des Islams darstellen. Denn sie zitieren ja islamische Quellen, beziehen sich auf islamische Geschichte und Gelehrte, benutzen religiöses Vokabular und Symbolik. Das kann man doch, gerade als gläubiger Mensch, nicht ignorieren oder leugnen.

IslamiQ: Und was ist, wenn Extremisten das Muslimsein völlig abgesprochen wird?

Agai & Omerika: Das Beharren darauf, dass der Terrorismus und die Extremisten keine Muslime sind usw., ist zunächst verständlich, will man doch das schützen, woran man glaubt. Wenn man das im Sinne einer Gegen-Positionierung tut, dann ist das eine legitime Sache. Aber hier kann man nicht stehen bleiben. Das Ignorieren und Bagatellisieren der religiösen Argumente der Extremisten hat indirekt dafür gesorgt, dass sich diese Argumente ausbreiten konnten und dass die Extremisten bestimmte zentrale Begriffe des Islams besetzen konnten.

Das geht bis in die muslimische Community hinein. Was würde wohl passieren, wenn an der Moscheetür stehen würde: „Ramadan ist die Zeit des Dschihad“? Niemand hätte wohl ein gutes Gefühl dabei, weil mittlerweile wohl auch Muslime, denen andere Bedeutungen des Begriffs Dschihad bekannt sind, trotzdem sehr wahrscheinlich, bewusst oder unbewusst, eine starke begriffliche Konnotation mit Gewalt herstellen würden.

Muslime müssen sich selbst stärker bemühen, die Sachverhalte über die wir reden, zu verstehen und auch für andere – nicht nur für sich selbst – nachvollziehbar einzuordnen und zu analysieren. Eine wichtige Voraussetzung für jegliche glaubwürdige und nachvollziehbare Positionierung ist eine unvoreingenommene Aufarbeitung der hier in Frage stehenden Begriffe und Konzepte aus der islamischen Religion. Historische und gegenwärtige Bedeutungen und deren Veränderungen müssen hier offen und kritisch innermuslimisch diskutiert werden. Nur so kann man Deutungen generieren, die sich zugleich aus der islamischen Tradition speisen und den heutigen Bedürfnissen und Gegebenheiten Rechnung tragen, und nur so kann man sich als glaubhafter Partner ins Gespräch bringen.

IslamiQ: Muslime müssen mit der Spannung zwischen ihrem Glauben und den Folgen der Taten Einzelner leben. Wie wird sich Ihrer Meinung nach die belastende Atmosphäre in Deutschland auf die muslimische Jugend auswirken?

Agai & Omerika: Die muslimischen Jugendlichen erleben sich oft als einem Generalverdacht ausgesetzt und sind zudem erste Opfer von politischen, ideologischen und anderen Grabenkämpfen, die gegenwärtig in und um den Islam herum ausgetragen werden. Das sind oft Prozesse, die junge Menschen nicht verstehen und nachvollziehen können, in denen sie aber dann doch irgendwie thematisiert oder, schlimmer noch, problematisiert werden.

Sie müssen häufig allein, ohne Hilfestellung von außen, all diese Widersprüche aushandeln, die sich ergeben aus ihrem eigenen Empfinden und Erleben von Religiosität, aus ihrem eigenen Bild des Islams, aus dem Selbstbild einerseits und den Darstellungen und äußeren Erwartungshaltungen andererseits.

Eine Folge davon sind nicht nur apologetische Haltungen und Diskurse, mit denen sie in einen automatisierten Modus der „Verteidigung“ des Islams treten, die sehr emotional geschieht, weil ihnen der Sachverstand dazu fehlt, was ja im Jugendalter auch eher der Regelfall als die Ausnahme ist.

Eine weitere Folge kann die Abkapselung sein, die Flucht aus der Gesellschaft und Rückzug in hermetisch geschlossene Räume von Gleichgesinnten. Wenn dies einsetzt und wenn sich eine Distanzierung von der eigenen Lebenswirklichkeit und von der Gesellschaft, in der man lebt, als der normale Lebensmodus durchsetzt, dann ist der Kampf um Deutung schon an die Extremisten verloren. Und dann sind auch gleichzeitig für die einzelnen Individuen viele Wege in eine normale Zukunft versperrt, denn Rückzug und Selbstisolierung sind keine erfolgversprechenden Lebensstrategien in einer pluralen, globalisierten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts.

IslamiQ: Wie sollen Muslime mit diesen Folgen umgehen?

Agai & Omerika: Sowohl die Gemeinden und Religionslehrer, als auch die Familien und andere Verantwortlichen aus dem nahen Umfeld der Jugendlichen müssen hier stärkere Sensibilitäten für die schwierigen Prozesse der persönlichen Identitäts- und Persönlichkeitsausbildung entwickeln, denen junge Menschen in diesem empfindlichen Alter und spezifisch in dieser spannungsgeladenen Atmosphäre ausgesetzt sind. Und es wäre sicherlich allgemein hilfreicher, die Zukunftsperspektive der heutigen Jugendlichen in den Blick zu nehmen, als sich über irgendeine verloren geglaubte und zudem stark romantisierte und idealisierte kollektive islamische Vergangenheit den Kopf zu zerbrechen.

Statt eines Rückzugs sollte daher vielmehr die Frage offen angegangen werden, wie sich islamische religiöse Ressourcen in die positive Gestaltung der Gesellschaft einbringen können. Hierzu muss eine muslimische Jugendarbeit die jungen Muslime ermutigen und sie muss ihnen Räume und Möglichkeiten aufzeigen, dies zu tun. Wenn sich junge Menschen aus einer islamischen Motivation heraus für ihren Stadtteil, für ihre Stadt, für ihre Schule, für politische Partizipation, für gesamtgesellschaftliche Ziele und Anliegen einsetzen, kann dies Muslime für diese Aktivitäten gewinnen und gleichzeitig die Sicht von Nichtmuslimen auf den Islam ändern.

IslamiQ: Die entscheidende Frage: Gibt es alternative Begriffe und Ansätze?

Agai & Omerika: Die gibt es, und sie sind Rettung und Zumutung zugleich. Wie oben skizziert, sind wir, im Sinne einer präziseren und treffendere sprachlichen Erfassung der tatsächlichen Sachverhalte, gegen die Verwendung von „Ismen“ in Bezug auf islamische Kernbegriffe. Wir setzen uns dafür ein, die Probleme und ihre Rechtfertigung gleichermaßen zu beschreiben und zu erfassen.  

„Dschihadismus“ ist in unseren Augen „islamisch legitimierter Terrorismus“, „Salafismus“ kann „extremistischer politischer Islam“ sein etc. Wir wissen, dass das vielen weh tut, aber wenn keine überzeugenden Problembeschreibungen geliefert werden, die auch die Bedeutung von islamischen Argumenten für die Rechtfertigung und Werbung der Extremisten zugibt und mitberücksichtigt, hat man den Kampf um die Begriffe in der Gesellschaft bereits verloren.

Das Interview führte Ali Mete.