Institutionelle Islamfeindlichkeit

„Weil du ein Kopftuch trägst, bist du eine unterdrückte Frau und merkst das nicht einmal“

Kulturelle Diversität im Lehrerzimmer wird gefordert, doch wird sie auch angenommen? Prof. Dr. Karim Fereidooni ist in einer Studie dieser Frage nachgegangen und zu dem Ergebnis gekommen, dass vor allem muslimische Lehrer*innen antimuslimischen Rassismus erfahren.

10
09
2016
Kopftuch Muslima Pride
Symbolbild: Junge Frauen mit Kopftuch halten Plakate hoch und demonstrieren für ihr Recht selbst zu bestimmen wie sie sich für Frauen einsetzen
© MuslimaPride

„Wir brauchen mehr Lehrerinnen und Lehrer mit Migrationshintergrund (…)“ konstatiert Bundeskanzlerin Merkel und wiederholt damit eine bildungspolitische Forderung, die seit einigen Jahren von unterschiedlichen Akteur*innen der (Bildungs)Politik, Bildungsadministration, Institution Schule und Gewerkschaften aufgestellt und immer wieder aufs Neue proklamiert wird. Vor allem vor dem Hintergrund einer stetig wachsenden Anzahl von Schüler*innen „mit Migrationshintergrund“ und ihrer Bildungsbenachteiligung im deutschen Schulwesen, werden Lehrer*innen, die einen „Migrationshintergrund“ besitzen als Bereicherung und Notwendigkeit gesehen.

Doch wie verhält es sich mit der Perspektive ebenjener Lehrkräfte? Bisher wurde ihre Sichtweise – vor allem von wissenschaftlicher Seite – zu wenig berücksichtigt. Dem wollte ich mit meiner Studie zu „Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen von Referendar*innen und Lehrer*innen ‚mit Migrationshintergrund‘ im deutschen Schulwesen“ entgegenwirken und entgegen der vielseitigen Erwartungen an diese Lehrkräfte, ihre spezifischen Erfahrungen erörtern und analysieren.

Werden muslimische Lehrer*innen benachteiligt?

Dieser Beitrag widmet sich explizit der folgenden Frage: Erfahren (angehende) Lehrer*innen muslimischen Glaubens bzw. ebenjene Lehrkräfte, denen der muslimische Glaube zugeschrieben wird, antimuslimischen Rassismus in ihrer Ausbildung und/oder in ihrer Tätigkeit als ausgebildete Lehrkraft?

Aus den Ergebnissen wird klar, dass die Mehrheit der untersuchten Lehrkräfte (60,4 Prozent)  Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen am Arbeitsplatz erlebt haben. Bei den Ergebnissen der Studie muss zwischen institutionellen und direkten Diskriminierungserfahrungen unterschieden werden. Ersteres weist darauf hin, dass (angehende) Lehrkräfte, die muslimischem Glaubens sind bzw. denen der muslimische Glaube zugeschrieben wird, in ihrer Tätigkeit als Referendar*in oder Lehrer*in aufgrund der „Kopftucherlasse“, die es kopftuchtragenden Lehrerinnen in vier Bundesländern[1] verbieten, in der Schule das Kopftuch zu tragen, institutionell und direkt rassistisch diskriminiert werden. Direkte Diskriminierungserfahrungen beziehen sich auf diese, die direkt von ihren Kollege*innen und Vorgesetzten diskriminiert werden. Schüler*innen und ihre Eltern wurden bei den Ergebnissen eher nachrangig als Diskriminierende benannt.

Direkte und institutionelle Diskriminierungserfahrungen

Die quantitativen Ergebnisse belegen, dass Lehrkräfte muslimischen Glaubens im Vergleich zu angehenden Lehrer*innen aller anderen Konfessionen bzw. den konfessionslosen Lehrpersonen stärker diskriminiert werden. Allerdings existiert daneben  auch ein konfessionsübergreifender Zusammenhang zwischen den Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen der Lehrer*innen und der Einhaltung religionsbezogener Genuss- und Kleidungsvorschriften sowie dem Gottesdienstbesuch, weil diejenigen Untersuchungsteilnehmer*innen, unabhängig ihrer Konfession, die ihre Lebensmittel religionskonform verspeisen, die die religionsbezogenen Kleidungsvorschriften beachten und die den Gottesdienst ihrer jeweiligen Religion besuchen, vergleichsweise öfter diskriminiert werden als Lehrkräfte, die dasselbe nicht tun.

Des Weiteren werden sämtliche acht Kopftuch tragende Lehrerinnen, die an dieser Studie teilgenommen haben, in ihrem Berufskontext rassistisch diskriminiert.

Es kann also zusammenfassend konstatiert werden kann, dass diejenigen Lehrer*innen, die sich der islamischen Konfession zurechnen, vergleichsweise stärker diskriminiert werden, als Lehrkräfte mit christlichem Glauben; sowie auch Lehrkräfte mit einer sonstigen Religionszugehörigkeit und konfessionslose Lehrer*innen durchschnittlich mehr Diskriminierungen erfahren als christliche Lehrpersonen.

„Ihr Kopftuch ist ein Zeichen der Unterdrückung“

Ein nachfolgendes Beispiel soll diesen Umstand konkret darstellen. Yasemin Pir[2], eine kopftuchtragende muslimische Referendarin gibt ihre Erfahrungen wieder, die sie zu Beginn ihres Vorbereitungsdienstes mit einer Ausbildungslehrerin gemacht hat.

„Dann hat sie gesagt: „Ich will mit dieser Person nichts zu tun haben.“ (.) Dann hat sie zu mir gesagt: „Ja, ich will nicht mit Ihnen zusammenarbeiten, weil das Kopftuch ein Zeichen der Unterdrückung der Frau ist.“

Eine ähnliche Erfahrung machte die muslimische Referendarin mit einem anderen Lehrer: „Im Lehrerzimmer meinte er zu mir: „Frau Pir, merken Sie eigentlich nicht, dass ich nicht mit Ihnen zusammenarbeiten will? Ich würde mein Kind auch nicht in eine Schule schicken, wo eine Kopftuch tragende Lehrerin tätig ist.“

Frau Pir leitet ihre Schilderung mit der Information des empfundenen Akzeptanzmangels seitens ihrer Kolleg*innen ein. Die Ursache für den erfahrenen Akzeptanzmangel belegt Yasemine Pir mit der Narration über eine Begebenheit mit einer Ausbildungslehrerin[3] zu Beginn ihres Referendariats: Nach der ersten Hospitation im Unterricht der Ausbildungslehrerin, ist ihre Abwehrreaktion gegenüber der Kopftuch tragenden Referendarin derart groß, dass sie sich beim Schulleiter das Einverständnis einholt, um nicht weiterhin Frau Pir auszubilden bzw. die Zusammenarbeit mit ihr zu beenden. Als Grund hierfür gibt die Ausbildungslehrerin die durch ihre Imagination konstruierte Unterdrückung von Frau Pir aufgrund des Kopftuchtragens an.

Diese Argumentation erfährt eine Bestätigung seitens des weisungsbefugten und vorgesetzten Schulleiters, denn die Zusammenarbeit zwischen Frau Pir und der betreffenden Ausbildungslehrerin wird unverzüglich, nach der Unterredung mit dem Schulleiter, von Seiten der Ausbildungslehrerin beendet. Damit wird die Ausbildungslehrerin in ihrer ablehnenden Position gegenüber Frau Pir bestärkt. Die Weigerung der Ausbildungslehrerin Frau Pir auszubilden, resultiert aus rassismusrelevanten Vorbehalten gegenüber Frau Pir als Kopftuch tragender Frau, denn die Ausbildungslehrerin setzt das Kopftuchtragen per se mit der Unterdrückung der Kopftuch tragenden Frau gleich.

Wie kam es überhaupt bis zu diesem Punkt? Wir haben den jahrzehntelangen Kopftuchstreit in einem Video zusammengefasst. Klicken Sie auf das Bild, um zum Video zu gelangen.

Kopftuchkarte2

Imagination ist die Beurteilungsgrundlage

Das Paradoxe an der Situation ist, dass die Ausbildungslehrerin natürlich gar nicht weiß, ob Frau Pir tatsächlich unterdrückt bzw. zum Kopftuchtragen gezwungen wird oder nicht, sodass bei ihrer Beurteilung nicht die Realität, sondern ihre Imagination die Beurteilungsgrundlage darstellt. Die zugeschriebene Unterdrückungserfahrung geschieht demnach vor der Folie rassismusrelevanter Sichtweisen auf die Motivation des Kopftuchtragens, welche muslimische Frauen, die Kopftuch tragen, als unemanzipierte und unselbständige Opfer konstruieren, die von ihren Vätern, Ehemännern oder Brüdern gezwungen werden, das Kopftuch anzulegen. Die Folge einer solchen Sichtweise ist, dass die imaginierte Unterdrückung zu einer faktischen Unterdrückung führt, weil der Referendarin das Recht auf Ausbildung von der Ausbildungslehrerin, im Einverständnis mit dem Schulleiter, verwehrt wird.

Die Ausbildungslehrerin bedient sich eines paternalistisch-rassistischen Handlungsduktus, weil sie ihre Weiblichkeitsvorstelllung gegenüber der Referendarin durchsetzen möchte. Der Subtext der Kooperationsverweigerung der Ausbildungslehrerin lautet: „Weil du ein Kopftuch trägst, bist du eine unterdrückte Frau und merkst das nicht einmal. Du benötigst mich, damit ich dir das bewusst mache. Sieh mich an. Ich bin nicht unterdrückt. Ich bin emanzipiert. Ich bilde nur Frauen aus, die wie ich, nicht unterdrückt sind.“ Damit schließt die Ausbildungslehrerin kategorisch die Möglichkeit aus, dass sich Frau Pir selbständig für das Kopftuchtragen entschieden hat und konstruiert eine Dichotomie zwischen Kopftuch tragen und Emanzipation. Demnach ist eine Kopftuchträgerin per se fremdbestimmt und unemanzipiert. An diesem Beispiel wird die Intersektionalität von Rassismus und Sexismus deutlich, weil Frau Pir nicht alleinig aufgrund ihrer Religion antimuslimischen Rassismus erfährt, sondern außerdem, aufgrund ihres Geschlechts, als Kopftuch tragende Muslima, sexistisch und rassistisch von der Ausbildungslehrerin und dem Schulleiter diskriminiert wird. Der verweigerte Kooperationswille der Ausbildungslehrerin, der von dem Schulleiter legitimiert wird, versetzt Frau Pir in eine Abhängigkeitslage, in der ihr die für eine Veränderung notwendige Handlungsmacht fehlt.

Die empfundene Abhängigkeitslage intensiviert sich, weil es Frau Pir nicht gelingt, eine*n andere*n Ausbildungslehrer*in zu finden. Zunächst sieht Frau Pir darin nicht einen weiteren Beweis der gemeinschaftlichen Abwehrreaktion des Kollegiums und dessen Weigerung, eine Kopftuch tragende Frau auszubilden, bis sie schließlich eine abermalige, erneut unmissverständlich vorgetragene, Weigerungshaltung eines Kollegen erfährt, sie auszubilden. Die Kooperationsverweigerung wird damit er