Islamdiskurs

Missbrauch islamischer Begriffe?

Woran denkt man, wenn man die Wörter „Dschihad“ oder „Scharia“ hört? Die Wahrnehmung solcher Begriffe ist orts- und zeitabhängig und kann nach Belieben gelenkt werden, meint Sprachwissenschaftler Mohamed Seif.

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2015
Die Macht der Wörter. © by Jon Fife auf Flickr (CC BY 2.0), bearbeitet islamiQ auf Flickr (CC BY 2.0), bearbeitet islamiQ

Die großen politischen bzw. gesellschaftlichen Weltereignisse hinterlassen ihre Spuren im Sprachgebrauch. Die Verwendung bzw. Nicht-Verwendung von Ausdrücken wird immer durch die gesellschaftlichen Umstände mitbestimmt. (1) Vor allem die Semantik eines Ausdrucks wird stark von den gesellschaftlichen Umständen beeinflusst. Beispiele hierfür sind islamische Begriffe wie Islam, Dschihad, Scharia, Koran, usw.

Wenn wir den deutschen Islamdiskurs in den letzten 50 Jahren betrachten, stellt sich heraus, dass sowohl geopolitische Konflikte im Ausland als auch innenpolitische Auseinandersetzungen den Sprachgebrauch der oben erwähnten Begriffe prägten. Nach der Iranischen Revolution 1979/80 traten Begriffe wie Mulla, Ayatollah, Re-Islamisierung, Islamische Renaissance, islamisches Erwachen, islamischer Fundamentalismus, Islamismus alle mit einer negativen Konnotation im Sprachgebrauch auf.

Nach dem 11. September herrschte die Tendenz, den Ausdruck Islam mit dem Wort Terror in Verbindung zu bringen. Formulierungen wie Gefahr des islamischen Terrors (2), Kampf gegen den islamischen Terrorismus (3), terroristischer Islam (4), islamische Terroristen (5) wurden häufig gebraucht.

Die Semantik des Islamdiskurses

Aber nicht allein die Konflikte und Auseinandersetzungen beeinflussen den Sprachgebrauch im Islamdiskurs. Vielmehr wirken sich die in einer Gesellschaft, Gemeinschaft oder Gruppierung zugrundeliegenden Wertvorstellungen, Denkmuster und die politische Einstellung auf die Art und Weise der sprachlichen Darstellung aus. Die Thematisierung eines Sachverhaltes ist daher mit den gesellschaftlichen Wertvorstellungen, politischen Einstellungen und Interessen verbunden. (6) Die politische bzw. ideologische Orientierung der Akteure prägt demzufolge den Begriffsinhalt.

Ändert sich die Relation zwischen dem Akteur und einem Sachverhalt, so verändert sich die semantische Auslegung eines Begriffs. Der Begriff Dschihad beispielsweise wird im heutigen Sprachgebrauch sehr abwertend gebraucht. Er wird negativen Konnotationen, wie Gewalt und Terror, zugeschrieben. Während des Ersten Weltkrieges hingegen wurde Dschihad in einem anderen Kontext verwendet und glich eher einem Fahnenwort.

Damals wurde in Deutschland für die muslimischen Kriegsgefangenen eine Zeitung namens El Dschihad herausgegeben, mit dem Ziel, die militärische Unterstützung der Soldaten für Deutschland zu gewinnen (7). Dabei wurde der Begriff Dschihad als Leitwort instrumentalisiert und mit positiven Konnotationen verbunden. Die Zeitung El Dschihad wurde in mehreren Sprachen, darunter arabisch, russisch und tatarisch, gedruckt.

In der ersten russischen Ausgabe vom 5.3.1915 hieß es:

Sie, die der Allmächtige uns in die Hände gegeben hat, begrüßen wir! Wir wissen, dass Sie nicht unsere Feinde sind. Sie sind gezwungen worden, die Waffen gegen uns zu richten. Unsere und Ihre Feinde sind Franzosen, Engländer und Russen. Wir möchten Sie nicht wie Feinde behandeln, in Ihnen sehen wir unsere Gäste und beweisen das mit unseren Taten. Die deutsche Regierung hat veranlasst, für Sie ein besonderes Lager, einzurichten, entsprechend Ihrer Tradition und Sitten. Damit ist Ihnen, den Söhnen des Islam, die Möglichkeit gegeben nach den Vorschriften des Propheten zu leben. Ihr Essen entspricht den Vorgaben Ihrer Religion. Es entsteht eine Moschee von dessen hohem Minarett, Sie aufgerufen werden, sich vor Ihren Propheten zu verneigen. Ihre Herzen werden mit Gedanken über das Wohl und Glück Ihrer Völker erfüllt. Für Sie beginnt ein neues, besseres Leben! (8)

Dieser Auszug zeigt, wie der Begriff Dschihad in Abhängigkeit der politischen Orientierung als Mittel zum Zweck umdefiniert werden kann. Ist der Begriff heute extrem negativ gefärbt, so galt er damals als positives Leitwort.

 

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Abb. 1: Hier geht es um die arabischsprachige Ausgabe (Quelle: http://www.eslam.de/begriffe/e/el_dschihad.htm)

Außerdem ist der Text oben rechts mit einem Koranvers angereichert, der heutzutage immer wieder im antiislamischen Diskurs zitiert wird: „Und kämpft gegen sie, bis es keine Verfolgung mehr gibt“ (9). Links über dem Text steht noch ein arabisches Sprichwort mit dem Wortlaut „Das Paradies liegt unter dem Schatten der Schwerte“. Der Text zeigt weiterhin, dass das Freund-Feind Schema in Abhängigkeit des Verhältnisses zwischen den Akteuren neu bestimmt wird. Außerdem zeigt sich der Unterschied zwischen dem damaligen Gebrauch von Wörtern wie Moschee und Minarett und der aktuellen Verwendung, vor allem, wenn man sich an die Debatte um den Moschee-Bau oder das Minarett-Verbot in der Schweiz erinnert.

Auch im Dritten Reich bezogen die Akteure eine andere Position zu Islam und Muslimen, da sie damals als potenzielle Bündnispartner gesehen wurden. Denn Aussagen wie die des Generealleutnants Ralph von Heygendorffs „dass deutsches Blut gespart werden muss, wo immer es sei“ und weiter „dass uns jeder Kämpfer willkommen sein sollte, der an unsere Seite tritt“ (10), waren nicht wenig verbreitet und weisen darauf hin, wie und aus welcher Sicht die „Anderen“ betrachtet wurden.

So verwandelte sich der Islam in der Endphase des Zweiten Weltkrieges in eine deutsche Propagandawaffe. (11) Von Stalin geschlossene oder entweihte Moscheen wurden 1942 neu eröffnet. Die muslimischen Legionäre durften an Feiertagen und Freitagsnachmittagen freinehmen und im Ramadan fasten. Die Soldatengräber wurden nach Mekka ausgerichtet, Kopien des Korans wurden gedruckt und an Soldaten verteilt (12). Außerdem wurden Fortbildungseinrichtungen in Verbindung mit der Universität Göttingen für Imame unter der Leitung des bekannten Orientalisten Professor Dr. Bertold Spuler eingerichtet (13). Es ist unschwer zu erkennen, dass es eine starke pro-islamische Tendenz gab, die zur Zufriedenheit der muslimischen Soldaten beitrug und letztlich der Erfüllung der Kriegsziele diente. Dieses besondere Interesse der Akteure am Islam und den Muslimen hat demnach auch den Gebrauch islamischer Ausdrücke beeinflusst. Diese politische Einstellung der Akteure machte „aus den ehemaligen „Muselmanen“ nunmehr „Muselgermanen“. (14) Das Muslimbild wurde im damaligen Diskurs entsprechend den politischen Interessen positiv nachgezeichnet.

Standpunkt der Akteure

Doch nicht nur das Verhältnis zwischen den Akteuren beeinflusst den Sprachgebrauch, sondern es ist auch der Standpunkt der Akteure zu einem Ereignis, der in großem Maße die eingesetzten Ausdrucksmittel prägt. Während des Afghanistankriegs im Jahre 1979 gegen die Sowjetunion wurde der Ausdruck Mudschahed (Pl. Mudschaheddin) in der deutschen Öffentlichkeit häufig gebraucht. Mit dem Ausdruck Mudschaheddin wurde damals auf die muslimischen Widerstandsgruppen aus Afghanistan und den muslimischen Ländern hingewiesen. (15) Die USA und Deutschland hatten sich damals gegen die sowjetische Invasion des Landes gewehrt, um im Kalten Krieg keine Einflussbereiche zu verlieren. Dieser geopolitische Standpunkt der Akteure gegen die Invasion der Sowjetunion prägte die positive Verwendung der Bezeichnung Mudschaheddin. Damals berichteten BND-Geheimdienstler „von riskanten Einsätzen an der Front und der Zusammenarbeit mit den afghanischen Mudschaheddin“. (16) Die Strategie lautete damals: „Indem man die Gegenseite, die Mudschaheddin-Verbände, mit Waffen, Ausrüstung und Ausbildung unterstützte, so die Hoffnung der US-Geheimdienste, könnte man der Sowjetunion ein „Vietnam-Erlebnis“ beibringen“.(17)

Textbeispiele aus der damaligen Zeit belegen, dass der Ausdruck Mudschaheddin vor allem in der Anfangsphase des sowjetischen Angriffes neutral und gelegentlich sogar positiv dargestellt wurde. Dabei ist die Rede von der großen gesellschaftlichen Unterstützung der Mudschaheddin und von deren Standhaftigkeit, trotz schlechter Ausrüstung und Organisation:

Fast neunzig Prozent der Bevölkerung unterstützen die Aufständischen. Nur deshalb konnten die zunächst nur schlecht organisierten und ausgerüsteten Mudschaheddin durchhalten und allmählich sogar die Schlagkraft ihrer Operationen erhöhen. (18)

Die Rivalität der verschiedenen Gruppierungen indessen wirkt sich militärisch nicht nachteilig aus; de Mudschaheddin haben bewiesen, dass sie sich gegen die sowjetischen Offensiven mit vereinten Kräften zur Wehr setzen können. (19)

Drei Tage lang griff die Rote Armee an, aber zu keiner Zeit kam die Infanterie zu nennenswertem Einsatz. Die Mudschaheddin, die in kleinen Gruppen zu viert oder zu fünft operierten, konnten standhalten. Es waren schließlich die Sowjets, die unverrichteter Dinge abzogen. (20)

Diese Verwendung der Bezeichnung Mudschaheddin hat sich im Sprachgebrauch nicht durchgesetzt und scheint nur eine Wortvariante für die Phase des Afghanistankriegs von 1979 zu sein. Heutzutage spricht man nicht mehr von Mudschaheddin, sondern von Dschihadisten oder Gotteskriegern, die aber im Gegensatz zu den Mudschaheddin pejorativ konnotiert werden. Die beiden Begriffe Mudschaheddin und Dschihadisten stammen vom Begriff Dschihad ab und weisen auf denselben semantischen Gehalt. (21) Nichtsdestotrotz weisen Mudschaheddin und Dschihadisten in der Öffentlichkeit, entsprechend der herrschenden politischen bzw. ideologischen Orientierungen, unterschiedliche Deutungsmuster auf. Aus den erwähnten Beispielen lässt sich erklären, wie in der Öffentlichkeit mit islamischen Begriffen umgegangen wird: sie werden vorwiegend in Verbindung mit politisch-gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und Konfliktsituationen im In- und Ausland verwendet, was zu ihrer Polarisierung führt. Sie werden aus ihrem religiösen Kontext gerissen und verlieren dabei ihre lexikalische Bedeutung. Sie erscheinen deshalb im politischen Sprachgebrauch als leere Hüllen, die nach dem politischen Wunsch und Ziel der Akteure aufgefüllt werden.


(1) Niehr 2014, S. 21
(2) FAZ, 13.09.2001
(3) FAZ, 15.09.2001
(4) Die Tageszeitung, 29.10.2001
(5) Die Zeit (Online-Ausgabe), 24.01.2002
(6) vgl. Girnth 2002, S. 3
(7) http://www.eslam.de/begriffe/e/el_dschihad.htm
(8) http://www.eslam.de/begriffe/e/el_dschihad.htm
(9) Sure 8, Vers 39
(10) Heygendorff, zit. nach Meining 2011, S. 29
(11) vgl. Meining 2011, S. 32
(12) vgl. ebd. S. 32
(13) vgl. Abdullah 1981, S. 34
(14) Bauknecht 2001, S. 81
(15) vgl. Brockhaus 2003, S. 692
(16) Die Welt 06.10.13
(17) Die Welt 06.10.13
(18) Die Zeit, 31.12.1982
(19) Die Zeit, 31.12.1982
(20) Die Zeit, 31.12.1982
(21) Mudschahed: „im Dschihad kämpfender Muslim“ (http://www.duden.de/rechtschreibung/Mudschahed); Dschihadist: „Kämpfer für den Dschihad“ (http://www.duden.de/rechtschreibung/Dschihadist)

Leserkommentare

otto sagt:
Woran denkt man, wenn man die Wörter „Dschihad“ oder „Scharia“ hört? einfach mal google benutzen - dann sieht man Pierre Vogel &co erklären was Scharia ist nicht der ZDM.
06.01.16
20:47