Eine umstrittene islamkritische Aktivistin schult Wiener Staatsschützer – und wirft Fragen zu antimuslimischem Rassismus auf.

Die Wiener Polizei wollte bei einem Präventionsgipfel über Extremismus und Deradikalisierung informieren. Doch die Auswahl einer Referentin sorgt für Kritik: Anna B., Mitarbeiterin des umstrittenen Center for the Study of Political Islam (CSPI), referierte vor Vertreter:innen der Wiener Polizei und des Landesamts für Staatsschutz und Extremismusbekämpfung. Die Organisation wird seit Jahren wegen ihrer islamfeindlichen Ausrichtung und ihrer wissenschaftlich umstrittenen Methoden kritisiert. Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage: Welche Perspektiven prägen die staatliche Auseinandersetzung mit Islamismus – und welche Folgen hat das für Muslim:innen?
Das CSPI präsentiert sich als Einrichtung zur Untersuchung des politischen Islam. Seine Darstellung islamischer Quellen und muslimischer Gesellschaften ist jedoch hochumstritten. Auf seiner Website behauptet das Institut, 51 Prozent islamischer Texte handelten von Politik und zielten auf die Unterwerfung aller Menschen unter Mohammed und Allah. Der tschechische Arabist Bronislav Ostřanský kritisierte den Gründer Bill Warner, einen ausgebildeten Physiker, als ungeeignet für seriöse Islamwissenschaft. Warner sei vielmehr ein Beispiel für die wissenschaftliche Untersuchung gegenwärtiger Islamophobie. Das Southern Poverty Law Center führte ihn zudem unter den führenden antimuslimischen Aktivisten.
Solche Deutungsmuster sind nicht bloß eine akademische Streitfrage. Wenn der Islam vor allem als politisches Herrschaftsprojekt dargestellt wird, geraten muslimische Lebensrealitäten, religiöse Vielfalt und unterschiedliche theologische Auslegungen aus dem Blick. Muslim:innen drohen so pauschal unter Verdacht zu geraten – unabhängig davon, wie sie ihren Glauben praktizieren oder welche politischen Überzeugungen sie vertreten.
Gerade im Bereich der Sicherheitsbehörden ist diese Unterscheidung entscheidend. Islamistische Bestrebungen müssen auf einer belastbaren fachlichen Grundlage untersucht werden. Eine undifferenzierte Betrachtung des Islam kann hingegen Vorurteile verstärken und dazu beitragen, dass muslimische Menschen nicht als gleichberechtigte Bürger:innen, sondern vor allem als potenzielles Sicherheitsproblem wahrgenommen werden.
Anna B. wurde beim Präventionsgipfel als Verhaltensanalytikerin und forensische Linguistin vorgestellt. Ihr Vortrag befasste sich offenbar mit Deradikalisierungsprogrammen für Islamisten. Laut ihrem LinkedIn-Profil war sie zuvor überwiegend als Englischlehrerin und Karrierecoach tätig. Ein früherer Abschnitt ihrer Laufbahn führte sie als Fernsehmoderatorin zu einem russischen Sender.
Besondere Aufmerksamkeit erregt ihr jüngerer akademischer Werdegang: Im April 2022, wenige Wochen nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, begann sie nach eigenen Angaben ein weiteres Studium in Moskau. Dieses schloss sie im April 2025 mit einem PhD ab. Bereits einen Monat später trat sie in Österreich als Expertin für islamische Finanzen auf. Inzwischen wird sie als Forschungsdirektorin des CSPI geführt.
Das Studium in Russland belegt für sich genommen weder eine politische Nähe zur russischen Regierung noch eine fachliche Ungeeignetheit. Es wirft angesichts des Einsatzes vor einer staatlichen Sicherheitsbehörde jedoch Fragen auf, die eine transparente Darstellung ihrer Qualifikationen und ihrer fachlichen Arbeit umso wichtiger machen.
Antimuslimischer Rassismus als blinder Fleck der Prävention
Der Fall berührt eine zentrale Herausforderung staatlicher Extremismusprävention: Wie lässt sich Islamismus wirksam bekämpfen, ohne Muslim:innen unter Generalverdacht zu stellen?
Antimuslimischer Rassismus zeigt sich nicht ausschließlich in offenen Beleidigungen oder körperlichen Angriffen. Er kann auch dort wirksam werden, wo Muslim:innen pauschal als rückständig, gefährlich oder demokratiefeindlich dargestellt werden und ihre Religion als grundsätzliches Sicherheitsrisiko gilt. Werden solche Perspektiven in staatliche Präventionskonzepte übernommen, kann dies das Vertrauen muslimischer Communities in Behörden beschädigen und die Zusammenarbeit erschweren.
Das bedeutet nicht, dass jede kritische Auseinandersetzung mit islamistischen Ideologien rassistisch wäre. Entscheidend ist vielmehr, ob zwischen einer konkreten extremistischen Ideologie und Muslim:innen als vielfältiger gesellschaftlicher Gruppe unterschieden wird – und ob die verwendeten Methoden wissenschaftlichen Standards standhalten.
Umso relevanter ist, dass das CSPI trotz der Kritik an seiner Arbeit im Beirat der Beobachtungsstelle Radikaler Islam in Niederösterreich sitzt. Nach dem Bericht des Standard sind dort ausgewiesene Islamwissenschaftler:innen hingegen nicht vertreten. Dass Mitarbeiter:innen der Organisation nun auch vor Wiener Staatsschützer:innen referierten, verstärkt die Fragen nach den fachlichen Kriterien bei der Auswahl von Expert:innen.
Gegenüber dem Standard erklärte die Wiener Landespolizeidirektion, die Kritik am CSPI und an dessen wissenschaftlicher Methodik sei bekannt und werde ernst genommen. Eine Einladung zu einer Fachveranstaltung bedeute keine pauschale Zustimmung zu den Positionen einer Organisation oder ihrer Vortragenden. Ausschlaggebend seien das Thema, die fachliche Eignung und die Zielsetzung der Veranstaltung gewesen. Die vermittelten Ansätze seien Gegenstand einer kritischen fachlichen Auseinandersetzung gewesen.
Die Frage, ob die Vortragenden einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen wurden, ließ die Polizei unbeantwortet. Der Präventionsgipfel sei insgesamt positiv bewertet worden.