Die Bedeutung von Halal nimmt in Europa seit Jahren zu. Burak Yılmaz erläutert im Interview, wie das EHZ Halal-Prüfungen vornimmt, religiöse Maßstäbe sichert und Transparenz schafft.

IslamiQ: Kann man sich darauf verlassen, dass Produkte, auf denen „halal“ steht, diesen religiösen Anforderungen auch tatsächlich entsprechen?
Burak Yılmaz: Halal ist für viele Muslime kein Lifestyle-Begriff, sondern Teil ihrer religiösen Verpflichtung. Ähnlich wie Speisevorschriften im Judentum oder Fastenregeln im Christentum gehört Halal zum gelebten religiösen Alltag. Entsprechend hoch ist der Anspruch an Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit.
Nicht alles, was als halal gekennzeichnet ist, erfüllt diese religiösen Anforderungen automatisch. Der Begriff ist rechtlich nicht geschützt und wird unterschiedlich ausgelegt. Genau hier setzt Halal-Zertifizierung an: Sie soll Orientierung geben und sicherstellen, dass Produkte und Herstellungsprozesse mit den islamischen Vorgaben vereinbar sind.
Hierbei steht die religiöse Verantwortung im Vordergrund und nicht die Kennzeichnung. Dennoch ist sie wichtig: Halal-Zertifizierung bietet Orientierung im Alltag und unterstützt Gläubige bei der Religionsausübung. Musliminnen und Muslime müssen darauf vertrauen können, dass ihre Religion respektiert wird – vertrauenswürdig und transparent.
IslamiQ: Welchen Anspruch stellen Sie an die Halal-Zertifizierung?
Yılmaz: Das Europäische Halal-Zertifizierungsinstitut (EHZ) ist eine europaweit tätige und international anerkannte Zertifizierungsstelle, deren Halal-Zertifikate in zahlreichen Ländern akzeptiert werden. Es ist eine gemeinnützige Organisation der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG) und arbeitet eng mit muslimischen Institutionen wie demIslamrat zusammen. Im Zentrum unserer Arbeit stehen die Bedürfnisse der muslimischen Bevölkerung. Halal-Zertifizierung ist für diese Menschen keine optionale Kennzeichnung, sondern ein zentrales Kriterium bei ihrer alltäglichen Produktwahl. Deshalb zertifizieren wir Unternehmen in vielen Bereichen der Lebensmittelherstellung – von Stärkegewinnung bis hin zu den Schlachthäusern.
In einer Welt mit wachsender Produktvielfalt ist der Bedarf an verlässlichen, klar gekennzeichneten Halal-Produkten gestiegen. Da auch Musliminnen und Muslime ein fester Bestandteil dieser globalen, zunehmend unübersichtlichen Konsumgesellschaft sind, gewinnt das EHZ zunehmend an Bedeutung. Seine Aufgabe ist es, den Menschen mit einer Halal-Zertifizierung zu helfen, der sie vertrauen können.
Inhaltsstofflisten, E-Nummern oder komplexe Produktionsprozesse sind für viele Verbraucher nur schwer nachvollziehbar. Das gilt nicht nur für die muslimische Bevölkerung, sondern auch für Vegetarier und andere Gruppen, die bestimmte Ernährungs- oder Lebensstilvorgaben beachten. Eine klare, verlässliche und leicht zugängliche Zertifizierung ist daher wichtig – auch im Sinne des allgemeinen Verbraucherschutzes.
IslamiQ: Könnten Sie den Prozess der Halal-Zertifizierung erläutern?
Yılmaz: Der Zertifizierungsprozess beim EHZ beginnt mit einem formellen Antrag des Herstellers. Nach Eingang der erforderlichen Unterlagen werden diese zunächst einer fachlichen Prüfung unterzogen. Sofern diese Bewertung positiv ausfällt, folgt ein Termin zur Betriebsbegehung vor Ort.
Dort überprüfen wir die zu zertifizierenden Produkte, die Produktionsanlagen und -linien sowie die eingesetzten Rohstoffe. Dabei werden Proben entnommen und analysiert. Die Halal-Zertifizierung stellt als Qualitäts- und Konformitätsnachweis sicher, dass sowohl Produkte als auch Produktionsprozesse den islamischen Vorschriften entsprechen.
Die Halal-Zertifizierung baut auf Standards wie IFS, BRC oder ISO auf. Diese stehen für international anerkannte Regelwerke, mit denen Unternehmen Hygiene, Qualität und kontrollierte Produktionsabläufe nachweisen. Die Halal-Zertifizierung ergänzt diese Standards um religiös-ethische Anforderungen, etwa bei der Rohstoffauswahl, der Rückverfolgbarkeit, der Prozesskontrolle und der halal-konformen Verarbeitung.
Nach Abschluss der Prüfung entscheidet das Entscheidungskomitee des EHZ. Erfüllen Hersteller und Produkt die Anforderungen, wird nach Unterzeichnung einer Zertifizierungsvereinbarung das Halal-Zertifikat ausgestellt. Sie ist – abhängig von der Risikoklasse – ein bis drei Jahre gültig. Während der Laufzeit erfolgen in unregelmäßigen Abständen angekündigte und unangekündigte Kontrollen, um die fortlaufende Einhaltung der Halal-Standards zur prüfen und sicherzustellen.
IslamiQ: Sie sprachen vom Verbrauchervertrauen. Wie gewährleisten Sie Transparenz?
Yılmaz: Das Vertrauen der Verbraucher in die Halal-Zertifizierung hat für uns oberste Priorität. Deshalb verfolgen wir eine offene und transparente Kommunikationspolitik. Verbraucher können sich jederzeit direkt an uns wenden und Fragen zu zertifizierten Produkten, zu unseren Standards oder zu konkreten Zertifizierungsentscheidungen stellen.
Zudem sind unsere Maßstäbe, Kriterien, Abläufe oder Zertifizierungsentscheidungen öffentlich zugänglich. Ein weiterer zentraler Vertrauensfaktor ist unsere strikte Haltung in Glaubensfragen: Produkte, die nicht im Einklang mit islamischen Prinzipien stehen – etwa Gelatine aus Schwein oder alkoholische Inhaltsstoffe – werden nicht zertifiziert.
Darüber hinaus entwickeln wir unsere Systeme kontinuierlich weiter. Ein Beispiel ist die Stärkung der Rückverfolgbarkeit: Über einen QR-Code auf unseren Zertifikaten können Verbraucher die Echtheit und den aktuellen Status einer Zertifizierung überprüfen. Ergänzt wird dies durch regelmäßige Audits, dokumentierte Prozesse und eine risikobasierte Überwachung, die sicherstellen, dass Halal-Konformität nicht nur zum Zeitpunkt der Zertifizierung, sondern dauerhaft gewährleistet bleibt.
IslamiQ: Welche Vorteile bietet die Halal-Zertifizierung den Herstellern?
Yılmaz: Die das Halal-Zertifikat auf einem Produkt ist ein Qualitätssiegel. Damit bietet sie nicht nur Musliminnen und Muslimen Orientierung, sondern ist auch der nichtmuslimischen Bevölkerung eine Hilfe, die beispielsweise Wert auf Nachhaltigkeit legen. Insofern ist das Halal-Zertifikat natürlich ein positiver Aspekt für den Absatz und Umsatz.
Zugleich ist das EHZ in mehreren Ländern akkreditiert. Das ermöglicht es, den Zertifizierungsrahmen um länderspezifische Anforderungen zu erweitern und Unternehmen den Marktzugang in andere Länder zu erleichtern – etwa nach Indonesien oder in die Türkei.
IslamiQ: Welchen Vorteil haben diese Akkreditierungen für die Halal-Zertifizierung in Europa?
Yılmaz: Sowohl Indonesien als auch die Türkei sind im internationalen Halal-Sektor Vorreiter. Beide Länder setzen besonders hohe Maßstäbe in Bezug auf religiöse Konformität, Qualitätssicherung und Transparenz.
Die Akkreditierung der EHZ bedeutet, dass es von den staatlichen Halal-Behörden der Türkei und Indonesiens offiziell anerkannt ist und nach deren verbindlichen religiösen und qualitativen Standards zertifizieren darf. Diese Anerkennung bestätigt, dass unsere Verfahren den hohen Anforderungen entsprechen.
Für europäische Unternehmen eröffnet diese internationale Anerkennung einen erheblichen Mehrwert. EHZ-zertifizierte Produkte erhalten dadurch Zugang zu zentralen globalen Halal-Märkten und sind grundsätzlich exportfähig, ohne dass zusätzliche Zertifizierungshürden überwunden werden müssen. Die Akkreditierungen stärken damit nicht nur das Vertrauen muslimischer Verbraucher, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Hersteller und deren internationale Marktpräsenz.
IslamiQ: Sie sprachen zuvor auch von risikobasierter Überwachung. Was ist damit gemeint?
Yılmaz: Zwischen den einzelnen Branchen bestehen Unterschiede, die sich vor allem an der jeweiligen Risikostufe und der Art der Produkte orientieren. Fleisch- und fleischverarbeitende Betriebe sowie chemisch hergestellte Produkte gelten als hochriskant und unterliegen entsprechend intensiven Prüfungen. Produkte auf Getreidebasis hingegen werden in eine niedrigere Risikokategorie eingeordnet. Entsprechend variieren Umfang, Häufigkeit und Intensität der Probennahmen und Kontrollen.
IslamiQ: Wie können sie Verbraucherinnen und Verbraucher die Zusammenarbeit der EHZ mit Unternehmen vorstellen? Gibt es da auch Reibungen?
Yılmaz: Die Zusammenarbeit mit Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen ist von Vielfalt und zunehmender Komplexität geprägt. Diese Entwicklung verstehen wir nicht als Problem, sondern als Aufgabe zur Weiterentwicklung. Neue Produktionsformen und Prozesse erfordern Zertifizierungssysteme, die präzise, nachvollziehbar und zugleich so flexibel sind, dass sie auch mit neuen Anforderungen funktionieren.
Um dem gerecht zu werden, entwickeln wir unsere Prüf- und Bewertungsverfahren kontinuierlich weiter. Dabei arbeiten wir interdisziplinär, unter anderem mit Theologinnen und Theologen oder Chemikerinnen und Chemikern. So stellen wir interdisziplinär sicher, dass Halal-Konformität sowohl religiös fundiert als auch fachlich überprüfbar bewertet wird.
Grundlage unserer Arbeit sind klar definierte islamische Vorgaben sowie international anerkannte Zertifizierungsnormen, insbesondere nach ISO/IEC 17065. Entsprechend prüfen wir nicht nur Inhaltsstoffe, sondern auch Prozesse, Dokumentationen, Kontrollsysteme und bestehende Managementstrukturen.
Es gibt mehrstufige Kontrollmechanismen: ein strukturiertes Beschwerdemanagement, externe Überprüfungen durch Akkreditierungsstellen sowie ein unabhängiges Komitee, das mögliche Interessenkonflikte überwacht.
IslamiQ: Es gab wiederholt Medienberichte über Kritik an Supermarktketten, weil sie Halal-Produkte angeboten haben. Wie gehen Sie mit sowas um?
Yılmaz: Wo Halal-Zertifizierung öffentlich diskutiert wird, sehen wir uns selbstverständlich in der Verantwortung. Wir klären die Bevölkerung auf und zeigen Transparenz – nicht als politischer Akteur, sondern als unabhängige, fachlich arbeitende Zertifizierungsstelle.
IslamiQ: Das EHZ wird in Berichten häufig im Zusammenhang mit der IGMG genannt. Wie ist dieses Verhältnis einzuordnen, und spielt es eine Rolle für Ihre Arbeit?
Yılmaz: Das Europäische Halal-Zertifizierungsinstitut (EHZ) wurde 2001 gegründet und ist eine gemeinnützige Non-Profit-Organisation der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG). Fachlich ist sie eine eigenständige und unabhängige Zertifizierungsstelle, die sich am Wohl der Verbraucherinnen und Verbraucher orientiert.
Wir beraten Unternehmen, prüfen Produkte und Produktionssysteme und zertifizieren sie europaweit nach den Halal-Richtlinien des EHZ-Gelehrtenrates. Dabei ist die institutionelle Herkunft nicht entscheidend für die fachliche Prüfung: Zertifizierungsentscheidungen erfolgen unabhängig, nach klaren Standards und transparenten Verfahren.
Eine letzte Frage: Wie hat sich das Halal-Label in den letzten Jahren entwickelt, und welche Trends beobachten Sie?
Yılmaz: Der europäische Markt für Halal-Lebensmittel und -Getränke wächst seit Jahren kontinuierlich. Für 2024 wird das Marktvolumen auf rund 15,5 Milliarden US-Dollar geschätzt, bis 2029 soll es auf über 20 Milliarden US-Dollar steigen. Das entspricht einem stabilen jährlichen Wachstum von mehr als fünf Prozent.
Ein zentraler Treiber ist die muslimische Bevölkerung in Europa. Zugleich wächst das Interesse nichtmuslimischer Verbraucher, insbesondere wegen der hohen Anforderungen an Hygiene, Qualität, Transparenz, Rückverfolgbarkeit und Nachhaltigkeit.
Diese Entwicklung wirkt sich auf die gesamte Wertschöpfungskette aus. Hersteller berücksichtigen Halal-Kriterien zunehmend bei der Rohstoffauswahl, der Produktentwicklung und in den Produktionsprozessen, aber auch bei Verpackung, Marketing und Verbraucherkommunikation. Digitale Kanäle und soziale Medien gewinnen dabei an Bedeutung, um Informationen und Vertrauen zu vermitteln.
Insgesamt entwickelt sich der Halal-Sektor in Europa zu einem wirtschaftlich relevanten Wachstumsmarkt mit wachsender internationaler Bedeutung.
Das Interview führte Muhammed Suiçmez.