Eine europaweite Studie zeigt: Muslime fühlen sich dem Land, in dem sie leben, zugehörig. Doch gehört Diskriminierung für viele zum Alltag. Die gesellschaftliche Bindung bleibt dennoch hoch.

Debatten über muslimische Jugendliche in Europa bewegen sich häufig zwischen zwei Narrativen: Einerseits abgeschottete Gemeinschaften, die sich der Integration entziehen. Andererseits Jugendliche, die sich von ihren religiösen und kulturellen Wurzeln entfernen.
Eine neue Studie, durchgeführt in neun europäischen Ländern mit mehr als 2.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, zeichnet ein deutlich komplexeres Bild. Demnach ist die muslimische Jugend in Europa heute im Vergleich zu früheren Generationen besser ausgebildet, stärker professionalisiert und weist eine ausgeprägtere Bindung an ihr jeweiliges Land auf. Gleichzeitig zeigt die Untersuchung, dass sich etwa in Deutschland und Frankreich das Gefühl von Unsicherheit, Ausgrenzung und politischer Unsichtbarkeit verstärken.
Studienleiter Prof. Dr. Mahmut Hakkı Akın betont hierzu: „Wir sehen keine einseitige Entwicklung, sondern eine Gleichzeitigkeit von Integration und Erfahrung von Exklusion. Weder lässt sich von geschlossenen Parallelstrukturen sprechen, noch von einer vollständigen Entfremdung von Herkunft und Religion. Die Realität ist deutlich vielschichtiger.“
Die Studie mit dem Titel „Muslimische Jugend in Europa: Das Beispiel IGMG“ wurde von Prof. Dr. Mahmut Hakkı Akın und Ahmed Faruk Ergün von der Istanbul Medeniyet Universität durchgeführt und im Januar 2026 abgeschlossen. Sie basiert auf einer breit angelegten quantitativen Untersuchung in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Belgien, Österreich, der Schweiz, Dänemark, Schweden und Norwegen.
Insgesamt wurden 2.091 Musliminnen und Muslime im Alter zwischen 15 und 40 Jahren befragt. Die Analyse erfolgte nach Altersgruppen (15–18, 19–24, 25–30 und über 30 Jahre). Die Geschlechterverteilung ist nahezu ausgeglichen: 52,6 % der Befragten sind männlich, 47,4 % weiblich. Besonders auffällig ist der hohe Anteil junger Erwachsener – die größte Gruppe stellen mit 40,2 % die 19- bis 24-Jährigen.
Bei den Befragten handelt es sich überwiegend um Jugendliche mit Bezug zu den Jugendstrukturen der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG). Rund 82 Prozent der Teilnehmenden sind aktiv in der Organisation engagiert, während der restliche Teil zwar an deren Aktivitäten teilnimmt, jedoch keine formelle Rolle innehat. Dadurch konnte die Studie gezielt untersuchen, wie sich die organisatorische Einbindung auf Zugehörigkeit, Identität und gesellschaftliche Teilhabe auswirkt.
Prof. Dr. Mahmut Hakkı Akın erklärt dazu: „Gerade die Verbindung zwischen aktiven und weniger aktiven Mitgliedern erlaubt es, unterschiedliche Intensitäten von Zugehörigkeit sichtbar zu machen.“
Ein zentrales Ergebnis der Studie betrifft die Bildungs- und Berufsstruktur. Ein erheblicher Teil der Befragten verfügt über eine Hochschulausbildung. Unter denjenigen, die sich noch in Ausbildung befinden, studieren 39,2 % im Bachelor- und 11,3 % im Masterbereich.
Auch im Berufsleben zeigt sich eine deutliche Verschiebung gegenüber früheren Generationen. Neben klassischen Arbeiterberufen sind zunehmend qualifizierte Tätigkeiten vertreten, darunter akademische Berufe, Lehrtätigkeiten, Ingenieurwesen, Finanzsektor, Gesundheitsberufe und öffentliche Verwaltung.
Studienleiter Akın beschreibt diese Entwicklung als „keinen vollständigen Bruch, aber eine sehr tiefgreifende Veränderung“. Ergänzend betont er: „Die sozialen Aufstiegspfade dieser Generation sind deutlich diversifizierter als bei der ersten Generation der Migranten. Damit verändert sich auch das Selbstverständnis grundlegend.“ Die Unterschiede zur ersten Generation der Arbeitsmigration seien nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch kultureller und sozialer Natur. Klassische Begriffe über Migration reichten nicht mehr aus, um diese neue Generation angemessen zu beschreiben.
Ein weiteres zentrales Merkmal ist die ausgeprägte Zweisprachigkeit. 54,2 % der Befragten geben an, sowohl Türkisch als auch die Landessprache auf gleichem Niveau zu beherrschen. Noch deutlicher wird dies im Wunsch nach zweisprachigen Angeboten: 86,8 % sprechen sich dafür aus, dass Angebote in der Jugendarbeit in beiden Sprachen durchgeführt werden.
Die Ergebnisse zeigen, dass Sprache nicht mehr als einseitiger Integrationsprozess verstanden werden kann. Während die Herkunftssprache als Träger von Identität und Zugehörigkeit fungiert, wird die Landessprache als Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe betrachtet.
Laut Akın handelt es sich hierbei nicht um eine Übergangsphase, sondern um eine dauerhaft etablierte Realität einer „zweisprachigen und bikulturellen Struktur“. „Diese Zweisprachigkeit ist kein Defizitmodell, sondern ein Normalzustand einer neuen Generation in Europa.“
Trotz positiver Entwicklungen in Bildung und Partizipation zeigt die Studie deutlich, dass Diskriminierung weiterhin eine zentrale Erfahrung vieler muslimischer Jugendlicher ist. So geben 50,8 % der Befragten an, bei der Jobsuche aufgrund ihrer muslimischen Identität benachteiligt zu werden. 38,9 % berichten von konkreten Problemen im Bildungs- oder Arbeitsumfeld aufgrund religiöser Symbole wie Kopftuch oder Bart. 37,2 % geben an, bereits rassistische Erfahrungen in Schule oder Beruf gemacht zu haben.
Auch Formen alltäglicher Diskriminierung sind weit verbreitet: 46,6 % berichten von verbalen Angriffen, während 10,3 % bereits körperliche Übergriffe erlebt haben. Diese Erfahrungen deuten auf eine kontinuierliche Präsenz von „Alltagsrassismus“ hin. Akın ordnet diese Befunde als strukturelles Problem ein: „Diese Erfahrungen sind nicht episodisch, sondern in vielen Fällen wiederkehrender Bestandteil des Alltags.“
Bemerkenswert ist jedoch, dass diese Erfahrungen nicht zu einem Rückzug aus der Gesellschaft führen. Nur 13,5 % der Befragten geben an, sich ihrem Land nicht zugehörig zu fühlen. Mehr als die Hälfte (53,4 %) fühlt sich dem jeweiligen Land verbunden, während 33,1 % sich nicht festlegen.
Auch der Wunsch, aktiv zur Gesellschaft beizutragen, ist stark ausgeprägt: 65,9 % möchten in ihrem jeweiligen Bereich einen Beitrag leisten. Der Anteil derjenigen, die einen Umzug in die Türkei in Betracht ziehen, liegt bei lediglich 19,7 %.
Akın betont hier besonders die Gleichzeitigkeit der Entwicklungen: „Zugehörigkeit und Unsicherheit schließen sich nicht aus, sondern bestehen parallel.“
Die Studie zeigt, dass die organisatorische Einbindung einen positiven Einfluss auf gesellschaftliche Teilhabe hat. Jugendliche, die aktiv in IGMG-Strukturen eingebunden sind, weisen eine höhere Motivation auf, sich in ihre Gesellschaft einzubringen. Dies deutet darauf hin, dass religiöse Organisationen nicht isolierend wirken, sondern vielmehr soziale Ressourcen bereitstellen. Sie fördern Zugehörigkeit, Orientierung und gesellschaftliches Engagement.
Akın fasst zusammen: „Solche Strukturen sind weniger Rückzugsräume als vielmehr soziale Brückenräume.“
Ein weiterer Befund betrifft das Verhältnis zur Politik. 63,5 % der Befragten sind der Meinung, dass politische Akteure muslimische Interessen stärker berücksichtigen sollten. Gleichzeitig liegt die Bereitschaft, selbst politisch aktiv zu werden, bei lediglich 28,7 %.
Diese Differenz weist auf ein strukturelles Repräsentationsdefizit hin. Viele Jugendliche fühlen sich politisch nicht ausreichend vertreten, äußern jedoch gleichzeitig den Wunsch nach stärkerer Berücksichtigung.
Politik wird zudem häufig als risikobehafteter Raum wahrgenommen – geprägt von Polarisierung, Stigmatisierung und gesellschaftlichen Spannungen. Dies führt zu einer eher vorsichtigen Haltung gegenüber direkter politischer Beteiligung.
Besonders in Deutschland und Frankreich zeigt sich eine größere Skepsis. In diesen Ländern äußern Jugendliche häufiger Zukunftssorgen und ein geringeres Sicherheitsgefühl. Die Studie führt dies unter anderem auf die stärkere Präsenz islamkritischer bis islamfeindlicher Diskurse und rechtspopulistischer Strömungen zurück.
Akın ergänzt hierzu: „Das politische Feld wird nicht grundsätzlich abgelehnt, aber als begrenzt zugänglich wahrgenommen.“
Die Ergebnisse stellen auch verbreitete Annahmen über islamische Gemeinschaften infrage. Entgegen der Annahme, islamische Gemeinschaften würden „Parallelgesellschaften“ befördern, zeigen die Daten, dass diese Zugehörigkeit und gesellschaftliche Beteiligung stärken. So liegt der Anteil derjenigen, die sich ihrem Land zugehörig fühlen, unter aktiv Engagierten bei 55,5 %, während er bei weniger eingebundenen Jugendlichen deutlich niedriger ist.
Studienleiter Akın betont in diesem Zusammenhang, dass islamische Gemeinschaften „kein Hindernis für Integration, sondern vielmehr ein unterstützender Faktor“ sind. Es handele sich nicht um abgeschottete Gemeinschaften, sondern um hybride Strukturen, die sowohl traditionelle als auch moderne Elemente vereinen.
Ein weiterer wichtiger Befund betrifft die Rolle muslimischer Frauen. Die Studie zeigt, dass sie über ein hohes Bildungsniveau verfügen und eine starke Motivation zur gesellschaftlichen Teilhabe aufweisen. Die Ergebnisse widersprechen gängigen Stereotypen, die muslimische Frauen als passiv oder aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen darstellen. Vielmehr zeigt sich ein aktives und engagiertes Profil.
Die Vorsitzende der IGMG-Frauenjugendorganisation, Zehra Karataş, betont die Bedeutung der Ergebnisse – insbesondere im Hinblick auf die Rolle muslimischer Frauen in Europa. „Die Daten zeigen, dass junge muslimische Frauen sowohl ein hohes Bildungsniveau haben als auch eine starke Motivation, sich am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen“, so Karataş.
Dass Frauen in vielen Bereichen sogar eine höhere Motivation zur öffentlichen Teilhabe als Männer aufweisen, widerlegt für Karataş die Annahme, der Islam dränge Frauen aus dem öffentlichen Raum. Karataş betonte zudem, dass die zunehmende Präsenz muslimischer Frauen in Bildung, Arbeitswelt und Zivilgesellschaft ihre gesellschaftliche Zugehörigkeit weiter stärke. „Deshalb müssen Hürden abgebaut und muslimischen Frauen mehr Räume zur Entfaltung eröffnet werden“, so die Vorsitzende der IGMG-Frauenjugend.
Der Vorsitzende der IGMG-Jugendorganisation, Furkan Kahraman, bezeichnet die Studie als wichtige Bestandsaufnahme: „Die Ergebnisse haben uns teilweise überrascht, teilweise aber auch bekannte Realitäten bestätigt. Die Studie zeigt insgesamt, dass einfache Integrationsnarrative der Realität nicht gerecht werden. Muslimische Jugendliche in Europa sind weder isoliert noch vollständig assimiliert. Vielmehr bewegen sie sich in einem Spannungsfeld aus Diskriminierungserfahrungen und dem Wunsch nach Zugehörigkeit und Mitgestaltung.“
Studienleiter Akın fasst die Gesamtsituation zusammen: „Es entsteht kein eindeutiges Bild von Integration oder Desintegration, sondern eine dauerhafte Gleichzeitigkeit von Zugehörigkeit, Erwartung und struktureller Spannung.“