Religion

Experten rechnen künftig mit wachsender religiöser Vielfalt

Laut Experten der Bertelsmann Stiftung und die Bundeszentrale für politische Bildung müssen sich Politik und Gesellschaft auf eine veränderte religiöse Landschaft einstellen.

13
07
2021
Dialog Religion Hass und Gewalt
Symbolbild: Religion © Shutterstock, bearbeitet by iQ.

Politik und Gesellschaft müssen sich nach Einschätzung von Experten auf eine veränderte religiöse Landschaft einstellen. Es gelte, die positiven Potenziale von Religion stärker zu nutzen, sagte die Politikwissenschaftlerin Carolin Hillenbrand am Dienstag bei einer Online-Diskussion. Die Bertelsmann Stiftung und die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) hatten zu der Veranstaltung über „Glaube in Zeiten von Corona“ eingeladen.

Auch hierzulande seien Menschen während der Pandemie mit Ängsten, Unsicherheit und existenziellen Fragen konfrontiert gewesen, erklärte Hillenbrand. In diesem Zusammenhang habe sich gezeigt, dass der Glaube vielen Menschen Trost, Hoffnung und Kraft gegeben habe. Hillenbrand verwies auf eine im Mai veröffentlichte Studie, an der sie beteiligt war: Demnach hat sich der Glaube für 32 Prozent der Befragten während der Pandemie verstärkt, für 11 Prozent abgeschwächt. 64 Prozent stimmten der Aussage, dass Glaube eine reine Privatsache sei, nicht zu.

Aufschwung bei „Ersatz-Religionen und Verschwörungstheorien“

Teils sei auch ein Aufschwung bei „sogenannten Ersatz-Religionen wie Verschwörungstheorien“ zu beobachten gewesen, fügte die Forscherin hinzu. Zudem verlagere sich das Interesse von den traditionell verfassten Religionen hin zu spirituellen Angeboten. Eine Frage werde künftig sein: „Was fassen wir unter Religion, was eher unter Ersatz-Religion?“ Wenn Angebote keinerlei Verwurzelung hätten, erlebten sie häufig einen Boom, dann aber auch wieder einen Rückgang. „Insofern glaube ich, dass die etablierten Religionen weiter Bestand haben werden“, sagte Hillenbrand.

Eine zentrale Rolle wird ihrer Ansicht nach der interreligiöse Dialog spielen: „Was wir bisher als Ökumene kennen, wird sich weiten müssen.“ In einer multireligiösen Gesellschaft brauche es Begegnungen.

Die Leiterin des Projekts Religionsmonitor bei der Bertelsmann Stiftung, Yasemin El-Menouar, forderte zudem einen stärkeren Dialog zwischen Religion und Gesellschaft. Die Hälfte der Bevölkerung bezeichne sich inzwischen als konfessionslos: „Diese Menschen müssen auch erreicht werden.“ Auch mangele es daran, schon Kindern beizubringen, unterschiedliche Wahrheitsansprüche anzuerkennen.

Medien bedienten vielfach Stereotype

Der Publizist Chajm Guski sagte, die organisierten Religionen müssten sich künftig stärker vernetzen und zusammenarbeiten, etwa bei sozialen Projekten oder im Bildungsbereich. „In der Pandemie war das Ich besonders wichtig“, kritisierte Guski im Hinblick auf Hamsterkäufe oder Verstöße gegen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus. Eine wichtige Frage sei, ob es um religiöse Werte gehe oder um „spirituelle Erfahrungen nach dem Baukasten-Prinzip“. Wenn Religionen ausschließlich als eine Art Kundenservice betrachtet würden, der ein bestimmtes Bedürfnis erfüllen müsse, greife dies zu kurz.

Der Fotograf Julius Matuschik nahm zudem die Medien in die Pflicht. Über das Judentum und den Islam sei zu wenig Wissen vorhanden, und die Medien bedienten vielfach Stereotype, sagte er. Das zeige sich etwa bei der Bebilderung von Berichten über den Islam, die Matuschik als Praxisfellow an der Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft (AIWG) untersucht hat. (KNA/iQ)

Leserkommentare

Dilaver Çelik sagt:
Die Medien werfen mit Dreck, weil sie nicht anders können und damit Geld verdienen wollen ("Good news are bad news"). Es liegt in der Verantwortung des Einzelnen, solchen Anstalten keinen Glauben zu schenken und den interreligiösen Dialog nicht von ihnen überschatten zu lassen. Wir sehen am Beispiel der DITIB, was passiert wenn die Menschen an den Dreck glauben, den die Medien werfen. Wir müssen die Menschen darauf hinweisen, dass sie solchen Berichterstattungen keinen Glauben schenken dürfen, sondern direkt mit dem Islamverband ins Gespräch kommen sollen. Der interreligiöse Dialog muss unabhängig von der Medienberichterstattung ausgebaut werden. Das ist möglich, indem auf kommunaler Ebene runde Tische gebildet werden, wo Kirchengemeinden, Moscheevereine, die örtliche jüdische Gemeinde und kommunale Vertreter zusammenarbeiten. Wie schon gesagt: Die Zukunft liegt nicht im Gegeneinander, sondern ausschließlich im Miteinander. Es gibt keine Alternative als zum interreligiösen Dialog. Und das lassen wir uns nicht von sensationsgeilen Mediengeiern kaputtmachen.
13.07.21
16:18