Muslimische Akademiker

“Wir haben noch lange keinen Kanon der Literatur”

Akademiker widmen sich wichtigen Fragen unserer Zeit. IslamiQ möchte zeigen, womit sich muslimische Akademiker aktuell beschäftigen. Heute mit Serdar Aslan zur deutschsprachigen Koranforschung.

27
12
2020
Serdar Aslan zur Koranforschung
Serdar Aslan © Privat, bearbeitet by iQ

IslamiQ: Können Sie uns kurz etwas zu Ihrer Person und zu Ihrem akademischen Werdegang sagen?

Serdar Aslan: Ich bin in der türkischen Stadt Diyarbakır geboren und mit etwa neun Jahren nach Deutschland ausgewandert. In Wetzlar bin ich zur Schule gegangen und habe an der Goethe-Universität Frankfurt mein Bachelorstudium mit dem Hauptfach Religionswissenschaft (Schwerpunkt Islamische Religion) und dem Nebenfach Pädagogik absolviert. Anschließend habe ich mein Masterstudium den Islamischen Studien gewidmet und dann mit meiner Dissertation begonnen.

IslamiQ: Können Sie uns Ihre Dissertation kurz vorstellen?

Serdar Aslan: Meine Dissertation hat zwei wesentliche Bestandteile: Ich erfasse und verzeichne die deutschsprachige Koranliteratur chronologisch von ihren Anfängen bis in die Gegenwart und stelle die Autoren und Autorinnen sowie ihre Werke vor. Insofern sind die Ziele meiner Arbeit eine umfassende Bibliographie zu erstellen und einen Überblick über den Koran in deutscher Sprache sowie über seine Rezeptions- und Forschungsgeschichte zu geben.

IslamiQ: Warum haben Sie dieses Thema ausgewählt? Gibt es ein bestimmtes Schlüsselerlebnis?

Aslan: Es gibt viele Gründe, warum ich mich für dieses Thema entschieden habe. Einer davon ist Prof. Dr. Ömer Özsoy, der in Frankfurt Koranexegese lehrt. Dass wir mit ihm in diesem Bereich einen ausgewiesenen Experten haben, führte zu einem gesteigerten Interesse meinerseits. Insbesondere die gegenwärtige Bedeutung der Koranhermeneutik wurde mir noch klarer.

Durch die Lektüre orientalistischer bzw. islamwissenschaftlicher Literatur konnte ich meine Perspektiven auf koranwissenschaftliche Disziplinen erweitern und verschiedene Zugänge und Lesarten zum Koran kennenlernen.

Je mehr ich mich mit der Literatur befasste, desto mehr wurde mir klar, dass selbst viele Experten den Überblick über ihre eigene Fachwissenschaft nicht mehr aufrechterhalten können. Konkret bedeutet das, dass viele Texte geschrieben werden, ohne dass die bereits vorliegende Literatur angemessene Beachtung findet.

Das war vielleicht nicht ein einmaliges Schlüsselerlebnis, aber eine Erkenntnis, die erklärt, warum ich mich in meiner Dissertation nicht einer sehr spezifischen Forschungsfrage widme, sondern eine bibliographische und rezeptions- und forschungsgeschichtliche Grundlagenarbeit liefere.

Zudem verstehe ich meine Arbeit als einen Beitrag für die Wissenschaft im Allgemeinen und für die sich in der Entwicklung befindliche Islamische Theologie im Besonderen. Ein Überblick über die Geschichte und Literatur eines Faches – in diesem Fall die Koranwissenschaft – dürfte meines Erachtens für alle Beteiligten und Interessierten mit einem gewissen Nutzen verbunden sein.

IslamiQ: IslamiQ: Haben Sie positive bzw. negative Erfahrungen während Ihrer Doktorarbeit gemacht? Was treibt Sie voran?

Aslan: Durch meine bibliographische Grundlagenarbeit möchte ich in unserem sogenannten postfaktischen Zeitalter einen gewissen Beitrag dazu leisten, die Bedingungen der Möglichkeit unserer Wissenschaft und Forschung zu verbessern. Deshalb stehen meine Arbeiten auch im Sinne des freien Zugangs zum Wissen auf meiner Webseite islam-akademie.de für alle frei zur Verfügung. Dies soll jedoch bitte nicht als Freibrief für Plagiate missverstanden werden – natürlich sind entsprechende Verweise zu machen.

IslamiQ: Inwieweit wird Ihre Doktorarbeit der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland nützlich sein?

Aslan: In erster Linie richtet sich meine Doktorarbeit an die Fachgemeinschaft und an Studierende, die sie für Forschungsfragen heranziehen können. In zweiter Linie ist sie gerichtet an fachlich Interessierte und belesene Multiplikatoren, denen ich die Fertigkeit zusprechen möchte, aus der Fachliteratur Wissen und Erkenntnis in die Gesellschaft zu tragen.

In diesem Sinne vielleicht noch einige allgemeine Gedanken: Als Muslime sind wir noch dabei uns in Deutschland zu beheimaten. Dazu gehören natürlich auch Wissenschaft, Sprache und Literatur. Für unsere Gemeinden brauchen wir Bibliotheken, die in mehreren Sprachen gute Literatur anbieten sollten. Drängend sind zum Beispiel Fragen wie etwa welche Übersetzungen und Kommentare des Korans in deutscher Sprache verwendet und empfohlen werden können. Wir haben noch lange keinen „Kanon der Literatur“.

Wir können von der bisherigen Koranliteratur auch in sprachlicher Hinsicht lernen. Ich meine damit nicht etwa die Sprache im gängigen Sinne, sondern Islam auf Deutsch, d. h. wie wollen wir in deutscher Sprache über den und im Islam sprechen. Dieser Prozess einer gemeinsamen Sprache, die einerseits inhaltlich-substantiell an gelehrte muslimische Tradition anknüpft und andererseits nicht verfremdet sowie für die Allgemeinheit das Verstehen nicht erschwert, ist noch lange nicht abgeschlossen.

 

Leserkommentare

stratmann sagt:
1] Der Beitrag und das Anliegen gefällt mir, vor allem das Anliegen. 2] Ich wollte dann die dort genannte Homepage "www.islam-akademie.de" kennenlernen. Doch mein Web-Browser verweigert mir den Zugang und rät, den Administrator der Homepage zu informieren, was ich hiermit tue. Hinweis meines Web-Browsers : >> Browser hat ein mögliches Sicherheitsrisiko erkannt und www.islam-akademie.de nicht geladen. Falls Sie die Website besuchen, könnten Angreifer versuchen, Passwörter, E-Mails oder Kreditkartendaten zu stehlen. Was können Sie dagegen tun? Am wahrscheinlichsten wird das Problem durch die Website verursacht und Sie können nichts dagegen tun. Sie können den Website-Administrator über das Problem benachrichtigen. <<
27.12.20
14:13
Vera Praunheim sagt:
Den akademisch agierenden Koranforscher Serdar Aslan aus der Türkei, der ja auch das Heiratsalter der Prophetenfrau Aischa intensiv untersucht hat, würde ich gerne etwas fragen. Zumal er sicherlich die Korantexte sehr gut kennt. Warum sagt der Koran eigentlich gar nichts aus über Elektrizität, über DNA oder über das tatsächliche Alter und die Größe des Universums? Was sagt er über ein Heilmittel gegen Krebs? Millionen Menschen sterben auf schreckliche Weise jetzt zeitgleich an Krebs; viele davon sind Kinder. Wenn wir die Biologie von Krebs ganz verstehen, wird dieses Verstehen sicherlich auf ein paar Seiten Text zusammenfassbar sein. Warum können diese Seiten oder etwas konkretes dazu nicht im Koran gefunden werden? Der Koran hat viel Textumfang. Es gab genug Platz für Allah um Anweisungen zu geben, wie man Sklaven halten soll und wie man eine Vielzahl an Tieren opfern soll. Angesichts dessen ist es doch echt erstaunlich, wie einfach, simpel und lückenhaft ein Buch sein kann, von dem immer noch geglaubt wird, es sei als umfassendes Erzeugnis aus der vollkommenen, universalen Allwissenheit hervorgegangen - für immer und ewig vollständig und unveränderbar, auch nicht ergänzbar. Der US-amerikanische Philosoph, Neurowissenschaftler & Schriftsteller Sam Harris fragt übrigens genau dasselbe.
27.12.20
23:12
Serdar Aslan sagt:
Lieber Stratmann, danke für den Hinweis. Der technische Fehler wurde behoben.
29.12.20
16:37
Ulf Abel sagt:
Liebe Vera, die koranische Botschaft dreht sich um das Menschsein als Geschöpf und seinen Beziehungen zu Schöpfer und Mitgeschöpfen. Sowohl inhaltlich als auch auf sprachlich-ästethischer Ebene ist die Botschaft so wuchtig, dass sie das Potential hat, beim Hörer bzw. bei der Hörerin einen grundlegenden Sinnes- und Lebenswandel zu bewegen. Der Koran dringt tief in das ein, was uns Menschen menschlich macht und versucht uns an unseren geschaffenen Ursprung zu erinnern. Wäre der Koran jedoch ein Text, der uns von Heilmitteln und ähnlichem berichten würde, dann wäre das ja ganz nett, aber dann würde er eben irgendwo in einer Bibliothek aufbewahrt, sodass Mediziner und andere Forscher Zugang haben. Als religiöse Botschaft, die sich an alle Menschen zu allen Zeiten und allen Orten richtet, wäre er dann jedoch nicht mehr zu gebrauchen. Der Koran aber schafft es, nicht nur ausgezeichnete Sprachkenner unterschiedlicher Herkunft, wie z.B. Labid ibn Rabi´a bis Goethe im Innersten aufzuwühlen und zu erschüttern, sondern rührt auch "normale" Menschen zu verschiedenen Jahrhunderten zu Tränen (auch dann, wenn diese gar kein Arabisch verstehen). Ich kann Ihre Frage gut verstehen, weil wir in unserem szientistisch geprägten Zeitalter verlernt haben, was die religiös-spirituelle Dimension unserer Mescnhlichkeit beinhaltet und ausmacht, und vielmehr die Religion als ein mit den Wissenschaften konkurrierendes Erklärungsmodell der Welt auffassen. Ohne Sam Harris nun genauer zu kennen, lässt sich von dem, was sie sagen, vermuten, dass er ebenfalls Opfer einer vorherrschenden Wissenschaftsideologie ist. Tatsächlich gibt es aber unterschiedliche Zugänge zur Welt und zur Wahrheit, und dabei sind Wissenschaft, Kunst und Religion nicht von gleicher Art. Wer sie angleichen möchte, zerstört ihren jeweiligen Gehalt. Liebe Grüße Ulf
21.01.21
11:53