KARIKATUREN

“Schule ist kein Ort für ideologische Diskussionen”

Nach der Ermordung von Samuel Paty wird muslimischen Schülern vorgeworfen, die Meinungs- und Kunstfreiheit nicht zu respektieren. Muslimische Lehrer kritisieren diesen Vorwurf.

07
11
2020
Islamunterricht
Symbolbild: Klassenzimmer, Schule, Unterricht © shutterstock, bearbeitet by IslamiQ.

Für den Deutschen Lehrerverband ist die Ermordung des französischen Lehrers Samuel Paty ein Angriff auf die demokratischen Werte. Der Verbandsvosrsitzende Heinz-Peter Meidinger hat in einer Reportage auf das „Klima der Angst“ in deutschen Schulen hingewiesen. Insbesondere in Schulen mit einem hohem Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund würden Lehrer unter Druck gesetzt, damit sie Themen wie mittelöstliche Konflikte oder die Karikaturen über den Propheten Muhammad nicht ansprechen.

Doch wie sieht die Realität in Deutschland aus? Haben muslimische Schüler wirklich Probleme mit der Meinungsfreiheit in den Schulen? IslamiQ hat drei muslimische Lehrer gefragt.

Schüler müssen sich frei ausdrücken können

Duran Terzi ist IRU-Lehrer in Düsseldorf. Er war Mitglied der Lehrplankommission für den islamischen Religionsunterricht in NRW und moderiert zudem das Zertifikatsprogramm für IRU-Lehrer. Laut ihm sei es wichtig, die Reaktionen muslimischer Schüler richtig zu deuten. Nicht jede Reaktion sei „religiös“. „Für einen Schüler, der sich in der Gesellschaft als gedemütigt sieht, sind diese Karikaturen nur eine Ausrede. Das Gefühl der Herabsetzung eigener Überzeugungen kann Erinnerungen an diskriminierende Vorfälle wie bei einer Wohnungssuche oder auf dem Arbeitsmarkt wecken“, erklärt Terzi. Religion sei hier vielleicht der letzte Faktor.

Terzi ist der Meinung, dass der Schulunterricht kein geeigneter Ort für ideologische Diskussionen ist. Das gelte z. B. für das Thema Evolution im Biologieunterricht oder für die politischen Entwicklungen in der Türkei. In jedem Fall profitieren die Lehrer von solchen Spannungen, weil sie das Sagen im Unterricht haben. Ein Lehrer, der dem Schüler keine Gelegenheit gibt, sich auszudrücken, und dessen Meinung nicht respektiert, kann den Schüler im Klassenzimmer als ‚rückständig‘ darstellen.“

„Mangel an Empathie verursacht Probleme“

Mustafa Tütüneken ist seit 17 Jahren IRU-Lehrer in Essen. Ihm zufolge fehle es vielen Lehrern an Empathie, und „dieser Mangel an Empathie verursacht Probleme.” Gerade in einer fremden Gesellschaft sei die Sensibilität junger Menschen, die versuchen, ihre Werte zu definieren, wichtig. Lehrer, die in ihren eigenen Familien noch nie Religiosität erlebt haben, könnten sich möglicherweise nicht in junge Menschen einfühlen.

„Die Aufgabe des Lehrers ist es, dem Schüler zu helfen, das Richtige zu finden, ohne neue Wunden zu verursachen. Die Gedankenwelt des Schülers zu ignorieren und ihm eine Meinung aufzuzwingen, ist keine korrekte pädagogische Methode. Jede Wertewelt verdient Respekt“, erklärt Tütüneken weiter.

Laut Tütüneken ist auch die Behauptung des Deutschen Lehrerverbandes, dass Lehrer in Deutschland unterdrückt werden, nicht richtig: „Ich weiß nicht, auf welche Statistiken diese Behauptung basiert. 80 Prozent der Nachbarschaft, in der ich unterrichte, sind Muslime. Die meisten meiner Schüler sind Muslime, darunter Einwanderer aus Syrien und dem Irak. Ich habe bis jetzt noch nie von einer Familie gehört, die mit einem solchen Anliegen zur Schule gekommen ist.“

„Lehrer müssen Schüler ausreden lassen“

Wie der Schüler optimalerweise reagieren sollte, wenn er sieht, dass sein Prophet beleidigt wird, ist für die Berliner IRU-Lehrerin Aynur Çoşkun schwer zu sagen. „Die Beleidigung des Propheten schadet dem Schüler, da er an den Propheten glaubt, ihn liebt und ihn als Beispiel nimmt. In diesem Fall sollten Kinder auf jeden Fall die Möglichkeit haben, ihre Gefühle auszudrücken“, erklärt Çoşkun.

Schüler sollten in der Lage sein, zu sagen, was sie empfinden. Der Lehrer sollte dies auch erlauben. In einer solchen Situation zeigen viele Lehrer in Deutschland möglicherweise keine Toleranz. „Allein die Tatsache, dass der Lehrer selbst die Beleidigungen der religiösen Werte eines muslimischen Schülers in den Unterricht trägt, zeigt, dass die Meinung des Kindes sowieso nicht akzeptiert wird”, so Çoşkun.

Leserkommentare

Ute Fabel sagt:
„Jede Wertewelt verdient Respekt“, erklärt Tütüneken weiter.“ In einer pluralistischen Gesellschaft verdient es jede Wertewelt hinterfragt, auch verspottet zu werden. Das hat George Orwell mit seiner Fabel „Farm der Tiere“ bezüglich den russischen Kommunisten, die darin als Schweineherde dargestellt werden, sehr treffend gemacht. Charlie Hebdo macht dasselbe halt mit der islamischen, häufiger im Übrigen noch mit der christlichen und immer wieder auch mit der jüdischen Religion. In der Sowjetunion und der DDR war es Staatsdoktrin, Lenin und seine Schriften zu lieben und zu verehren, in vielen islamischen Religionsdiktaturen gilt dasselbe für Mohammed und Islam. Nicht allerdings trifft das auf europäische Demokratien zu. Mohammed-Karikaturen im Schulunterricht sollten genauso eine Selbstverständlichkeit darstellen wie die Lektüre von George Orwells Literatur.
07.11.20
17:32
grege sagt:
Ideologische Diskussionen sind gelebte Demokratie, von denen das Nachkriegsdeutschland nur profitieren konnte. Gerade die Schule ist ein geeigneter und wichtiger Ort, die Grund- und Vorzüge unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung, die in den letzten Jahre tausende von Muslimen in dieses Land als Heimat vor Unterdrückung und Ausbeutung angezogen hat, heranwachsenden Menschen zu vermitteln. Vielleicht sollten daher so einige Muslime aus dem fundamentalistischen Lager ihr Einbahnstraßendenken aufgeben und Empathie gegenüber den maßgebenden Bedürfnissen der Bevölkerungsmehrheit zeigen. Zudem leisten die Lehrer gerade in Stadtbezirken mit einem hohen Migrantenanteil einen hervorragenden Job, in dem sie Flüchtlingen und Einwanderern mit Geduld beim Erlernen der Landessprache unterstützen. Die hier geäußerte Kritik resultiert mal wieder aus der Jammerei und haltlosen Forderungen meckernder Muslime bestimmter Communities.
07.11.20
19:01
fred sagt:
Was ist bitte ideologisch an der Behandlung der Evolution im Biologieunterricht? Um solche grundlegenden Tatsachen zu vermitteln ist der Biologieunterricht doch da.
08.11.20
3:34
grege sagt:
Folgender Ausschnitt aus der NZZ sollte nachdenklich stimmen, dass in Frankreich "zahlreiche Lehrer, gewisse Themen wie Gleichstellung, Meinungsfreiheit oder Holocaust gar nicht mehr vermitteln. Es geht also um ein verbreitetes Problem, das nicht nur mit Benachteiligung, sondern auch sehr viel mit ideologisch begründeten Machtansprüchen zu tun hat, die Islamisten überall auf der Welt durchsetzen wollen." Das widerspricht der gerne seitens Islamprotagonisten verbreiten Mär von Einzelfällen sowei unterdrückten Muslimen hierzulande. Um diesen Missstand zu beseitigen, ist hier insbesondere auch der Einfluss der Linken gefragt, die bisher diese Probleme verharmlost oder gar verleugnet hat. Wer diese Themen dennoch ansprach, wurde einfach der Islamophobie und Islamfeindlichkeit bezichtigt.
08.11.20
13:17
Dilaver Çelik sagt:
Zur Bewahrung des inneren Friedens haben politische sowie ideologische Diskussionen in Schulen, Universitäten, Kasernen, Kirchen, Moscheen, Synagogen und im heimischen Wohnzimmer nichts zu suchen. Wenn man bedenkt, dass dabei die Emotionen hochkochen bis hin zu Handgreiflichkeiten und schlimmstenfalls Straftaten verübt werden, macht das Sinn. Es ist menschlich, dass nicht jeder Mensch sich besonnen verhält, was von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist. Oder um es mit den Worten des Demokraten und inzwischen verstorbenen türkischen Politiker Süleyman Demirel zu formulieren: Politik hat in der Moschee, Kaserne und Schule nichts zu suchen.
08.11.20
14:11
Johannes Disch sagt:
Offenbar versehen Muslime in absoluter Verkennung des Wertes Meinungsfreiheit das kritische Hinterfragen ihrer Religion mit dem Etikett "Ideologie." -- "Jede Wertewelt verdient Respekt." (So der Artikel) Aha, auch das der Rechtsextremen? Auch das der Islamisten?
08.11.20
19:56
Johannes Disch sagt:
Herr Terzi will grundlegende Theman (Evolution, politische Entwicklung in der Türkei, Mohammed-Karikaturen, etc.) aus dem Schulunterricht verbannen. Das ist eine Unterdrückung der Meinungsfreiheit und der Freiheit der Lehre. So, ein Schüler könnte sich durch die Mohammed-Karikaturen an eigene Diskriminierungserfahrungen erinnert fühlen?? Na, da muss das Sensibelchen eben durch. Es ist nicht zu fassen, was manche muslimische Verbandsvertreter an den Haaren herbeiziehen, um die Meinungsfreiheit einzuschränken und die Kritik ihrer Religion zu tabuisieren. Was Herr Meidinger hier anspricht-- das Tabu gewisser Theman im Schulunterricht (Evolution, Kritik am Islam, etc.)-- ist an vielen französischen Schulen in gewissen Problemvierteln, wo Muslime die Mehrheit stellen-- leider längst Realität. Deutschland sollte es nicht so weit kommen lassen.
09.11.20
9:28
Linus sagt:
Selbstverständlich gehört die Evolutionstheorie als anerkannte wissenschaftliche Theorie in den Unterricht. Schüler müssen sich eine Meinung darüber bilden können, auch im Vergleich mit alternativen Erklärungsmustern. Das ist das Gegenteil von "Gedanken aufzwingen". Mir ist bisher keine andere Theorie bekannt, die ähnlich überzeugend das Leben auf der Erde und seine Entwicklung erklärt. Wenn einige religiöse Organisationen (nicht nur muslimische, auch z.B. evangelikale Christen und Kreationisten) damit nicht klarkommen, ist das deren Problem. Jedenfalls kann es nicht sein, dass Schüler im Unterricht nicht mit Gedanken konfrontiert werden sollen, nur weil sie einigen nicht gefallen. Das muss man aushalten. Das ist die Basis einer pluralistischen Gesellschaft. Jahrhundertelang haben die christlichen Kirchen in Europa versucht, ihre Weltsicht für alle verpflichtend zu machen. Jetzt versuchen es manche muslimische Organisationen, z.B. die DITIB, die nebenbei von der türkischen Regierung finanziert wird.
09.11.20
10:53
Johannes Disch sagt:
Aufgabe von Schule ist es, Menschen zu selbstbewuustem kritischen Denken zu erziehen. Und dazu gehört das Hinterfragen von Weltanschauungen und Religionen. Und ein Mittel der Kritik ist die Satire, die sich u.a. in Karikaturen ausdrücken kann. Das alles hat nichts mit Ideologie zu tun, sondern mit der Freiheit des Denkens, der meinungsfreiheit und der Freiheit der Lehre. Diese Selbstverständlichkeiten als "Ideologie" zu brandmarken, um solche Dinge im Unterricht zu verhindern, das ist ideologisch. Es wäre hilfreicher, islamische Verbandsverteter würden muslimische Schüler zu soöch kritischem Denken ermuntern. Wie wäre es denn mal mit einem Wettbewerb: Welcher muslimische Schüler zeichnet die beste Mohammed-Karikatur? Stattdessen alles wie gehabt: Islamische Verbandsvertreter versuchen eine kritische Auseinandersetzung mit ihrer Religion zu verhindern!
09.11.20
14:13
Johannes Disch sagt:
@Linus (09.11.2020, 10:53) So ist es. Jahrhundertelang haben die christlichen Kirchen versucht, ihre Weltsicht für alle verbindlich zu machen. Das haben wir zum Glück hinter uns, was sehr lange gedauert hat und wahrlich ein harter Kampf war. Diese Errungenschaften lassen wir uns nicht nehmen, weil mache Muslime glauben, man müsste auf ihre religiösen Gefühle Rücksicht nehmen.
09.11.20
18:09
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