Corona-Virus

„Betet zuhause“ – nur noch ein einsamer Imam in der Moschee

Die Gemeinschaftsgebete in Moscheen wurden ausgesetzt. Imame rufen zwar weiterhin, aber beten jetzt alleine. Die Gemeinden bleiben weiterhin leer.

19
03
2020
Eine Moschee von Innen, Muslime (Köln) © Shutterstock, bearbeitet by iQ.
Eine Moschee von Innen, Muslime (Köln) © Shutterstock, bearbeitet by iQ.

„Kommt zum Gebet“ – der Imam in der Zentralmoschee in Köln ruft diese Zeile fünf Mal täglich auf Arabisch aus. Normalerweise versammeln sich hinter ihm auf dem hellblauen Teppich des Gebetsraumes dann Hunderte Muslime – wegen der Corona-Pandemie bleibt der 2000 Quadratmeter große Raum jetzt aber leer.

Islamische Religionsgemeinschaften fordern deutschlandweit ihre Gemeindemitglieder auf, zuhause zu beten. „Gemeinschaftsgebete in den Moscheen werden (…) nicht stattfinden“, erklärt der Koordinationsrates der Muslime (KRM) in einer Pressemitteilung. Der Schutz des Lebens sei im Islam höchstes Gebot. Entsprechend habe schon der Prophet (s) „bei Gefahr die Gläubigen aufgerufen die täglichen Gottesdienste zuhause zu verrichten“ – so steht es in der Empfehlung.

In der Kölner Zentralmoschee der Türkisch-Islamischen Union (DITIB), der nach eigenen Angaben größten Moschee Deutschlands, wollen die Imame dennoch weiterhin zum Gebet rufen. „Das ist emotional wichtig“, erklärt Altuğ. Der Gebetsruf sei für die Gemeindemitglieder ein Zeichen „der individuellen und persönlichen Freiheit und Beheimatung“, deshalb werde er nicht verstummen. Die Moschee und der Imam persönlich blieben für Notsituationen, seelsorgerische und andere dringende Wünsche der Gläubigen erreichbar.

Angespannte Stimmung in den Gemeinden

Gökhan Tokgün hat gemischte Gefühle. Er findet es Schade, dass das Freitagsgebet nicht stattfindet. “In solchen Zeiten erhofft man sich durch das gemeinschaftliche Gebet und die Freitagspredigt mehr Zusammenhalt, da viele den Sinn des Lebens vergessen haben und nur noch an das Einkaufen denken.” Die Stimmung in der Gemeinde sei angespannt. “Viele haben auch kein Verständnis, dass man die Moscheen schließt, da die Moschee für viele nicht nur ein Gebetsort ist, sondern auch Raum für Begegnung und Austausch bietet”, erklärt Tokgün weiter. Aus diesem Grund sind viele nervös und haben Angst vor dem unbekannten Ausmaß des Corona-Virus.

Auch für Furkan Kökcan sei es „sehr ungewöhnlich“ morgen nicht zum Freitagsgebet zu gehen. „Trotzdem bin ich froh das unsere Gemeinden so bedacht mit der Thematik umgehen“. Letzendlich stehe das Wohl der Gesellschaft auf dem Spiel. „Als Teil dieser Gesellschaft war es der einzig richtige Schritt unserer Gemeinden. Deshalb bin ich stolz auf diese Entscheidung“, so Kökcan.

Bund und Länder hatten am Montag in einem gemeinsamen Beschluss Gottesdienste aller Religionen bis auf weiteres untersagt. Dort heißt es unter anderem: Zu verbieten seien «Zusammenkünfte in Kirchen, Moscheen, Synagogen und die Zusammenkünfte anderer Glaubensgemeinschaften».

Kein Freitagsgebet – „ein tiefer, aber notwendiger Einschnitt“

Eyüp Kalyon ist Religionsbeauftragter bei der DITIB in Köln. Er beschreibt den Gebetsraum der Kölner Moschee als „leer und einsam“. Der 30-Jährige kann sich nicht daran erinnern, dass Freitagsgebete je ausgesetzt werden mussten. „Das ist ein tiefer Einschnitt, aber notwendig“, erklärt er. Vor den Freitagsgebeten begrüßen und umarmen sich Muslime in der Regel und beten gemeinsam, nah beieinander auf einem Teppich.

Die Moschee sei nicht nur als Gebetsort lahmgelegt, berichtet Kalyon. Gläubige kämen normalerweise auch dort zusammen, um Gesprächskreise zu führen oder Bildungsangebote wahrzunehmen. Auch diese stünden still. Man versuche aber, digitale Angebote für Musliminnen und Muslime zu schaffen, „die Nachfrage ist groß“, berichtet Kalyon. Den Gebetsruf digital zu streamen sei bisher nicht geplant. Die vielen Treppen, die zum Gebetsraum führen, die vielen Schuhregale am Eingang der Moschee und natürlich der Gebetsraum, alles sei „ungewöhnlich leer“. Normalerweise höre man Kinder zwischen Betenden auf dem blauen Teppich spielen, jetzt höre man nur noch den „einsamen Imam“.

Freitagsgebete werden bis April ausgesetzt

Der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland teilte in seiner Antwort an KNA mit, in seinen Bildungseinrichtungen für die religiöse Unterweisung über Maßnahmen zur Corona-Prävention aufzuklären und etwa das richtige Händewaschen oder die sichere Entsorgung von Taschentüchern zu erklären. In allen Moscheen seien Aushänge zum richtigen Umgang mit der Epidemie angebracht. Die Reinigungskräfte in den Moscheen seien angewiesen, besonders auf die regelmäßige Desinfektion etwa von Türklinken und Gebetsteppichen zu achten. Auch der Islamrat will in seinen Freitagspredigten Vorbeugungsmaßnahmen thematisieren.

Die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG)teilte am Freitagvormittag mit, die Freitagsgebete auszusetzen. „Nach dem heutigen Freitagsgebet werden in unseren Gemeinden alle Freitagsgebete bis zum 3. April ausgesetzt. Das gilt auch für die religiöse Unterweisung in unseren Bildungseinrichtungen“, hieß es in der Nachricht.  Außerdem wurde in der Mitteilung dazu aufgerufen, sich strikt an die Empfehlungen der Gesundheitsbehörden zu halten. Ebenfalls wurden im Rahmen der Bekämpfung der Ansteckungsgefahr größere Veranstaltungen abgesagt. (dpa, iQ)

Leserkommentare

Dilaver Çelik sagt:
Besser wäre, sie lassen den Gebetsruf nach draußen erschallen. Das würde den Leuten Trost spenden.
20.03.20
12:49