Aus dem Alltag

Chancengleichheit! Oder?

Benachteiligung aufgrund der Herkunft oder Religion gibt es überall – auch in Deutschland. Ob jemand „voll integriert“ und qualifiziert ist, spielt dabei keine große Rolle. Die Stereotype und Vorbehalte sitzen nunmal fest in den Köpfen. Wie sich diese im Alltag bemerkbar machen, schreibt Sebahat Özcan, ausgehend von einer (leider) wahren Geschichte.

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03
2015

In der Pause macht sich Hasan auf den Weg zum Lehrerzimmer. Er klopft. Die Tür wird direkt geöffnet. „Hallo, Herr Nowak. Ich wollte gern zur Frau Schneider.“ Freundlich zwinkert er Hasan zu, „Augenblick.“ Wenig später erscheint sie vor der Tür. Sie lächelt und schaut Hasan dabei unter ihrer Brille an. „Bitte, Hasan?“ „Ich möchte mit Ihnen über meine Note sprechen. Haben Sie ein paar Minuten Zeit für mich?“, fragt er. „Natürlich“, entgegnet sie und schließt die Lehrerzimmertür hinter sich.

„Frau Schneider, ich kann meine Note ehrlich gesagt nicht nachvollziehen. Ich habe in allen Tests eine 2 gehabt. Es ist nicht möglich, dass ich eine 4 auf’m Zeugnis bekomme.“ „Das ist wahr, Hasan. Aber mündlich bist du eher eine 5. Da kann ich nichts machen.“ Der Satz trifft ihn wie eine Ohrfeige. „W..wie?“ Hasan ist überrascht. Er hat sich doch regelmäßig gemeldet. Er hat sogar dieselbe Leistung erbracht, wie Sarah und Tom. Sie haben ebenfalls alle Tests mit einer 2 bestanden und sind mündlich wie er. Wie kann das sein? „Ich melde mich mindestens einmal die Stunde. Das kann keine 5 sein. Es gibt auch andere in der Klasse, die genau dieselbe Leistung erbracht haben. Warum haben die anderen dann bessere Noten als ich?“ „Ich weiß nicht von wem du sprichst, Hasan.“ „Frau Schneider,…“, setzt er nochmal an und spürt deutlich, wie seine Verwunderung und Aufregung zunimmt. Seine Hilflosigkeit schnürt ihm den Hals zu. „Warum tut sie das?“, denkt er sich.
Er wird von seiner Chemielehrerin unterbrochen. „Hasan, ich denke nicht, dass du ein Abitur schaffen würdest. Du solltest dich lieber für eine Ausbildung bewerben, bevor es zu spät ist.“ Starr blickt er drein. „Ich kenne so viele Beispiele. Ausländische Schüler machen meist einfach nur schlechte Erfahrungen dort und gehen dann doch wieder ab. Das Abitur ist nichts für dich. Du wirst es nicht schaffen.“ Sie schaut ihn tröstend an, lächelt kurz und verschwindet zurück ihm Lehrerzimmer.

„Hasan sah ganz schön besorgt aus vor der Tür. Was ist denn mit ihm?“, fragt Herr Nowak, sobald sie den Raum betritt. „Es ging um seine Note. Er war nicht zufrieden und wollte mit mir darüber sprechen“, sagt sie kurz. „Immerhin geht es um die 10. Klasse, Abschlusszeugnisse. Da möchte man das bestmögliche rausholen. Er will ja das Abitur machen. Was hat er denn bekommen?“ „Er, mündlich eine 5, Dieter.“ „Was?!“, Herr Nowak verschluckt sich fast an seinem Kaffee. „Hasan ist so aufgeweckt und mitteilungsbedürftig. Ich hab’ ihn im Unterricht immer sehr aktiv erlebt. Wie kann das sein?“ Frau Schneider sieht ihn entschlossen an und sagt mit ruhiger Stimme: „Ganz ehrlich, Dieter. Was soll denn werden, wenn alle ausländischen Kinder studieren? Ich denke dabei an die Zukunft. Wir brauchen auch Fabrikarbeiter, oder nicht? Es ist doch nicht schlimm, wenn Hasan ganz wie sein Vater in einer Fabrik arbeitet.“

Leserkommentare

Kissa sagt:
Hmm. Was genau ist das jetzt? Eine fiktive Erzählung oder eine "wahre" Begebenheit? Was soll mit so einem eher "literarischem" Artikel genau bezweckt werden? Das so etwas bzw. Ähnliches vorkommt, ist ja nichts neues?
30.03.15
9:19
David sagt:
Was das ist? - Eine von vielen Tragödien im deutschen Bildungssystem, mit dem wesentlichen Unterschied, dass hier systematisch von vielen PädagogenInnen die Chancengleichheit bei den Schülern mit Migrantionshintergrung auf subtiler Weise sabotiert wird! Diskriminierung auf höchstem pädagogischen Niveau und das noch von der gesamten (inkl. Hasans Vater) Bevölkerung getragenen und bezahlten Lehrer/innen! Schande über jeden Pädagogen, der seinem Beruf nicht gerecht wird (es gibt tausende von Frau Schneiders in deutschen Schulen!!) und manipulativ die mögliche Karriere eines Migranten-Schülers verbaut und verhaut!! Offensichtlich ist es gewollt, dass Migranten/Innen ganz bestimmte Berufe ausüben sollen und in anderen unerwünscht sind !!
30.03.15
11:22
Betül sagt:
Keine Seltenheit. Auch mir wurde von meiner Französischlehrerin in der 9. Klasse geraten vom billingualen Gymnasium auf ein normales Gymnasium zu wechseln, was ebenfalls eine "untere" Stufe im Bildungssystem ist. Meine Antwort: "Das haben SIE nicht zu entscheiden!" Nun habe ich während meines Studiums ein Jahr an der Sorbonne Universität in Paris studiert. Auch während meiner Abiturzeit hatte ich eine große Auseinandersetzung mit meinem Deutschlehrer, der wohl keine so guten Erfahrungen mit türkischstämmigen Deutschen hatte und während der Methodenstunde Türken und Muslime immer wieder subjektiv kritisierte bis ich kleine kopftuchtragende 16 jährige Betül meinen Lehrer mit Zahlen und Fakten überschüttete. Ich muss sagen, ich hatte meine Bedenken dabei, denn er war gleichzeitig mein Deutschlehrer und meine Deutschnote wollte ich nicht aufs Spiel setzten. Doch statt wegzulaufen ging ich weiterhin in seinen Unterricht, Thema: Poesie, meine Stärke. Zwei Wochen später bekam ich von meinem Deutschlehrer vor der ganzen Klasse ein Geschenk für meine guten Leistungen im Deutschunterricht PLUS eine Entschuldigung für sein Fehlverhalten. Meine Eltern haben mich zu einer unabhängigen selbstbewussten Frau erzogen, da es mein Charakter auch zugelassen hat, aber nicht jeder ist gleich und das ist auch gut so. Doch wäre ich damals nicht stark genug und hätte ich meinen Lehrern nicht antworten können, so hätte das mit Sicherheit meine schulische Laufbahn stark beeinflusst. LuL sind auch nur Menschen und es im Lehrerberuf wirklich sehr schwer objektiv zu lehren, da jeder Mensch seine eigene Meinung hat und diese gerne vertreten will. Doch sollte es für JEDEN Menschen möglich sein, objektiv zu urteilen in diesem Fall zu benoten!
30.03.15
15:56
Manuel sagt:
Der Artikel ist lediglich auf Stimmungsmache aus. Es wird eine fiktive Geschichte erzählt und dabei suggeriert, dass es in Deutschland so sei, dass Kinder aus Zuwandererfamilien in der Schule benachteiligt würden. Dagegen spricht aber, wie ich finde, dass eine ganze Reihe dieser Kinder tatsächlich Abitur macht und studiert. Dem gegenüber stehen natürlich auch nicht wenige, die in der Schule durch ihre Faulheit glänzen. Das gibt es aber sowohl bei Kindern von Migranten als auch bei Kindern von Deutschen. Faulheit kennt weder Ethnie, noch Religion, noch Nationalität. Ich selbst habe mir meine guten schriftlichen Leistungen in der Schule auch immer durch fehlende mündliche Beteiligung versiebt. Im übrigen kommt es auch nicht darauf an, dass "etwas" im Unterricht gesagt wird, es muß auch richtig sein.
30.03.15
16:05