Interview mit Hakan Tosuner

Avicenna-Studienwerk: Begabtenförderungswerk für Muslime

Das Avicenna Studienwerk ist das jüngste vom Bund geförderte Begabtenförderungswerk und richtet sich an Muslime. Wir sprachen mit dem Geschäftsführer des Studienwerks, Hakan Tosuner, über die Ziele des Projekts, aber auch Kritik aus der Community.

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Am 16. Juli 2013 wurde das Avicenna Studienwerk in die Reihe der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) anerkannten und geförderten Begabtenförderungswerke in Deutschland aufgenommen. Seit Mitte Februar 2014 können sich begabte und gesellschaftlich engagierte junge Muslime beim Avicenna-Studienwerk um ein Begabtenstipendium bewerben. Die Geschäftsstelle in Osnabrück wird mittlerweile durch Hakan Tosuner geleitet. Mit ihm sprach IslamiQ.

IslamiQ: Herr Tosuner, Avicenna hat seit Februar für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Sie sind auch quasi durch ganz Deutschland getourt und haben Werbung für das Angebot gemacht. Doch noch immer wissen viele Menschen nicht, worum es bei Avicenna genau geht. Könnten Sie uns kurz einen Überblick geben?

Hakan Tosuner: Avicenna ist das jüngste der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung anerkannten Begabtenförderungswerke in Deutschland. Die Meisten wissen leider nicht, was Begabtenförderungswerke sind. Das Prinzip ist einfach: talentierte und engagierte Studierende und Promovierende sollen gefördert werden, sowohl materiell als auch ideell.

Bis vor Kurzem gab es 12 Begabtenförderungswerke in Deutschland. Seit Jahrzehnten haben ganz viele Studierende hier in diesem Land vom Angebot dieser Förderwerke gebrauch machen können. Bis dato gab es aber kein spezielles Angebot für muslimische Studierende und Promovierende. Diese Lücke versuchen wir, mit unserem Studienwerk, zu füllen. Zum kommenden Wintersemester möchten wir insgesamt 50 Stipendien an muslimische Studierende und Promovierende aller Fachrichtungen vergeben.

Vor einigen Wochen haben wir mit unserer Marketingkampagne gestartet und touren durch die Republik: Auf den 25 Infoveranstaltungen, die wir in 15 Städten durchgeführt haben, konnten wir etwa 2.200 interessierte junge Muslime erreichen. Wir möchten, dass sich so viele Studierende und Promovierende wie möglich bei uns bewerben, um von diesem einmaligen Angebot Gebrauch zu machen.

 

Das Avicenna-Studienwerk ist das jüngste der 13 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) anerkannten deutschen Begabtenförderungswerke. Durch die Vergabe von Stipendien fördert das Avicenna-Studienwerk talentierte und sozial engagierte muslimische Studierende und Doktoranden aller Fachrichtungen. Informationen: www.avicenna-studienwerk.de

IslamiQ: Begabtenförderung, dass klingt immer so, als wollte man nur eine besondere Elite fördern. Ist das denn so?

Hakan Tosuner: Das ist nicht so. Das ist halt eben dieses Missverständnis, wenn man mit dem Wort Begabtenförderung hantiert. Das kann bei unserer Zielgruppe sehr abschreckend wirken. Begabte? Wer ist begabt? Wird nur eine bestimmte Elite gefördert? Und oft wird uns natürlich auch die Frage gestellt: „Was für eine Note muss ich denn mitbringen, damit ich mich bewerben kann?“

IslamiQ: Das wäre jetzt auch eine Frage von unserer Seite gewesen: Muss man ein Einser-Zeugnis vorweisen?

Hakan Tosuner: Nein. Wir haben uns auf keine bestimmte Note festgelegt. Wir schauen auf das Gesamtprofil, die Lebensleistung des Bewerbers.

Wir berücksichtigen nämlich das sozio-ökonomische Profil des Bewerbers. Nur unter diesen Umständen denken wir nämlich, dass es eine faire Bewertung von Leistung bzw. Begabung geben kann. Denn wir sind uns bewusst, dass viele Bewerber aus sozio-ökonomisch schwierigen Verhältnissen, aus nicht-Akademiker-Familien, kommen. Diese Personen dann gleichzusetzen mit anderen Bewerbern, die aus wohlhabenden Akademiker-Familien kommen, und sie in einen gleichen Topf zu werfen und sich dann nur die Noten anzugucken, wäre aus unserer Sicht kein faires Verfahren.

Nehmen wir folgendes Bespiel: Jemand mit einem Notendurchschnitt von 2,2 bewirbt sich bei uns. Dieser Bewerber musste schon als Teenager finanzielle als auch familiäre Verantwortung übernehmen. Auf der anderen Seite bekommen wir einen aus einem wohlhabenden Akademikerhaushalt stammenden Bewerber mit einem Notendurchschnitt von 1,9. Dieser Bewerber hat alles möglicherweise auf dem Silbertablett serviert bekommen. Wenn man isoliert nur auf die Noten schaut, müsste man letztere Person nehmen, aber das machen wir eben nicht.

IslamiQ: Das ist auch eine Form von Chancengleichheit…

Hakan Tosuner: Ganz genau. Wir wissen, wie komplex diese ganze Angelegenheit ist. Wir selbst, die Mitarbeiter, haben diesen Weg durchlaufen und können uns daher mit den meisten Bewerbern, die bei uns anklopfen, auch identifizieren.

 

Flyer des Avicenna-Studienwerks

Flyer des Avicenna-Studienwerks

IslamiQ: Wo wir auch bei den Bewerbungen sind. Wie sieht es denn mit den zur Verfügung stehenden Stipendien und Förderungen aus? Gab es genug Bewerbungen? Oder kann man sich noch weiter bewerben?

Hakan Tosuner: Also die Bewerbungsfrist läuft ja noch bis zum 30. April. Es sind schon viele Bewerbungen bei uns eingegangen. Wir rechnen aber damit, dass die große Welle der Bewerbungen erst in letzter Minute Ende April ankommen wird. Wir wollen natürlich, dass sich so viele wie möglich bei uns bewerben, damit wir auch einen großen Pool haben, aus dem wir auswählen können.

Momentan bekommen wir ganz viele Anfragen per Telefon und per Email. Unser Angebot stößt auf überwältigend positive Resonanz, sowohl aus dem Inland als auch – was uns ziemlich überrascht hat – aus dem Ausland. Wir wissen nicht, wie die Leute aus dem Ausland über uns erfahren haben, weil wir eigentlich nicht ins Ausland kommuniziert haben. Aber über soziale Netzwerke scheinen die Leute davon mitbekommen zu haben.

 

IslamiQ: Natürlich müssen wir auch ein bisschen Kritik üben. Und bei Kritik fällt das Stichwort Community. In der wird derzeit darüber diskutiert, wie Avicenna eigentlich finanziert wird. Avicenna wird ja neben dem Bund auch von der Stiftung Mercator finanziell unterstützt. Muss man sich als Muslime sorgen machen, dass eine Stiftung eventuell starken Einfluss auf dieses Projekt ausübt?

Hakan Tosuner: Die Stiftung übt keinerlei Einfluss auf unser Projekt aus, daher gibt es keinen Grund zur Sorge. Wir stehen im Austausch mit vielen muslimischen Akteuren und Religionsgemeinschaften. Uns gegenüber wurden bisher diesbezüglich keine Bedenken geäußert.

Natürlich nehmen wir auch die Kritik ernst und reflektieren darüber. Wir denken aber, dass wir bis jetzt ganz gut gefahren sind mit unserer Linie. Wir versuchen auch, unsere Arbeit unabhängig zu gestalten, weil wir nicht möchten, dass irgendeine Seite unser Projekt vereinnahmt. Und wir sind ehrlich gesagt auch dankbar, dass die Stiftung Mercator uns in dieser Zeit unter die Arme greift. Hätte sie das nicht getan, würden wir diese wertvolle Arbeit jetzt nicht leisten können.

Unser Projekt sollte von der Öffentlichkeit weiterhin mit einem kritischen Auge begleitet werden. Von unserer Seite her können wir aber sagen, dass wir über den bisherigen Verlauf der Kooperation zufrieden sind.

 

IslamiQ: Stichwort „Finanzierung“: Wie kann man dieses Projekt unterstützen?

Hakan Tosuner: Man kann natürlich auch privat für unser Projekt spenden. Wir sind auch auf solche Spenden angewiesen. Dafür kann man auf unsere Webseite gehen und dort das Onlineformular ausfüllen. Das ist natürlich die materielle Unterstützung. Aber die ideelle Unterstützung ist uns genauso wichtig, indem man z. B. Werbung für uns macht, seine Nachbarn, Freunde und Bekannte über dieses Projekt informiert und potenzielle Stipendiaten dazu ermutigt, sich bei uns zu bewerben.

Falls jemand Informationen braucht, kann man sich bei uns melden, wir kommen auch gerne vorbei und führen Informationsveranstaltungen durch.

Wir sind übrigens jetzt am kommenden Samstag in Hamburg und stellen unser Projekt vor und informieren über die Förderungsmöglichkeiten. Wir gehen eben auch dahin, wo wir denken, dass viele potenzielle Interessenten sein könnten. Wir sitzen also nicht isoliert und warten hier im Büro, dass die Leute zu uns kommen. Im Gegenteil, wir versuchen da proaktiv zu agieren und gehen zu den Menschen. Dort kann man dann auch fragen an uns richten und wir stehen zur Verfügung.

 

IslamiQ: Wenn Avicenna oder in diesem Fall Sie als Geschäftsführer einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?

Wir wünschen uns viele qualitativ hochwertige Bewerbungen, damit wir zum kommenden Wintersemester mit den ersten 50 Stipendiaten erfolgreich mit unserem Förderprogramm durchstarten können. Ein erfolgreicher Startschuss ist in vielerlei Hinsicht wegweisend. Ich hol jetzt ein bisschen weiter aus. Die Sache ist die: wir merken auf Infoveranstaltungen, wenn wir durch die Republik ziehen, was für eine Empowerment-Wirkung unsere Arbeit hat. Die jungen Menschen merken einfach, hey, so etwas hätte ich mir nie erträumen lassen können. Es wird als eine einmalige Gelegenheit gesehen.

Es hat halt auch eine wichtige Symbolkraft in die muslimische Community hinein. Die Symbolik der Anerkennung. Das ist unheimlich wichtig. Deswegen erhoffe ich mir, dass wir in diesem Jahr einen super-Start hinlegen mit super-Stipendiaten und das dies in den nächsten Jahren ein Selbstläufer wird.

 

IslamiQ: Das hoffen wir auch und wünschen Ihnen und für das Projekt Avicenna viel Erfolg! Danke für das Gespräch.

Hakan Tosuner: Ich hab zu danken.