Islamische Theologie

Unruhen in Münster

Die Diskussionen um den Münsteraner Professor Mouhanad Khorchide und das Zentrum für Islamische Theologie in Münster gehen weiter. Neben den umstrittenen Thesen von Khorchide geht es aber auch um den Beirat für Islamische Theologie. Wir geben einen Überblick.

22
11
2013

Der Professor für Islamische Religionspädagogik und Leiter des Zentrums für Islamische Theologie (ZIT) an der Universität Münster, Mouhanad Khorchide, wird von muslimischen Religionsgemeinschaften kritisiert. Hintergrund sind theologische Ansätze in mehreren Büchern und öffentliche Äußerungen zum Islam durch den Münsteraner Professor. Außerdem gibt es weitere Unruhen, weil der theologische Beirat am ZIT in Münster, der verfassungsgemäß über die Professuren und Lehrinhalte mitentscheiden soll, sich nicht konstituieren konnte.

Vorgeschichte: Der Fall Kalisch

Muhammad Sven Kalisch war der erste Professor eines islamisch-theologischen Lehrstuhls an einer deutschen Universität. ((http://www.igmg.org/nachrichten/artikel/2009/04/23/islamwissenschaftler-dr-kalisch-zum-professor-fuer-religion-des-islam-an-uni-muenster-berufen.html)) Er lehrte am damaligen Centrum für Religiöse Studien an der Universität Münster. Kalisch war mit 14 Jahren zum Islam konvertiert und gehörte der zaiditischen Richtung im Islam an. Die muslimischen Religionsgemeinschaften hatten trotz Bedenken dem Professor ihren Segen erteilt, weil dieser versichert hatte,  sein persönliches Religionsverständnis nicht in den Vordergrund zu stellen.

Dies änderte sich jedoch, als Kalisch im Rahmen seiner Forschungen die historische Existenz von Propheten wie Muhammad, Jesus und Moses zu bezweifeln begann. Eine bekenntnisorientierte Lehre war aus Sicht der muslimischen Religionsgemeinschaften so nicht mehr gewährleistet. Sie entzogen dem Standort Münster ihre Unterstützung und rieten Studenten von einem Studium in Münster ab. Kalisch wurde in der Folge abgesetzt, er distanzierte sich später vom Islam und legte seinen Beinamen Muhammad ab. ((http://www.cibedo.de/nagel_kalesch_mohammad.html))

Suche nach einem geeigneten Kandidaten

Die Universität Münster suchte längere Zeit nach einem möglichen Ersatz für Kalisch. Sie wurde fündig bei Mouhanad Khorchide, einem jungen Mann aus Österreich. Dieser hatte mit seiner Abschlussarbeit über muslimische Religionslehrer in Österreich für Aufsehen gesorgt. Khorchide hatte in seiner Abschlussarbeit dargelegt, dass viele Religionslehrer, die auch an den öffentlichen Schulen in Österreich Islam unterrichten, verfassungsfeindliche Ansichten vertreten würden. ((http://diepresse.com/home/panorama/oesterreich/447494/KhorchideStudie_IslamLehrer-als-Problemfall))

Die muslimischen Religionsgemeinschaften hielten sich mit einer Entscheidung daher auch lange Zeit zurück. Khorchide stellte sich bei allen wichtigen Gemeinschaften vor, er stand im Dialog und warb um Zustimmung beim KRM für seine Ernennung. Am Ende wurden die Bedenken der muslimischen Gemeinschaften auch dadurch etwas entschärft, dass Khorchide eine Selbstverpflichtung unterschrieb. Darin verpflichtete sich der Münsteraner Professor zu einer „engen Kooperation“ mit den muslimischen Religionsgemeinschaften und deren engen Einbindung in Form eines Beirats.

Beirat bis heute nicht konstituiert

Khorchide ist seit 2010 am Lehrstuhl für Islamische Religionspädagogik tätig. Münster gehört mittlerweile zu einem der vom Bund geförderten Zentren für Islamische Theologie. Der Lehrbetrieb wurde aufgenommen. Dennoch gibt es seit dem Bestehen keinen funktionierenden Beirat am ZIT. Sämtliche Entscheidungen am Zentrum sind laut Universitätsrektorin Ursula Nelles provisorisch. ((http://www.welt.de/regionales/duesseldorf/article121763819/Streit-um-die-Ausbildung-von-islamischen-Theologen.html))

Der Beirat soll die Inhalte mitgestalten, Professorenberufungen mittragen und vor allem dafür sorgen, dass der bekenntnisgebundene Lehrbetrieb an Universität und Schulen in Nordrhein-Westfalen gewährleistet wird. Doch eine Personalie verhinderte bisher die Konstituierung des Beirats. Der Kandidat des Islamrats für den Beirat wurde wegen angeblicher Sicherheitsbedenken des Verfassungsschutzes abgelehnt. Ein weiterer Vorschlag wurde ebenso abgelehnt. Der Koordinationsrat der Muslime (KRM) will jetzt laut Bekir Alboğa ein letztes Mal einen Vorschlag für diese Position unterbreiten. Mittlerweile scheint eine Kandidatin gefunden worden zu sein. ((http://www.deutschlandfunk.de/zentrum-fuer-islamische-theologie-moderater-leiter-wird.886.de.html?dram:article_id=269625))

Eren Güvercins Ausstieg

Doch selbst dann wäre der Beirat weiterhin nicht vollständig. Eren Güvercin, Autor und freier Journalist, gehörte zum theologischen Beirat und war als sogenannte Person des öffentlichen Lebens, eingebunden. Doch Güvercin und die Universitätsleitung haben sich auseinandergelebt.

Die Hintergründe werden verschieden erklärt. Güvercin macht für seinen Abschied Äußerungen von Mouhanad Khorchide in der Wochenzeitung DIE ZEIT verantwortlich. Aus dem Umfeld des ZIT heißt es laut Islamlehrerin Lamya Kaddor, Güvercin sei seiner Abberufung durch die Universität zuvorgekommen. ((Der Freitag, S. 1, Ausgabe vom 15. November 2013))

Tatsächlich hatte die Universitätsleitung versucht, Güvercin an seine „Loyalitätspflichten“ zu erinnern. Güvercin hatte sich lautstark beklagt, dass ihm für einen Vortrag an der Universität, der von Studenten organisiert wurde, kein Raum zur Verfügung gestellt wurde. Er hatte zudem Kritik an Khorchide öffentlich gemacht. Wer anstelle von Güvercin in den theologischen Beirat aufgenommen wird, steht jedoch laut Universität noch nicht fest. ((http://www.muensterschezeitung.de/lokales/muenster/AStA-ist-empoert-Kein-Raum-in-der-Uni-fuer-einen-Vortrag-ueber-junge-Muslime;art993,1977548))

Theologie der Barmherzigkeit

Weitere Kritik an Khorchide wurde nach der Veröffentlichung seines Buches „Theologie der Barmherzigkeit“ geübt. Darin stellt der Münsteraner Professor eine Lesart des Islams vor, die an vielen Stellen sehr fragwürdig erscheint. Muslimische Vertreter aus Hamburg riefen Khorchide sogar öffentlich zur Reue auf. Sie warfen ihm vor, grundlegende Elemente des islamischen Glaubens infrage zu stellen. ((http://www.zdf.de/Forum-am-Freitag/Muslime-ohne-Islam-26930552.html))

Khorchide selbst sprach sich mit den Beteiligten aus, er korrigierte daraufhin sogar eine missverständliche Stelle in seinem Buch. ((http://www.uni-muenster.de/ZIT/Personen/Professoren/personen_khorchide_mouhanad.html#klarstellung)) Dennoch, die Kritik an der „Theologie der Barmherzigkeit“ geht weiter. Auch der KRM hat sich in diese Debatte eingeschaltet.

Gutachten zu Thesen

Zurzeit wird ein Gutachten zu den vertretenen Thesen von Khorchide angefertigt und diskutiert. Der Koordinationsrat der Muslime hüllt sich über die Inhalte dieses Gutachtens in Schweigen. Anfragen von Journalisten werden abgewiesen. Man verweist auf den 1. Dezember 2013. An diesem Tag will man die Ergebnisse des Gutachtens präsentieren. Bis dahin will man sich nicht mehr öffentlich zur Sache äußern. Ein Bericht, wonach eine Abberufung von Khorchide geplant sei, wird von den Verantwortlichen als „erfunden“ abgewiesen.

Tatsächlich konnte IslamiQ aus gut unterrichteten Kreisen erfahren, dass das Gutachten nunmehr vorliegt und in einer gemeinsamen Sitzung aller Spitzenvertreter der muslimischen Religionsgemeinschaften und nach Anhörung von Theologen verabschiedet werden soll. Inhaltlich geht es um die Thesen der „Theologie der Barmherzigkeit“ und der Frage, inwieweit eine Person, die diese Theologie vertritt, auch geeignet ist, bekenntnisgebunden islamische Theologie zu lehren.

Die muslimischen Religionsgemeinschaften wollen eine gemeinsame Linie fahren. Eine Abberufung von Khorchide wäre zwar möglich, gilt aber als unwahrscheinlich. Keine der Religionsgemeinschaften möchte einen zweiten Fall Kalisch erleben. Vielmehr wird wohl die Analyse der von Khorchide vertretenen Theologie dazu dienen, klare Forderungen in Richtung Münster zu formulieren. Dem KRM wird es darum gehen, dass die bekenntnisgebundene Ausbildung von Religionslehrern und Theologen nicht durch Meinungen und Thesen sabotiert werden.

Präsidialer Besuch unter schlechtem Stern

Der Besuch des Bundespräsidenten in Münster Ende November kann nicht über die Krise des Zentrums hinwegtäuschen. Vielleicht könnte der Bundespräsident ein paar vermittelnde Worte finden, doch am Ende geht es auch um die Frage, wie weit sich die Politik in die konfessionsgebundene Lehre einmischen darf.

Es wird erwartet, dass die muslimischen Religionsgemeinschaften weitestgehend Teilen der Veranstaltung fern bleiben werden, um ein Zeichen zu setzen. Gleichzeitig pocht der KRM auf die baldige endgültige Zusammensetzung des Beirats. Gerade das Fehlen des Beirats macht aus der Sicht der Religionsgemeinschaften viele Dinge prekär.

Im schlimmsten Fall müssten die muslimischen Religionsgemeinschaften ihre Zusammenarbeit mit der Universität Münster erneut kündigen. Dies wäre für den Standort Münster ein erheblicher Rückschlag. Denn die Theologen und Religionslehrer brauchen die Religionsgemeinschaften. Ohne deren Zustimmung wird weder der Unterricht an Schulen gelingen, noch wird Theologen die Möglichkeit einer Beschäftigung außerhalb der Universität ermöglicht werden können.

Leserkommentare

Eren Güvercin sagt:
Die Informationen über meinen Rücktritt, die in diesem Artikel aufgeführt werden, stimmen nicht. Ich bin auch nicht einer Entlassung aus dem Beirat zuvorgekommen. Die Gründe für meinen Rücktritt sind verschiedene. Bereits im April diesen Jahres habe ich einen Brief von der Rektorin Frau Prof. Nelles bekommen, in dem mir eine "Verletzung der Schweigepflicht" vorgeworfen wurde. Grund für diesen Brief war meine öffentlicher Kommentar zu der Tatsache, dass der Beirat seit einem Jahr nicht zusammen kommen konnte. Absurderweise warf Frau Nelles mir vor Interna aus dem Beirat nach außen getragen zu haben, obwohl der Beirat sich noch gar nicht konstituieren konnte. Welche Interna also? Ich habe lediglich meine Meinung kundgetan, dass es doch widersprüchlich ist, wenn ein Beiratskandidat als "verfassungsfeindlich" abgelehnt wird, wohingegen genau dieselbe Person ohne Probleme und Bedenken im Beirat für den IRU in NRW arbeiten darf. Das war der erste Knacks zwischen mir und der Universitätsleitung, die durch die jüngsten Diskussionen und Ereignisse noch stärker wurden, so dass ich nicht mehr Teil eines solchen Beirats werden wollte.
22.11.13
20:14
Besorgter Muslim sagt:
"Aus dem Umfeld des ZIT heißt es laut Islamlehrerin Lamya Kaddor...." Diese Aussage kann nicht stimmen. Erinnern Sie sich bitte an den Rechtsstreit zwischen Kalisch+ Uni Münster versus Kaddor. Meinen Sie Khorchide würde Kaddor im Bewusstsein dessen, Kaddor zum Umfeld des ZIT zählen? Mir scheint es, dass einige "muslimische VIPs" den Fall für die eigenen Belange nutzen wollen...
23.11.13
10:26