NACHGEFRAGT

Schöpfungsgeschichte: „Woher kommen wir und wohin gehen wir?“

Autoren schreiben hunderte Seiten. Doch was passiert, wenn sie ihr Buch auf seine Essenz herunterbrechen müssen? Unsere Serie „Nachgefragt“ liefert Antworten und stellt sowohl das Buch als auch den Autor vor. Heute mit Ibrahim Aslandur.

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2019
Ibrahim Aslandur (c)privat
Ibrahim Aslandur (c)privat

IslamiQ: Wem würden Sie ihr Buch gerne schenken und warum?

Ibrahim Aslandur: Wenn ich die Möglichkeit hätte, dann würde ich jedem Interessierten dieses Buch schenken – ganz gleich, ob Muslim oder Nichtmuslim, jung oder alt. Ich behaupte ganz unbescheiden, das Buch legt sowohl für den gewöhnlichen Leser als auch für den Experten des Fachs, neue Sichtweisen dar. 

Ibrahim Aslandur
Andalusia Verlag Karlsruhe
ISBN: 3-937928-17-0
200 Seiten
2. Auflage
August 2019 in Karlsruhe

IslamiQ: Warum ist die Thematik Ihres Buches im Lichte aktueller Debatten wichtig?

Aslandur: Menschen sind die einzigen Lebewesen auf der Erde, die Fragen zu ihrem Ursprung haben und darüber, wie sie wurden, was sie sind. Wir könnten diese Leistung als unsere Besonderheit verbuchen, als Zeichen unserer Einzigartigkeit. Daher sind die drei großen Fragen des Lebens: „Wer sind wir? Woher kommen wir? Und wohin gehen wir?“ schon seit Beginn der Menschheitsgeschichte relevant und werden an Aktualität nicht verlieren. Es gibt zu diesen wesentlichen Fragen keine einheitlichen Antworten. Daher wird unter Experten kontrovers diskutiert, was dazu führen kann, dass der „neugierige Beobachter“ des Themas, sich im Dschungel der Details über die Entstehung des menschlichen Lebens – und die daraus folgenden Ableitungen für das Menschenbild – verliert. Dieses Buch möchte etwas Klarheit schaffen, ohne das komplexe Thema unzulässig zu vereinfachen. 

IslamiQ: „Beim Lesen guter Bücher wächst die Seele empor.“ Warum trifft dieses Zitat von Voltaire auf Ihr Buch zu?

Aslandur: Mein Buch ist aus einer Notwendigkeit entstanden. Ich wollte Fragen, die mich persönlich beschäftigten, beantwortet wissen. Das war mein Antrieb. Selbstverständlich bin ich nicht der Einzige, der sich Fragen zum Verhältnis zwischen Religion und Wissenschaft oder das Verhältnis der Evolutionstheorie zur Erzählung von Adam und Eva, stellt. Doch die Texte, die sich dem Thema aus einem koranischen Blick nähern, sind entweder trocken und zu akademisch oder sehr darauf ausgerichtet Dogmen zu verteidigen. Mein Anspruch war es dieses Thema nicht aus einer Position der orthodoxen Apologetik zu verfassen, sondern gewissermaßen ergebnisoffen zu behandeln, ohne die Verse des Korans aus dem Auge zu verlieren. Jeder, der diesen Anspruch teilt, wird beim Lesen meines Buches (hoffentlich) eine solche Erfahrung machen, wie sie Voltaire im genannten Zitat beschreibt.

IslamiQ: Ihr Buch in drei Wörtern zusammengefasst?

Aslandur: Forschung bringt Erkenntnis. 

IslamiQ: Eine spezielle Frage für Sie: In Ihrem Buch appellieren Sie dazu veraltete Paradigmen abzuwerfen und sich mit den wesentlichen Dingen im Leben zu beschäftigen, warum?

Aslandur: Es ist unbedingt notwendig, die großen Fragen des Lebens nach bestem Wissen und Gewissen zu ergründen. Genauso bedeutend ist es, eine Offenheit für Anpassungen und Veränderungen unseres Narrativs zu gewährleisten, um nicht mit einer endgültigen Antwort auf die Schöpfungsgeschichte den neugierigen Forschungsdrang, den die Ursprungsfrage mit sich bringt, im Keim zu ersticken. Wenn man so will ist ebendieser Gedanke einer der zentralen Plädoyers in meinem Buch. Die kurzen Ausführungen sind so angesetzt, dass die „festgefrorenen“ Dogmen auf dem Feld der Schöpfungsgeschichte unter Muslimen langsam zum Schmelzen bringen um somit Raum für neue Erkenntnisse zu schaffen, als auch Neugier wecken dieses Feld naturwissenschaftlich zu beleuchten. Das Buch soll das Narrativ der Schöpfungsgeschichte der islamischen Ideengeschichte analysieren, kritisieren und zum Nachdenken provozieren.

Leserkommentare

Ute Fabel sagt:
Meine Leseempfehlungen: „Der Zauber der Wirklichkeit“ von Richard Dawkins: In der realen Welt findet man viel mehr Poesie und Sinnfindungsmöglichkeiten für das Leben als in abergläubischen alten Texten. „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ von Yuval Noah Harari Im Unterschied zu Bibel und Koran wird darin nicht zwischen erlösungswürdigen Rechtgläubigen und verdammungswürdigen Schlechtgläubigen unterschieden.
13.12.19
9:14
Kritika sagt:
Danke, Ute Fabel Meine Lieblings Adam-und-Eva-lose Schöpfungsgeschichte: A Universe from Nothing Lawrence M. Krauss, Afterword by Richard Dawkins Gruss, Kritika
15.12.19
10:47
Ute Fabel sagt:
Schon in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts verwarf der antike Philosoph Kelsos die Schöpfungsgeschichte: Es gibt keinen Grund anzunehmen, die Welt sei des Menschen wegen geschaffen worden. Eher könnte man, wenn man wollte, die Behauptung begründen, sie sei um der Tiere willen da. Zwar werden die Tiere vom Menschen gejagt und verspeist, aber das Umgekehrte kommt auch vor und war früher – bevor die Menschen Waffen, Netze und Jagdhunde einführten – sogar der Normalfall. Daraus ließe sich folgern, dass Gott eher die Raubtiere bevorzuge, denn er hat sie von vornherein mit Waffen ausgestattet und den Menschen nicht. Auch die Staatenbildung, soziale Organisation und Zukunftsvorsorge ist keine Sonderleistung des Menschen, da Ameisen und Bienen Vergleichbares zustande bringen. In Wirklichkeit ist keine Spezies von Natur aus privilegiert und zur Herrschaft über die Welt bestimmt. Jede Vorstellung, die einen bestimmten Teil der Schöpfung zu deren Zweck erhebt, ist prinzipiell verfehlt, denn der Kosmos bildet eine Gesamtheit, in der jeder Bestandteil seine Rolle und eigenständige Existenzberechtigung hat. Es trifft nicht zu, dass einer der Teile um eines anderen willen da ist oder eine Gattung von Lebewesen wegen einer anderen geschaffen wurde. Vielmehr besteht jeder Teil des Kosmos unmittelbar im Hinblick auf das Ganze, in das er eingeordnet ist, und die Vollkommenheit des Ganzen beruht auf der Vollständigkeit seiner Bestandteile. Der Glaube, dass sich Gott um die Juden und die Christen mehr kümmere als um die übrige Welt und nur ihnen seine Botschaften offenbare, ist Ausdruck einer willkürlichen Subjektivität. Ebenso könnten Würmer oder Frösche sich einbilden, dass das Weltall ihretwegen bestehe und dass Gott sie gegenüber allen anderen Wesen bevorzugen. Die Christen glauben, dass Gott nach dem Sechstagewerk der Schöpfung einen Ruhetag benötigt habe, als wäre er wie ein Handwerker nach der Arbeit ermüdet und bräuchte Erholung. Das ist eine alberne Vorstellung.
17.12.19
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