Frankreich

Die Unsichtbarkeit der Musliminnen am Arbeitsmarkt

In Frankreich ist es nicht einfach mit einem Kopftuch zu studieren, zu arbeiten und zu leben. Unter dem Vorwand der Befreiung, werden Rechte von kopftuchtragenden Frauen beschnitten. Die Autorin Hassina Mechaï hat verschiedene Frauen getroffen und mit ihnen über ihre Erfahrungen gesprochen. 

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04
2019
Lehrerin mit Kopftuch © Perspektif, bearbeitet by iQ.
Kopftuch © Perspektif, bearbeitet by iQ.

Am 12. März machte ein Video auf Twitter die Runde. Sichtlich aufgebracht berichtet darin eine junge Frau mit Kopftuch von einem Vorfall, wie er sich in Frankreich inzwischen regelmäßig ereignet. Die Studentin ist auf der Suche nach einem Nebenjob als Verkäuferin, um ihr Studium zu finanzieren. Deshalb stellt sie sich in einem Geschäft der Modekette “Etam” vor. Die Filialleiterin empfängt sie zunächst freundlich. Als sie jedoch erfährt, dass die Studentin auf Arbeitssuche ist, bricht sie in Gelächter aus. “Das ist ein Scherz, oder? Ich hoffe, Sie meinen das nicht ernst. Sie verlangen, dass ich Sie mit Kopftuch einstelle.” Die Geschäftsführerin habe sich nicht einmal ihren Lebenslauf ansehen wollen, berichtet die Studentin. Als sie dafür eine Erklärung verlangt, teilt die Frau ihr mit, dass sie sie aufgrund ihres Kopftuches nicht einstellen werde. 

Der Vorfall, so die junge Frau, habe sich nicht zwei Tage nach dem Internationalen Frauentag ereignet. “Ich war sprachlos und schockiert, wusste nicht, was ich sagen sollte.” Sie müsse ihr Kopftuch vor dem Geschäft ablegen. Die Geschäftsführerin akzeptiere keine Kopftuchträgerinnen. Den Vorwurf der Studentin, eine “Rassistin” zu sein, bestreitet die Geschäftsführerin jedoch ab: “Ich bin keine Rassistin, ich bin Feministin.” Eine Feministin, die muslimische Frauen nicht beachtet. 

Seitdem habe die Studentin nicht mehr den Mut gehabt, sich in anderen Geschäften vorzustellen. Niemand hat sie während des Gesprächs verteidigt. Das Video habe sie gedreht, um zu zeigen, wie schwer es in Frankreich inzwischen geworden ist, mit Kopftuch zu studieren, zu arbeiten und zu leben.

In einer Stellungnahme der Modekette “Etam” heißt es, die Filialleiterin sei vorübergehend freigestellt worden. Man habe außerdem eine interne Untersuchung der Angelegenheit veranlasst “um den genauen Sachverhalt zu klären.” “Die Art und Weise, wie die junge Frau von unserer Mitarbeiterin behandelt wurde, entspricht nicht den Werten unseres Unternehmens”, heißt es weiter. Etam “setzt sich für Vielfalt und Inklusion ein. Jede Form der Diskriminierung lehnen wir entschieden ab.” 

Das Kopftuch – eine französische Obsession?

Die Szene bietet einen kleinen Überblick darüber, was viele Frauen in Frankreich erleben. Darüber, wie viele Frauen die Suche nach Arbeit aufgegeben, den Beruf gewechselt oder das Kopftuch abgelegt haben, weil sie keinen Job finden, liegen keine Zahlen vor. Bislang hat sich auch keine Studie ernsthaft mit dieser Frage befasst. 

Der rechtliche Rahmen wurde schrittweise ausgedehnt. Zuerst waren die Schulen betroffen. Das Tragen eines Kopftuchs in der Öffentlichkeit ist in Frankreich zwar erlaubt, das Gesetz vom 15. März 2004 verbietet jedoch alle als “auffällig” eingestuften religiösen Symbole wie das Kopftuch, die Kippa, große Kreuze oder Turbane in öffentlichen Schulen. Dieses Verbot gilt nicht für Universitäten. 

Seit dem 11. Oktober 2010 ist das Tragen des Gesichtsschleiers in allen öffentlichen Bereichen des Landes gesetzlich untersagt. Das Arbeitsrecht enthält seit 2016 eine Bestimmung, wonach Arbeitgeber ein “Neutralitätsgebot” in ihre internen Richtlinien aufnehmen dürfen. Im November 2017 sprach das Kassationsgericht Firmen das Recht zu, das Tragen religiöser oder politischer Symbole zu untersagen, sofern “die Vorschrift allgemein und unterschiedslos gilt, und nur auf Mitarbeiter angewendet wird, die im direkten Kundenkontakt stehen”. Gleichzeitig legt ein von der “Nationalen Beobachtungsstelle für Laizität” verfasster Leitfaden fest, dass niemand aufgrund seiner religiösen Überzeugungen aus einem Einstellungsverfahren ausgeschlossen werden darf. Diese Präzisierung entspringt den im französischen Recht verankerten Prinzip der Nicht-Diskriminierung, der Rechtsgleichheit und des Anti-Rassismus.  

In diesem Rechtsrahmen versucht sich Nesrine (Name geändert) wiederzufinden. Die junge Frau stammt aus dem Nahen Osten, träumte von Frankreich und seiner Kultur. Ihr Traum? Bücher auf Französisch schreiben. In ihrer Heimat trug sie Kopftuch. Dieses Kopftuch hat sie in Frankreich gegen eine Mütze getauscht. “Diese Tarnung funktioniert im Winter, aber bald ist Sommer, da werde ich ein Tuch tragen und dann auch öfter auf der Straße angeschaut oder angesprochen werden”, erklärt Nesrine. Viele ihrer Praktikumsbewerbungen seien abgelehnt worden, selbst von einem öffentlichen Institut für arabische Kultur, dessen Namen Nesrine nicht nennen möchte. Es erstaunt sie, dass ihre Art sich zu kleiden, in Frankreich ein Hindernis beim Eintritt in den Arbeitsmarkt darstellt.

Soraya und Lila

Heute trägt Soraya kein Kopftuch. Das Pariser Café, in dem wir uns treffen, betritt sie in weiter Kleidung. “Ich habe mein Kopftuch abgenommen, kleide mich aber immer noch dezent”, sagt sie. Sorayas Familie stammt aus Tunesien, sie selbst ist in Frankreich geboren, studierte Jura in Straßburg. Inzwischen arbeitet sie in der Rechtsabteilung eines großen Unternehmens. “In La Défense, dem Zentrum des Pariser Geschäftsviertels. In Paris zu arbeiten war ein Traum”, erzählt Soraya. Während ihres Studiums habe sie das Kopftuch getragen. “Als ich mit 19 damit anfing, waren meine Eltern dagegen. Sie sagten mir, dass sie nicht ausgewandert seien und für meine Brüder und mich so viel geopfert hätten, damit ich wegen meines Kopftuches arbeitslos bleiben würde. Alle meine Praktika habe ich mit Kopftuch absolviert.” Beim Bewerbungsgespräch habe sie es dann aber doch lieber abgenommen, um eingestellt zu werden. “Die Firma, für die ich arbeite, ist sehr offen, setzt auf Diversität. Ich glaube aber trotzdem nicht, dass die Personalleitung mich bei gleicher Leistung jemandem ohne Kopftuch vorgezogen hätte. Ich bin eine junge Frau, das ist schon ein Handicap. Dann bin ich ständig mit Kunden in Kontakt. Da hätte das Kopftuch, so wie es in Frankreich gesehen wird, gegen mich gesprochen.” 

Als sie es getragen habe, erzählt die 34-Jährige, hätten die Leute sie manchmal für die Raumpflegerin gehalten. Andere hätten angenommen, sie sei keine Französin. “Es stimmt, wenn ich morgens komme, sehe ich Frauen mit Kopftuch, die hier putzen. Für die ist das Kopftuch anscheinend kein Hindernis, denn sie sind vor den Augen aller anderen sowieso unsichtbar.” Ihre Eltern hätten ihre Entscheidung mit Erleichterung aufgenommen, ihr Verlobter dagegen sei skeptisch. “Er praktiziert, wie ich, und versteht nicht, warum ich unter dem Druck der französischen Gesellschaft nachgegeben habe. Aus seiner Sicht bin ich vor der virulenten Islamfeindlichkeit zurückgewichen.” Sie seufzt. “Für ihn ist das alles einfacher. Mit seinem Bart geht er auch als Hipster durch.” Soraya besucht regelmäßig eine Moschee in einem Vorort südlich von Paris. Abfällige Bemerkungen habe sie dort keine zu hören bekommen. “Darüber bin erleichtert”, sagt Soraya. 

Lilas Weg ist anders verlaufen. Sie stammt aus Algerien und hat sich erst mit über vierzig für das Kopftuch entschieden. Sie arbeitet bis zu diesem Zeitpunkt als Tagesmutter. Aus Angst, abgelehnt zu werden, habe sie ihren Service seitdem jedoch nicht mehr angeboten und sich auch nicht in einer Kinderkrippe beworben. “Am Ende wird das nur Probleme bringen. Weniger mit den Eltern als mit dem Kollegium”, meint Lila. Sie habe aber auch gemerkt, dass viele Leute genug von dieser “Schleierpsychose” hätten, wie sie es nennt. “Sie finden, dass Frankreich andere Probleme hat, als darüber zu entscheiden, wie sich die Leute anziehen sollen.” 

Stanford-Studie 

Im Januar 2019 veröffentlichten Aala Abdelgadir und Vasiliki Fouka von der Stanford-University eine Studie zu den Auswirkungen des Gesetzes von 2004. 

Als Reaktion auf den Anstieg der Einwandererzahlen und aus Angst vor islamischer Radikalisierung hätten mehrere westliche Staaten die Religionsfeiheit eingeschränkt und Laizität und westliche Werte in den Vordergrund gerückt. “Trotz intensiver öffentlicher Debatten lässt bisher kaum systematisch zeigen, in welcher Weise die Politik das Verhalten der religiösen Minderheiten beeinflusst, auf die sie abzielt.” 

In ihrem Artikel bewerten Abdelgadir und Fouka auf der Grundlage qualitativer und quantitativer Daten die Auswirkungen des gesetzlichen Kopftuchverbots von 2004 auf die sozioökonomische Integration muslimischer Frauen in Frankreich. “Durch das Gesetz ist die Anzahl muslimischer Schülerinnen in Sekundarstufe II zurückgegangen. Es beeinflusst langfristig ihren Werdegang auf dem Arbeitsmarkt und die Zusammensetzung der Familie”, schreiben die Forscher. Und weiter: “Wir können zeigen, dass das Verbot auf einer erhöhten Diskriminierungswahrnehmung beruht. In dem Religion und nationale Identität zu unvereinbaren Gegensätzen erklärt werden, wird Assimilation verhindert.” 

Die Autonomie junger Frauen sei durch das Gesetz eingeschränkt worden. Sie blieben häufiger untätig, bekämen mehr Kinder, wohnten länger bei ihren Eltern und übten seltener einen Beruf aus. Die Forscher weisen nach, dass die Zahl der jungen Frauen, die Opfer von Dsikriminierung oder rassistischer Übergriffe werden, gestiegen ist. 

Demgegenüber sei ihr Vertrauen in die Schule gesunken. Die befragten Frauen äußerten eine stärkere Verbundenheit mit ihrem Herkunftsland, paradoxerweise aber auch mit ihrer französischen Identität. Eine These der Wissenschaftler lautet, das Gesetz von 2004 habe die Bedeutung der Identitätsfrage verstärkt und einer Polarisierung der französischen Gesellschaft Vorschub geleistet. Das Kopftuchverbot an Schulen habe die Emanzipation von Mädchen und jungen Frauen nicht gefördert. Stattdessen sei ihre Unabhängigkeit nachhaltig eingeschränkt worden. Aufgrund der mit ihr einhergehenden finanziellen Unabhängigkeit, sei eine Arbeitsstelle der Schlüssel zu persönlicher Autonomie. Unter dem Deckmantel, sie von ihrem Schleier befreien zu wollen, hat das mit 494 zu 36 Stimmen verabschiedete Gesetz dazu beigetragen, die Frauen unfreier zu machen als zuvor. 

Leserkommentare

Enail sagt:
Es ist schon seltsam, da wird Frauen, die sich an das Symbol der männlichen Erhöhung über der Frau, das Mitgefühl und Respekt ausgesprochen. Wofür Respekt, frage ich mich. Dass sie an einer Kleiderordnung festhalten wollen, die ein Mann erfunden hat? Seltsam finde ich da, wenn eine Frau Ates sich das Recht nimmt, die Gleichberechtigung zu leben, wie das im GG verankert ist, Männer und Frauen zum gemeinsamen Gebet einlädt, das Amt eines Imam ausübt, nun unter Polizeischutz gestellt werden muss, weil man ihr Leben bedroht. Und das ja nicht zum ersten Mal. Einen Mordversuch hat sie schon überlebt, der geschah, weil sie unterdrückten Frauen geholfen hat. Und ich sehe in unserer nächsten Stadt Mädchen, traurig aber wahr, die schon das Kopftuch aufhaben. Denen wird schon von klein auf eingetrichtert, wie sie sich zu kleiden haben. Haben diese armen Kinder je eine Wahl?
07.05.19
2:33
Ute Fabel sagt:
@ Dilaver Çelik "Das Tragen des Kopftuchs ist kein Sonderrecht, sondern ein elementares Grundrecht, welches nicht verhandelbar ist.." Mit diesem Argument könnte dann unter Verweis auf die verfassungsrechtlich gewährleisteten politischen Grund- und Freiheitsrechte auch ein AfDler daherkommen und sagen, er möchte auch im Berufsleben immer ein Shirt mit dem Aufdruck PEGIDA tragen und ein Verzicht darauf sei nicht verhandelbar. Zu Recht hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in den Urteilen Dogru und Kervanci gegen Frankreich erkannt, dass es sich in einer demokratischen Gesellschaft für das Zusammenleben als notwendig erweisen könne, die Religions- und Weltanschauungsfreiheit einzelner Gruppierungen einzuschränken, um die Interessen der verschiedenen Glaubensrichtungen auszugleichen. Es darf kein Faustrecht derjenigen geben, die sich besonders dogmatisch und unnachgiebig gerade an ihr Kleidungsstück oder Symbol klammern! PEGIDA-Shirts, Kopftücher, Che-Guevara-Anstecker, Salafistenbärte, Kreuzketten, Kippas, Burschenschafterkappen, atheistische Gottlos-Glücklich-Buttons und kommunistische Blauhemden gehören ins Privatleben, aber nicht an den Arbeitsplatz.
07.05.19
14:36
gregek sagt:
In Frankreich gilt das Kopftuchverbot in Schulen wie sonstigen öffentlichen Einrichtungen aufgrund der vorgegebenen Verfassung. Daher sind die Legalisierungsbemühungen von Widerstgand gegen ein Kopftuchverbot geradezu müßig. Wenn sich Muslime gegen dieses Verbot auflehnen, müssen sie die entsprechenden Sanktionen erfahren. Interessanterweise wird das Verbot des Tragens religiöser Symbole weitestgehend akzeptiert, da kann Dilaver als kleines Hündchen noch so laut den Mond anbellen.
07.05.19
20:24
IE sagt:
Natürlich wird das Leben Muslimas schwer gemacht, gelten sie doch nicht als frei verfügbar und haben hohen moralische Maßstäbe. Wertkonversative Menschen sind zudem selten gern gesehen bei Menschen, welche die Menschen gerne verbiegen wollen.
23.05.19
5:53
gregek sagt:
nicht nur Muslimen wird das Leben schwer gemacht, auch andersgläubige müssen sich Bekleidungsrichtlinien am Arbeitsplatz unterwerfen.
24.05.19
20:03
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