Religion in öffentlichen Debatten

„Paradoxes Zusammenspiel von Unglaube und Angst vor Islam“

Die Deutschen werden ungläubiger – und reiben sich zugleich immer mehr am Islam. In einem KNA-Interview interpretiert der Religionssoziologe Gert Pickel beide Trends. Den Kirchen empfiehlt er kritische Distanz zu politischen Verteidigern eines christlichen Abendlandes.

30
03
2018
Minarette und Moschee in Deutschland © Tor'Bled-Nam auf flickr.com (CC 2.0), bearb. iQ.
Moschee in Deutschland © Tor'Bled-Nam auf flickr.com (CC 2.0), bearb. iQ.

Herr Professor Pickel, der gesellschaftliche Rückhalt der Kirchen nimmt ab, zugleich wird der Ruf nach Verteidigung des christlichen Abendlandes gegen den Islam lauter. Inwieweit ist das ein Thema für die Religionssoziologie?

Pickel: Das ist eines der zentralen neuen Themen der Religionssoziologie und vor allem der Forschung zu Politik und Religion. Es gibt ein fast paradoxes Zusammenspiel zwischen einer ungebrochenen Säkularisierung auf der einen Seite und so etwas wie eine „Rückkehr der Religion“ in die öffentliche Diskussion. Dabei spielt Religion eine eher negative Rolle – sie dient vor allem rechtspopulistischen Akteuren zur Abwehr einer kulturellen Bedrohung. So wird vor allem die Zugehörigkeit zum Islam ein Merkmal zur Identifikation eines Gegners.

Gibt es verlässliche Zahlen zu dieser auseinanderdriftenden Entwicklung?

Pickel: Die Zahl der Konfessionslosen wächst seit den 1970er Jahren stetig und übersteigt bereits die Mitgliedschaften der einzelnen großen Kirchen in Deutschland. Auch die Zahl derer, die sich allgemein als religiös bezeichnen, sinkt konstant. Zugleich fühlt sich mehr als jeder zweite Deutsche vom Islam, was immer er auch darunter versteht, bedroht. In Ostdeutschland sind es noch mehr als in Westdeutschland, obwohl oder vielleicht weil dort fast keine Muslime leben.

Wie interpretieren Sie diesen Trend?

Pickel: Es handelt sich um zwei Trends, die teilweise unabhängig voneinander sind. Dabei hat die Tendenz, die religiöse Zugehörigkeit als Abgrenzungsmerkmal zu verstehen, einen wesentlich politischeren Charakter.

Kommt das überraschend für Sie?

Pickel: Die Säkularisierung ist nichts Neues. Erstaunlicher ist die Entwicklung, die religiöse Zugehörigkeit als Merkmal für Vorurteile gegenüber bestimmten Gruppen zu nutzen. Auch in der modernen westeuropäischen Gesellschaft spielt das offenbar noch eine beachtliche Rolle. Ausgelöst wurde dies sicher auch durch die starken Fluchtbewegungen nach Europa, bei denen die Geflüchteten pauschal meist als Muslime betrachtet werden.

Können die Kirchen davon profitieren?

Pickel: Wenn Menschen wieder in solchem Maß vor allem mit Blick auf ihren Glauben bewertet werden, provoziert dies auch die Frage nach der eigenen religiösen Identität. Grundsätzlich ist es aber denkbar, die Vorstellung eines christlichen Abendlandes auch als säkularer Mensch zu verteidigen. Allerdings haben die Kirchen in der Debatte über den Islam die Chance, in eine interkulturelle und interreligiöse Mittlerrolle hineinzuwachsen. Teilweise ist dies im Rahmen der Flüchtlingshilfe schon geschehen. Dadurch zeigen sie die aktuelle Relevanz von Religionen auf dem positiv bewerteten sozialen Sektor.

Sollten die Kirchen überhaupt versuchen, sich diese Entwicklung zunutze zu machen, wenn die „Verteidiger des Abendlandes“ aus der rechtsextremen Ecke kommen?

Pickel: Lieber nicht. Ein zu starkes Beharren auf einer religiösen Identität, die sich aus Abgrenzung ergibt, kann große Probleme für das eigene Selbstverständnis aufwerfen. Sich mit Gruppen zu identifizieren, die Religion weitgehend strategisch für politische Ziele instrumentalisieren und faktisch ethnisieren, halte ich für wenig hilfreich. Sicher sollten sich Christen Gedanken über die eigene Identität machen und vor allem über die soziale und gesellschaftliche Bedeutung ihrer Religion. Auf eine vorurteilsbeladene Abgrenzung aufzuspringen, dürfte aber wenig hilfreich sein.

Inwieweit sind die Verfechter des Abendlandes offen für eine kritische Korrektur ihrer Weltsicht durch die Kirchen?

Pickel: Da stelle ich wenig Einsicht fest. Einige christliche Grundwerte wie das Gebot der Nächstenliebe stellen ja ein Problem für die „Verfechter des Abendlandes“ dar. Sie vertragen sich nur sehr schlecht mit ihren mehrheitlich auf Ausgrenzung und Ablehnung ausgerichteten Positionen.

In jüngster Zeit ist immer wieder auch von einem christlich-jüdischen Deutschland die Rede. Gibt es ein gesellschaftliches Bewusstsein für eine auch jüdische Prägung unserer Kultur?

Pickel: Diese Nähe wird gerade in theologischen Diskussionen immer wieder betont, in der Bevölkerung ist diese Verbindung allerdings von nur geringer Bedeutung. Dort unterscheidet man deutlich zwischen beiden Religionen. Die meisten sehen eine historische Verantwortung der Deutschen gegenüber dem Judentum, allerdings fühlt sich auch jeder Fünfte durch das Judentum bedroht. Das deutet auf einen bemerkenswerten Anteil an zumindest sekundärem Antisemitismus, also eine Konfrontationsstellung gegenüber Israel, hin. (KNA, iQ)

Leserkommentare

Frederic Voss sagt:
Angesichts ständiger Meldungen & Berichte über islamisch motivierte Gewalttätigkeiten in der Welt, wäre es ein großes Wunder, wenn diverse Angstgefühle & weitreichende Zweifel am islamischen Glaubensgebäude mit den zugehörigen Machtstrukturen ausbleiben würden. Der Islam provoziert nicht nur Reibungspunkte, er verursacht überall Störungen, Irritationen und Ablehnung, weil er so ist, wie er ist - ungeachtet soziologischer Gedankenassoziationen. Zudem kann man in den Korantexten schöne Sätze und Formulierungen finden, aber eben auch gefährliche und schlimme.
30.03.18
17:45
Ute Fabel sagt:
"Gibt es ein Bewusstsein für eine auch jüdische Prägung unserer Kultur?" Unsere Kultur ist stark von Menschen jüdischer Abstammung geprägt und äußerst positiv beeinflusst worden, die sich aber mit aller Entschlossenheit von der jüdischen Religion gelöst haben. Bewundernswertes Paradebeispiel hierfür ist Sigmund Freud, der sich selbst als Antitheist bezeichnete, aber trotzdem aufgrund der beschämenden "Rassenlehre" der Nazis Wien verlassen musste. Am meisten bereichert haben unsere Geisteswelt die zahlreichen jüdischen Ketzer. Tiefe Bewunderung empfinde ich für den großen Philosophen des 17. Jahrhunderts, Baruch Spinoza, der von den kleingeistigen Klerikern seiner Religionsgemeinschaft exkommuniziert und verflucht wurde. "Verflucht sei er bei Tag, verflucht sei er bei Nacht, verflucht sei er im Schlaf, verflucht sei er im Wiederkehren. Der Herr soll ihm nicht vergeben: Der Zorn des Herrn soll fortan gegen diesen Mann wüten und soll ihm auflegen all die Flüche, die im Buche des Gesetzes geschrieben stehen. Der Herr soll seinen Namen unter der Sonne auslöschen ... ", so lauteten die hasserfüllten Worte. Aber was soll´s? Sein philosophisches Werk "Ethica" ist um Längen geistreicher und wegweisender als die einfältigen Bücher Mose. Denken ist einfach besser als Glauben!
30.03.18
18:01
Johannes Disch sagt:
-- "Der Islam ... verursacht überall Störungen" (Frederic Voss) Eine typische Banalisierung und Religionisierung komplexer Probleme. Es geht um Politik. Und nicht um Religion.
01.04.18
23:39
Ute Fabel sagt:
Ich sehe keinen paradoxen Zusammenhang zwischen einem zunehmenden Unglauben gegenüber selbsterklärten Erlösern in Deutschland und dem Islam, nach dessen Doktrin nicht in Frage gestellt werden darf, dass Mohammed der letzte Prophet Gottes war. Ich sehe zwischen diesen beiden Phänomen sogar einen völlig logischen Konnex. Es ist erfreulich, dass in Deutschland selbstständiges Denken und kritisches Hinterfragen auf dem Vormarsch ist. Es ist daher gut und richtig, wenn Glaubenslehren, die das Denken in ein sehr enges Korsett zwängen wollen, mit Argwohn beäugt werden. Auslegungen innerhalb einer beschränkten Bandbreite, was Mohammed laut Koran genau gemeint habe, finden im Islam zwar statt. Zu vertreten, dass sich Mohammed auch einmal geirrt haben und Falsches verbreitet haben könnte, ist im Islam verpönt. Angst vor solcher intellektuellen Enge ist berechtigt und positiv zu betrachten.
02.04.18
7:25
Johannes Disch sagt:
Es ist die Unfähigkeit und Unwilligkeit vieler Leute, sich differenzierter mit ´den Konflikten dieser Welt zu befassen. Und die Sehnsucht nach einfachen Antworten. Nach Schwarz/´Weiß-Bildern. Nach Feindbildern. Und da bietet sich eben "Der Islam" und "Der Muslim" an. Es gibt aktuell eine Vielzahl an ethnisch-religiösen Konflikten, und sie betreffen nicht nur den Islam. In Indien wird der Nationalismus immer mehr aufgeladen durch die religiöse Komponente. Ein hinduistischer Nationalismus, der die Religion des Hinduismus genauso politisiert und instrumentalisiert wie es Islamisten mit dem Islam tun. In Sri Lanka zoffen sich Hinduisten und Buddhisten, was das Zeug hält.
02.04.18
23:21
Ute Fabel sagt:
@ Johannes Disch: Ich finde generell, dass der feste und unhinterfragte Glauben an eine Religion oder Weltanschauung großes Gefahrenpotential in sich trägt. Auch Anhänger des Marxismus-Leninismus hingen Persönlichkeiten an, die eine prophetenhafte Stellung genossen. Ihre Bücher waren auch gewissermaßen Heilige Schriften, deren Inhalt nicht in Frage gestellt werden durfte. Seit Zusammenbruch des Ostblocks ist dieses Dogma - glücklicherweise - in vielen Weltgegenden in den Hintergrund getreten. Als bedauerliche Ausnahme ist das große China anzuführen. Im Nahen und Mittleren Osten sowie in Teilen Afrikas hat der Islam dieses ideologische Vakuum aufgefüllt. Eine der zentralen Glaubenslehren des Islams ist, dass der Koran das unverfälschte Wort Gottes und Mohammed sein letzter Prophet sei. Unabhängig davon, ob es jetzt mehr Suren mit positiven oder negativen ethischen Botschaften gibt, ist das allein ein schlechtes Fundament.
04.04.18
8:02
Manuel sagt:
@Johannes Disch: Im Islam IST Religion gleich Politik.
04.04.18
19:12
Johannes Disch sagt:
@Ute Fabel Es ist doch nicht so, dass gläubige Menschen-- egal, ob Juden, Christen oder Muslime oder Menschen anderen Glaubens-- ihre Religion nicht hinterfragen würden. Natürlich tun sie das.
05.04.18
12:37
Johannes Disch sagt:
Es ist doch nicht so, dass sich Glaube und hervorragende intellektuelle Leistungen ausschließen würden. Jede der 3 monotheistischen Weltreligionen gibt dafür hervorragende Beispiele. Für das Judentum wäre Gershom Scholem zu nennen. Für das Christentum Augustinus und Thomas von Aquin. Für den Islam Ibn Khaldun und Avicenna. Nur fünf Beispiele von vielen. Gläubige Menschen und große Denker.
05.04.18
12:51
Laho sagt:
Es sind sogenannte Muslime,die sich Muslime nennen, nur weil sie als Muslime durch muslimische Eltern auf die Welt gekommen sind, ohne den richtigen Islam auch nur annähend zu praktiziern, Chaos verursachen. Also nicht immer den Islam anprangern!.Ein richtiger Muslime ist immer bevor er was macht oder denkt oder Sagt mit den Gedanken an seinen Schöpfer, denn er wird und wir alle am Tag der Abrechnung zu Verantwortung gezogen, Gott hat Erbarmen, aber auch hart strafen.Es kommen alle Taten auf die Waage.
05.04.18
17:06
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