DEUTSCHLAND, DEINE UMMA!

„Probleme sind dazu da, um gemeistert zu werden“

In Deutschland leben vier Millionen Muslime. Wie viele kennen Sie? In dieser IslamiQ-Serie stellen wir querbeet Menschen vor, die eine Gemeinsamkeit teilen: Sie sind Teil der Umma Deutschlands. Heute Nahla Osman.

02
12
2017
Nahla Osman © iQ

Nahla Osman ist vor 38 Jahren in Rüsselsheim geboren und wohnt und arbeitet dort mit ihren drei Kindern. Sie ist Juristin und setzt sich als Fachanwältin für Migrationsrecht unter anderem für die Rechte der Flüchtlinge ein. Ihre Eltern emigrierten aus Syrien und sie musste hautnah erleben, was es bedeutet, eine krisengebeutelte Heimat zu haben. Auch neben ihrer Arbeit ist die dreifache Mutter aktiv, steht bei Demonstrationen in erster Reihe und nutzt die sozialen Medien, um über Menschenrechtsverletzungen aus Syrien zu berichten. Die Alleinerziehende schafft es in allen Lebensbereichen ein Vorbild zu sein und bricht mit den Klischees über die muslimische Frau. Im Interview lernt Ihr sie kennen: Nahla Osman. 

IslamiQ: Sie sind Rechtsanwältin. Warum haben Sie sich für diesen Beruf entschieden?

Nahla Osman: Seitdem ich von dem Leid in Syrien erfahren habe: Meine Cousins wurden 1981 grundlos verhaftet und Jahre lang gefoltert, zu dieser Zeit war ich circa 6 Jahre alt, und erlebte, wie mein Vater grundlos seine Heimat nicht besuchen konnte. Deshalb wollte ich mich für Menschenrechte einsetzen und Jura studieren. 

IslamiQ: Haben Sie es je bereut diesen Berufsweg zu gehen?

Osman: Nein, es ist genau das, was ich immer machen wollte.

IslamiQ: Können Sie sich an eine Situation aus Ihrer Kindheit erinnern, in der Sie erstmals mit der Identitätsfrage konfrontiert waren?

Osman: Es gibt viele Erinnerungen, aber eine hat mich sehr geprägt: Ich besuchte die 11. Klasse und teilte meiner Politiklehrerin mit, dass ich Rechtsanwältin werden möchte. Sie stutzte und sagte dann: „Meine Tochter studiert Jura und das ist sehr schwer, machen Sie lieber eine Ausbildung als Rechtsanwaltsgehilfin…“. Ich verstand die Welt nicht mehr. Ihre Tochter, weil sie Deutsche ist, studierte Jura, und ich, was war ich? Es war eine schwere Zeit, aber ich habe gelernt, damit zu leben, dass ich beides bin: Syrerin und Deutsche. Man muss sich nicht entscheiden und vor allem niemanden erlauben, einen auszugrenzen – warum auch immer.

IslamiQ: Welche Hobbies haben Sie, wie gestalten Sie ihre Freizeit am liebsten?

Osman: Ich reise sehr gerne, da ich viele verschiedene Kulturen, Länder und Menschen „erleben“ möchte, und ich fahre gerne Fahrrad. Mit drei Kindern bleibt mir neben dem Beruf nicht sehr viel Zeit, aber ich versuche sie so gut wie möglich zu nutzen. Auch für Syrien versuche ich mich humanitär zu engagieren.

IslamiQ: Lieblingsbuch? Lieblingsfilm?

Osman: Malcolm X. Die Weißhelme.

IslamiQ: Was bedeutet Familie für Sie?

Osman: Sie ist für mich das Wichtigste im Leben. Meine Eltern und Kinder geben mir immer wieder Halt und unterstützen mich soweit sie können.

IslamiQ: Ihr Lebensmotto?

Osman: Mach das Beste aus der Situation. Es gibt immer schlimmere Schicksale, Ereignisse neben den eigenen Problemen. Probleme sind dazu da, um gemeistert zu werden und daraus zu lernen.

IslamiQ: Was ist Ihr größtes Ziel in diesem Leben? Was tun Sie um es zu erreichen?

Osman: Mein größtes Ziel ist es, Allahs Wohlgefallen zu erlangen, eine gute Mutter zu sein, meine Kinder auf beste Art und Weise zu erziehen und dem Leid ein wenig entgegen zu wirken.

IslamiQ: Was wünschen Sie sich für die Zukunft? Für sich selbst, für Ihre Familie, für alle Muslime in Deutschland.

Osman: Ich wünsche mir Akzeptanz, Präsenz, Erfolg und Vorbildfunktion von mir, meiner Familie und allen Muslimen. Ich wünsche mir, dass mehr Muslime die Politik mitgestalten, z. B. als gewissenhafte Lehrer.

IslamiQ: Sie setzen sich stark für die Flüchtlinge ein, warum und wie fühlen Sie sich dabei?

Osman: Die Geflüchteten kommen zum größten Teil aus Syrien. Meine Eltern stammen aus Aleppo. Einer der ersten Geflüchteten in Deutschland war ein Verwandter von mir. Ich erfahre das Leid per „Liveübertragung“ aus Syrien, deswegen nimmt es mich sehr mit. Ich habe mich von Beginn an der Revolution in Syrien angeschlossen, denn jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und Menschenwürde. Das habe ich aus der Ewigkeitsgarantie gelernt und ich bin der Meinung, dass diese Grundrechte allen Menschen gebühren, auch den Arabern, auch den Muslimen.

IslamiQ: Was ist Ihr Wunsch?

Osman: Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist seit 2011 auf der Flucht. Viele Kinder haben seit sechs Jahren keine Schule besucht und kennen kein unbeschwertes Leben. Ich wünsche mir endlich eine Flugverbotszone, denn es werden Waffen aller Art – auch Chemiewaffen – eingesetzt. 

Die Untätigkeit der Weltgemeinschaft ist unerträglich. In der Tat macht sich die Welt durch ihr tatenloses Zusehen aktiv mitschuldig. Ich hoffe sehr, dass Assad und seine Mitstreiter angeklagt werden und damit ein Zeichen gesetzt wird.

 

 

 

 

Leserkommentare

Dilaver Çelik sagt:
Danke für das Interview. Genau solche Vorbilder brauchen muslimische Jugendliche in Deutschland.
03.12.17
9:29
Johannes Disch sagt:
Da sind wir schon wieder bei dem Kern des Problems: Des Selbstverständnisses der Muslime auch in der Diaspora als Teil eines Kollektivs, als Teil der "Umma"-- nun raffiniert modifiziert als "Umma Deutschland"--, statt als individuelle Staatsbürger muslimischen Glaubens. Wenn "islamiq" schon den Begriff "Umma" verwendet, dann sollte es auch korrekt geschehen. "Umma" bezieht sich auf die Gesamtheit der Muslime, und nicht auf ein bestimmtes Gebiet oder einen bestimmten Staat. Die Konstruktion "Umma Deutschland" ist ein Unding. Und es macht mal wieder deutlich, dass "islamiq" einen höchst konservativen Islam vertritt.
03.12.17
20:24
Ute Fabel sagt:
Grundsätzlich finde ich solche Interviews mit Migranten zum besseren Kennenlernen von Einzelschicksalen gut. Aus dem Umstand, dass ein Mensch in diesem Rahmen sympathisch erscheint, kann allerdings nicht abgeleitet werden, dass die Religion, an die er glaubt, deshalb wahr ist und generell überwiegend positive Auswirkungen hat. Eine meiner langjährigen und besten Freundinnen glaubt fest an Astrologie und hat sich erst kürzlich von Gerda Rogers, einer der führenden Astrologinnen in Österreich, ein persönliches Horoskop anfertigen lassen. Sie hat mir begeistert davon berichtet. Ich habe das unverhohlen belächelt, ohne ihr vorzugaukeln, dass ich in irgend einer Form daran glaube. Ich halte Sie für einen netten Menschen, trotzdem ist Astrologie für mich Scharlatanerie. Auch wenn Frau Nahla Osman in diesem Interview sehr ansprechend wirkt, halte ich ihre islamische Religion dennoch für einen verstandesfeindlichen Aberglauben, dessen negative Auswirkungen überwiegen.
04.12.17
9:40
Kritika sagt:
L.S. An Frau Nahla Osman; sie schreibt: « jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und Menschenwürde. Das habe ich aus der Ewigkeitsgarantie gelernt und ich bin der Meinung, dass diese Grundrechte allen Menschen gebühren, auch den Arabern, auch den Muslimen.» Kritika stimmt dem ohne Wenn und Aber zu. Dennoch - - Kritika möchte gerne wissen: Was ist diese "Ewigkeitsgarantie" genau? Wer garantiert sie und bei wem kann man reklamieren, falls jemand die nicht einhält? Soweit Kritika informiert ist, sieht es mit der Meinungsfreiheit in von Muftis beherrschte Regime ganz anders aus. So stehen oft auf der Meinung, der Islam sei nicht die richtige Religion hohe Strafen. Eine beliebte Strafe für diese Art von Meinungsfreiheit ist zB traditionelles islamisches Auspeitschen bis hin zur traditionelle islamisch korrekt durchgeführte Enthauptung. Gilt die Ewigkeitsgarantie vielleicht nur in freie Länder, also solche die nicht vom Islam beherrscht sind? Gruss, Kritika
04.12.17
15:38
Kritika sagt:
Frau Nahla Osman schreibt «Ich wünsche mir endlich eine Flugverbotszone, denn es werden Waffen aller Art – auch Chemiewaffen – eingesetzt.» und « Die Untätigkeit der Weltgemeinschaft ist unerträglich.» In der Tat macht sich die Welt durch ihr tatenloses Zusehenaktiv mitschuldig. Kritika meint: Zunächst handelt es sich um ein typisches Muslemisches Vormachts Problem. Die eine MuslimSekte gönnt der anderen Muslimsekte das Augenlicht nicht und erklärt diese zu Ungläubige. Solche, so sagt der sog. 'Heilige' Koran auf vielen Seiten, in vielen Tonarten, solche muss man töten. Nichts lieber als das, sagen sich die aufrechte Muslims und machen sich an's Werk. Amerikaner Jordanier Kurden NatoSoldaten (zu denen auch Kritika gehört) Russen riskierten ihr Leben, die Streitende Muslime, in's besondere der Islamische Staatzur Ruhe zu bekommen. Sie, Frau Osman, sind in Sicherheit. Sie sollten sich der Kritik "Untätigkeit" lieber noch einmal überlegen und sich ob Ihrer Äusserung schämen, angesichts des lebensgefährlichen Einsatzes der Westlichen Streitkräfte. Meinen Sie, auch nur ein westlischer Soldat würde gerne sein Leben riskierten, um ausgerechnet verächtliche Muslims aus der Klemme zu helfen? Was haben Sie getan? sind Sie nach Syria gegangen um Ihre Landsleute vor Ort zu helfen? oder versuchen Sie wegen KopftochSturheit gekündigte KopftuchFrauen zu 1, 2, Monatsgehältern zu verhelfen? Nun sitzen Sie fern von den Leuten, die vielleicht Ihre Hilfe brauchen könnten und belästigen Ihre Gönner dadurch, dass Sie das verhasste Kopftuch zur Schau stellen. Auf welche Weise denn auch müssen Ihre Kinder ohne Vater auskommen. Sie sprechen diesen Punkt nicht an. Sind Sie EheUnfähig? hat Ihr Mann Sie verlassen? Kritika weiss aus eigener Erfahrung, wie sehr Kinder auch einen Vater brauchen. Sie gehen darüber hinweg alsob das Ihre Kinder nicht betreffen würde. Kritika wünscht sich von Ihnen eine den Fakten entsprechende Realität und Bescheidenheit: Das Beste was Sie aus Dankbarkeit für Ihr freies neues Vaterland Deutschland tun können ist sich als Muslim unerkennbar zu kleiden. Gute Besserung! wünscht Ihnen Kritika
05.12.17
2:12
all-are-equal sagt:
@Osman: "Mein größtes Ziel ist es, Allahs Wohlgefallen zu erlangen": Mein Ziel ist es für meine Taten bei Menschen unabhängig von Religion und Weltanschauung Wohlgefallen zu erlangen und nicht bei einem unsichtbaren, imaginären Freund namens Allah.
07.12.17
8:17
Kritika sagt:
L.S. Frau Osman schreibt: « Mein größtes Ziel ist es, Allahs Wohlgefallen zu erlangen» Kritika zweifelt: Möglicherweise beruht dieses Streben nicht auf Gegenseitigkeit. Wenn es grösstes Ziel des Allmächtigen wäre, Seinen Gläubigen Dessen Wohlgefallen zuteil werden zu lassen, dann hätte Er das Leben in allen vom Islam beherrschten Ländern vorbildlich, ja beneidenswert attraktiv gestaltet. Dann würden die Ungläubigen aus den westlichen Ländern, notfalls auf den Knieën, zu diesen leuchtenden IslamLändern hin strömen. Sie würden sich zum Islam bekehren um dessen Wohltaten und Segen ebenfalls teilhaftig zu werden. Unübersehbar jedoch schlägt der Allwissende seien Anhängern (allerdings nur soweit sie in vom Islam unterdrückten Ländern leben) mit Rückständigkeit, Armut und Streitsucht, und zwar dermassen intensiv, dass sie sich in Millionen Stärke von ihren gelobten Muslimstaaten abwenden und um Aufnahme bei den vom Koran verhassten Ungläubigen bitten. Haben Sie eine Erklärung, mehroderweniger verehrte Frau Osman, für dieses Paradoxon? Kritika würde gerne etwas dazu lernen. Gruss, Kritika
11.12.17
23:51