Österreich

Theologe sieht Wandel des Islam in Europa

Ein Wiener Theologe stellt ein verändertes Religionsverständnis bei Muslimen in Europa fest. Eine aktuelle Studie zeige eine steigende Religiosität bei Muslimen in Europa, bei gleichzeitiger Abkehr von islamischen Autoritäten.

04
09
2016
Merkez-Moschee der DITIB in Duisburg-Marxloh © by Arne List auf flickr.com (CC BY 2.0), bearbeitet IslamiQ

In Europa formiert sich nach Ansicht des Wiener Theologen Paul Zulehner eine „moderne Version des Islam“. Dieser orientiere sich an der Lebenswirklichkeit in Europa, was etwa Religionsfreiheit und Geschlechterrollen anbelange, sagte Zulehner am Wochenende in Wien. Gleichzeitig gehe der Einfluss von islamischen Autoritäten zurück. Das bedeute allerdings nicht, dass die Religiosität als solche unter den Muslimen abnehme.

Zulehner äußerte sich bei einem Forum für Religionslehrer aus Europa. Er verwies bei seinen Ausführungen auf die Langzeitstudie „Religion im Leben der Österreicher 1970-2010“. Zuletzt sei bei dieser alle zehn Jahre durchgeführten repräsentativen Umfrage neben Christen auch die wachsende Gruppe der Muslime in den Blick genommen worden.

Die Daten zeigten deutlich, dass sich die in Österreich lebenden Muslime der zweiten Generation immer mehr von einem autoritär geprägten Islam verabschieden. Eine „Unterwerfungsbereitschaft“ gegenüber Führern und Autoritäten aller Art im Zusammenhang mit der eigenen Religiosität sei in der ersten Zuwanderergeneration noch gang und gäbe gewesen, in der zweiten jedoch enorm geschwunden, so der Theologe.

Bei den Männern aus der ersten Zuwanderergeneration bekundeten 78 Prozent eine Übereinstimmung mit autoritativen Haltungen, führte Zulehner aus. Unter den Jüngeren seien es nur noch 58 Prozent gewesen. Bei den Frauen zeigte sich dieser Trend noch deutlicher. Dort ging der Zustimmungswert von 40 auf 26 Prozent zurück.

Die Abnahme der Autoritätsgläubigkeit gehe aber nicht mit einer Abnahme der Religiosität an sich einher, betonte der Theologe. Die Anzahl der männlichen Muslime, die sich als religiös, aber nicht autoritätshörig bezeichnen, stieg im Vergleich zur ersten Generation von 6 auf 11 Prozent; bei den Frauen von 25 auf 54 Prozent.

Was die Zustimmung zu traditionellen Geschlechterrollen anbelangt, so lag diese laut Zulehner bei den Männern der ersten Generation bei 44 Prozent und sank in der zweiten Generation auf 40 Prozent. Bei den in Österreich lebenden muslimischen Frauen betrug der Wert bei Angehörigen der ersten Generation 26 Prozent, bei den jüngeren Frauen nur noch 11 Prozent. (KNA/iQ)

Leserkommentare

Wolf D. Ahmed Aries sagt:
Das ist genau das, was ich seit Jahren beobachte. Schari´a rechtlich entscheiden sich immer mehr junge Muslime beiderlei Geschlechts für einen "personalen idjtihad", wie ich es nenne. Der ist eigentlich verboten. Jeder alim wird dagegen protestieren. Nur, die jungen Muslime diskutieren darüber nicht. Sie tun es. Dennoch steigt die Zahl der fataawa Anfragen. Die Umfrage müßte daher danach gefragt haben, ob sie selbst oder von jemandem wissen, wie er sich in Zweifelsfällen entschied.
04.09.16
18:21
Ute Fabel sagt:
Ein verwässertes Religionsverständnis ist aus meiner Perspektive ein Fortschritt gegenüber einem dogmatischen Religionsverständnis. Ich würde es aber wünschenswert finden, wenn sich mehr junge Menschen ganz von der Religion auch formell verabschieden, die nicht nach den Regeln der Religion leben und leben wollen, in die sie zumeist hineingeboren wurden. Österreich hat seit kurzem eine Staatssekretärin in der Regierung mit palestinenschem Migrationshintergrund, die sich als "nicht praktizierende Muslimin" bezeichnet. Finde ich irgendwie inkonsequent. Entweder ich glaube an die fünf Säulen des Islams und den Inhalt des Korans oder nicht. Selbständiges Denken und kritisches Hinterfragen halte ich für eine der größten menschlichen Fähigkeiten. Gerade die monotheistischen Buchreligionen hemmen diese menschlichen Möglichkeiten intellektueller Flexibiliät. Ich wünsche mir mehr Mut zum Glaubensabfall. Denken ist eine Tugend, Glauben ein Laster! Ethisches Vehalten braucht keine religiöses Unterfutter, Sinnlichkeit und Spiritualität sind auch ohne den Glauben an etwas Übernatürliches gut möglich - für mich reicht schon ein nächtlicher Blick auf den Sternenhimmel.
05.09.16
9:25
Manuel sagt:
Merkt man auch an der Zunahme der Kopftücher und der Frauen die sich einwickeln wie Mumien.
05.09.16
12:02
yilmaz sagt:
Ich finde die Ergebnisse stimmen nicht! Warum? Bei meisten Menschen stimmen die Antworten nicht. Das was als Ergebnis ist nur eine Schein! Die Menschen lernen ihre Religion nicht und das ist gefährlich, den Halbwissen kann die Menschen auch in falsche Richtungen bewegen wie ISIS Anhänger! DaGegen müssen in Europa Islamische Wissenschafts Schulen gefördert werden damit der Religion nicht ausgenutzt wird von Terror geuppen.
05.09.16
12:03
Johannes Disch sagt:
@Ute Fabel -- "Denken ist ein Tugend, Glauben ein Laster!" (Ute Fabel) Das ist fundamentalistischer Atheismus. lg Johannes Disch
05.09.16
12:17
Ute Fabel sagt:
@yilmaz: Unter "ihre Religion" verstehen Sie wahrscheinlich die Religion, in welche Menschen aus geographischen Gründe zufällig hineingeboren wurden. Ich halte die Anregung zum eigenständigen Denken für das beste Rezept gegen Radikalisierung. Über irgendwelchen alten Schriften unklarer Autorenschaft wie Bibel und Koran zu brüten und zu überlegen, welche Rosinen man herauspicken kann und welche Abschnitte man besser uminterpretieren sollte, halte ich für weniger fruchtbar.
05.09.16
12:48
Ute Fabel sagt:
@Johannes Disch: "Denken ist eine Tugend, Glauben ein Laster!" - ich würde das gar nicht speziell auf Religionen beziehen. "Wer dich dazu bringt, Absurditäten zu glauben, bringt dich auch dazu, Ungeheuerlichkeiten zu tun.“- hat Voltaire schon richtig erkannt. Allerdings sehe ich keinen Grund Religionen davon auszunehmen.
05.09.16
14:34
Ute Fabel sagt:
Wenn mir ein Kommunist sagt, er glaube daran, dass "Das Kapital" von Karl Marx alle Wahrheiten enthalte und ich ihm entgegne "Denken ist eine Tugend, Glauben ein Laster!", würden mir die allermeisten Menschen völlig recht geben. Wenn mir ein Moslem sagt, er glaube, dass Mohammed der letzte Prophet Allahs war und der Koran das unverfälschte Wort Gottes ist und ich ihm entgegne ""Denken ist eine Tugend, Glauben ein Laster!", dann soll ich ein fundamentalistischer Atheist sein? Ich lege an Religionen nur den selben Maßstab an, den ich auch sonst bei der Beurteilung von Weltbilder anlege.
05.09.16
14:47
Mikail sagt:
@ Ute Fabel: Denken und seinen Verstand bzw. Intellekt zu benutzen, gehört im Islam zur wesentlichen Aufgabe eines gläubigen Menschen und steht am Anfang eines jeden Erkenntnisprozesses. Eigenständiges Denken und Religion schließen sich nicht einander aus, ganz im Gegenteil, sie bedingen einander. In einer islamischen Überlieferung heißt es diesbezüglich auch: "Eine Stunde Nachdenken ist besser als siebzig Jahre (freiwilliger) Gottesdienst." Mit besten Grüßen
05.09.16
15:33
Moritz sagt:
@Mikail: Und warum befolgen Muslime dieses Gebot, seinen Verstand bzw. Intellekt zu benutzen, in der breiten Masse nicht? Tatsächlich fragen Muslime doch wegen jeder Kleinigkeit einen Gelehrten, ob sie dies oder jenes dürfen oder nicht dürfen, anstatt selbst darüber nachzudenken.
05.09.16
17:40
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