Rund 40 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben eine Migrationsgeschichte – und viele von ihnen erlebe subtile Benachteiligung. Das zeigt sich an Leistungsbewertung, aber auch ganz konkret in der Sprache.

„Ich lebe in Deutschland, ich besuche die dritte Klasse“, steht unter dem Bild von dem blonden Jungen. Bei dem schwarzen Kind neben ihm heißt es: „Ahmet kommt aus Afrika“, und: „Er versteht noch schlecht Deutsch.“ Für Aileen Edele ein problematisches Beispiel: „Vor allem ältere Schulbücher stellen migrierte Menschen oft als homogene, problematische Gruppen dar, die es zu integrieren gilt“, schreibt sie in einem aktuellen Papier des Mediendienstes Integration.
Schulbücher sind laut der Forscherin nur ein Teil des Problems – grundsätzlich orientiere sich der schulische Alltag noch stark an einer vermeintlichen „Standard-Familie“. Bestimmte Weltregionen würden „fast ausschließlich als arm, ländlich und rückständig dargestellt“, Weltreligionen problematisierend: „Muslime tauchen vor allem im Zusammenhang mit Integrationsdefiziten oder Bedrohungsszenarien auf“, sagt Edele. Dies fördere hierarchisches und rassistisches Denken.
In neueren Schulbüchern gebe es gewisse Fortschritte, heißt es in der Expertise. Allerdings würden etwa lateinamerikanische Länder oftmals in einen Gegensatz zu Europa gestellt, „wo Probleme wie soziale Ungleichheit oder Umweltverschmutzung vermeintlich nicht (mehr) auftreten“.
Gemeinsam mit Sophie Harms hat die Professorin des Berliner Instituts für Migrations- und Integrationsforschung zahlreiche Studien mit hohen Datensätzen ausgewertet. Ergebnis: Eine Mehrheit der Schülerinnen und Schüler mit Migrationsgeschichte hat nach eigenen Angaben selten oder nie persönliche Diskriminierung erlebt.
Allerdings sollte dies „nicht als Entwarnung missverstanden werden“: Rassismus erlebten vor allem junge Menschen, die als nicht der Mehrheit zugehörig wahrgenommen werden. Auch werde diese Diskriminierung nicht immer benannt.
Rund 40 Prozent aller Schülerinnen und Schüler haben einen Migrationshintergrund. Besonders stark von rassistischer Diskriminierung betroffen sind demnach Schülerinnen und Schüler, deren Familien aus der Türkei oder arabischsprachigen Ländern eingewandert sind – sie berichten häufiger von persönlicher Diskriminierung als diejenigen, deren Familien ursprünglich aus Polen, dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion oder dem früheren Jugoslawien stammen. Zudem fühlen sich Jungen demnach stärker diskriminiert als Mädchen.
Edele und Harms verweisen auf weitere Studien, denen zufolge Diskriminierung besonders häufig aufgrund der Hautfarbe geschieht. Auch gegenüber Sinti und Roma gebe es massive Vorurteile. Diese Erfahrungen könnten sich negativ auf Selbstbild und Wohlbefinden auswirken. „Alle Schüler*innen haben das Recht auf einen diskriminierungsfreien Schulbesuch“, mahnen die Forscherinnen.
Betroffene besuchten seltener ein Gymnasium und machten seltener Abitur – einigen experimentellen Studien zufolge, weil Lehrkräfte mitunter gleiche Leistung schlechter bewerten. Auch das Verhalten von Lehrerinnen und Lehrern könne dazu beitragen, dass Schülerinnen und Schüler mit Migrationsgeschichte sich weniger zutrauten und weniger gefördert würden.
Problematisch sei zudem „die geringe Anerkennung der Herkunftssprachen eingewanderter Familien“: So sei es die Ausnahme, dass diese an Schulen als Fremdsprachen gelehrt würden. Angebote mit herkunftssprachlichem Unterricht seien von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich: In Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern umfasse es nur eine Sprache, in Nordrhein-Westfalen dagegen 28.
An manchen Schulen seien Herkunftssprachen verboten; Türkisch oder Russisch erschienen also als weniger förderungswürdig als etwa Englisch oder Spanisch. „Selbstverständlich müssen auch für den Erwerb der deutschen Sprache ausreichend Lerngelegenheiten eröffnet werden“, so die Autorinnen.
Jedoch könnten gute Kenntnisse der Herkunftssprache auch den weiteren Spracherwerb erleichtern – insofern seien Verbote doppelt fatal. Sie signalisierten zudem, „dass ihre Familiensprache und somit ein wichtiger Teil ihrer Identität nicht erwünscht und als unvereinbar mit dem Bildungsort Schule angesehen wird.“ (KNA/iQ)