Ramadan

Wie sollten Lehrer mit fastenden Schülern umgehen

Jedes Jahr sorgt der Ramadan an Schulen für Diskussionen. Zwischen Sorge um Gesundheit und Schlagzeilen über angeblich kollabierende Kinder gerät oft aus dem Blick, was Fasten für muslimische Schüler tatsächlich bedeutet.

26
02
2026
Kopftuch, Muslimische Schülerin, Kopftuch © Shutterstock, bearbeitet by iQ.
Symbolfoto: Muslimische Schülerin mit Kopftuch © Shutterstock, bearbeitet by iQ.

Der Monat Ramadan hat begonnen. Millionen Muslime weltweit verzichten von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang auf Essen und Trinken. Auch in Deutschland gehört dieses religiöse Ritual für viele Schülerinnen und Schüler zum Alltag. Und jedes Jahr rückt damit erneut eine Frage in den Fokus schulischer Debatten: Wie wirkt sich das Fasten auf Kinder und Jugendliche im Unterricht aus?

Die mediale Darstellung folgt dabei häufig einem bekannten Muster. Schlagzeilen wie „Kinder kippen reihenweise um“ oder „Kind im Turnunterricht zusammengebrochen“ zeichnen ein dramatisches Bild. Sie suggerieren eine akute Gefährdungslage im Klassenzimmer. Doch die Realität ist komplexer. Schulen berichten zwar vereinzelt von erschöpften oder unkonzentrierten Kindern während des Fastenmonats. Eine systematische Häufung medizinischer Notfälle ist jedoch nicht belegt. Vielmehr zeigt sich eine Mischung aus Sorge, Unsicherheit und fehlendem Wissen über religiöse Praxis.

Gleichzeitig häufen sich Elternbriefe, in denen Schulen Eltern auffordern, ihre Kinder während der Schulzeit nicht fasten zu lassen. Der IslamiQ-Redaktion liegen aktuell zwei solche Schreiben vor. Darin wird argumentiert, fastende Kinder könnten sich nicht konzentrieren, ihre Entwicklung werde gefährdet, und die Schule müsse aus Fürsorge eingreifen. In einem Brief heißt es etwa, man könne die Situation „so nicht hinnehmen“ und behalte sich Maßnahmen wie Ausschluss vom Sportunterricht oder sogar von Pausen im Freien vor.

Diese Schreiben machen deutlich, wie groß die Unsicherheit im Umgang mit dem Thema ist. Sie zeigen aber auch, dass religiöse Praxis im schulischen Kontext oft primär unter dem Aspekt potenzieller Risiken betrachtet wird. Ein Blick in islamische Quellen und in fachliche Handreichungen zeichnet ein differenzierteres Bild.

Handreichung zum Fasten in der Schule

Der Islamrat hat eine ausführliche Handreichung zum Thema Fasten in der Schule veröffentlicht. Darin wird zunächst betont, dass das Fasten zu den zentralen Gottesdiensten des Islam gehört und für viele Gläubige eine identitätsprägende Bedeutung hat. Gleichzeitig hebt die Handreichung hervor, dass angesichts der Komplexität des (Alltags-)Lebens es viele Erleichterungen gebe. Ausgenommen vom Fasten sind laut Koran Kranke, Reisende und Menschen, die es nur unter großer Schwierigkeit leisten könnten. Kinder vor der religiösen Mündigkeit sind grundsätzlich nicht verpflichtet.

Entscheidend ist dabei ein theologisches Prinzip, das in der islamischen Tradition stark verankert ist: Erleichterung geht vor Erschwernis. Wenn gesundheitliche oder schulische Belastungen zu groß werden, darf und soll das Fasten unterbrochen werden. Versäumte Tage können nachgeholt werden. Die Entscheidung liegt letztlich beim Einzelnen beziehungsweise bei den Eltern.

Die Handreichung betont zudem einen Aspekt, der in schulischen Debatten häufig übersehen wird: die positive Sozialisationserfahrung des Ramadan. Für viele Kinder ist der Fastenmonat eine Zeit von Gemeinschaft, familiärer Nähe und religiöser Orientierung. Das erste selbst erlebte Fasten gilt oft als prägendes Erlebnis. Pädagogisch betrachtet ist der Ramadan daher nicht nur Verzicht, sondern auch ein Lernfeld für Selbstdisziplin, Empathie und Zugehörigkeit.

Gleichzeitig könnte es auch zu möglichen Belastungen kommen, heißt es in der Handreichung. Der veränderte Schlafrhythmus durch frühes Aufstehen zum Morgengebet oder spätes Aufbleiben kann Müdigkeit verursachen. Hier empfiehlt sie pragmatische Lösungen. Flexible Gestaltung im Sportunterricht, Gespräch mit Eltern und individuelle Abwägung je nach Alter und Gesundheit des Kindes. Wichtig ist dabei der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit. Fastende Schüler sollen weder benachteiligt noch pauschal vom Unterricht ausgeschlossen werden.

Fasten hat positiven Effekt auf Schulleistung

Auch die empirische Forschung liefert ein differenziertes Bild. Eine internationale Studie um den Kölner Wirtschaftshistoriker Erik Hornung aus dem Jahr 2023 wertete TIMSS- und PISA-Daten aus. Sie zeigt, dass intensiver erlebter Ramadan in vielen Kontexten mit besseren schulischen Leistungen im Folgejahr verbunden war. Besonders ausgeprägt war dieser Effekt dort, wo viele Gleichaltrige ebenfalls fasteten. Forschende interpretieren dies als Hinweis auf eine identitätsstiftende Wirkung gemeinsamer religiöser Praxis.

Letztendlich sei das Fasten selbst nicht automatisch ein Leistungsrisiko. Entscheidend sind Umfeld, Unterstützung und individuelle Voraussetzungen. Wo Jugendliche sich verstanden fühlen und ihre religiöse Praxis nicht als Konflikt erleben, können sogar motivationale Effekte entstehen.

Ramadan sollte nicht dramatisiert werden

Schulen sollten auf pauschale Verbote oder Drohungen verzichten und stattdessen die Religionsfreiheit der Schüler respektieren, solange keine konkrete gesundheitliche Gefährdung besteht. Entscheidend ist der frühzeitige Austausch mit Eltern und Kindern, um Alter, Belastbarkeit und Motivation zu berücksichtigen und individuelle Lösungen zu finden.

Viele Familien zeigen sich hier offen für pragmatische Anpassungen. Gleichzeitig können einfache organisatorische Maßnahmen wie angepasster Sportunterricht oder zusätzliche Pausen helfen, Belastungen zu verringern. Insgesamt sollte der Monat Ramadan in der Schule weder dramatisiert noch ignoriert werden, sondern als Teil gelebter religiöser Vielfalt verstanden werden, der mit Sensibilität und Augenmaß begleitet wird.

Leserkommentare

grege sagt:
In vielen Beiträgen fordert IslamiQ von der Mehrheitsgesellschaft ein hohes Maß an Toleranz gegenüber muslimischen Lebensweisen. Dieses Anliegen ist verständlich und legitim – eine pluralistische Gesellschaft basiert auf gegenseitigem Respekt. Problematisch wird es jedoch dort, wo diese Forderung einseitig gestellt wird und IslamiQ selbst gegenüber anderen weltanschaulichen Gruppen oder Minderheiten deutlich weniger Toleranz zeigt. Gerade im Umgang mit der LGBTQ‑Community fällt auf, dass berechtigte Anliegen dieser Gruppe häufig vorschnell als „Propaganda“ oder als Angriff auf religiöse Werte abgetan werden. Das schafft den Eindruck, dass Toleranz nicht als allgemeines Prinzip verstanden wird, sondern als asymmetrische Forderung, die nur dann gilt, wenn sie den eigenen religiösen Normen nicht widerspricht. Wer aber selbst Schutz, Verständnis und Respekt einfordert, sollte diese Werte auch anderen zugestehen – insbesondere anderen Minderheiten. Toleranz ist kein Einbahnstraßenprinzip. Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der die Glaubwürdigkeit des Portals zusätzlich belastet: IslamiQ wird in der öffentlichen Wahrnehmung häufig mit Organisationen oder politischen Strömungen in Verbindung gebracht, die selbst keine liberale Minderheitenpolitik verfolgen. Internationale Beobachter kritisieren insbesondere die Lage nichtmuslimischer Minderheiten in der Türkei unter der gegenwärtigen politischen Führung – ein Kontext, der in moralischen Appellen von IslamiQ selten Erwähnung findet. Dies führt zu einem Widerspruch, der sich nicht leicht auflösen lässt: Wie glaubwürdig kann ein Portal auftreten, das von der deutschen Gesellschaft Toleranz und Offenheit einfordert, während es gleichzeitig Positionen unterstützt oder in ihrer Nähe steht, die in anderen Ländern – aus Sicht vieler Beobachter – genau diese Werte einschränken? Der Eindruck doppelter Maßstäbe liegt nahe: Hier fordert man Toleranz, Akzeptanz und Respekt ein, dort relativiert man Einschränkungen dieser Prinzipien oder thematisiert sie nicht. Gerade Minderheiten sollten jedoch verstehen – und viele verstehen es auch –, dass das Zusammenleben nur auf der Grundlage eines prinzipiellen, allgemeinen Toleranzbegriffs funktionieren kann. Oder, einfacher formuliert: Man kann nur das von anderen verlangen, was man selbst bereit ist zu geben. Das ist ein Grundsatz, den man sprichwörtlich schon „im Sandkasten“ lernt. Wer ihn ernst nimmt, zeigt Konsistenz und Glaubwürdigkeit. Wer ihn nur selektiv anwendet, gerät schnell in den Verdacht, mit zweierlei Maß zu messen.
26.02.26
20:30