Jedes Jahr sorgt der Ramadan an Schulen für Diskussionen. Zwischen Sorge um Gesundheit und Schlagzeilen über angeblich kollabierende Kinder gerät oft aus dem Blick, was Fasten für muslimische Schüler tatsächlich bedeutet.

Der Monat Ramadan hat begonnen. Millionen Muslime weltweit verzichten von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang auf Essen und Trinken. Auch in Deutschland gehört dieses religiöse Ritual für viele Schülerinnen und Schüler zum Alltag. Und jedes Jahr rückt damit erneut eine Frage in den Fokus schulischer Debatten: Wie wirkt sich das Fasten auf Kinder und Jugendliche im Unterricht aus?
Die mediale Darstellung folgt dabei häufig einem bekannten Muster. Schlagzeilen wie „Kinder kippen reihenweise um“ oder „Kind im Turnunterricht zusammengebrochen“ zeichnen ein dramatisches Bild. Sie suggerieren eine akute Gefährdungslage im Klassenzimmer. Doch die Realität ist komplexer. Schulen berichten zwar vereinzelt von erschöpften oder unkonzentrierten Kindern während des Fastenmonats. Eine systematische Häufung medizinischer Notfälle ist jedoch nicht belegt. Vielmehr zeigt sich eine Mischung aus Sorge, Unsicherheit und fehlendem Wissen über religiöse Praxis.
Gleichzeitig häufen sich Elternbriefe, in denen Schulen Eltern auffordern, ihre Kinder während der Schulzeit nicht fasten zu lassen. Der IslamiQ-Redaktion liegen aktuell zwei solche Schreiben vor. Darin wird argumentiert, fastende Kinder könnten sich nicht konzentrieren, ihre Entwicklung werde gefährdet, und die Schule müsse aus Fürsorge eingreifen. In einem Brief heißt es etwa, man könne die Situation „so nicht hinnehmen“ und behalte sich Maßnahmen wie Ausschluss vom Sportunterricht oder sogar von Pausen im Freien vor.
Diese Schreiben machen deutlich, wie groß die Unsicherheit im Umgang mit dem Thema ist. Sie zeigen aber auch, dass religiöse Praxis im schulischen Kontext oft primär unter dem Aspekt potenzieller Risiken betrachtet wird. Ein Blick in islamische Quellen und in fachliche Handreichungen zeichnet ein differenzierteres Bild.
Der Islamrat hat eine ausführliche Handreichung zum Thema Fasten in der Schule veröffentlicht. Darin wird zunächst betont, dass das Fasten zu den zentralen Gottesdiensten des Islam gehört und für viele Gläubige eine identitätsprägende Bedeutung hat. Gleichzeitig hebt die Handreichung hervor, dass angesichts der Komplexität des (Alltags-)Lebens es viele Erleichterungen gebe. Ausgenommen vom Fasten sind laut Koran Kranke, Reisende und Menschen, die es nur unter großer Schwierigkeit leisten könnten. Kinder vor der religiösen Mündigkeit sind grundsätzlich nicht verpflichtet.
Entscheidend ist dabei ein theologisches Prinzip, das in der islamischen Tradition stark verankert ist: Erleichterung geht vor Erschwernis. Wenn gesundheitliche oder schulische Belastungen zu groß werden, darf und soll das Fasten unterbrochen werden. Versäumte Tage können nachgeholt werden. Die Entscheidung liegt letztlich beim Einzelnen beziehungsweise bei den Eltern.
Die Handreichung betont zudem einen Aspekt, der in schulischen Debatten häufig übersehen wird: die positive Sozialisationserfahrung des Ramadan. Für viele Kinder ist der Fastenmonat eine Zeit von Gemeinschaft, familiärer Nähe und religiöser Orientierung. Das erste selbst erlebte Fasten gilt oft als prägendes Erlebnis. Pädagogisch betrachtet ist der Ramadan daher nicht nur Verzicht, sondern auch ein Lernfeld für Selbstdisziplin, Empathie und Zugehörigkeit.
Gleichzeitig könnte es auch zu möglichen Belastungen kommen, heißt es in der Handreichung. Der veränderte Schlafrhythmus durch frühes Aufstehen zum Morgengebet oder spätes Aufbleiben kann Müdigkeit verursachen. Hier empfiehlt sie pragmatische Lösungen. Flexible Gestaltung im Sportunterricht, Gespräch mit Eltern und individuelle Abwägung je nach Alter und Gesundheit des Kindes. Wichtig ist dabei der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit. Fastende Schüler sollen weder benachteiligt noch pauschal vom Unterricht ausgeschlossen werden.
Auch die empirische Forschung liefert ein differenziertes Bild. Eine internationale Studie um den Kölner Wirtschaftshistoriker Erik Hornung aus dem Jahr 2023 wertete TIMSS- und PISA-Daten aus. Sie zeigt, dass intensiver erlebter Ramadan in vielen Kontexten mit besseren schulischen Leistungen im Folgejahr verbunden war. Besonders ausgeprägt war dieser Effekt dort, wo viele Gleichaltrige ebenfalls fasteten. Forschende interpretieren dies als Hinweis auf eine identitätsstiftende Wirkung gemeinsamer religiöser Praxis.
Letztendlich sei das Fasten selbst nicht automatisch ein Leistungsrisiko. Entscheidend sind Umfeld, Unterstützung und individuelle Voraussetzungen. Wo Jugendliche sich verstanden fühlen und ihre religiöse Praxis nicht als Konflikt erleben, können sogar motivationale Effekte entstehen.
Schulen sollten auf pauschale Verbote oder Drohungen verzichten und stattdessen die Religionsfreiheit der Schüler respektieren, solange keine konkrete gesundheitliche Gefährdung besteht. Entscheidend ist der frühzeitige Austausch mit Eltern und Kindern, um Alter, Belastbarkeit und Motivation zu berücksichtigen und individuelle Lösungen zu finden.
Viele Familien zeigen sich hier offen für pragmatische Anpassungen. Gleichzeitig können einfache organisatorische Maßnahmen wie angepasster Sportunterricht oder zusätzliche Pausen helfen, Belastungen zu verringern. Insgesamt sollte der Monat Ramadan in der Schule weder dramatisiert noch ignoriert werden, sondern als Teil gelebter religiöser Vielfalt verstanden werden, der mit Sensibilität und Augenmaß begleitet wird.