Zum Iftar ertönte in Göttingen erstmals der Gebetsruf. Für Muslime ist er Ausdruck gelebter Tradition und ritueller Praxis. Die Aktion wurde als einmaliges Ereignis durchgeführt.

In Göttingen ist am Dienstagabend (24. Februar) erstmals öffentlich der Gebetsruf zum Iftar im Ramadan erklungen. Die örtliche DITIB-Gemeinde ließ den Ruf zum Ende des Fastentages ertönen. Das Vorhaben war zuvor am von der Stadt organisierten „Runden Tisch der Religionen“ mit Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Glaubensgemeinschaften abgestimmt worden.
Göttingens Oberbürgermeisterin Petra Broistedt betonte, die Religionsfreiheit gelte für alle Glaubensgemeinschaften gleichermaßen. Sie schütze nicht nur die innere Überzeugung, sondern auch die sicht- und hörbare Ausübung von Religion. Entscheidend sei, dass alle Religionen nach denselben rechtlichen Maßstäben behandelt würden – unabhängig davon, ob es um Glockengeläut oder den Muezzin-Ruf gehe. „Das ist kein politisches Symbol, sondern gelebter Rechtsstaat“, sagte Broistedt.
Ali Serkan Şahbaz von der DITIB-Gemeinde erklärte, der Ruf sei für viele Musliminnen und Muslime eine liturgische Einladung zum Gebet und keine politische Botschaft. Die Gemeinde lege Wert auf eine transparente und rücksichtsvoll geregelte Durchführung und suche aktiv das Gespräch mit der Nachbarschaft. Ziel sei Zugehörigkeit im gemeinsamen Alltag der Stadt.
Auch andere Religionsgemeinschaften unterstützen den Ansatz. Jaqueline Jürgenliemk, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Göttingen, verwies auf die Bedeutung von Religionsfreiheit und interreligiösem Diskurs. Gerade angesichts antisemitischer Anfeindungen sei ein öffentlicher Dialog über religiöse Praxis wichtig, um Vorurteile abzubauen und Vertrauen zu stärken.
Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche betonten ebenfalls, öffentlich gelebte Religion gehöre zu einer pluralen Stadt, solange sie in einem geregelten Rahmen stattfinde. Vielfalt sei Alltag und kein Störfaktor, erklärten sie.
Zunächst bleibt der Gebetsruf eine einmalige Aktion. Anschließend soll das Thema in der Stadtgesellschaft diskutiert werden, begleitet von drei öffentlichen Veranstaltungen. Ziel ist, dass der Ruf nach der Diskussionsphase einmal im Monat freitags zum Mittagsgebet erklingt. Die DITIB-Gemeinde lässt dafür noch ein Lärmschutzgutachten erstellen. Die Moschee am Königsstieg besteht seit rund 20 Jahren.