Kommentar

Wer schweigt, verliert

Kirchen verstehen sich als moralische Instanz. Doch ihr Schweigen zu Gaza wirft Fragen auf: Wie vereinbar ist Zurückhaltung mit dem Auftrag, Leid zu benennen und Gerechtigkeit einzufordern? Ali Mete über die Spannung zwischen Glauben und moralischer Verantwortung.

08
11
2025
Solidarität mit Palästina © shutterstock, bearbeitet by iQ
Solidarität mit Palästina © shutterstock, bearbeitet by iQ

Religionsgemeinschaften sind nicht nur aufmerksame Beobachter, sondern auch Mahner und Kritiker gesellschaftspolitischer Entwicklungen – auf Grundlage ihrer religiösen Lehre und ihres Selbstverständnisses.

Die Haltung der evangelischen und katholischen Kirche in Deutschland zu Themen wie Migration, Rassismus und Rechtspopulismus basiert auf ihren Theologien und berücksichtigt ihre gesellschaftliche Rolle in der deutschen Geschichte. Ihre heutige Haltung, hinter der eine kritische Auseinandersetzung mit ihrer religiösen Lehre und Geschichte steckt, verdient Wertschätzung und Respekt.

Dies gilt jedoch nur bedingt im Hinblick auf die schrecklichen Ereignisse in Gaza, die nach Überzeugung anerkannter Beobachter den Tatbestand des Völkermords erfüllen. Beide deutschen Kirchen haben anlässlich des zweiten Jahrestages des 7. Oktober Erklärungen abgegeben, die – wie die gesamte Diskussion zu diesem Thema – im Schatten der deutschen historischen Schuld und der „Staatsräson“ stehen.

Kirchen in Deutschland zu Gaza

Die Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK)[1] stellt die Angriffe vom 7. Oktober 2023 ausführlich dar und betont das israelische Recht auf Verteidigung. Seitdem diesem Datum wurden jedoch auch weit mehr als 60.000 Menschen durch direkte Angriffe des israelischen Militärs getötet. Der Verbleib hunderttausender Menschen ist unklar. Unter den Opfern sind zahlreiche Kinder. Familien wurden ausgelöscht, ganze Landstriche zerstört. Die Situation im Gazastreifen ist nach wie vor eine massive menschengemachte humanitäre Krise.

Die Zurückhaltung der deutschen Regierung wird nicht thematisiert, während die besondere Verantwortung Deutschlands für das jüdische Volk und Israel betont wird. Die Erklärung blendet dabei die Tatsache aus, dass diese Verantwortung auch bedeutet, Israel vor den Folgen einer (selbst)zerstörerischen Politik zu schützen – und zugleich die elementaren Rechte der Palästinenser, insbesondere ihr Recht auf ein würdevolles Leben nicht zu relativieren, weder in Wort noch in Tat.

Zwar wird auf das „humanitäre Desaster“ in Gaza hingewiesen, aber es fehlt die klare Kritik und Verurteilung von Kriegsverbrechen Israels, z. B. kollektive Bestrafung, Zerstörung ziviler Infrastruktur, Hungerblockade. Dabei sind diese Menschenrechtsverbrechen gut dokumentiert – von der UN, von Amnesty, von HRW, von Btselem, von Ärzte ohne Grenzen uvm. Die Erklärung bleibt bei „katastrophalen Folgen“ und „apokalyptischen Bildern“, ohne das israelische Vorgehen eindeutig einzuordnen. Die Erklärung vernachlässigt die kollektiven Erfahrungen der Palästinenser – Nakba, Jahrzehnte der Besatzung, systematische Entrechtung. Das Leid der Palästinenser wird eher als Folge des aktuellen Krieges beschrieben.

Die konsequente Ablehnung von Antisemitismus ist völlig richtig. Problematisch ist jedoch, dass in der Debatte „israelbezogene Kritik“ häufig als Antisemitismus abgestempelt wird. Dadurch besteht die Gefahr, dass legitime, menschenrechtlich fundierte Kritik – gerade vor dem Hintergrund der „apokalyptischen Bilder“ vorschnell delegitimiert und eine Auseinandersetzung mit diesen Verbrechen im deutschen Kontext erschwert wird.

Die Pressemitteilung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)[2] ist kompakter und ausgewogener, blendet jedoch ebenfalls Vieles aus: keine klare Benennung und Verurteilung der Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen durch die israelische Armee, keine Nennung des Völkermord-Vorwurfs, keine Kritik an der deutschen Haltung oder der israelischen Siedlergewalt, die einen bleibenden Frieden unmöglich macht.

Papst Franziskus: „Das ist Grausamkeit. Das ist kein Krieg“

Andere Kirchen(vertreter) in anderen Ländern legen eine andere Haltung an den Tag. So unterstützt die südafrikanische Bischofskonferenz die Klage der Regierung Südafrikas gegen Israel vor dem Internationalen Gerichtshof.[3] Das Netzwerk „Priester gegen Genozid“, mit mehr als 550 Priestern aus 21 Ländern, erklärte Mitte September 2025, ihr Ziel sei es u.a. „christliche Gemeinschaften im Heiligen Land zu unterstützen; jedes Kriegsverbrechen und jede Form von Völkermord – wie den, der derzeit gegen die Palästinenser begangen wird – anzuprangern und eine Kultur der Versöhnung und Rechenschaftspflicht zu fördern.“[4] Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK), der über 580 Millionen Christen vertritt, rief im Juni 2025 zur „Beendigung von Apartheid, Besatzung und Straflosigkeit in Palästina und Israel“ auf und stellte fest, dass die Handlungen in Gaza einen Völkermord darstellen könnten.[5]

 Der im April 2025 verstorbene Papst Franziskus, Oberhaupt von weltweit 1,4 Milliarden Katholiken, sagte angesichts des Bombardements von Kindern in Gaza: „Das ist Grausamkeit. Das ist kein Krieg. Ich will dies sagen, weil es das Herz berührt. (…) Das ist keine Kriegsführung, das sind kriminelle Handlungen.“[6] In seinem Buch „Hoffnung enttäuscht nie. Pilger auf dem Weg zu einer besseren Welt“ hatte Papst Franziskus geschrieben: „Nach Ansicht einiger Experten weist das Geschehen in Gaza die Merkmale eines Völkermords auf“, die sorgfältig geprüft werden müssten.[7]

Stimmen erheben

Wenn Menschen unsagbares Leid widerfährt – Leid, das Tag für Tag sichtbar, hörbar, greifbar ist –, wenn Bilder, Berichte und Stimmen von Schmerz und Zerstörung uns unaufhörlich erreichen und dies keine klare Verurteilung und Kritik nach sich zieht, und das Schweigen hierzu überwiegt, führt dies zur Erosion grundlegender Werte. Es steht die Frage im Raum, inwieweit diese Haltung mit den eigenen moralischen und theologischen Ansprüchen vereinbar ist. Und was im Denken, Fühlen oder Glauben dazu geführt hat, dass man angesichts offenbaren Unrechts nicht mehr mit der gebotenen Klarheit, Glaubwürdigkeit und Menschlichkeit spricht.

Es ist enttäuschend, dass Religionsgemeinschaften, die sich dem Frieden und der Gerechtigkeit verpflichtet sehen, auch heute – angesichts des geschilderten, unsagbaren Leids – keine deutlichere Haltung gegenüber schweren und gut belegten Vorwürfen wie Besatzung, Krieg und Völkermord einnehmen. Denn so wie die Bekämpfung des Antisemitismus eine gemeinsame Aufgabe ist, so ist auch der Einsatz gegen Menschenrechtsverletzungen eine gemeinsame Aufgabe – erst recht, wenn sie sehr den Tatbestand schwerster Kriegsverbrechen erfüllen.

Das Leid beim Namen nennen

Wer sich in seinem Selbstverständnis auf das Friedenspotenzial seiner Religion beruft, muss sich angesichts massenhafter Tötungen, kollektiver Bestrafung und menschengemachter humanitärer Katastrophen klar dazu äußern, danach handeln und sich daran messen lassen. Das Leid der Palästinenser – das Leid unzähliger unschuldiger Menschen – darf nicht relativiert, übergangen oder durch politische Rücksichtnahme verschwiegen werden. Wer schweigt und nicht mehr den Mut findet, das Leid beim Namen zu nennen, verliert seine Glaubwürdigkeit als moralische Stimme.

Leserkommentare

Cumali Mol sagt:
Wenn sie "nur" schweigen würden, wäre das nicht so schlimm wie ihr tatsächliches Vorgegen dbzgl. - ich kann mich an eine Radiosendung erinnern, in der ein Pfarrer während des Völkermords die Unterstützung des Zionistischen Regimes als "Gottesdienst" bezeichnete. Spätestens jetzt sollte jeder wahre Anhänger von Jesus عليه السلام aus den Kirchen austreten. Denkt an die Geschichte von den sog. Siebenschläfern, die sich weigerten faule Kompromisse einzugehen und deswegen verfolgt wurden und sich schließlich in eine Höhle zurückziehen mussten, wo sie ganze 309 Jahre schliefen.
08.11.25
22:31
grege sagt:
Egal ob die Kritik von IGMG an den Kirchen inhaltlich berechtigt ist oder nicht– doch sie verliert an Gewicht, wenn sie von einer Organisation kommt, die sich selbst nie glaubwürdig von antisemitischen Aussagen ihres Gründers distanziert hat. Wenn in Moscheen der IGMG nichtmuslimische Deutsche als „stinkende Ungläubige“ bezeichnet werden, stellt sich die Frage, wie ernst es dieser Religionsgemeinschaft mit moralischer Integrität wirklich ist. Wer anderen moralisches Versagen vorwirft, muss sich selbst an höchsten Maßstäben messen lassen. Glaubwürdigkeit entsteht nicht durch laute Kritik, sondern durch glaubhafte Selbstreflexion und klare Distanzierung von menschenverachtenden Positionen – auch in den eigenen Reihen.
08.11.25
23:44
grege sagt:
Ahmad Mansour muss rund um die Uhr von Personenschützern bewacht werden, weil bestimmte Muslime ihn als Netzbeschmutzer ansehen und Ihn nach dem Leben trachten. Selbst im Ausland ist er auf Personenschutz angewiesen, nur weil er unbequeme Aussagen tätigt. Ich bewundere diesen Mann, der trotz dieser Umstände zu seinem Wort zählt. Ali Mete hingegen hat es bis heute nicht fertig gebracht, sich von dem antisemitischen Gedankenunguts Erbakans zu distanzieren. Sein Vorgänger, Hr Atlas, hat das gemacht und musste seinen Posten räumen, was einmal mehr an der IGMG zweifeln lässt.
09.11.25
0:08
Dr. Aydın sagt:
Vielen Dank für diesen bedeutungsvollen Artikel. Er erinnert uns auf sehr eindrucksvolle Weise daran, dass wir uns in Zukunft vor Haltungen und Verhaltensweisen hüten sollten, die uns geschichtlich beschämen könnten. In diesem Zusammenhang erwarten wir von den Kirchen in Deutschland eine klarere und deutlichere Haltung.
09.11.25
13:01
grege sagt:
ach ja , auffällig ist das jahrelange Schweigen von islamiq.de zum Bürgerkrieg im Sudan, obwohl Opfer doch Muslime sind und zwar ausschließlich und zum größten Teil Frauen und Kinder. Allerdings sind auch die ausschließlich Täter Muslime, was erklärt, dass solche Konflikte für islamqi.de wenig attraktiv sind. Schließlich sind die vermeintlichen Übeltäter weder der gottlose Westen noch der Dämon Israel. Erdowahn behauptete sogar 2009 nach dem Genozid in Darfur: Ein Muslim kann keinen Völkermord begehen." Über diese absurde Aussage hat sich die Gesellschaft für bedrohte Völker zurecht empört
09.11.25
13:48
grege sagt:
"wer schweigt, verliert" zum 10. Jahrestag der Terroroanschläge in Paris hat sich islamiq.de noch gar nicht geäußert. Hier passt die Überschrift bsonders gut...........
09.11.25
19:42
Abi Elzer sagt:
@grege: Wer nichts zu dem Genozid, der in den letzten zwei Jahren in Palästina stattgefunden hat, sagen kann und es dann sogar fertigbringt von Antisemitismus in der IGMG zu sprechen, dem kann man wirklich nicht mehr helfen. Vielleicht wäre es erforderlich als erstes mal das unfassbare Unrecht was auch mit deutscher Unterstützung geschehen ist als solches zu benennen und die Opfer zu beklagen. Israel ist ein Staat, der von Terroristen gegründet wurde, die nachweislich Pogrome bereits vor der Gründung begangen haben und 75 Jahre lang die palästinensische Bevölkerung unterdrückt, schikaniert und in nicht unerheblichem Ausmaß sogar systematisch ermordet haben und dies auch heute noch tun, während wir hier darüber diskutieren. Es ist eine Schande, dass Deutschland und seine Zivilgesellschaft, inklusive der Kirchen es fertiggebracht haben bei zwei Genoziden in den letzten 90 Jahren auf der falschen Seite der Täter zu stehen! Darum geht es in diesem Artikel und nicht darum was ihrer Meinung nach an Distanzierung der Autoren erforderlich ist. Wenn wir so anfangen, dann bitte ich Sie als Deutschen, der Sie ja wahrscheinlich sind, sich erstmal von Herrn Merz und seinen rassistischen Aussagen zu distanzieren, von der AFD und ihrem menschenfeindlichen Kurs, von Frau Strack-Zimmermann, der Kriegstreiberin in der Ukraine und von all den anderen höchstproblematischen Vertretern ihres Volks. Wenn es etwas an dem Artikel zu kritisieren gibt, dann warum er nicht viel viel früher erschienen ist!
10.11.25
11:25
addo sagt:
@ Abi Elzer Sie sprechen sehr gut deutsch. Warum leben Sie offenkundig als Muslime mit orientalischem Hintergrund überhaupt in diesem "üblen" Land. Keiner zwingt sie in ein islamisches, palästinafreundliches Land auszuwandern, aber dazu fehlt Ihnen der Mumm..........
16.11.25
15:58
Marco Polo sagt:
Richtigstellung: Kriegstreiber Nr. 1 in der Ukraine war, ist und bleibt der russische Autokrat, Despot und mörderische Angriffskrieger & Stalinverehrer Putin. Gestern schrieb die Bild-Redaktion: "Wieder brüllen sie im Herzen Berlins 'From the river to the sea' - den Vernichtungsruf gegen Israel. Wieder marschieren Israelhasser durch unsere Hauptstadt." Die "Komikerin" und Deutsch-Iranerin Enissa Amani (43) trat bei einem dieser Aufzüge ans Mikrofon und sprach sich gegen die Entwaffnung der Hamas aus - und verglich die mörderische Terrororganisation alllen Ernstes mit dem Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela. Eine Verhöhnung der Opfer des 7. Oktober. - So lautet die Meldung bei 'Bild' und fragt dazu: "Warum finden diese ekelhaften Aufmärsche in dieser Regelmäßigkeit nirgendwo sonst in Deutschland statt?" 'Bild' bezeichnet gleichzeitig Berlin auch als Wohlfühlort für "islamofaschistische Judenhasser". Die Redaktion berichtet von einer Meute bzw. einem Mob, welcher die Auslöschung Israels fordert und dabei Terrorunterstützung und Volksverhetzung betreibt. Wer zum Gemetzel am 7. Oktober durch die islamistische Terror-Diktatur im Gaza-Streifen schweigt, der verliert.
17.11.25
3:46
grege sagt:
@ Abbi Selzer, die Palästineseter in Gestalt der Hamas, die als Sieger aus freihen Wahlen hervorgegangen ist, hat diesen Krieg begonnen. Jetzt wurde ihnen eine Lektion erteilt ähnlich wie einem Volk hier in Mitteleuropa, da kann ich nur sagen, wirklich dumm gelaufen. Zu guter letzt stellt sich die Frage, warum soviele Muslime wie du hier überhaupt leben. So schlimm ist es hier dann doch nicht.
27.11.25
14:29
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