Kunstgeschichte

Was ist islamische Kunst?

Religion spielt eine elementare Rolle bei der Entstehung von Kunst. Aus muslimischer Perspektive ist die göttliche Offenbarung die Grundlage der islamischen Kunst. Ein Gastbeitrag von Kunsthistoriker Prof. Dr. Aziz Doğanay.

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01
2022
Symbolbiild: Islamische Kunst © Shutterstock, bearbeitet by iQ
Symbolbiild: Islamische Kunst © Shutterstock, bearbeitet by iQ

In vielen Medien wird Islam eher mit Terror assoziiert als mit Kunst. Das gilt leider auch für Muslime selbst, die die Worte Islam und Kunst kaum miteinander in Verbindung bringen. Für viele Muslime ist Kunst oft nur schlichte Bildhauerei, eine Art Götzendienst, was dazu geführt hat, dass sie sich von Kunst distanziert haben. Wenn man jedoch auf Meisterwerke blickt, die von Muslimen im Laufe der Geschichte der Nachwelt hinterlassen worden sind, erkennt man, dass Muslime nicht immer ein distanziertes Verhältnis zur Kunst hatten. 

Was ist Kunst?

Kunst im Allgemeinen kann als Tätigkeit der Seele gesehen werden, die sich bemüht, Empfindungen und Gedankten auszudrücken. Dies geschieht meistens in einem Prozess, der durch Eingebungen unterstützt wird. Kunst ist eine universale Sprache der Gefühle. Sie ist dem Menschen von Geburt an gegeben, unabhängig von Rasse, Religion oder Sprache.e

Im Islam ist der größte aller Künstler der Schöpfer selbst. In der Kunstphilosophie werden Kunstwerke definiert als etwas, das aus Menschenhand stammt und eine Botschaft vermittelt. Mit der Kunst wird das von Gott Erschaffene aus einem anderen Blickwinkel betrachtet und interpretiert. Alles Erschaffene ist ein Zeichen, das die Menschen auf den Schöpfer hinweist, und Kunst ist eine Auslegung dieser Zeichen. Diese Sichtweise macht auch deutlich, warum Kunst eine universale Sprache ist.

Wenn man sich vergegenwärtigt, dass das Gefühl für Kunst dem Menschen ins Herz gelegt wurde, so wie Freude, Trauer, Angst und Aufregung, dann müssten Begriffe wie „islamische Kunst“ oder „christliche Kunst“ im Grund neu diskutiert werden.

Kunst und Religion 

Damit eine Kunstform ausschließlich einer bestimmten Religion zugeordnet werden kann, müssen sich in den heiligen Schriften dieser Religion ihre Möglichkeiten und Grenzen finden lassen. In diesen Büchern aber – mit Ausnahme der Thora – ist es jedoch schwierig, solcherart klare Grenzen zu finden. Außer, dass man in den monotheistischen Religionen, dem einzigen Gott nichts beigesellen darf.

Ein aufmerksamer Blick in die Geschichte der Menschheit lässt zudem erkennen, dass überall auf der Welt religiöse Überzeugungen eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von Kunst gespielt haben. Darum wird die Kunst mit derjenigen Religion in Verbindung gebracht, der sie am meisten dient. Beim Bau der Süleymaniye Moschee zum Beispiel haben auch Nichtmuslime mitgewirkt. Weil die Moschee aber ein islamisches Bauwerk ist, wird sie unter dem Begriff „islamischer Kunst“ geführt.

Im Koran findet sich nichts, was die unterschiedlichen Kunstrichtungen verbieten würde – auch Malerei oder Bildhauerei nicht –, solange diese den Menschen nicht vom rechten Weg abbringen. Im Gegenteil, die Statuen, die Salomon in seinem Palast aufstellen ließ, werden als Zeichen der Dankbarkeit beschrieben. Natürlich gilt das nicht für Götzen, die angefertigt worden sind, um sie anzubeten, oder für Dinge, die mit der islamischen Ethik nicht vereinbar sind.

Im Westen war es bis zum Beginn der industriellen Revolution kaum möglich, von Kunst als einem eigenständigen Begriff zu sprechen. Bis dahin sah man in der Kunst vielmehr ein Mittel, das der Kirche dabei half, den christlichen Glauben zu verbreiten. Larry Shiner stellt berechtigterweise fest, dass im Westen die Kunst erfunden worden ist, um den Klassenunterschied zwischen Arm und Reich zu festigen. In der islamischen Welt war die Lage eine ganz andere. Jeder konnte im Besitz eines Kunstwerks sein, egal ob Arm oder Reich. 

Im Koran heißt es: „Reisten sie denn nicht durch das Land? Sahen sie denn nicht, wie das Ende derer war, die vor ihnen lebten? Sie waren stärker als sie an Kraft und bebauten und bevölkerten die Erde mehr als sie! Und es kamen zu ihnen ihre Gesandte mit deutlichen Beweisen…“ (Sure Rûm, 30:9) Allah hat den Menschen also empfohlen, sich anzusehen, was die Menschen vor ihnen zurückgelassen haben, um eine Lehre daraus zu ziehen. Dies macht es notwendig, sich mit Archäologie und Kunstgeschichte zu befassen.

Islamische Kunst – ein umstrittener Begriff 

Als der Begriff „islamische Kunst“ erstmals aufkam, bezeichneten einige europäische Historiker alles, was aus dem Osten kam, in etwas abfälliger Weise, als Arabesken. Sie waren nicht in der Lage, die Feinheiten der islamischen Kunst zu erfassen. Sie blendeten aus, dass die islamische Welt nicht nur aus Arabien bestand, sondern sehr unterschiedliche Räume und Kulturen umfasst.

Durch den Einfluss nationalistischer Strömungen, die zumeist aus Europa kamen, haben die Araber bei der Definition von islamischer Kunst nur die Werke in der arabischen Welt berücksichtigt. Die Perser haben die Kunstwerke ihres eigenen Territoriums in den Mittelpunkt der islamischen Kunst gestellt, während die türkische Kunst weitgehend verdrängt wurde. Dies ging so weit, dass viele Kunsthistoriker die Sinnhaftigkeit des Begriffs „islamische Kunst“ infrage gestellt haben. Auch wenn die Debatten ihren ursprünglichen Schwung verloren haben, wird nach wie vor über die Grenzen der islamischen Kunst diskutiert.

Auch heute gibt es Kunsthistoriker, die islamische Kunst auf Arabesken reduzieren. Es seien Formen, die zufällig durch geschichtliche Ereignisse aufeinandergetroffen sind oder sich vermischt haben. Dem ist nicht so. Islamische Kunst basiert auf Werten, die von der Offenbarung gefiltert wurden und im Monotheismus gereift sind. Sie gründet auf Prinzipien, die sich aus dem Glauben an einen einzigen Gott ergeben und aus dem Koran sowie aus den Hadithen ableiten lassen. Sie haben sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt und haben sich an unterschiedlichen Orten, in unterschiedlichen Epochen in unterschiedlicher Form manifestiert.

Islam erhebt Anspruch auf Perfektion

Gleichwohl stammen die Formen der islamischen Kunst, so abstrakt sie auch sein mögen, weder direkt aus dem Koran, noch aus den Hadithen. Überhaupt scheint es nicht wirklich möglich, die meisten der Muster und Formen, die mittlerweile als „islamisch“  gesehen werden, auf heilige Texte zurückzuführen. Im Christentum beispielsweise sind viele der dargestellten Figuren und Szenen Nachstellungen von Erzählungen aus der Bibel, während Motive, die in der islamischen Kunst häufig verwendet werden, keine direkte Beziehung zum Koran oder einer seiner Erzählungen haben.

Der Islam erhebt den Anspruch auf Endgültigkeit und Perfektion. Allein schon deswegen kann er die Kunst, die das Leben des Menschen umgibt, nicht vernachlässigt, und erst recht nicht ignoriert haben. Muslime müssen sich deshalb von ihren Vorurteilen abwenden und den Koran und die Sunna aus einer umfassenden Perspektive heraus betrachten. Untersucht man das Leben des Propheten genauer, kann man an seinen Handlungen erkennen, welch große Rolle ästhetische Gefühle in seinem Leben gespielt haben. Zusammenfassend kann man sagen, dass die Essenz der islamischen Kunst aus Gleichmaß, Rhythmus, Harmonie und Stil besteht, die auf dem Monotheismus gründet.

Leserkommentare

Charley sagt:
Zunächst einmal: Kunst geht zurück auf die Kainskinder, die nun ganz und gar nicht gottergeben waren, wie es die Abeliten sind. So führen sich die Abeliten fort in dem Begriff der Priesterschaft, die allein gottergeben sein wollen. Die Kainiten dagegen waren immer die Prometheus-Geister, die Künstler, die den Eigensinn mit einem Überschuss an Liebe verbanden und mit diesen Überschuss-/Phantasiekräften darum die Welt umgestalteten. Damit stellten sie sich in den Gegensatz zur Göttlichkeit. Kunst urständet in der Liebeskraft, welche völlig ungeläutert und auch gänzlich geläutert sein kann. Abel hütet eben nur die Schafe, er versucht allein die Schöpfung zu bewahren und .... welch Wunder ... Jehova kann sein Werk wieder erkennen, nimmt das Opfer an. Kain dagegen gestaltet um, züchtet die Pflanzen und macht aus ihnen, aus der Welt etwas anderes und ... welch Wunder .... Jehova kann sich darin nicht wiedererkennen, anerkennt nicht, was Kain ihm darbieten will. Kunst ist also per se etwas, was eben die Schöpfung nicht belässt, wie sie - von Jehova/Gott/Natur aus - war, ist, sondern macht etwas Neues daraus, bringt seinen eigenen Geist gleichwertig dem Schöpfergeist ein. Ohne Kain und seine Kinder säßen wir sozusagen noch immer als nackte Affen auf dem Baum. Alle Kulturschöpfung verdanken wir diesen gegen die Gottergebenheit rebellierenden Geistern. Auf Kain führen sich eben darum auch die Freimaurer (zum Beispiel!) zurück und stehen im Gegensatz zur Priesterschaft. Wie üblich bei Muslimen/im Islam, kann der obige Autor nicht das Eigensein des Menschen wertschätzen, was dieser für sich, ohne an den Marionettenfäden der Göttlichkeit zu hängen, ist. Der Islam hat als Ideal eine Allahmarionette Mensch. Aber das ist das pure Gegenteil des Erfinders, Künstlers Kain und derer, die geistig von ihm abstammen. In der Legende von Hieram (der den Tempel tat-sächlich zu erbauen vermag) und Salomo (der allein in seinen gottergebenen Schauungen den Plan empfangen kann) wird das großartig ausgedrückt. Das Eigensein, die Individualitätskraft, die sich gerade in der Gottesferne entwickelt, ist das Wunderbare der Zivilisation. Diese wächst durchaus wieder zusammen mit der "Welt der Wahrheit", der spirituellen Welt (s.o. Läuterung der Liebe), aber nicht in sklavischer Unterwürfigkeit, sondern mit geläutertem Selbstbewusstsein, welches sich auf diesem Wege die Liebeskraft zur Individualitätskraft macht. Das ist das Suchen in der Kunst, das sich am Schönen Emporranken, wie es Schiller so wunderbar ausgedrückt hat in seinen "Briefen". Und es wird dabei eine Tugend erworben, die der gottunterwürfige Islam nicht kennt: Die individuelle Freiheit. Die Kunst ist Ausdruck dieser Freiheit; dieser freien Wieder-Zuwendung zum Göttlichen, in der der Mensch sich in seiner geläuterten Eigensinnigkeit, seiner Individualitätskraft dem Göttlichen aktiv, eigenständig einfügt..... Alles Vorstellungen, die der Islam nicht kennt. Jeman, der das begriffen hat.... (und natürlich dafür sofort mit seinem Leben bezahlen musste,) war Al Halladsch:, der da sagte: „Ich bin die (göttliche) Wahrheit“ (Anā l-ḥaqq أنا الحقّ) Er drückte damit sein aktives Darinnenstehen in den göttlichen Gesetzen aus. Das ist Freiheit, die im Göttlichen erwacht. Davon ist der Islam, vor allem in seinem "Buchstabenanbeten" kilometerweit entfernt. In früheren Zeiten, als Moscheen mit wunderbaren Ornamenten ausgekleidet wurden (die z.T. höchst zeitgenössische mathematische Gesetze ausdrückten), da mag es solche Geister gegeben haben.... aber das war auch noch ein toleranter, anderer Islam. Schaue man doch in dei Islamsiche Welt: Wo wird dort bedeutungsvolle Kunst heutzutage hervor gebracht? Vielmehr wird die Kunst verteufelt, je "islamischer" der Staat ist. Wie viele Bücher, Romane, Sachbücher usw.... werden in islamischen Ländern jedes Jahr veröffentlicht... ein wizigster Bruchteil dessen, was in der modernen Welt veröffentlicht wird. Schaue man mal auf das Alltagsdesign in arabischen oder Türkischen Läden: Ich sehe da immer nur Kitsch ( = wesenlose Gestaltung). "Kunst" ist allerdings etwas ganz anderes. Ich weiß wirklich nicht, woher Herr Doğanay das Selbstbewusstsein nimmt, den heutigen Islam als Boden für eine Kultur der Kunst darzustellen! Ich füge noch an aus dem Goethegedicht "Prometheus" (in der Gänze bitte googlen): ......Ich dich ehren? Wofür?.... Hier sitz ich, forme Menschen Nach meinem Bilde, Ein Geschlecht das mir gleich sei, Zu leiden, zu weinen, Zu genießen und zu freuen sich Und dein nicht zu achten, Wie ich! Darin drückt sich in wunderbarer Weise jenes kainitische Eigensein aus, welches alle freien Geister und auch wirkliche Künstler umfasst. Anerkennen wird Kain denjenigen, der gleich ihm in der selbst und frei erworbenen Liebe seine Identität sieht. Das ist aber kein allmächtiger Übergott, sondern einer, zu dem man gütlich Bruder sagen würde.
24.01.22
2:30
Dilaver_Ç. sagt:
Es wäre absolut unvorstellbar, dass in einem jüdischen Blog durch und durch antisemitische Kommentare freigeschaltet werden. Wieso denn auch? Deshalb ist es unverständlich, warum hier in einem islamischen Blog Kommentare freigeschaltet werden, die nur so von antimuslimischem Rassismus strotzen, welcher aus den gehässigen Bemerkungen des Vorkommentators eindeutig hervorgeht. Damit gibt man den antimuslimischen Rassisten zu verstehen, dass sie hier ihrem Rassismus frönen dürfen wie es ihnen lustig ist. Jedoch darf es keine Legitimation für antimuslimischen Rassismus geben - erst recht nicht in einem islamischen Blog. Es gehört zu einer gewissen Portion von Selbstachtung, dass solche Kommentare blockiert und gar nicht erst veröffentlicht werden, wenn man antimuslimischem Rassismus keine Plattform bieten will. Das sollte hier in Zukunft beachtet werden. Da sollte man sich auch nicht vom Guilt-Tripping antimuslimischer Rassisten, wenn sie blockiert werden, manipulieren lassen. Vielen Dank.
26.01.22
3:41
evergreen sagt:
@Dilaver Schon Satz 1 ist falsch. Dilaver sollte sich besser informieren. Dilavers Vorschlag erinnert an die Methode der katholischen Kirche, die sich mit INDEX und Inquisition in früheren Jahrhunderten ängstlich abschotten wollte. Ich teile Charleys Sichtweise nicht. Doch nur dann, wenn man auch unbequeme Sichtweisen kennenlernt, ist man in der Lage, sich damit auseinanderzusetzen und rechtzeitig Gegenargumente zu entwickeln. Zensur ist ein Zeichen von Angst, nicht von Selbstbewusstsein. Und nicht alles, was judenkritisch und Israelkritisch formuliert wird, ist antisemitisch. Nicht alles, was islamkritisch geäußert wird, ist ein Zeugnis für antimuslimischen Rassismus. Wer pauschal ohne Prüfung im Detail den Knüppel „Antisemitismus“ und „antimuslimischer Rassismus“ schwingt, dämonisiert und wird auf Dauer ohne Argumente damit nicht durchkommen, zumal es auch jüdischen Rassismus und weltweit muslimischen Rassismus gibt. .
26.01.22
20:23
Linus sagt:
Aus aktuellem Anlass ein praktisches Beispiel für die Kunstfreiheit, für das mir hoffentlich niemand die Zunge herausreißen will: „Wenn ein Ochse in einen Palast einzieht, wird er damit nicht zum König, sondern der Palast wird zum Stall.“
27.01.22
9:05
Dilaver_Ç. sagt:
@evergreen (sowie andere die mich hier ansprechen sollten) Ihre Psychospielchen können Sie sich sparen.
27.01.22
15:37
Johannes Disch sagt:
@Charley (24.01.2022, 2:30) Großartige Ausführungen! Es kommt hier wieder ein entscheidendes Manko des Islam zum Ausdruck: Das autonome Individuum existiert nicht. Selbst so etwas wie eine ursächlich menschliche Errungenschaft-- die Kunst-- kann diese Kultur nur von Gott (Allah) her denken.
03.02.22
18:43