Muslime zu den Bundestagswahlen

„Religiöse Vielfalt als Bereicherung sehen“

Die Bundestagswahlen stehen vor der Tür. Vor allem Muslime wissen nicht, wen sie wählen sollen. IslamiQ hat um die Einschätzung von Muslimen gebeten. Heute: Elif Zehra Kandemir.

18
09
2017
Elif Kandemir © privat
Elif Kandemir © privat

IslamiQ: Werden die Bedürfnisse der Muslime von den hiesigen Parteien ausreichend beachtet?

Elif Zehra Kandemir: Zunächst einmal kann nicht pauschal von „den Bedürfnissen“ der MuslimInnen gesprochen werden. Jede/r BürgerIn muslimischen Glaubens hat sein/ihr eigenes Bedürfnis, je nachdem welche (negativen oder positiven) Erfahrungen er/sie machen musste.

Einen Aspekt möchte ich jedoch hervorheben: Die Berichte der Frauen, die von antimuslimischen Gewalttaten betroffen sind, zeigen einen alarmierenden Zustand auf. Es gibt kopftuchtragende Frauen, die von den „hasserfüllten Augen“ der Täter berichten. Die Opfer sprechen von ihren beängstigten, traumatisierten Kindern, die wochenlang die blauen, geschwollenen Augen ihrer Mütter anschauen mussten, nachdem ihr ein „psychisch kranker Mann“ auf offener Straße ins Gesicht geschlagen hatte. Diese muslimischen Frauen waren froh darüber, dass es den Angreifern nicht gelang, ihre Kopftücher hinunterzureißen, nachdem sie in den Supermärkten als „Taliban“, „Terrorist“, „Scheiß Muslima“ beschimpft wurden. Die Gespräche mit diesen Frauen über diese erschütternden Erfahrungen sind eine Art sekundäre Traumatisierung für mich gewesen. Auch ich bin ängstlicher geworden. Wenn ich im Auto an der Ampel warte, dann schließe ich das Auto ab, damit ein „Rambo-Rentner“ mich nicht aus dem Auto zieht, mich angreift und am Schluss nur eine Strafe von 350 Euro erhält.

Elif Zehra Kandemir ist Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Bloggerin. Sie leitet die Redaktion des türkischsprachigen Magazins „Perspektif“.

Ausgehend von diesen Erfahrungen lässt sich zunächst feststellen, dass diejenigen Muslime, die selber oder deren Bekannte einen körperlichen Angriff erlitten haben, ein Sicherheitsbedürfnis haben.

Ob dieses Bedürfnis von den hiesigen Parteien beachtet wird? Ich befürchte, nein. Dieses Grundbedürfnis wird sogar von einigen unserer MitbürgerInnen nicht beachtet. Dies werden wahrscheinlich die Kommentare einiger LeserInnen dieser Zeilen zeigen, die erfahrungsgemäß lauten werden: „Wenn du dich in diesem Land nicht sicher fühlst, geh doch in dein Heimatland“. Solche Kommentare werden bedauerlicherweise folgen.

Diese Tiraden zeigen eins: Anstatt das Sicherheitsbedürfnis ihrer MitbürgerInnen ernst zu nehmen – ich spreche nicht mal vom „gewährleisten“ – werden die Erfahrungen dieser Menschen abgetan. Diese Kommentatoren behaupten im Grunde, dass die Muslime dieses „Sicherheitsbedürfnis“ quasi als eine „Abrechnung“ mit dem „bösen Deutschland“ instrumentalisieren, dass sie lügen, wenn sie von dem Gefühl der Unsicherheit sprechen.

Solange die politischen Parteien diesem banalen Argumentationsschema nichts entgegensetzen und statt den Sorgen der Betroffenen nur die Sorgen von „besorgten Bürgern“ als Maßstab nehmen, wird sich an dieser Problematik nichts ändern, sondern nur noch schlimmer werden.

IslamiQ: Oft wird den Parteien vorgeworfen, dass sie während des Wahlkampfes antimuslimische Ressentiments bedienen, um auf Stimmenfang zu gehen. Wie haben Sie die letzten Monate erlebt?

Kandemir: Vor einigen Monaten hatte ich ein Hintergrundgespräch mit einer Muslimin aus einer etablierten Partei. Sie meinte: „Es (der politische Diskurs bezüglich Muslimen) ist hart, wird aber wegen des Wahlkampfes härter. Darauf solltet ihr (die Muslime) vorbereitet sein.“ Es erschien mir damals, dass sogar eine Muslimin mit dieser Wahltechnik einverstanden war, als ob es keine andere Methode für einen effektiveren Wahlkampf gebe. Diese Aussage war für mich wie ein Tsunami, vor dem mich diese Politikerin warnte. 

Die hasserfüllte politische Sprache bezüglich Muslimen darf nicht als unausweichlich dargestellt werden. Diese Rhetorik ist keine „Naturkatastrophe“. Sie kann sehr wohl geändert und verhindert werden. Es muss nur ein entsprechender Wille da sein. Dafür sollte man sich nur vor Augen führen können, welchen Schaden diese Rhetorik den Menschen dieses Landes zufügt.

IslamiQ: Welche Partei wird Ihrer Meinung nach bei dieser Bundestagswahl erfolgreich werden und welche nicht?

Kandemir: Ich hoffe, egal welche Partei die Wahlen gewinnt, dass sie sich für einen vernünftigen Umgang mit den Minderheiten in diesem Land einsetzt.

IslamiQ: Wie schätzen Sie den Wahlausgang für die islamfeindliche AfD ein?

Kandemir: Es wird für niemanden eine Überraschung sein, wenn die AfD in den Bundestag einzieht. Dieser Einzug wird uns vor eine erneute Verantwortung stellen. Der Hass auf Muslime wird nicht von selbst scheitern. Dafür müssen sich die Menschen, die sich für Toleranz, Akzeptanz und Respekt gegenüber Anderen einsetzen, mehr Mühe geben.

IslamiQ: Was erhoffen Sie sich nach der Bundestagswahl im September?

Kandemir: Ich erhoffe mir ein gesellschaftliches Klima, das nicht vergiftet ist, sondern mehr Raum für Vielfalt ermöglicht und die kulturellen und religiösen Unterschiede als eine Bereicherung und nicht als potenzielle Gefahr sieht.

 

Leserkommentare

Ute Fabel sagt:
Die größte Bereicherung für eine pluralische Gesellschaft ist der Mut zum Hinterfragen von althergebrachten Glaubenslehren. Das bringt die Menschheit voran und nicht der unverdiente und blinde Respekt vor alten abergläubischen und verstandesfeindlichen Dogmen.
19.09.17
8:00
Manuel sagt:
Was ist an Niqab/Burka und Scharia eine Bereicherung?
19.09.17
18:12
Charley sagt:
Solange die Überschrift nicht heißt: Seht UNS als Bereicherung für euch! sondern auch mindestens (!) genauso stark meint: Wir sehen EUCH als Bereicherung für uns! ist gegen diesen Satz nichts auszusetzen. Und so ist dann islamiq in Zukunft daran zu prüfen, ob Moslems die anderen Religionen nicht (mitleidig, herablassend) als "Fehlgeleitete" sehen, sondern sie tatsächlich als MENSCHEN, die für sich Wesentliches entdeckt haben, wie man das auch für sich beansprucht!
20.09.17
10:18
Frederic Voss sagt:
Das Selbstverständnis des Islam akzeptiert nicht wirklich andere Sichtweisen, Lebensmodelle, Religionen oder Welterklärungs-Ideologien.
25.09.17
15:55
Kritika sagt:
L.S. Elif Zehra Kandemir schreibt: « Es gibt kopftuchtragende Frauen, die von den „hasserfüllten Augen“ der Täter berichten. Die Opfer sprechen von ihren beängstigten, traumatisierten Kindern, die wochenlang die blauen, geschwollenen Augen ihrer Mütter anschauen mussten » - - - - Arme traumatisierte Kinder. Sie können nichts dafür, dass ihre Eltern öffentlich, demonstratief und provokatief für eine Religion werben und missionieren, in deren Namen viele Unschuldige, unbeteiligte Menschen grausam ermordet wurden. Ein noch heute angesehener Jüdischer Lehrer, in Zeiten des Alten Testaments, Jesus Sirach, sprach: « Wer sich in Gefahr begibt, der kommt darin um » Jesus Schirach meinte bestimmt auch die KopftuchGefahr. Kritika gefällt die Englische Version noch besser: « If you play with the fire, you must expect to get your fingers burned » Sollten die KoranAutoren einige Weisheiten des Jesus Sirach übernommen haben, dann wären das nicht die schlechtesten Versen. Fakt ist (auch wenn gesetzlich verboten): Es gibt Menschen in Deutschland, auf die wirkt (wohl wegen oben beschriebene Grausamkeiten bekennender Muslims) das Kopftuch wie ein Rotes Tuch; sie greifen KopftuchFrauen an. KopftuchFrauen werden das wissen. Wenn sie für ihre KopftuchSturheit bezahlen, wussten sie von der Gefahr und haben sie in Kauf genommen; auch die Möglichkeit, dass ihre Kinder traumatisiert werden. Kritika rädt den KopftuchFrauen, im Sinne der eigenen Sicherheit und falls sie das Leid ihrer Kinder über ihre eigene KopftuchSturheit stellen, nicht mit Hijab zu provozieren. Mit anderen Worten: als Muslim unerkennbar durch die Welt zu gehen. Damit wäre das KopftuchAngriffProblem aus der Welt geschafft, die Kinder blickten nicht mehr in geschwollenen Augen, das Strassenbild wäre wesentlich harmonischer und die Ablehnung der IslamKritiker würde sicher etwas geringer. Gruss, Kritika
28.09.17
1:47
Mads sagt:
Religiöse Vielfalt ist sicherlich grundsätzlich eine Bereicherung. Der Islam mit seinen Gesetzen und Regeln, die eher an das Mittelalter erinnern, ist hingegen keine Bereicherung für unsere Gesellschaft, sondern stellt ein Problem dar.
28.09.17
15:13
gregek sagt:
Umgekehrt sollte der Islam die Einflüsse anderer Kulturen ebenso als Bereicherung anerkennen in Regionen, in denen diese Religion die Mehrheit darstellt.
30.09.17
6:57
Kritika sagt:
An Hr. Mads, Er schreibt: « Religiöse Vielfalt ist sicherlich grundsätzlich eine Bereicherung » --------- Religion ist nach Kritikas Meinung gleichwertig mit Astrologie, Wahrsagerei, Allchemie, KartenLegen - - - : eine Hypotese, die noch nie bewiesen wurde. Weshalb sollte denn religiöse Vielfalt eine Bereicherung sein? Weshalb sollte mehr Nonsense besser sein als weniger? Gruss, Kritika
02.10.17
1:25
grege sagt:
Vielleicht sollten veranwortliche Vertreter des Islams Kritik an dieser Religion oder die neu gegründete Moschee von Frau Ates ebenso als Bereicherung ansehen.
02.10.17
22:35