Niedersachsen

Ministerium umgeht Beirat bei Islamunterricht

Das niedersächsische Kultusministerium möchte den Lehrplan des islamischen Religionsunterrichts gegen den Willen des islamischen Beirats ändern. DITIB und Schura kritisieren diesen Schritt und fordern konstruktive Lösungen.

22
02
2019
Symbolbild: Unterricht, Religiosität und Bildungserfolg
Symbolbild: Unterricht, Religiosität und Bildungserfolg © by fileccia auf flickr.com (CC BY 2.0), bearbeitet IslamiQ

Neue Runde im Streit um den Islamunterricht an Grundschulen in Niedersachsen: Medienberichten zufolge habe das niedersächsische Kultusministerium ein überarbeitetes Kerncurriculum ohne die Zustimmung des Beirats für den islamischen Religionsunterricht, in dem Vertreter der DITIB und Schura sitzen, an den Landtag weitergegeben.

Demnach hatte der Beirat einen überarbeiteten Lehrplan bereits im April 2017 abgelehnt, „aufgrund von Bedenken gegen einzelne Formulierungen, darunter auch wegen des Hinweises auf die Berücksichtigung sexueller Vielfalt“, wie das Kultusministerium auf Anfrage von IslamiQ mitteilt. Die Kritikpunkte stehen aus Sicht des Landes Niedersachsen nicht zur Disposition. Eine endgültige Entscheidung blieb bis heute aus.

Das Ministerium habe geprüft, ob es sich bei den kritisierten Punkten überhaupt um theologische Grundsatzfragen handelt und ob somit der Beirat überhaupt gefragt werden muss. Ergebnis: Der Beirat sei nicht dafür zuständig, da es sich bei der Frage der Thematisierung von sexueller Vielfalt im islamischen Religionsunterricht nicht um eine „theologische Fragestellung“ handele.

Die Lehrpläne werden von einer Fachkommission erstellt, in die der Beirat nur beteiligt sei. Von einer „Umgehung“  des Beirates könne nicht im Geringsten die Rede sein, da ein Imam, als Vertreter des Beirats, bei der Erstellung des Kerncurriculums beteiligt war, welcher der vorgelegten Fassung uneingeschränkt zugestimmt habe, so das Kultusministeriums auf Anfrage von IslamiQ.

„Beirat hat nur beratende Funktion“

Dem Kultusministerium zufolge sei der Beirat „nicht für die Unterrichtsinhalte des islamischen Religionsunterrichtes verantwortlich“. „Dem Beirat obliegt, Stellungnahmen zu theologischen Fragestellungen – im Hinblick auf die erforderliche Übereinstimmung mit den Grundsätzen der von ihm vertretenen Moscheegemeinden – abzugeben.“ Um solche Fragen handelt es sich hier nach hiesiger Einschätzung des Ministeriums jedoch nicht.

Die Zurückhaltung des Beirats bezieht sich auf einzelne Formulierungen, darunter auch den Hinweis auf die Berücksichtigung sexueller Vielfalt. Weitere Kritikpunkte des Beirates seien laut Ministerium die „Betonung demokratischer Werte“ sowie „Gleichberechtigung von Jungen und Mädchen“. Dies wurde jedoch von DITIB und Schura dementiert.

Muslime kritisieren Entscheidung

Der Vorsitzende der Schura Niedersachsen, Recep Bilgen, zeige sich überrascht über die Entscheidung des Kulturministeriums. „Anstatt konstruktiv an einer Lösung zu arbeiten und die Position des Beirats verstehen zu wollen, wurde darauf bestanden, dass dem Curriculum in der aktuellen Version zugestimmt wird, ohne auf die Einwände des Beirats einzugehen“, erklärt Bilgen gegenüber der „NOZ“. Der Kontakt zu dem Ministerium habe sich immer wieder schwierig gestaltet.

Auch der DITIB-Landesverband Niedersachsen bedauere diesen Schritt. „Es ist selbstverständlich für uns, dass Menschen, egal welche sexuelle Orientierung sie haben, nicht diskriminiert werden sollen.“, erklärt DITIB-Geschäftsführerin Emine Oğuz der „NOZ“. Muslime in Niedersachsen wollen als vollwertiger Teil behandelt werden. Man dürfe „nicht immer ein fünffaches Lippenbekenntnis von Muslimen verlangen.“ 

„Sexuelle Vielfalt“ im christlichen Religionsunterricht

Auf die Frage, ob das Kerncurricula der katholischen bzw. evangelischen Religionsunterricht in der Grundschule und in der Sek. 1 dahingehend ebenfalls geändert werden, antwortete das Ministerium, dass „alle Lehrpläne des Landes Niedersachsen werden nach und nach in diesem Sinne angepasst werden.“

Leserkommentare

Dilaver Çelik sagt:
Das kommt dabei raus, wenn der Staat sich in den Religionsunterricht illegal einmischt. Dann darf man sich nicht wundern, dass der Religionsunterricht dafür benutzt wird, dass dort die Staatsideologie propagiert wird, obwohl sowas weder in den Religionsunterricht noch in die Schule (außer Politikunterricht) gehört, weil Schulen (neben Gotteshäusern und Kasernen) politisch neutrale Orte sind. Umso problematischer ist es, dass weder DITIB, noch die SCHURA als offizielle Religionsgemeinschaften anerkannt sind, womit diese formell noch nicht die Berechtigung erlangt haben, islamischen Religionsunterricht auf öffentlichen Schulen zu erteilen. Unter solchen Umständen sowie der gegenwärtigen übergriffigen Politik würde ich den Religionsunterricht in der Schule nicht empfehlen. Dafür empfehle ich den Religionsunterricht in den Moscheegemeinden der DITIB und SCHURA, welche wenigstens sich an religiösen Vorgaben orientiert und durch kompetentes Personal erteilt wird.
23.02.19
0:43
Frederic Voss sagt:
Es würde an ein Wunder grenzen, wenn einmal irgendwelche Muslim-Sprecher oder DITIB/Schura-Leute keine Kritik äußerten. Schließlich wollen sie ständig im Gespräch bleiben, die Aufmerksamkein auf sich ziehen und entsprechende Forderungen stellen - dies alles im Hinblick auf ihre realen Islamisierungsbestrebungen für die Gesellschaft. Verständnisbereitschaft bei der Berücksichtigung sexueller Vielfalt dürfte für die meisten traditionell-archaisch orientierten Religionsgruppierungen Überforderung und Herausforderung zugleich sein. Solches hätte sich wohl auch der altertümliche Gründer-Prophet des Islam nicht zu träumen gewagt; und derartiges wäre wohl auch eine echte Herausforderung für seine damalige intellektuelle Struktur im 7. Jahrhundert gewesen. Selbstverständlich hat auch ein "beratender Beirat" bei weitem keine solche Kompetenz und Bestimmungslegitimation wie das Kultusministerium. Die moderne Sexualforschung weiß heute wesentlich mehr als irgendwelche religiöse Eiferer aus dem Orient vor 1.400 Jahren. Von daher wird es sich ein aufgeklärtes Kultusministerium überhaupt nicht leisten wollen, entsprechende weltfremde & abwegige Ansinnen oder Forderungen irgendwie zu berücksichtigen. Und das ist dann wirklich konstruktiv.
23.02.19
19:49
Kritika sagt:
L.S. Es gibt viele Sekten, wie der Islam, in einstelliger Grösse. Es sind zum Glück die Ministerien, welche regieren. Diese brauchen nicht jedes beliebige kleine SektenGrüppchen zu informieren oder zu konsultieren. Das Parlament ist es, welches die Regierung kontrolliert. Für Ideologische Vereine ist dabei keine Rolle vorgesehen. Was der ditib davon hält ist daher völlig unbedeutend. Gruss,Kritika
23.02.19
23:51
Harousch sagt:
Eine Religion wie der Islam hat keine Meinung zur sexuellen Orientierung. In der heiligen Schrift der Muslime gibt es keine Meinung zu sexuellen Vorgehensweisen geschweige denn zur sexuellen Orientierung. Wie ich finde, sollte diese Frage jeder mündige Mensch für sich selbst entscheiden. Insofern kann auch ein Kultusminister solch eine Aussage nicht einfach so salopp in ein Fachcurriculum aufnehmen, weil es in einem Religionsuntericht in ersterlinie um die Befähigung zum Glauben und um die skeptische Hinterfragung altehrwürdiger sowie kulturell kodierter Meinungen geht, welche sich im Laufe der Jahrhunderte fälschlicherweise unter dem Schleier des Islams entwickelt haben, gehen sollte. Hinzukommt die Kritikfähigkeit in der eigenen Meinung zum Islam sowie diejenige in Bezug zu diversen Kontroversen innerhalb des Islams auszubilden und zu trainieren, was wiederum weitreichende Kenntnisse in den anderen abrahamitischen Religionen ebenfalls voraussetzt. Wir sollten doch etwas weiter sein, wenn es um die Sache selbst gehen sollte und nicht immer um das Rechtbehalten und Kräftemessen. Wer hat den längeren....Atem... mein Gott: Fangt doch einfach mal an! Die kleinen Feinheiten kann man doch auch in ein paar Jahren besprechen. Wir sollten auch erkennen, dass der Islam in Deutschland eventuell nie denselben Stellenwert haben wird, wie das Christentum, wo sich das Ministerium völlig rausnimmt. Wenn wir doch alle wissen, dass es so ist: Lieber etwas Islamunterricht als gar kein Islamunterricht.... Einige sind halt eben doch etwas gleicher! Salamaleikum!
27.02.19
20:04