Buchveröffentlichung Thilo Sarrazin

Sarrazins feindliche Übernahme des Verstandes

Thilo Sarrazin. Ein Mann, der es sich auf die Fahne geschrieben hat, den Islam und die Muslime zu diffamieren. Sein zweites Buch trägt den Titel: „Feindliche Übernahme – wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“. Cemil Şahinöz hat das Buch gelesen und sich eine Meinung gebildet.

08
09
2018
Sarrazin Buch Cover
Sarrazin Buch Cover, bearbeitet by IslamiQ.

Der ursprüngliche Verlag wollte das Buch von Thilo Sarrazin nicht drucken. Zu Recht. Dies ist keine Zensur. Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Doch Rassismus und Faschismus sind keine Meinung. Sie sind menschenverachtend und Gift für die Gesellschaft. Hass und Feindschaft sind das Ergebnis von Rassismus. Ein friedliches, gemeinsames Miteinander ist dann nicht mehr möglich.

Narzisstischer Hochmut

Auf diese Art und Weise liest sich leider das Buch von Sarrazin. In jedem Kapitel spürt man puren Hass, narzisstischen Hochmut. Die “entwickelten Sarrazins“ auf der einen Seite und die “unterentwickelten Muslime“ auf der anderen Seite. So wie man es sozialdarwinistisch aus vergangenen Büchern kennt. Die einen sind auf der Evolutionsleiter vorangeschritten, die anderen nicht. Der nächste Schritt wäre, dass man die, die nicht vorangeschritten sind, “einfach mal so“ auslöscht, damit die weitere Evolution nicht aufgehalten wird. So kennt man es z. B. aus Briefen von Darwin.

Sarrazin geht nicht so weit. Er ist erst dabei zu erklären, dass Muslime auf der Evolutionsleiter ganz unten sind. So wird auf jeder Seite klischeehaft, vorurteilhaft, ohne jegliche sachliche Überprüfung gegen Muslime und den Islam gehetzt.

Schon aus dem Untertitel und dem Klappentext wird deutlich, dass es Sarrazin nicht um eine objektive oder sachliche Analyse geht. Stattdessen werden negative und populistische Argumente aneinandergereiht.

So banal, so ideologisch

Es wird ein Szenario entworfen, was oberflächlich folgendermaßen aussieht: Die Anzahl der Muslime in Deutschland wächst. Parallel fällt der Anteil der Nichtmuslime. Irgendwann gibt es mehr Muslime als Christen und mehr Moscheen als Kirchen. Und in diesem Prozess wird alles, was deutsch ist, ausgelöscht. So banal, so ideologisch, so aufgeladen sind die Theorien im Buch. Deshalb schlägt er auch vor, sofort den Zuzug zu stoppen. So relativiert z. B. auch den gegenwärtigen Völkermord an den muslimischen Rohingya. Laut Sarrazin fühle sich die buddhistische Mehrheit eben durch die muslimische Minderheit in ihrer kulturellen Identität bedroht. Genau dieses Szenario, nämlich der kulturellen Entfremdung, zeichnet aber Sarrazin für Deutschland.

Im ersten Kapitel macht sich Sarrazin zum Theologen. Dabei ist seine Interpretation von Koran und der Aussprüche des Propheten Muhammad genauso radikal, wie die der Salafisten, die ebenfalls den Kontext von Textstellen ausblenden. Ein solches wortwörtliches Verständnis des Korans wird von 99% der Muslime abgelehnt. Sarrazin ist das egal, er nutzt dieses wortwörtliche Verständnis, um zu polarisieren. Ein wortwörtliches Koranverständnis kann demnach sowohl zum rechten als auch zum religiösen Fanatismus führen.

Wenn Sarrazin z. B. schreibt, dass in großen Teilen der “muslimischen Welt“ junge Mädchen beschnitten werden oder das muslimische Frauen sich nicht scheiden lassen können oder das eine Heirat unter Verwandten erlaubt sei, ist das kompletter Unsinn und widerspricht sowohl der islamischen Theologie als auch der Praxis. Mit nur wenig Aufwand hätte der Autor überprüfen können, dass diese und andere Fakten komplett gegen das islamische Verständnis sind. Aber auch sonst sind einfache Fakten, wie Ortsnamen, Jahreszahlen, Namensschreibweisen oder Koranverse ebenfalls falsch.

Unendliche Statistiken

Auch seine gefühlten unendlichen Statistiken, die er auch schon in vergangenen Büchern verwendete, sollen zeigen: Der Muslim ist einfach dumm. Das hat er in den Genen. Und die “islamischen Länder“, was immer das auch sein soll, sind rückständig. Dass er dabei in seinen Statistiken sogar Länder, in denen Muslime in der Unterzahl sind, als “islamische Länder“ verkauft, wie z. B. einige afrikanische Länder, ist ihm gelichgültig. Denn wie Winston Churchill schon einmal sagte, „Glaube keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast.“ So versucht Sarrazin auf mehreren Seiten mit Zahlen zu “beweisen“, dass der Islam eine Gefahr ist.

Auch hat man an vielen Stellen das Gefühl, dass Sarrazin den Islam als eine Ethnie wahrnimmt. So schreibt er dann immer über „die Muslime“ oder „die Kultur der Muslime“ und lässt völlig außer Sicht, dass der Islam ein Glaube ist und keine Ethnie. Pauschal hat man das Gefühl, dass er insgesamt alle Araber, Türken und Afrikaner als Muslime bezeichnet. Und alle anderen als Nichtmuslime. Dass es aber auch Araber, Türken, Afrikaner gibt, die keine Muslime sind und Millionen von Europäern, Amerikanern und vielen anderen, die Muslime sind, blendet er aus. Denn das würde mindestens die Hälfte seiner Theorien und Statistiken entkräften.

Auch die “Geschichte des Islams“ wird im Buch katastrophal wiedergegeben. Diese Geschichte deckt sich weder mit islamischen Quellen noch mit islamkritischen Quellen, die wenigstens eine sachliche Analyse leisten. Sarrazins “Geschichte des Islams“ dagegen liest sich wie eine Märchenstunde von Goebbels. Frei erfunden, vollgepackt mit Schreckensbildern, ohne jegliche Quelle.

Sarrazin und andere ähnlich argumentierende Autoren überspringen bewusst die vielen Jahrhunderte, in denen islamische Wissenschaftler die Fundamente der heutigen modernen Wissenschaft legten. Insbesondere das Mittelalter wird nur aus der Perspektive Europas betrachtet, als hätte die ganze Welt in dieser Zeitepoche wie Europa stagniert. Intellektuelle, kulturelle und wissenschaftliche Errungenschaften in Andalusien werden dadurch ausgeblendet. Mit dieser Betrachtungsweise entwickelt Sarrazin in seinem Buch eine Überheblichkeit, die an Narzissmus grenzt, und versucht damit dem Islam eine Rückständigkeit vorzuwerfen.

“Pegida“-Versteher

Im letzten Kapitel letztendlich wird Sarrazin zum “Pegida“-Versteher. Rassistische Kritik wird relativiert und die Angst vor dem Fremden wird permanent als Realität verkauft. Pegida, AfD, Reichsbürger und Selbstverwalter werden so zu “besorgten“ Bürger, denen man doch Verständnis zeigen müsste.

Insgesamt ist das Buch leider eine Bestätigung des Erwachens der rechten Kräfte in Europa. Vor 15 Jahren wäre ein solches Buch als Bestseller undenkbar. Zumindest hätte die große Mehrheit das Buch als überteuertes Klopapier genutzt. Gegenwärtig ist die Konjunktur jedoch bestens geeignet für solche sozialdarwinistischen und hetzerischen Thesen.

 

Leserkommentare

Harousch sagt:
Der Titel des Buches passt ja viel eher zur Amtsperiode Sarrazins als Finanzsenator Berlins 2002-2009 unter Klaus Wowereit als Regierenden Bürgermeister. Einige Fakten fernab des Postfaktischen. Theo Sarrazin sorgte während seiner Amtszeit für die Privatisierung von Wohgesellschaften, welche im folgedessen maßgeblich zur gegenwärtigen Gentrifizierung beigetragen hat. In Folge von Stopfen diverser Haushaltslöcher wurden ganze Landstriche an Privatinvestoren für kleines Geld verkauft, wodurch heute Grundstücke für den sozialen Wohnungsbau einfach weitflächig fehlen. DesWeiteren gehen Streichung von Lehrerstellen und der Stopp von Verbeamtungen in den Lehrerberuf und der Investitionssparkurs, der letztendlich zum Sanierungsstau in der Baubranche führte, gehen auf sein Konto. Wahrscheinlich zielt der Titel seines neuen Buches eher auf die feindliche Übernahme eines Volksverräters, mit hohen Maß an autobiografischem Charakter, ab.
08.09.18
22:39
Ute Fabel sagt:
„Rassismus und Faschismus sind keine Meinung“ Viele Menschen halten die Religion der Zeugen Jehovas und der Mormonen sowie die Glaubensinhalte der Scientology-Kirche für bescheuerten Aberglauben mit großem Gefahrenpotential. Diese Einschätzung ist weder rassistisch noch faschistisch. Ich und andere Menschen vertreten diesselbe Meinung aus gutem Grund auch gegenüber dem Islam. Im Unterschied zu den drei erstgenannten Religionen gab und gibt es zahlreiche Kriege und Diktaturen, die sich auf den Islam berufen. Die in Syrien geborene Laila Mirzo wird morgen ihr Buch „Nur ein schlechter Muslim ist ein guter Muslim“ veröffentlichen. Der Buchtitel bringt es auf den Punkt. Viele Menschen, die in die islamische Religion hineingeboren wurden, nehmen die angestaubten Glaubenssätze erfreulicherweise nicht mehr allzu ernst und leben nach zeitgemäßen ethnischen Idealen. Das gibt wirklich Grund zur Zuversicht!
09.09.18
7:35
Manuel sagt:
So, Hr. Cemil Şahinöz erklären Sie mir, wieso dann in fast allen islamischen Ländern, also die Länder in der Islam die Mehrheit hat, statt Fortschritt Rückschritt herrscht. Jüngsten Beispiel war Indonesien, wo Sex außerhalb der Ehe unter Strafe gestellt werden sollte, sieht für Sie so ein fortschrittliches Land aus?
09.09.18
16:11
Emanuel Schaub sagt:
Ute Fabel , der kleine "Freudsche" !! Tippfehler lässt tief blicken...über Ihre Einstellung u.a. zu Etnien Ihrer Mit -Menschen. Eine zeitgemässe ? (was soll das denn schon besagen?!) Ethik gibt es eh nicht . Nur e i n e vor aller Welt -Entstehung (ich werd jetzt nicht philosophisch/tiefsinnig geltenden,von ethisch Erbenis Fähigen MENSCHEN zu entdeckende!! für die Lebens Praxis anzuwendene Verhaltens Hilfe. Ihre Bemerkungen zu ZeugenJehovas /Mormonen zeugt nur von Ihrer geringen kenntnis im Umgang mit diesen Mit Menschen(Ich habe noch nie! einen Zeugen... abfällig über den Islam reden hören(die Konkurenz ..in Rom ist eine andere Geschichte..) Das Hinein geborensein :der Übersetzer des Italienichen Korans war! Katholik (lesen Sie mal seine umfangreichen Kommentare und seine Version des Licht Verses) Eine bekannte Islam Kritikerin war Muslima und wurde ...sic! dann Katholikin. Und andere Relioions Geschädigte flüchten sich dann in die Religions Kritik. gruss emanuel
13.09.18
11:18
Johannes Disch sagt:
@Harousch (08.09.18, 22:39) Prima auf den Punkt gebracht. So viel zum angeblichen "Finanzfachmann" Sarrazin.
13.09.18
21:28
Frederic Voss sagt:
Möglicherweise kann sich der Islam in ferner Zukunft einmal reformieren. Noch ist keinerlei Ansatzpunkt dazu erkennbar, wenn Kritiker wie Abdel-Samer, Frau Ates oder Ayaan Hirsi Ali oder Sabatina unter Polizeischutz leben müssen. Stattdessen wollen vor allem links-grüne Toleranz-Träumer den Islam immer mehr etablieren, indem sie sich unterwerfen bis hin zu schweinefleischlosem Kita-Essen und steuerfinanzierten Burkini-Badetrachten für keusche Schülerinnen. Der Erkenntniswert der Bücher von Herrn Sarrazin ist gar nicht mal so groß. Denn er schreibt, was viele längst wissen, sich nur nicht trauen zu sagen oder gar zu schreiben. Auf jeden Fall hat Herr Sarrazin großen Mut und nimmt viele Anfeindungen in Kauf. Man muß diesen Mann nicht mögen; sein Buch hat dennoch einiges an Substanz anzubieten.
16.09.18
23:42
Johannes Disch sagt:
Viel bedenklicher als der Unsinn über den Islam, den Sarrazin verzapft, sind seine praktischen Vorschläge: Aufnahmestopp von Muslimen, Rückführung abgelehnter Asylbewerber in ihre Herkunftsländer auch gegen den Willen des Landes, notfalls durchzusetzen mit militärischen Mitteln. Diese "Lösungen" sind eindeutig verfassungswidrig.
19.09.18
9:24