Heimat

Wo ist die Heimat des Islams?

Heimat. Ein Begriff, der zum Politikum geworden ist. Dem steht gegenüber, dass ein starkes Bedürfnis nach Heimat besteht. So auch bei Muslimen, deren Zugehörigkeit zu Deutschland immer wieder infrage gestellt wird. Wo oder was ist Heimat?

22
04
2018
Wo oder was ist Heimat? © shutterstock
Wo oder was ist Heimat? © shutterstock

Das Bedürfnis nach Heimat

Teil von etwas zu sein ist ein menschliches Bedürfnis. Zu einer Familie, Gemeinschaft, Gesellschaft oder Nation dazuzugehören, also eine „Heimat“ zu haben und mit ihr verbunden zu sein („Heimatliebe“), scheint etwas Urmenschliches zu sein.

In der heutigen schnelllebigen, globalisierten Welt scheint es aber kaum möglich zu sein, ein Leben lang nur eine Heimat zu haben. Mobilität, Flexibilität und globale Kommunikation sind Normalität geworden. Der heutige Mensch möchte sich individuell verwirklichen. Sein Leben ist ihm viel zu wertvoll, um es in nur einer wohlbehüteten Heimat zu verbringen. Er kann und möchte in mehreren Gesellschaften leben und sich zu allen zugehörig fühlen. Er sieht sich eher als „Weltbürger“. Heimat sollte also im Plural gedacht werden. Das Bedürfnis nach Heimat ist da, es kann aber mehr sein als nur eine.

Gleichzeitig hat der Heimatbegriff mehrere Ebenen: Ein Mensch kann in einer Stadt leben, die er seine Heimat nennt (Heimatstadt, z. B. Köln), aber gleichzeitig eine andere Stadt (z. B. Siegen) im selben Land oder in einem anderen Land (z. B. Kelkit/Türkei) als Heimat haben. Zudem kann er, wenn er Muslim ist, auch eine religiöse Komponente hinzufügen und sagen, dass seine wahre Heimat Mekka oder sogar das Jenseits ist.

Heimat in den islamischen Quellen

Im Koran jedenfalls findet sich kein Argument für eine bestimmte territorial festgelegte Heimat. Darum geht es dem Koran nicht. Im Zusammenhang mit Heimat werden in den Koranversen eher Begriffe verwendet wie „Umma“, „Dâr“ und „Milla“. Das sind allesamt übergeordnete Bezeichnungen, die auf das Wesentliche hindeuten: die religiöse Gemeinschaft.

Vor allem die Prophetengeschichten im Koran zeichnen einen recht pragmatischen Umgang mit dem Thema Heimat. Die koranischen Propheten waren Menschen, die oft in nicht sesshaften Gesellschaften lebten. Das Reisen ist ein immer wiederkehrendes Merkmal im Leben dieser Propheten, sei es nun die Lebensform als Nomade, die Auswanderung oder auch einfach die Handelsreise.

Die Propheten hatten allein schon aufgrund des fehlenden Nationenbegriffs ein nicht ideologisches, unpolitisches Verständnis von Heimat. Beispiele hierfür sind die Propheten Ibrâhîm, Nûh, Yûnus, Yûsuf, Sâlih, Schauyb, Lût und Mûsâ (Friede sei mit ihnen). Ihnen ging es mehr um den Tawhîd-Gedanken, also die Botschaft des Monotheismus. Dieses Konzept ist genauso wie die religiöse Gemeinschaft nicht auf eine bestimmte Heimat fixiert, sondern überregional und überzeitlich.

Auch der Prophet Muhammad (s) hat sich nicht auf eine Heimat fixiert. Der Prophet kam in Mekka auf die Welt und verbrachte dort mehr als 50 Jahre seines Lebens. Nach der Auswanderung nach Medina und der Einnahme Mekkas zog er es aber vor, in seiner neuen Heimat Medina weiterzuleben, wo er nach seinem Ableben auch beerdigt wurde.

Das müssen auch die Prophetengefährten und die darauffolgenden Generationen im Hinterkopf gehabt haben. Denn sie haben noch zu Lebzeiten des Propheten damit begonnen, den Islam in die angrenzenden Regionen und später auch an entferntere Orte zu tragen. Davon zeugen noch heute die Gräber unzähliger muslimischer Händler, Gelehrter und Sufis, die sehr oft fernab von ihrer „ursprünglichen Heimat“ in ihrer „neuen Heimat“ verstorben sind.

Drei Arten von Heimat

Ähnlich nüchtern sieht es das islamische Recht. Hier wird zwischen drei Arten von Heimat unterschieden:

 

  1. Die „ursprüngliche Heimat“ ist der Ort, an dem jemand geboren und aufgewachsen ist, in den jemand zwecks Heirat gezogen ist oder den er als seinen Wohnort ausgewählt hat.
  2. Die „Heimat des Aufenthalts“ ist der Ort, an dem sich jemand mehr als 15 Tage aufhält.
  3. Wenn sich jemand weniger als 15 Tage an einem Ort aufhält, ist dies seine „vorübergehende Heimat“.

 

Auffällig ist die sehr pragmatische Herangehensweise und die Freiheit des Einzelnen, seine Heimat selbst auszuwählen. Wichtig ist, dass er in seiner Heimat seine Religion leben und seine religiöse Identität bewahren kann.

Leserkommentare

Noah sagt:
Die Bibel sagt dazu: 1Mo 10,5 Von diesen haben sie sich auf die Gebiete der Heiden verteilt, in ihre Länder, jeder nach seiner Sprache; in ihre Völkerschaften, jeder nach seiner Sippe. 1. Mose 10, 32 Das sind die Sippen der Söhne Noahs nach ihrer Abstammung in ihren Völkern; und von ihnen haben sich nach der Sintflut die Völker auf der Erde verteilt. Es gibt also laut Bibel Völker. Und diese sind nicht eins, sondern wurden verteilt, jeder nach seiner Sprache und nach seinen Sippen. Es ist also nach der Bibel eine Sünde, ein Völkergemisch herbeiführen zu wollen, da dies gegen den Willen Gottes ist. Er wollte Zerteilung, Grenzen usw. Laut der Bibel haben fremde Völker also KEIN Recht auf einen einen festen Platz in Deutschland, welches Gott den Deutschen gegeben hat und eben nicht den Arabern usw. Sie können maximal gedultet Gäste sein. Ich habe aus der Bibel zitiert, weil sie aus dem Koran vortragen. Schönen Tag noch.
22.04.18
17:17
Sven Anatoli sagt:
Soll die umfassende religiöse Identität, wie sie in islamischen Gottesstaaten vorherrscht. EINZUG IN EUROPA feiern?
22.04.18
20:54
Ute Fabel sagt:
Ich halte es generell für engstirnig, die Gruppenzugehörigkeit zum zentralen und unverrückbaren persönlichen identitätsstiftenden Merkmal zu erheben. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob es um die territoriale Herkunft oder die religiöse Gruppe geht. Ein Bayer, der in Hamburg wohnt, und tagein tagaus eine Latzlederhose und weiße Stutzen - auch am Arbeitsplatz - tragen will, signalisiert für mich damit fehlende Offenheit. Ebenso orte ich bei jenen Musliminnen, die in Berlin als Lehrerin arbeiten und trotz Berliner Neutralitätsgesetz ihre Religionsuniform nie und nimmer ablegen wollen,ein Übermaß an Gruppenzugehörigkeitsdenken und einen Mangel an Weltbürgerdenken.
23.04.18
7:45
Emanuel Schaub sagt:
Danke Ali Mete für den Artikel! Er erweckt in mir die Sehnsucht nach der "ursprünglichenHeimat" ....in meinem Fall ganz bestimmt nicht mit der Geburts Stadt identisch..! Die Wahl Heimat vielleict Frankreich/Italien.. Gruss emanuel
23.04.18
10:14
Johannes Disch sagt:
Menschen definieren sich nun mal über die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Unser Gehirn ist darauf ausgerichtet. Zudem hat der Mensch in der Gruppe auch mehr Erfolg. Dieses biologisch bedingte Bedürfnis nach sozialer Interaktion hat den Menschen auch befähigt, Kulturen und Zivilisationen hervorzubringen. Gefährlich wird es nur, wenn man andere bedingungslos ausgrenzt. Der Soziologe Armin Nassehi hat meines Erachtens eine schöne Definition von "Heimat": "Heimat ist da, wo ich mich nicht rechtfertigen muss, dass ich da bin."
23.04.18
14:09
Saadet sagt:
In einer freiheitlich,liberalen, aufgeklärten und humanistischen Gesellschaft stellt sich die Frage nach territorialer Zugehörigkeit nicht. Erstaunlicherweise ist es gerade en vogue individuell zu bestimmen wer oder was zu Deutschland gehört. Wie auch viele andere populistische Trends, wird auch diese Laune vorübergehen und wir widmen uns dann den wichtigeren Dingen des Lebens. Wenn es manche Menschen natürlich in ihrer persönlichen Unzufriedenheit erleichtert, können eben dieses Menschen selbstverständlich noch weiter darüber sinnieren.
23.04.18
14:34
Andreas B sagt:
@Sven Anatoli: Im Artikel steht nichts davon, dass irgendetwas Einzug in Europa feiern soll. Das Fazit des Artikels ist doch nur, dass der islamische Begriff von Heimat sehr pragmatisch ist und dass es vor allem darauf ankommt, in seiner Heimat seine Religion leben und seine religiöse Identität bewahren zu können. Das gilt dann ja nicht nur für Muslime, sondern auch für alle anderen. Ich kann nicht wirklich erkennen, was für ein Problem Sie damit haben, wenn Muslime ihre Religion dort, wo sie leben, auch praktizieren können. Das möchten wir Christen doch auch. Ebenso Atheisten. Letzere dann eben ihren Glauben daran, dass es keinen Gott gibt.
23.04.18
16:29
Johannes Disch sagt:
Einen Einwand hätte ich jedoch gegen den Artikel von Ali Mete: Den Begriff "Umma" gebraucht er mir ein bisschen zu beliebig. Und der Begriff ist nicht unproblematisch. "Umma" meint die "Gemeinschaft aller (islamisch) Gläubigen." Das ist entgrenzt gemeint. Der Islam kennt kein Konzept des Nationalstaats. Das alles sind moderne Kategorien und moderne Entwicklungen. Viele muslimische Migranten fühlen in erster Linie aber noch immer eine Zugehörigkeit zur "Umma", also zu einem Kollektiv, und nicht zu dem Gemeinwesen, in dem sie leben. Und diese Kollektividentität wird leider von den konservativen Islamverbänden gefördert, nach dem Motto: Versteht euch in erster Linie als Muslime. Unsere Grundrechte-- worunter natürlich auch Religionsfreiheit fällt-- sind aber keine Kollektivrechte, sondern Individualrechte. Muslime müssen, um wirklich ganz in Europa anzukommen, eine Individualidentität entwickeln im Sinne des "Citoyen", des Staatsbürgers, von Rousseau. Das ist das moderne Konzept des Bürgers! Er wird Mitglied eines Gemeinwesens, weil er sich den Werten dieses Gemeinwesens verpflichtet fühlt, unabhängig von seiner ethnischen Herkunft und Religion. Im übrigen plädiert auch der angebliche "Islam-Reformer" Tariq Ramadan für solch eine Kollektividentität der Muslime in Europa. Er bezeichnet sich selbst als "Reformsalafist." Eine der vielen eleganten Wortspiele dieses rhetorisch in der Tat begabten Täuschers. Salafismus und liberale Demokratie schließen sich aus, weshalb der Begriff "Reformsalafist" eine "contradictio in adjecto" ist, also ein Widerspruch in sich selbst. Aber das nur nebenbei. Ich erwähne es nur, weil auch in Deutschland viele diesem eloquenten Wolf im Schafspelz Tariq Ramadan auf den Leim gehen, leider auch Muslime. Ich will nur deutlich machen, dass der Begriff "Umma" keineswegs völlig unproblematisch ist, wie der Artikel von Ali Mete suggeriert. So ist hier bei "Islamiq" auch öfters von einer "Umma Deutschland" die Rede, wenn es um die hier lebenden Muslime geht. Auch dieser Begriff ist irreführend. Der Begriff "Umma" ist grenzüberschreitend gemeint. Muslime sollten sich endlich vorbehaltlos als individuelle Mitglieder unseres Gemeinwesens definieren.
24.04.18
15:53
Sven Anatoli sagt:
Das gerne verschwiegene Endziel des Islam ist die alle und alles beherrschende totalitäre Machtstellung. Naive Gutmenschen realisieren das oftmals nicht. Vielleicht erst bei einem bösen Erwachen?
24.04.18
21:27
gregek sagt:
Insbesondere während meiner Universitätszeit habe ich eine Vielzahl von Muslimen kennengelernt, die den Westen und dessen Lebenskultur verteufelt haben. Auf der anderen Seite den Islam gepriesen haben. Gleichzeitig wollten diese Leute aber etwa nicht in einem muslimisch geprägten Leben, sondern hier im gottlosen Westen. Dass bei solchen Leuten die emotionale Zugehörigkeit zu diesem Land infragegestellt wird, ist wenig vewunderlich. Mich freut es zu hören, wenn viele Menschen mit Migrationshintergrund dieses Land als ihre Heimat ansehen und dessen Grundwerte teilen.
25.04.18
21:53
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