US-Einwanderungsgericht

US-Gericht stoppt Abschiebeverfahren gegen türkische Doktorandin

Ein Meinungsbeitrag zum Gaza-Genozid reichte aus, um eine Doktorandin in den USA in Abschiebehaft zu bringen. Das Verfahren ist gestoppt – doch der Angriff auf die Meinungsfreiheit bleibt.

10
02
2026
Studentin auf offener Straße wegen Gaza-Solidarität festgenommen
Studentin auf offener Straße wegen Gaza-Solidarität festgenommen

Ein US-Einwanderungsgericht hat das Abschiebeverfahren gegen die türkische Doktorandin Rümeysa Öztürk eingestellt. Die US-Regierung konnte nicht belegen, dass die Studentin ausreisepflichtig ist. Das teilten ihre Anwälte am Montag (Ortszeit) in einem Schreiben an ein Bundesberufungsgericht mit. Die Entscheidung war bereits am 29. Januar gefallen, das Heimatschutzministerium kann jedoch noch Berufung einlegen.

Der Fall Öztürk gilt als einer der drastischsten Eingriffe in die Meinungsfreiheit im Kontext des Gaza-Genozids. Auslöser war ein Meinungsbeitrag in der Campuszeitung der Tufts University, den Öztürk 2024 gemeinsam mit anderen Studierenden verfasst hatte. Darin kritisierten sie die Haltung der Universitätsleitung zum Genozid Israels gegen Gaza, den zahlreiche Menschenrechtsorganisationen als Völkermord bewerten.

Mehr als sechs Wochen Haft

Im März 2025 wurde Öztürk von zivil gekleideten Beamten nahe ihrer Wohnung festgenommen und in ein Abschiebegefängnis im Bundesstaat Louisiana gebracht – Tausende Kilometer entfernt von ihrem Studienort. Videoaufnahmen der Festnahme verbreiteten sich rasch und lösten landesweite Empörung aus. Nach mehr als sechs Wochen Haft ordnete ein Bundesrichter schließlich ihre Freilassung an und erklärte die Inhaftierung für rechtswidrig.

Der Fall wirft grundlegende Fragen über den Zustand rechtsstaatlicher Prinzipien in den USA auf. Kritiker sehen in der Festnahme einen Versuch, politische Meinungsäußerungen zu kriminalisieren – insbesondere dann, wenn sie die israelische Kriegsführung in Gaza kritisieren. Die US-Regierung hatte Öztürk vorgeworfen, sich für die Hamas eingesetzt zu haben. Konkrete Belege dafür legte sie nicht vor. Die Anwälte der Doktorandin wiesen den Vorwurf entschieden zurück.

„Die Rechtsauffassung der Regierung hätte es ermöglicht, Nicht-US-Bürger aus Vergeltung für ihre Meinungsäußerungen monatelang zu inhaftieren“, erklärten Öztürks Anwälte. Der Fall zeige, wie Abschieberecht instrumentalisiert werden könne, um kritische Stimmen mundtot zu machen.

„Heute atme ich erleichtert auf“

Unterstützung erhielt Öztürk unter anderem von der Bürgerrechtsorganisation American Civil Liberties Union (ACLU). „Heute atme ich erleichtert auf“, erklärte sie nach der Entscheidung. Ihr Fall könne anderen Mut machen, die durch staatliche Willkür ins Visier geraten seien.

Ein Sprecher des US-Heimatschutzministeriums reagierte scharf auf die Gerichtsentscheidung und sprach von „richterlichem Aktivismus“. Öztürk wurde öffentlich als „Terror-Sympathisantin“ diffamiert. Visa für internationale Studierende seien „ein Privileg und kein Recht“.

Der Fall reiht sich ein in eine wachsende Zahl von Verfahren gegen internationale Studierende, die sich öffentlich gegen den Gaza-Genozid positioniert haben. Beobachter warnen vor einer gefährlichen Verschiebung: Politische Loyalität wird zunehmend zur Voraussetzung für Aufenthaltsrechte – insbesondere dann, wenn Kritik an US-Verbündeten geäußert wird. (dpa/iQ)

Leserkommentare

grege sagt:
der Fall der Tufts‑Doktorandin Rümeysa Öztürk zeigt, wie unverzichtbar rechtsstaatliche Korrektive sind: Ein US‑Einwanderungsgericht hat das Abschiebeverfahren eingestellt, weil das Heimatschutzministerium keine Ausreisepflicht nachweisen konnte. Das ist richtig und wichtig. [igmg.org] Wer diesen Fall jedoch zum Lehrstück über Meinungsfreiheit erklärt, sollte die eigene Absenderrolle transparent machen. IslamiQ ist inhaltlich eng an die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG) angebunden – die Website führt eine eigene IGMG‑Rubrik und berichtet regelmäßig über IGMG‑Aktivitäten. Zugleich wird die IGMG in Analysen und durch Sicherheitsbehörden seit Jahren als bedeutender Akteur des politisch‑islamischen Spektrums in Deutschland beschrieben. [akademie-rs.de] [cupola.get...ysburg.edu], [bing.com] Wesentlich ist hierbei die politische Nähe zur AKP und zu Präsident Recep Tayyip Erdoğan: In einer Bundestagsdrucksache wird ausdrücklich festgehalten, dass Erdoğans Aufstieg ohne Unterstützung aus dem Milli‑Görüş‑Umfeld kaum denkbar gewesen sei; es werden personelle Verflechtungen zwischen früheren IGMG‑Funktionären und der AKP benannt (u. a. Mustafa Yeneroğlu). Seit Regierungsübernahme der AKP bestehe eine engere Zusammenarbeit mit der IGMG. [dserver.bundestag.de], [sevimdagdelen.de] Dossiers zur Milli‑Görüş‑Bewegung verorten die IGMG ideologisch in der Tradition Necmettin Erbakans, auf dessen Linie sich Erdoğans politisches Projekt wiederholt bezogen hat. [bing.com], [cupola.get...ysburg.edu] Landesbehörden (z. B. Baden‑Württemberg) beschreiben die Milli‑Görüş‑Bewegung/IGMG als Akteur mit islamistischer Agenda, der rechtliche Mittel nutzt, um langfristig gesellschaftliche Geltung religiöser Normen zu stärken. [verfassung...hutz-bw.de] Parallel dazu ist die Lage der Meinungs‑ und Pressefreiheit unter der AKP‑Regierung und Präsident Erdoğan seit Jahren dramatisch verschlechtert: Reporter ohne Grenzen (RSF) führt die Türkei 2025 auf Rang 159 von 180 („sehr ernst“) und beschreibt massive Regierungs‑ und Justizeinflüsse auf Medien, willkürliche Verfahren und Zensur. [rsf.org], [reporter-o...grenzen.de] Amnesty International (Report 2024/25) dokumentiert Exekutiveinfluss auf die Justiz, die Nichtumsetzung von EGMR‑Urteilen (z. B. Kavala, Demirtaş) sowie strafrechtliche Verfolgung von Journalist:innen, Opposition und Zivilgesellschaft. [amnesty.de], [ecoi.net] Auch der Europarats‑Menschenrechtskommissar kritisiert die Erosion der Gewaltenteilung, Internetzensur und die politische Steuerung von Medien. [iztov.com] Fazit: Wer – wie IslamiQ – lautstark Meinungsfreiheit in den USA verteidigt, sollte zugleich die eigene Nähe zu IGMG‑Strukturen offen legen, die historisch‑personell mit AKP/Erdoğan verflochten sind, und die anhaltenden Beschränkungen der Meinungs‑ und Pressefreiheit in der Türkei klar benennen. Ohne diese normative Konsistenz bleibt die Kritik selektive Empörung.
10.02.26
14:48
Timotheus sagt:
Angriffe auf die Meinungsfreiheit gibt es leider überall. Besonders auch in islamischen Ländern und Islam-Republiken. Dort werden rechtsstaatliche Prinzipien in der Regel nach vorherrschendem Scharia-Recht festgelegt und entsprechend angewendet. All das wissen wir. Bürgerrechtsorganisationen berichten von teilweise barbarischer Behandlung im Namen von Koran, Scharia und Islam. Kritische Stimmen sollen da diffamiert und mundtot gemacht werden. Hoffentlich gleicht sich das Trumpsche Amerika nicht immer mehr an die Gepflogenheiten islamischer Rechtspflege an.
10.02.26
19:32