Dezim-Institut

Studie widerspricht verbreiteter These vom „importierten Antisemitismus“

Wie verbreitet sind antisemitische Ansichten in verschiedenen Bevölkerungsgruppen? Eine neue Studie liefert differenzierte Einblicke zu Ressentiments und teils überraschende Ergebnisse.

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11
2025
Antisemitismus in Deutschland - die größte Gefahr kommt von rechts
Antisemitismus in Deutschland © shutterstock, bearbeitet by iQ.

Antisemitismus wird in Deutschland häufig als Problem beschrieben, das vor allem aus muslimisch geprägten Herkunftsländern „importiert“ worden sei. Eine neue Untersuchung des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) stellt diese Sicht nun empirisch infrage.

Zwar zeigen die Daten, dass unter neu Zugewanderten aus mehrheitlich muslimisch geprägten Ländern teils höhere Zustimmungswerte zu bestimmten Formen antisemitischer Einstellungen bestehen. Gleichzeitig wird jedoch deutlich, dass antisemitische Haltungen auch in Teilen der nicht zugewanderten Bevölkerung weit verbreitet sind – und sich in einzelnen Bereichen sogar stärker zeigen.

Die explorative Studie, erstellt vom Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitor (NaDiRa) gemeinsam mit dem Zentrum für Antisemitismusforschung, basiert auf einer repräsentativen Befragung von mehr als 6.000 Personen. Sie unterscheidet systematisch nach Herkunftsgruppen, Einwanderungsgenerationen und politischen Präferenzen und beleuchtet klassische, sekundäre und israelbezogene Formen des Antisemitismus.

Höhere Werte – aber kein einheitliches Bild

Unter Befragten mit muslimischem Hintergrund werden in Teilen erhöhte Zustimmungsraten insbesondere zu sekundärem und israelbezogenem Antisemitismus gemessen. Klassische antisemitische Einstellungen unterscheiden sich dagegen nur geringfügig von denen der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Auffällig ist zudem die starke interne Heterogenität: Herkunftsregion, Einwanderungsgeneration, Aufenthaltsdauer und religiöse Praxis beeinflussen die Antworten deutlich. In der ersten Einwanderungsgeneration etwa liegt die Zustimmung zu holocaustrelativierenden Aussagen höher als in der zweiten.

Zugleich verweist die Studie darauf, dass auch unter Deutschen ohne Migrationshintergrund erhebliche antisemitische Ressentiments zu finden sind. Vor allem Wähler der AfD weisen durchweg überdurchschnittliche Zustimmungsraten in allen Dimensionen antisemitischer Einstellungen auf. So teilen etwa 55 Prozent von ihnen die Aussage, es störe sie, „immer wieder von den deutschen Verbrechen an den Juden zu hören“. Bei Wählern von Grünen und Linken liegen die Werte deutlich niedriger.

Antisemitismus entsteht auch im deutschen Alltag

Ein weiterer Befund widerspricht der Vorstellung, antisemitische Muster würden vor allem „mitgebracht“: Das Schimpfwort „Jude“ ist unter neu Zugewanderten aus muslimisch geprägten Ländern vergleichsweise unbekannt. Deutlich häufiger begegnet es dagegen Befragten ohne Migrationshintergrund oder jenen, die als Kinder in Deutschland aufgewachsen sind. Die Autorinnen und Autoren sehen darin ein Indiz dafür, dass bestimmte Formen des Alltagsantisemitismus eher hierzulande erworben werden.
Abwehrhaltung gegenüber historischer Verantwortung

Besonders deutlich wird die politische Dimension der Debatte. Mehr als die Hälfte der Deutschen ohne Migrationshintergrund stimmt zumindest teilweise der Behauptung zu, Antisemitismus sei durch muslimische Migration „zurückgekehrt“. Die Zustimmung zu dieser „Importthese“ korreliert laut Studie stark mit antisemitischen und muslimfeindlichen Einstellungen. Die Forschenden deuten dies als Hinweis darauf, dass die These weniger der Problemlösung dient, sondern eher dazu, die eigene Haltung zu externalisieren und historische Verantwortung abzuwehren.

Ein komplexeres Bild

In der Gesamtschau kommen die Autorinnen und Autoren zu dem Schluss, dass die Importthese empirisch nicht tragfähig ist. Antisemitische Einstellungen treten zwar unter bestimmten migrantischen Gruppen gehäuft auf, sind aber ebenso in Teilen der Mehrheitsgesellschaft verbreitet und teils politisch verankert. Die Vorstellung, Antisemitismus sei ohne Einwanderung weitgehend verschwunden gewesen, erweist sich als politisch verkürzt.

Die Studie plädiert daher für eine breitere Forschungsperspektive, die herkunftsbezogene, politische und gesellschaftliche Faktoren gleichermaßen berücksichtigt. Nur so lasse sich verstehen, wie Antisemitismus entsteht, sich verändert und fortbesteht – und wie jüdisches Leben in Deutschland wirksam geschützt werden kann.

IGMG warnt vor verkürzter „Import“-Erzählung

Auch von Muslimen kommt Kritik an der verbreiteten Vorstellung eines vor allem „importierten“ Antisemitismus. Die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş warnte in einer Pressemitteilung davor, die Verantwortung einseitig auf Einwanderer zu verlagern. „Diese Erzählung verschleiert historische Verantwortung, behindert Prävention und schürt neue Vorurteile“, erklärte Generalsekretär Ali Mete. Die Ergebnisse der DeZIM-Studie zeigten, so Mete weiter, dass Antisemitismus „weder ein neues noch ein importiertes Phänomen“ sei, sondern in verschiedenen Teilen der Gesellschaft vorkomme. Wer ihn pauschal Menschen zuschreibe, die als muslimisch gelesen werden, „verschiebt nicht nur die Verantwortung, sondern erzeugt neue Vorurteile“. Eine wirksame Strategie könne nur entstehen, wenn alle Erscheinungsformen antisemitischer Einstellungen gleichermaßen in den Blick genommen würden.

Leserkommentare

grege sagt:
Die Studie erfasst nicht, aus welchem Milieu antisemitische Gewalttäter stammen. In Deutschladn werden hierzu keine Statistiken erstellt, aber in Frankreich ist die Sachlage klar: Die meisten antisemitischen Gewalttaten in Frankreich gehen NICHT von rechtsextremen Tätern aus, sondern überwiegend von Tätern mit muslimischem Hintergrund bzw. aus nordafrikanischen Herkunftsmilieus.
27.11.25
22:11
addo sagt:
Die Soziologin Dominique Schnapper bestätigt: rechtsextreme Akteure verbreiten antisemitische Propaganda, aber sie verüben in der Regel keine physischen Angriffe, das erledigen Menschen muslimischen Glaubens bzw. orientalischer Gesinnung
27.11.25
22:13