Eine neue Studie zur muslimischen Religiosität in Frankreich sorgt für Kritik: Sie verknüpft Glaubenspraxis mit Radikalisierung – und schürt damit neue Vorurteile.

Die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG) hat angesichts einer neuen Studie des französischen Instituts Ifop vor der fortschreitenden Kriminalisierung von Musliminnen und Muslimen in Frankreich gewarnt. Der Generalsekretär der IGMG, Ali Mete, bezeichnete die Ergebnisse und Interpretationen der Untersuchung als „gefährlich einseitig“ und forderte die Politik auf, zu einer „vorurteilsfreien Behandlung aller Bürgerinnen und Bürger“ zurückzukehren.
Die Ifop-Studie hatte eine wachsende Religiosität unter Musliminnen und Muslimen in Frankreich festgestellt. Mete kritisiert jedoch, dass religiöse Praxis in dem Bericht unmittelbar mit politischer Radikalisierung verknüpft werde. „Wie kann es sein, dass ein junger Muslim, der häufiger betet, fastet oder seine Moschee besucht, in Kategorien politischer Radikalisierung eingeordnet wird?“, fragte Mete und warf den Studienautorinnen und -autoren vor, „Vorurteile als Fakten zu verkaufen“.
Begriffe wie „Islamismus“ und „Scharia“ problematisch
Besonders problematisch sei die unscharfe Verwendung zentraler Begriffe wie „Islamismus“, „Scharia“ oder „Radikalismus“. Ohne klare Definitionen und ohne wissenschaftliche Präzision würden alltägliche religiöse Handlungen als potenziell politisches Projekt dargestellt, kritisiert Mete. Damit würden gefährliche Generalisierungen salonfähig gemacht und gesellschaftliche Spannungen unnötig verstärkt.
Auch aus der Wissenschaft wurden in den vergangenen Tagen Vorbehalte laut. Soziologinnen, Soziologen und Expertinnen der islamischen Theologie bemängeln, dass viele der Fragen der Ifop-Studie den Eindruck erwecken, Religiosität sei grundsätzlich verdächtig oder Ausdruck mangelnder Reflexion. Offene Fragestellungen hätten hingegen ein realistischeres Bild davon vermitteln können, ob religiöse Überzeugungen tatsächlich im Widerspruch zu demokratischen Werten stehen oder anderen Menschen aufgezwungen werden. Diese Chance sei vertan worden.
Laut Mete besteht die Gefahr, dass solche Studien in einem politischen Klima, das ohnehin durch Debatten über Migration und Sicherheit aufgeladen ist, als „Angstinstrument“ missbraucht werden könnten. „Die ständige Sonderbehandlung von Musliminnen und Muslimen als potenzielle Bedrohung zerstört Vertrauen, vertieft Vorurteile und beschädigt gesellschaftlichen Zusammenhalt“, so der IGMG-Generalsekretär.
Abschließend appellierte Mete an die französische Politik und europäische Entscheidungsträger, demokratische Prinzipien nicht selektiv anzuwenden. Eine offene, pluralistische Gesellschaft könne nur bestehen, wenn alle Menschen unabhängig von Religion oder Herkunft denselben Schutz, dieselbe Wertschätzung und dieselbe faire Behandlung erfahren.