MUSLIMISCHE AKADEMIKER

Warum lassen sich Muslime in ihrer Heimat bestatten?

Akademiker widmen sich wichtigen Fragen unserer Zeit. IslamiQ möchte zeigen, womit sich muslimische Akademiker aktuell beschäftigen. Heute mit Özgür Uludağ zum islamischen Bestattungswesen in Deutschland.

06
09
2020
Bestattungswesen
Özgür Uludağ © Privat, bearbeitet by iQ.

IslamiQ: Können Sie uns kurz etwas zu Ihrer Person und ihrem akademischen Werdegang sagen?

Özgür Uludağ: Ich bin Journalist und produziere Reportagen und Dokus für ARD, ZDF, ARTE, 3Sat, RBB und NDR. Zudem schreibe ich für das Magazin Zenith und bin Mitglied bei den Neuen Deutschen Medienmachern. Am Afrika-Asia-Institut der Universität in Hamburg habe ich Islamwissenschaften, Politikwissenschaften, Philosophie, Turkologie und Migrationssoziologie studiert. An der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster habe ich mein Studium abgeschlossen. Im Moment promoviere ich an der Christian Albrechts-Universität zu Kiel.

IslamiQ: Können Sie uns Ihre Dissertation kurz vorstellen?

Uludağ: Ich behandle in meiner Doktorarbeit das Thema „Islamische Bestattungen und die Entscheidungskriterien bei der Ortswahl des Grabes“. Obwohl muslimsiche Gelehrte empfehlen, Verstorbene dort zu beerdigen, wo sie sterben, wenn es dort einen islamischen Friedhof gibt, lassen sich die meisten in Deutschland lebenden Muslime mit türkischen Wurzeln in die Türkei überführen und dort beerdigen. Wie kommt es dazu, dass sich die meisten türkeistämmigen Muslime eher in der Türkei als in Deutschland beerdigen lassen? Dieser spannenden Frage gehe ich in meiner Dissertation nach.

Der erste Teil meiner Arbeit beschäftigt sich aus islamwissenschaftlicher Perspektive mit der islamischen Eschatologie, mit Bestattungen, Trauerkultur, Gräbern und Friedhöfen sowie mit den Rahmenbedingungen für islamische Beerdigungen in Deutschland. Der zweite Teil ist sozialwissenschaftlich ausgerichtet. Hier werden die Entscheidungsfindungskriterien von in Deutschland lebenden türkischstämmigen Muslimen bei der Ortswahl des eigenen Grabes vor dem Hintergrund der sozialwissenschaftlichen Migrationstheorie „Transnationalismus“ betrachtet.

Meine Ergebnisse werden vor dem Hintergrund der Theorien zu transnationalen Handlungskompetenzen und Entscheidungsoptionen im transnationalen Sozialraum beleuchtet. Im Ergebnis wird ablesbar, welche Kriterien innerhalb der türkeistämmigen Community in Deutschland die Ortswahl für das eigene Grab oder das der Angehörigen beeinflussen und warum die Zahl der muslimischen Begräbnisse in Deutschland bis heute im Vergleich zum muslimischen Bevölkerungsanteil vergleichsweise gering ist.          .

IslamiQ: Warum haben Sie dieses Thema ausgewählt? Gibt es ein bestimmtes Schlüsselerlebnis?

Uludağ: Mein Vater arbeitete in Hamburg im Krankenhaus im Bereich der Pathologie. Angesichts der vielen Sterbefälle mit türkischem Namen wurde er auf den Bedarf an muslimischen Bestattungsinstituten in Deutschland aufmerksam. Gemeinsam mit meiner Schwester haben wir im Jahr 1995 das islamische Bestattungsinstitut „Uludağ-Cenaze“ gegründet.

Mein Prof. Gernot Rotter an der Universität Hamburg erfuhr von meiner Tätigkeit im islamischen Bestattungswesen. Er machte mich darauf aufmerksam, dass es im deutschsprachigen Raum bisher kaum wissenschaftliche Veröffentlichungen zu diesem Thema gab und motivierte mich dazu, meine Magisterarbeit über islamische Bestattungen zu schreiben. Ich war zunächst eher abgeneigt und wollte mich lieber mit islamischer Philosophie beschäftigen. Doch als mir Prof. Rotter in Aussicht stellte, eine Dissertation zu diesem Thema verfassen zu können, entschied ich mich für dieses Thema.

IslamiQ: Haben Sie positive/negative Erfahrungen während Ihrer Doktorarbeit gemacht? Was treibt Sie voran?

Uludağ: Mit meiner Doktormutter Prof. Dr. Anja Pistor-Hatam hatte ich die beste Betreuung, die sich ein Doktorand erhoffen kann. Weniger Glück hatte ich bei der Beschaffung von statistischen Daten, wofür ich das türkische Konsulat, die türkische Botschaft und die DITIB angefragt hatte. Ohne diese statistischen Daten ist es schwer, genaue Aussagen über die Sterbefallzahlen und das Verhältnis zwischen Überführungen in die Türkei und Beerdigungen in Deutschland zu machen. Bislang beschränken sich meine Daten daher auf meine empirischen Beobachtungen sowie auf Schätzungen.

IslamiQ: Inwieweit wird Ihre Doktorarbeit der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland nützlich sein?

Uludağ: In meiner Dissertation werden neben den Teilaspekten wie Eschatologie, Bestattungen, Beerdigungen, Trauerkultur, Friedhöfe und Gräber im Islam auch die Rahmenbedingungen für islamische Bestattungen in Deutschland genau untersucht und erläutert. So stellt meine Arbeit eine Grundlagenforschung in diesem Bereich dar und beleuchtet einen sehr wichtigen Aspekt muslimischen Lebens in Deutschland.

Meine Arbeit bietet Behörden, Standesämtern, Gesundheitsämtern, Sozialämtern, Friedhofsverwaltungen sowie der Politik, den Medien und vor allem den Wissenschaftlern die Möglichkeit, sich in einen umfassenden, wissenschaftlich fundierten Überblick zur Thematik zu verschaffen. Auf dieser Grundlage können die Rahmenbedingungen für Friedhofsverordnungen, bürokratische Arbeitsprozesse im Überführungsprozess und viele damit verbundene Arbeitsabläufe optimiert oder zumindest modifiziert und angepasst werden. Zumindest ist das meine Hoffnung.

Das Interview führte Kübra Zorlu.

Leserkommentare

Dirk Tröndle sagt:
Sehr geehrter Herr Uludag, ein aus wissenschaftlicher Sicht sehr spannendes Thema, auch wenn es ein natürlich sehr traurigen Teil des menschlichen Lebens umfasst. Ist es möglich eine Kopie Ihrer Magisterarbeit zu erhalten, dort werden Sie sich auch schon mit Eschatologie und der Trauerarbeit befasst haben. Sehr gerne als PDF an diese Mailadresse. Mit freundlichen Grüßen Dirk Tröndle
07.09.20
9:23